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abfallen V [s]
1. Vi 'flacher werden' de zurückgehen, sich verkleinern; et alanema
ein Geschwulst fällt ab
2. Vi de einschlafen; et ära kukkuma (une tõttu)
Das Kind darf länger aufbleiben, doch es wird müde und „fällt ab“ 'es schläft ein'
Paul ist wieder abgefallen, er kann noch nicht so lange aufbleiben
3. Vt 'durch Fallen verletzen'
siehe auch ab-2

QUELLEN

Gutzeit 1892b, 1
abfallen Ein Geschwulst fällt ab, verkleinert sich, wird flacher.

Sallmann 1880, 110
abfallen Eigentümlich sind auch die durch Zusammensetzung mit an, ab gebildeten Redensarten, wonach sich einer den Kopf abschlägt, die Zehe abtritt, den Finger absticht, das Ohr abfällt, die Nase abstößt, die Hände abfriert, d. h. durch Anschlagen, Treten, Stechen, Fallen, Stoßen, Frieren verletzt,

Masing DBWB, 42f.
¤ abfallen „Kat.-Nt. 303, „Mars”, des Her[…] V. von Brümmer-Alt-Kalze […] war recht mager gehalten weshalb er mehr dem Anschein nach neben seinen Nachbarn abfiel, als er es verd[…] denn er war ein langer, s[…] Bulle ...” Armitstead und Tobien (Ergebnisse und Kritik neben Verhandlungen der V. Versammlung Baltischer Land- und Forstwirthe Riga, 1900, S. 203). DWb: Dicke Farbe fällt von der andern sehr ab.
¤ abfallen „Das dicke Fleisch aus einer Kalbskeule wird in dünne Scheiben geschnitten, etwas leicht geklopft, es muß aber kein Loch hinein kommen. Von dem abgefallenen Kalbsfleisch macht man eine fleisch-Farce, …, streicht auf jede Scheibe einen guten Strobba?dick, wickelt es zu …” (LKWb 1817, 166).


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
abfallen einschlafen. Das Kind darf länger aufbleiben, doch es wird müde und „fällt ab“, d.h. es schläft ein. Paul ist wieder abgefallen, er kann noch nicht so lange aufbleiben.

Abfasserin die
'Angestellte in einer Apotheke, die die Arzneien abfaßt' de Apothekergehilfin (Die Abfasserin war meistens eine Deutsche. Ihre Tätigkeit bestand aus Auffüllen der Standgefässe und aller Fächer, damit alles für den Handverkauf griffbereit war (Pulver abwiegen und Salben bereiten usw.)); et apteekri abiline
Abfasserin für eine Strand-Apotheke gesucht
vgl abfassen

QUELLEN

Masing DBWB, 44
Abfasserin, f. (ápfasərin) Angestellte in einer Apotheke, die die Arzneien abfaßt (s.d.v.) A. für eine Strand-Apotheke gesucht. Rig. Rdsch. № 96, 30. IV. 1930.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Die Abfasserin war meistens eine Deutsche. Ihre Tätigkeit bestand aus: Auffüllen der Standgefässe und aller Fächer, damit Alles für den Handverkauf griffbereit war. Pulver abwiegen und Salben bereiten u.s.w.

abfeiern V [h]
Vt 'eine Feier hinter sich bringen' de feiern; et pidu (maha) pidama
Wir hatten Weihnachten schön abgefeiert
der Geburtstag wurde schön abgefeiert

QUELLEN

Masing DBWB, 44
abfeiern, sw. (ápfe͡iərn), eine Feier hinter sich bringen. Er hat sein Jubiläum nun glücklich abgefeiert.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Wir hatten Weihnachten schön abgefeiert. Der Geburtstag wurde schön abgefeiert.

abklappern V [h]
Vt unedel. de absuchen; et läbi käima (otsides)
Er hatte alle Geschäfte Rigas abgeklappert, aber doch nichts passendes gefunden
Ich hab' die ganze Kundschaft abgeklappert

QUELLEN

Seemann von Jesersky 1913, 99

Masing DBWB, 66
abklappern, sw. (ápklap̄ərn) viele Personen der Reihe nach auf{be}suchen, besuchen. Ich habe die ganze Kundschaft (Bekanntschaft) abgeklappert. SvJ99.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Er hatte alle Geschäfte Rigas abgeklappert, aber doch nichts passendes gefunden.

abschlagen V [h]
‣ Belege: Estland, Livland, Kurland, Riga
1. Vt 'durch einen Schlag verletzen' de schlagen; et ära lööma
ich habe mir den Kopf abgeschlagen
ich schlug mir schrecklich das Bein, den Arm, den Fuß ab [Dies will nicht bedeuten, dass man sich durch einen Schlag oder Hieb den Körperteil abgetrennt habe. Diese sonderbare Bed. entsteht durch das pleonastisch verstärkende ab; denn abschlagen ist nichts als schlagen, durch ab verstärkt. - Nie sagt man: er hat mir den Kopf abgeschlagen. Ebenso sagt man: sich abschlagen, sich verletzen durch einen Fall, Schlag, Stoß. Sie hat sich tüchtig abgeschlagen. Ganz ebenso verhält sich die Redensart: sich den Kopf zerschlagen, wo ebenfalls kein eigentliches Zerschlagen gemeint ist. Dieses abschlagen steht übrigens nicht ganz vereinzelt da. So führt Grimm an: Die Gurgel, die Kehle vom Vogel abschneiden, was sonderbar genug ist, da Gurgel und Kehle nur durchschnitten werden. Noch sonderbarer sind die ebenfalls von Grimm angeführten Redensarten: sich den Hals abfallen und Vögel, Hühner abschneiden, st. schlachten]
ein Orfey geben dem Gesellen, der sie (das Weib) wiederum abgeschlagen
zwei Fleischerjungen, daß sie des Mahlers S. Jungen auf der Gassen abgeschlagen
einen mit dem Stock abschlagen
sich die Hand, den Kopf, durch einen Schlag, Stoß verletzen [Lange und Stender]
Man bedauert das arme Weib, welches sich schon zum dritten Mal beim Fallen den Kopf abgeschlagen [Riemenschneider in 175. 1858. Nr.5]
(Arithmetische Aufgabe): Wenn die Hagenshoffschen Einwohner täglich einmal auf dem Glatteise der Düna den Kopf sich abschlagen, wievielmal mehr müßten dann Diejenigen, welche das Sandausstreuen unterlassen haben, ihre Köpfe abschlagen?
er hat sich den Kopf, den Finger (?) abgeschlagen, abgestoßen 'statt: zerstoßen (?!), geschlagen' [Hoheisel erklärt diese Redeweise [...] für lettisch und bemerkt, es dürfe uns nicht Wunder nehmen, daß aus dem Lettischen herstammende Provincialismen und lettisch klingende Wörter auch in Estland vorkommen. Seine Annahme ist eine irrige]
siehe auch ab-2
2. Vt de zerschlagen
die Felder sind durch den Hagel ganz abgeschlagen
3. Vt
die Fackeln an keinem gefährlichen Orte abschlagen, sondern mit den Füßen austreten, gleichsam die Flamme ab von der Fackel
4. Vt
der Brantwein hat die Probe abgeschlagen 'hält, gibt keine Perlen mehr, wenn das Probeglas angeschlagen wird' [Wenn die Probe abgeschlagen, gibt der Brantwein mit dem vierten Theil Wasser sog. Halbbrand]
5. Vt
von jedem Schiffpfund soll nicht mehr als 12 3/4 Pfund abgeschlagen werden
den Käufern zum Besten soll von allen nach Riga kommenden Waaren nur 12 1/3 ℔ vom S℔ abgeschlagen und dekurtiret werden [russ. вычитать]
6. Vt de beschlagen
nach der Abwrakung jedes Fass mit einem Stempel abschlagen
7. Vt
den Abschnürfaden abschlagen 'den gehobenen und gespannten Abschnürfaden loslassen'
die Kante einer Bettdecke oder deren Mitte abschlagen 'mit der Kreide bestrichenen Abschnürfaden die Linien für die Stappnat bezeichnen'
8. Vt de abklappen, herabschlagen, herunterschlagen
das Verdeck eines Wagens abschlagen
Kibitka mit einem Verdecke zum Abschlagen
eine abzuschlagende Britschka
einen Tisch abschlagen 'abklappen'
einen Regenschirm abschlagen 'herab- oder herunterschlagen'
9. Vi de schlagen
wir wollen warten, bis alle Thurmuhren abgeschlagen haben
10. Vt
Heuschläge abschlagen und vor Ueberwachsung conserviren 'bedeutet dies: abmähen oder von Strauch befreien?'
11. Vt
nachdem die Stute gehörig gedeckt worden und abgeschlagen
12. Vt de abschäuern, abkleiden, abteilen
der Bodenraum bietet hinreichend Raum, um eine Bodenkammer für den „Ältesten“ (Sohn) „abzuschlagen“, um allerlei Sachen aufzubewaren
siehe auch Abschlag
13. Vt de abladen
die Fuhren auf- und abschlagen [spätere Stellen: die Wahren von den Fuhren abnehmen]
14. Vt de schlagen, bezeichnen
Bootsmasten wraken und mit dem publiken Zeichen abschlagen

QUELLEN

Riemenschneider 1858a, Sp. 74-75
Es wäre, wenn es darauf ankäme, nicht schwer, das hiesige Deutsch nach verschiedenen Stufen zu charakterisiren, welche durch gewisse stehende Redensarten sich sogleich kenntlich machen. Auf die unterste Stufe, bei welcher man aus einer Reihe verkehrt oder halb ausgesprochener Wörter nur mit Mühe den Sinn des Satzes errathen kann, folgt eine höhere, auf welcher man von Längde und Wärmde reden hört, wo man sich so selbig befindet, noch höher bedauert man das arme Kind, welches sich schon zum dritten Mal beim Fallen den Kopf abgeschlagen, noch höher geht man Licht fragen und legt den Leuchter auf den Tisch oder bleibt in einer Gesellschaft (so lange), bis man sich amüsirt; noch höher macht man das Fenster fest und die Thür los, ja selbst der Mund wird losgemacht und es gilt für eine Unbequemlichkeit, daß die Nase fest ist, noch höher schließt man jeden Satz mit würde und möchte, u.s.w. - Genug, schlechtes Deutsch kann man bei uns überall hören, von dem Undeutsch (oder Gesindedeutsch) und dem Halbdeutsch an bis zum Conversationsdeutsch und Salondeutsch: unten sind die Volkssprachen, oben die modernen Verkehrssprachen sehr bald herauszuhören.

Gutzeit 1859, 16f.
abschlagen, 1) schlagen, durch einen Schlag verletzen. Hier sind die den Ostseeprovinzen eigentümlichen Redeweisen anzuführen: ich habe mir den Kopf abgeschlagen; hier kann man sich den Kopf abschlagen; ich schlag mir schrecklich das Bein, den Arm, den Fuß ab. Dies will nicht bedeuten, dass man sich durch einen Schlag oder Hieb den Körpertheil abgetrennt habe, sondern dass man ihn verletzt habe. Diese sonderbare Bed. entsteht durch das pleonastisch verstärkende ab; denn abschlagen ist nichts als schlagen, durch ab verstärkt. — Nie sagt man: er hat mir den Kopf abgeschlagen, oder hat mir den Fuß abgeschlagen. Ebenso sagt man: sich abschlagen, sich verletzen durch einen Fall, Schlag, Stoß. Sie hat sich tüchtig abgeschlagen. Ganz ebenso verhält sich die Redensart: sich den Kopf zerschlagen, wo ebenfalls kein eigentliches Zerschlagen gemeint ist. Dieses abschlagen steht übrigens nicht ganz vereinzelt da. So führt Grimm an: Die Gurgel, die Kehle vom Vogel abschneiden, was sonderbar genug ist, da Gurgel und Kehle nur durchschnitten werden. Noch sonderbarer sind die ebenfalls von Grimm angeführten Redensarten: sich den Hals abfallen und Vögel, Hühner abschneiden, st. schlachten.
2) zerschlagen. Die Felder sind durch den Hagel ganz abgeschlagen.
3) Die Fackeln an keinem gefährlichen Orte abschlagen, sondern mit den Füßen austreten, gleichsam die Flamme ab von der Fackel, 90.
4) der Brantweinhat die Probe abgeschlagen, d. h. hält, gibt keine Probe mehr, zeigt keine Perlen mehr, wenn das Probeglas angeschlagen wird. Wenn die Probe abgeschlagen, gibt der Brantwein mit dem vierten Theil Wasser sog. Halbbrand.
5) von jedem Schiffpfund soll nicht mehr als 12 Pfund abgeschlagen werden, 149.
6) nach der Abwrakung jedes Fass mit einem Stempel abschlagen, beschlagen, 137.
7) den Abschnürfaden, den gehobenen und gespannten Abschnürfaden loslassen; die Kante einer Bettdecke oder deren Mitte abschlagen, mit dem Kreide bestrichenen Abschnürfaden die Linien für die Steppnat bezeichnen.
8) das Verdeck eines Wagens. Kibitka mit einem Verdecke zum Abschlagen 172. 1797. 422; eine abzuschlagende Britschka, 172. 1804. 580; einen Tisch abschlagen, abklappen. Schon bei Bg. 210; einen Regenschirm, herab- oder herunterschlagen.
9) Wir wollen warten, bis alle Thurmuhren abgeschlagen baben, geschlagen.
10) Heuschläge. Heuschläge abschlagen und vor Ueberwachsung conserviren, 193. II. 2. 1214. Bedeutet dies: abmähen oder von Strauch befreien?
11) von einer Stute. Nachdem die Stute gehörig gedeckt worden und abgeschlagen. 172. 1795. 119. —
13) abschäuern, abkleiden. S. Abschlag.

Hoheisel 1860, 24
abschlagen, abstoßen: Er hat sich den Kopf, den Finger abgeschlagen, abgestoßen st. zerschlagen, gestoßen (lettisch *).

Sallmann 1880, 110
Eigentümlich sind auch die durch Zusammensetzung mit an, ab gebildeten Redensarten, wonach sich einer den Kopf abschlägt, die Zehe abtritt, den Finger absticht, das Ohr abfällt, die Nase abstößt, die Hände abfriert, d. h. durch Anschlagen, Treten, Stechen, Fallen, Stoßen, Frieren verletzt, […]

Gutzeit 1886, 14f.
abschlagen, 1) schlagen. Ein Orfen geben dem Gesellen, der sie (das Weib) wiederum abgeschlagen. 349. XXV. 1. J. 1671/2; zwei Fleischerjungen, daß sie des Mahlers S. Jungen auf der Gassen abgeschlagen, ebda. 1665/6; einen, mit einem Stock, 365. J. 1666, schlagen. Sich die Hand, den Kopf, durch einen Schlag, Stoß verletzen, Lange und Stender. — Man bedauert das arme Weib, welches sich schon zum dritten Mal beim Fallen den Kopf abgeschlagen, Riemenschneider in 175. 1658. N 5. — Ein Eingesandt in rig. Ztg. 1884. 50 enthält ein Non plus ultra: „(Arithmetische Aufgabe). Wenn die Hagenshoffschen Einwohner täglich einmal auf dem Glatteise der Dünn den Kopf sich abschlagen, wieviel mal mehr müßten dann Diejenigen, welche das Sand ausstreuen unterlassen haben, ihre Köpfe abschlagen?“ Hoheisel (322. 24) erklärt die Redeweise: er hat sich den Kopf, den Finger (?) abgeschlagen, abgestoßen, statt: zerstoßen (?!), geschlagen für lettisch und bemerkt, es dürfe uns abschlägig — nicht Wunder nehmen, daß aus dem Lettischen herstammende Provincialismen und lettisch klingende Wörter auch in Estland vorkommen. Seine Annahme ist eine irrige. —
5) Den Käufern zum Besten soll von allen nach Riga kommenden Waaren nur 12 3/4 ℔. vom S℔. abgeschlagen und dekurtiret werden, 149, russ. вычитать. —
13) abschäuern, abteilen. Der Bodenraum bietet hinreichend Raum, um eine Bodenkammer für den „Ältesten“ (Sohn)„abzuschlagen“; im Vorhause ein Kammerchen abschlagen, um allerlei Sachen aufzubewaren. —
14) abladen. Die Fuhren auf- und abschlagen, 306. Spätere Stellen: die Wahren von den Fuhren abnehmen. —
15) schlagen, bezeichnen. Bootsmasten wraken und mit dem publiken Zeichen abschlagen, 283.

Eckhardt 1896, 31
sich den Kopf abschlagen

Eckardt 1904, 45, 48
Was weinst du Junge? - „Ich bin heruntergefallen.“ - Herunter? Von wo herunter? Der Knabe machte ein verdutztes Gesicht. „Auf der Diele, und da hab ich mir den Kopf abgeschlagen.“ - Den Kopf abgeschlagen? - Kein Wort mitleidigen Trostes kam über die Lippen des jungen Magisters. Er schmunzelte vergnügt und zog sein Notizbuch aus der Brusttasche hervor. _ Was hustest du denn so erbärmlich, Karl? _ „Ich - ich habe mich verschluckt, Herr Mezer!“ - Was? dich - verschluckt? Wieder ein Sonnenblick in des Magisters nebelgrauer Schulatmosphäre und wieder ward das Notizbuch um einen Schatz reicher.
Man schlägt sich in Riga so gut den Kopf ab wie in Pernau oder Reval, verschluckt sich hier wie dort ein paar Mal des Tages, ohne an seinem Wohlbefinden Schaden zu nehmen. In Riga so gut wie in Mitau oder am Embach setzt man sich con amore in den Fuhrmann oder auf den Fuhrmann und beide Teile sind es zufrieden. Mit all derlei Arten oder Unarten der Lebensführung, zu denen wir uns als gute Balten gemeinsam bekennen, haben wir es hier also nicht zu tun, wir belauschen dagegen unsre mit unverfälschtem Dünawasser getauften Mitbürger in ihrer harmlosen Unterhaltung und achten lediglich auf jeden Laut und jede Wendung, die auch uns Provinzlern ungewohnt und fremd ans Ohr klingen.

Seemann von Jesersky 1913, 99
verletzen: Ich habe mir den Kopf abgeschlagen. Hast du dich abgeschlagen?

Stegmann von Pritzwald 1952, 421
ich habe mir den Kopf abgeschlagen = gestoßen, geschlagen

Masing DBWB, 1178ff.
abschlagen, st. (ápslāʒən) 1. † verprügeln. Catrin Spillmansche, eine(n) spilman tapfer abgeschlagen – 36 Mk. Rig. Vogt. Rechn. 1625. … dann wan sie betroffen würden, schlugen des Teufels … Wächter sie mit einer … langen Peitschen … grimmig ab … Livl. Landger. akten. № 99, 4 (1692). 2. † zerschlagen. Die Felder sind durch den Hagel ganz abgeschlagen. Gtz. I, 17. _ 3. Fackeln a., sie durch Schlagen auf dem Boden löschen. Die Fackeln an keinem gefährlichen Orte a., sondern mit den Füßen austreten. Der Königl. Stadt Reval erneuerte Feuerordnung 1698 (nach Gtz. I, 17). _ 4. Eidotter a., sie nach dem Zerschlagen der Eierschalen in ein Gefäß gleiten lassen. Die Eidotter werden in einen Topf abgeschlagen, das Eiweiß zu Schaum geschlagen. Handschriftl. Rezept. Kurl. um 1850. _ 5. Holzgegenstände a., mit einem Schlageisen stempeln. Bootsmasten zu wraaken und … mit dem publiquen Zeichen abzuschlagen. Taxa Mwr. Riga. 1800, 9. _ 6. den Abschnürfaden a., den gehobenen und gespannten Faden loslassen; die Kante einer Bettdecke oder deren Mitte a., mit dem mit Kreide bestrichenen Abschnürfaden die Linien für die Steppnaht bezeichnen. Gtz. I, 17. _ 7. † (hinabklappen) Stiefelschäfte, Tischplatten, das Verdeck eines Fuhrwerks, einen Regenschirm a., hinabklappen. … ein par Stiefeln, welche nach englischer Art abgeschlagen sind. Rig. Anz. 1773, 80. Ein … engl. Wagen … , dessen Verdeck auch abzuschlagen ist. (Rig. Anz.) eb. da. 1781, 133. Eine wohlkonditionirte, … , abzuschlagende Pritschka … eb. da. 1804, 580. … eine … Mütze mit einer … Brehm zum A. Mit. Ztg. 25. II. 1794. _ 8. † Heuschläge a., abmähen. Wenn ein Gesinde wüste wird, … ,so muß das dazu gehörige Korn-Land allerdings ruhen, die Heuschläge aber jährlich abgeschlagen und für Üeberwachsung conserviret werden. Buddenbr. Landr. II, 1214 (1696). _ 9. zu Ende schlagen. Wir wollen warten, bis alle Thuruhren abgeschlagen haben. Gtz. I, 17. _ 10. abschäuern (s.d.) Der Bodenraum bietet hinreichend Raum, um eine Bodenkammer … abzuschlagen. Gtz. N 1886, 15. _ 11. † abladen. Die Fuhren auf- und abschlagen. Taxa und Ligger 1859 nach Gtz. N 1886, 15. _ 12. † abgießen. Wen daß fleisch ist halb gekocht, so schlegt man daß Waßer ab undt richtet eß zu mitt Wein … Kochbüchlein 71. _ 13. ┌ einen kalten (Bauern) a., (ejaculationem seminis efficere) sperma eicere. _ 14. coitum repellere … nachdem die Stute gehörig gedeckt und ageschlagen … Rig. Anz. 1795, 119. _ 15. † abziehen, abrechnen. … dasz in den Wagen weiterhin nicht mehr 1Lll vom Sll den Trembden abgeschlagen noch 6 Cent von dem Getreyde genommen werden solte … Bulm. AuU I, 156 (1712). (…?) … wozu und wie lange einige Lieszpfunde in der Wage abgeschlagen werden … eb. da 521 (1723). _ 16. der Branntwein hat die Probe abgeschlagen, hält, gibt keine Probe mehr, zeigt keine Perlen mehr, wenn das Probeglas angeschlagen wird. Wenn die Probe abgeschlagen, gibt der Branntwein mit dem vierten Teil Wasser sogen. Halbbrand. Gtz. I, 17. _ 17. sich a., durch einen Fall, Stoß oder Schlag verletzen. Er rannte im Dunkeln gegen einen Schrank und schlug sich tüchtig ab. Bevor eine Braut zum erstenmal in der Kirche aufgeboten wurde (von der Kanzel fiel), pflegten ihr die Freundinnen ein Kästchen zu schenken, in dem auf einem kleinen Kissen eine Miniaturkrücke und ein zierlicher Stäbchen (meist aus Elfenbein gedrechselt) lagen In Mitau wurde außerdem folgendes Verschen hinzugefügt: „Hold Liebchen, heut´ fällst du von der Kanzel herab; Leg´ unter das Kissen, sonst schlägst du dich ab!” Dieser Brauch erhielt sich bis zum Beginn des Weltkrieges lebendig. sich die Hand, den Kopf usw. a., verletzen. … bedauert man das arme Kind, welches sich schon zum dritten Mal beim Fallen den Kopf abgeschlagen. Inland 1858, 74. _ 18. part. abgeschlagen, ermattet, entkräftet: a. sein oder sich fühlen. Gtz. I, 17.

Masing DBWB, 120
abschlagen, Ferner gehört es sich, daß de Teig zuerst in der Backschüssel (Mulde) abgechlagen wird, bis er sich schält, dann wirkt man ihn auf einem mit Mehl besträuten Backbrette aus, wobei man ihn tüchtig klopft, um das Gähren zu befördern, und setzt ihn dann, leicht gedeckt, einer mäßigen Wärme aus. Mit. Kochb. 1876, 298.
¤ abschlagen, Nim junge hüner, wen sie halb gesotten, schlage den meinsten Teil davon ab, … (Kochbüchlein 73).
¤ Probe abschlagen, Um die Stärke des aus den Röhren fließenden Strahls zu rechter Zeit mäßigen und das Feuer darnach dämpfen zu können; auch ziemlich genau zu bestimmen, wie vielen Branntwein man erhalten werde, muß der aus den Röhren laufende Branntwein öfters probirt werden. Dies geschieht, wenn man ein kleines Gläschen … vor dem Auslauf hält und halb voll laufen läßt … (157). Wenn man nun dieses, oben mit dem Finger zugehaltene, Gläschen einmal schüttelt oder anschlägt; so sieht man gleich, ob es Probe hält, das heißt, ob Perlen entstehen. Hiebey muß man sich merken, daß auch der erste stärkeste Spiritus … keine Probe hält; und so lange muß er auch am stärkesten laufen; darauf …. hält er Probe, und muß derweilen mittelmäßig (nämlich eines Strohhalmes dick) laufen: dann aber hört erbald auf, Probe au halten, oder, nach der Kunstsprache: er hat die Probe abgeschlagen, das heißt, er hält keine Perlen mehr, wenn es angeschlagen wird; das Feuer muß alsdann sogleich sehr ermäßigt, und das im Vorlagefaß vorhandenes Quantum gemessen werden, um ungefähr zu wissen, wie viel man noch dazu könne laufen lassen, und wie viel guten Branntwein man überhaupt zu bekommen Hoffnung habe: … (Hupel, Oek. Handb. II, 156/7, Fußnote 82).
¤ abschlagen, sich, Wenn ein Fisch blau gekocht werden soll, muß man dafür sorgen, daß er im Wasser bleibe, nicht trocken gebracht werde, und sich den zarten Schleim nicht abschlage, vermöge dessen er nur blau werden kann. (LKWb 1817, 204).

Nottbeck 1987, 16
Ich habe mir den Kopf am Fenster abgeschlagen - gestoßen /E. K. L. R.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
durch Stoß verletzt: Ich habe mich abgeschlagen.

Aeolsharfe die
de Windharfe; et tuulekell, tuuleharf
Die Aeolsharfe wurde meist in hohen Bäumen aufgehängt, durch einen Windstoss ertönte ein seufzender, melancholischer Harfenton

QUELLEN

Pantenius 1872, 63 Weinert, Paul: Riga
Die Aeolsharfe wurde meist in hohen Bäumen aufgehängt, durch einen Windstoss ertönte ein seufzender, melancholischer Harfenton. Die letzten Aeolsharfen dürften nach 1900 aus den balt. Parks und von den Hausdächern verschwunden sein. Mein Vater hat sie noch erlebt. Ich kenne sie nur aus Erzählungen.

Alexanderschoten pl
'Früchte der Alexandrinischen Senna (Senna alexandrina)' de Sennesschoten; et aleksandrikaunad, sennakaunad

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
Alexanderschoten Sennesschoten (Foll. sennae): Man kaufte in den deutschen Rigaschen Apotheken Alexanderschoten (Abführmittel) und erhielt Sennesschoten

id alter Teepott
'vergesslicher Mensch' et unupea
du bist ein alter Teepott

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
alter Teepott - vergesslicher Mensch. Du bist ein alter Teepott.

angerührt Adj
'etwas gekränkt' de beleidigt; et puudutatud, haavunud
sie war vom Gesagten wieder angerührt
er fühlte sich angerührt

QUELLEN

Kobolt 1990, 39
angerührt etwas gekränkt; zu nhd. rühren, anrühren


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
sie war vom Gesagten wieder angerührt

Ankerneek der
‣ Varianten: Ankernek, Ankerniek
{lett. enkurneeks Eckhardt 1896, 28}
'Dünalotse'

QUELLEN

Gadebusch 1780b, 211
Ankerneken, ein Wort, welches in der rigischen Handelsordnung § 39, Nr. 5 vorkommt.

Gutzeit 1859, 40
Ankernek Ankerneken sind in Riga Leute, die sich mit dem Flößen von Holz abgeben. Es besteht in Riga ein besonderes Ankerneken-Amt, und eine besondere Verordnung für dasselbe (116). Man schreibt gewöhnlich wie im Lettischen Ankerneek: ein deutsches Wort mit lettischer Endung.

Eckhardt 1896, 28
Ankerneek a. d. Lett.

Eckardt 1904, 64
Bei dem bösen Drunter und Drüber, im eigentlichen Sinne des Wortes, wo sich die wild gewordenen Balken wie Kraut und Rüben ineinander mengen, unter und übereinander verschieben, habeern n dann die „Ankerneeken“ alle Hände voll zu tun, um, soweit solches erreichbar ist, aus dem Gewirr notdürftig wieder ins Gleis zu kommen. Die „Ankerneeken“ mit ihrem „Ankerneekenamt“ und allem, was dem zugehörig ist, stellen sich, sprachlich genommen, als ein eigenartiges, deutsch-lettisches Zwittergeschlecht dar, dem in seiner weitgreifenden Berufssphäre keine unwichtige Rolle im Rigaer Verkehrsleben zugefallen ist. Stilvoll und beyeichnend für die nationale Verbrüderung, die durch den Namen der Innung angedeutet wird, heißt seit Jahr und Tag eine ihrer bewährtesten Firmen. „Strauch und Kruhming“.

Seemann von Jesersky 1913, 102
Ankerneek let., enkurneeks. Empfänger und Beförderer der Flösse durch Festlegen bei der Ankunft und darauf Abfertigung an ihrem Bestimmungsort. Amt.

Maltz 1955, 34
die Ankerneeken - lett. Flusslotsen

Pantenius 1959, 21
die Ankerneeken stam[m]ten von lettischen zu Riga gehörenden Dünafischern ab. Für Ihre Vorrechte musten sie dem Rigaschen Rat verschiedene Dienstleistungen ableisten, z. B. Bergung und Suche nach Ertrunkenen, bei Eisgang und Überschwemmungen usw.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Die Ankernieken waren ursprünglich lettische Dünafischer, die seit Jahrhunderten zu Riga gehörten. Sie lebten am Ufer der Düna in Überdüna, auf den Rigaschen Dünaholmen, in der Moskauer Vorstadt am Dünaufer. Sie waren verpflichtet dem Rat beim Eisgang, Überschwemmungen, bei Schiffshavarien auf der Düna bei der Suche nach Ertrunkenen Hilfe zu leisten. Es waren sehr anständige an harte Arbeit gewöhnte Menschen. Sie bauten im Winter die Stossschlittenbahn auf dem Dünaeise nach Hagensberg. Sie beförderten gegen Entgelt Personen auf Stossschlitten. Sie trugen Schlittschuhe und stiessen die Schlitten in rasender Fahrt hinüber und herüber.

Ankerniek der
‣ Varianten: Ankerneek

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga

appeldwatsch Adj
apfeldwatsch
'lächerlich' de pudelnärrisch; et tobe
Bist du rein appeldwatsch
Die Jette will ja keinen Handwerker und die Mutter ist appeldwatsch mit der Marjelle und findet keinen so nobel, wie die Offiziers. [(Die Erzählung spielt in Riga.)]

QUELLEN

Bergmann 1785, 4
appeldwatsch (affendwatsch), lächerlich, pudelnärrisch

Hupel 1795a, 8
appeldwatsch d.i. albern, etwas wahnwitzig lächerlich. Bergm. meint es solle affendwatsch heißen.

Gutzeit 1859, 48
apfeldwatsch - ganz albern und dumm. Ein sehr gewöhnliches Wort und verstärktes dwatsch. Bg. meint, es müsse affendwatsch heißen. Hupel führt appeldwatsch an.

Sallmann 1880, 28
appeldwatsch - verkehrt, heimverbrannt

Gutzeit 1886, 55
appeldwatsch was apfeldwatsch, Hupel u. gew. Bist du rein appeldwatsch, Bertram in balt, Skizzen.

Masing 1926b, 54, 24, 30
appeldwatsch völlig verrückt. s. auch zu dwatsch. (Grimme S. 259; Schumann S. 86; Frischbier II, S. 507. äpfeldwatsch, äppeldwatsch)
daneben auch apfeldwatsch
zum Kompositum (nd.)

Masing 1933, 64


QUELLEN (Informanten)
Lange, Harald: Riga, Südlivland
appeldwatsch verrückt
„Er ist ja völlig apeldwatsch“ sagte man von einem, der was Verkehrtes machte oder sagte.

Weinert, Paul: Riga
appeldwatsch dumm-beschränkt. Sie ist eine appeldwatsche Frau. Mit zunehmendem Alter ist sie dwatsch geworden. Sie ist doch dwatsch. appeldwatsch ist eine Steigerungsform von dwatsch.

id auf die Koddern gebenKoddern
de aufs Dach steigen; et pähe andma
er hat ihm gründlich auf die Koddern gegeben

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
Sie hat auf die Koddern gekriegt (aufs Dach gekriegt). Er hat ihm gründlich auf die Koddern gegeben.

aufschlagen V [h]
1. Vt 'sich eines Dinges mit Gewalt anmaßen'
Schläget einer den zuschlagenen Bauer wieder auf – soll der aufgeschlagene Bauer wieder zugeschlagen werden
2. Vt 'mit Sturm angreifen und erobern'
Duglaß ging weiter, den General Polubinsky aufzuschlagen
3. Vt Kaufm. de auflegen
Waren aufschlagen
das Gut auf der Fuhre aufschlagen und fortführen
so geschieht auch viel Zufuhr aus Littauen, Curland, Liefland, die alle zu Riga ausgeladen, aufgeschlagen und allda verhandelt werden
4. Vt 'den Preis der Waren erhöhen'
der Kaufmann schlägt auf, da die Ware selten geworden
5. Vt 'Teig zu einem Gebäck formen'
man schlägt den Teig in kleinen Brötchen auf
der Teig wird, nachdem er nur ein wenig aufgegangen ist, aufgeschlagen
sollte der Teig zu weich zum Aufschlagen sein
nach diesem wird das Brodt aufgeschlagen, mit Ei bestrichen, Kümmel darüber gestreut und gebacken
6. Vt
Der Moskowiter schlug 2 Schanzen auf
7. Vt
aufgeschlagene Volants oder Säume an Damenkleidern
Mütze mit Bärenfell aufschlagen
Mantelrock mit Wolfsbäuchen gefüttert und aufgeschlagen
einen Rockkragen aufschlagen 'in die Höhe schlagen'
einen Ärmel aufschlagen 'zurückschlagen'
einen Tisch aufschlagen 'die Klappen in die Höhe schlagen, dass sie waagerecht zu stehen kommen;'
einen Stiefel, Schuh aufschlagen 'blocken'
einen Hut aufschlagen 'aufweiten'
8. 'die ersten Maschen auf die Nadel bringen' de aufwerfen; et silmi looma
Maschen aufschlagen
9. Vt de öffnen, aufspannen
einen Regenschirm aufschlagen
einen Halbwagen aufschlagen 'das Verdeck in die Höhe schlagen, um gegen Regen, Staub, Sonne zu schützen)'
Schlagen Sie auf! Ruft man dem Kutscher eines halbverdeckten Fuhrmannswagens zu; schlagen Sie herunter! Wenn der Gegenteil geschehen soll
bei Regen färt man im aufgeschlagenen Wagen, bei Sonnenschein im abgeschlagenen (zurückgeschlagenen)

QUELLEN

Gadebusch 1780b, 214f.
aufschlagen [Gutzeit zitiert Gadebusch recht ungenau, allerdings nicht sinnentstellend]

Gutzeit 1859, 61f.
aufschlagen Gadebusch (151) sagt: Herr Adelung hat viele Bedeutungen dieses Zeitworts, aber nicht diejenigen, welche in Livland gebräuchlich sind. Denn hier bedeutet es 1) sich eines Dinges mit Gewalt anmaßen, so in der Livländischen Landes-Ordnung S. 20: Schläget einer den zuschlagenen Bauer wieder auf – soll der aufgeschlagene Bauer wieder zugeschlagen werden. – Wie der Landeshauptmann Bedenken trug, die immitirten Bauern aufzuschlagen, 180. III. 2. 354. 2) mit Sturm angreifen und erobern. Kelch braucht dieses Wort sehr oft, so S. 594: „Duglaß ging weiter, den General Polubinsky aufzuschlagen.“ In dieser Bed. Findet es sich auch bei Chemnitz schwedischer Krieg. – Soweit Gadebusch. Hinzuzufügen ist, dass es sich in dieser Bed. Auch bei Schiller findet: der Anschlag wird gemacht, die Quartiere der Franzosen in Tuttlingen und den angrenzenden Dörfern aufzuschlagen. Grimm sagt zu dieser Stelle (aufschlagen 5), dass Schiller sich des Quartier Aufschlagens in einem Sinne bedient, welcher der gewöhnlichen Bedeutung ganz entgegengesetzt ist, und erklärt es in der angeführten Stelle: unvermutet überfallen. Es scheint, dass Schiller den Ausdruck aufschlagen der ältern Sprache entnahm; es ist aber unwahrscheinlich, dass es in der Verbindung mit Quartier vorkommt. Schiller hat sich vielleicht selbst diese Verbindung erlaubt, und hätte jeden Doppelsinn vermieden, wenn er geschrieben hätte: die Franzosen aufzuschlagen. – Andere Stellen bei Kelch sind: die polnischen Reuter aufschlagen, 499; das polnische Lager aufschlagen, 501; die polnische Armee aufschlagen, 539. – Übrigens scheint das Wort in dieser Bedeutung dem Aufklopfen zu entsprechen (s. Grimm aufklopfen 2.). 3) Waren, in der rig. Handelssprache, auflegen. Das Gut auf der Fuhre aufschlagen und fortführen, 103. So geschieht auch viel Zufuhr aus Littauen, Curland, Liefland, die alle zu Riga ausgeladen, aufgeschlagen und allda verhandelt werden, 194. Bei Nyenstädt 7. 4) Den Preis der Waren erhöhen. Der Kaufmann schlägt auf, da die Ware selten geworden. Diese Bed. Scheint in Deutschland unüblich, und Grimm führt (aufschlagen, 11) nur eine Stelle aus Frank an. 5) Brot auf das Backbrett, Kuchen auf die Plate schlagen, man schlägt den Teig in kleinen Brötchen auf; der Teig wird, nachdem er nur ein wenig aufgegangen ist, aufgeschlagen; sollte der Teig zu weich zum Aufschlagen sein, 158. Nach diesem wird das Brodt aufgeschlagen, mit Ei bestrichen, Kümmel darüber gestreut und gebacken, 155, 2te Auflage S. 148. Schon St. – 6) Der Moskowiter schlug 2 Schanzen auf, 194. Nyenstädt 50. Grimm meint (aufschlagen 6), dass sich das Aufschlagen nur auf gezimmerte Werke beziehe. Ob diese Stelle nicht gegen seine Ansicht spricht? – 7) aufgeschlagene Volants oder Säume an Damenkleidern; Mütze mit Bärenfell aufschlagen, 172. 1768. 72; Mantelrock mit Wolfsbäuchen gefüttert und aufgeschlagen, ebda. 1783; einen Rockkragen, in die Höhe schlagen; einen Ärmel, zurückschlagen; einen Tisch, die Klappen in die Höhe schlagen, dass sie wagerecht zu stehen komme; einen Stiefel, Schuh: blocken; einen Hut, aufweiten; Maschen, aufwerfen?

Sallmann 1880, 87
aufschlagen 'draufschlagen' vom Kaufmann, bei Angabe des Preises vorschlagen; von einem Hause, aufbrechen
2) aufschlagen, von Teig, aufs Backbret schlagen.

Gutzeit 1886, 71
aufschlagen Zu 7), Maschen, aufwerfen. Beim Anfangen eines Strumpfes schlägt man eine geisse Zal Maschen, z.B. 150, auf (wirft auf), die man doppelt nimmet. Diese doppelte Reihe bildet den Anfang des Strumpfes. Daher bedeutet: einen Strumpf aufschlagen ihn anfangen. – Ein Gartenbet, aufwerfen, durch Schüttung von Erde machen. – Bei der Wrake haben die Ligger und Binder jede einzelen Kiste (Hanf) in die Hand zu nehmen, und zu dem Zweck sie von einer, nöthigen Falls von zwei Seiten aufzuschlagen, 364a 372.

Gutzeit 1898, 3
aufschlagen einen Regenschirm, öffnen, aufspannen, wenn es zu regnen anfängt; man schlägt ihn herunter, wenn der Regen aufhört. Vgl. Regenschirm. – Einen Halbwagen, das Verdeck in die Höhe schlagen, um gegen Regen, Staub, Sonne zu schützen. Schlagen Sie auf! Ruft man dem Kutscher eines halbverdeckten Fuhrmannswagens zu; schlagen Sie herunter! Wenn der Gegenteil geschehen soll; bei Regen färt man im aufgeschlagenen Wagen, bei Sonnenschein im abgeschlagenen (zurückgeschlagenen) Wagen. Vgl. I. 62.

Kobolt 1990, 48
aufschlagen Teig zu einem Gebäck formen, hochklappen, z.B. einen Mantelkragen; den Preis erhöhen.
Im Baltikum verbreitet.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
den Teig aufschlagen - d. h. auf dem Backbrett formen. Ich muss noch den Teig aufschlagen. so sprach einst meine Mutter Olga Weinert geb. Rose geb. Lautzen in Kurland 1863. Riga 1902.

Badstube die
‣ Varianten: Badtstube
‣ Belege: Estland, Livland, Kurland
1. 'das gesondert vom Hause entfernte Dampfbad' de Sauna; et saun; lv pirtis
das ist drüben eine Wirtschaft wie an einer polnischen Badstube
Die Badstube war ein kleines Gebäude, welches in einiger Entfernung vom Bauernhofe erbaut war, von wegen der Feuergefahr. Die Badstube bestand aus dem Vorraum oder Auskleideraum und dann aus dem grösseren Dampfbade.
kalte Badstube (id) 'Rutenstrafe'
2. 'kleine elende Bauerwohnung' de Kate; et saun; lv pirtis
eine Lostreiberbadstube
ein Kreis, der aus dem Dorfe in seine Badstube zurückkehren wollte
siehe auch Badstüber
3. 'auf den rig. Stadtwagen im oberen Stockwerk befindliche Kammern, in denen alle für Wrack erkannte Flachsen umgearbeitet u. gereinigt wurden'
den Flachs nach der auf der Wage befindlichen Flachskammer od. sog. Badstube bringen
Wrackflachs soll in der Badstube gereinigt werden
der Badstuben-Geschnitten muss in der Badstube den Spigelband bekommen
Flachs und Hanf in der sog. Badstube überwraken
siehe auch Badstubenband, Badstuben-Geschnitten
4. bildl. 'Not, Bedrängnis'
so balde er aus dieser Badstube herauskam

QUELLEN

Hupel 1795a, 14
Badstube, die, heißt 1) ein zum Schwitzbade eingerichtetes Zimmer, 2) eine kleine elende Bauerwohnung.

Gutzeit 1859, 93f.
Badstube 1) eine vorzugsweise zum Schwitzbade, aber auch warmem Wasserbade eingerichtete Räumlichkeit, 2) kleine elende Bauerwohnung, Bauerhaus. In dieser Bed. kommt das Wort schon frühe vor. So öfters bei Engelken (195), der Badstube schreibt; so in 185. 297: kleine Katen oder Badstuben (J. 1675). In den liefl. Jahrb. von Gadebusch (180) II. 2. 515 und 516 finden wir unter dem Jahre 1616 Badtstuben angeführt. Diese Schreibung könnte darauf deuten, dass schon damals, wie noch jetzt in Livland, Badstube wie Badtstube gesprochen wurde. Eine Lostreiberbadstube, 176. 1826. 16; ein Kreis, der aus dem Dorfe in seine Badstube zurückkehren wollte, 176. 1826. 16. - In Berichten ist häufig nicht zu entscheiden, ob diese Bed. od. die unter Nr. 1. gemeint ist. 3) zur Wrake von Flachs. Den Flachs nach der auf der Wage befindlichen Flachskammer od. sog. Badstube bringen, 107; Wrackflachs soll in der Badstube gereinigt werden, 7; der Badstuben-Geschnitten muss in der Badstube den Spigelband bekommen, 133; Flachs und Hanf in der sog. Badstube überwraken, 180. IV. 2. 496. 4) bildlich f. Not, Bedrängniss. So balde er aus dieser Badstube herauskam, 215. 174.

Sallmann 1880, 59
Bǎdstube kleine, elende Bauerwohnung; öffentlicher bedachter Baderaum für Wannen- und Schwitzbäder, der letztere ruß. B. genannt.

Gutzeit 1886, 97f.
Badstube 1) Haus mit Wannen- und Schwitzbade-Einrichtung. Die gemeine Badstube oder Feilstube, 353. 106, balneae publicae. Eine solche, der Stadt gehörige, wird schon 1407 erwänt. - Die große Bad- oder Feil-Stube befand sich an der Stelle, wo die Königs- die Karlstraße schneidet, innerhalb der nach ihr benannten Badstubenbastion, vallum balneorum. - Heiße Badstuben werden schon in der ältesten Zeit Livlands erwänt. vgl. 179. II. 34.
Badstuben, sagt Hupel, sind kleine, niedrige Zimmer, deren sich die Deutschen und Bauern zum heftigen Schwitzen bedienen. - In dieser Bed. in Schriftstücken stets geschrieben Badestube, so z.B. in der Verordnung in Betreff der Badestuben in Riga von 1817, stets gesprochen Battstube. - Russische Badstuben werden die mit Schwitzbadeeinrichtung oder Pallen versehenen Badstuben genannt. 2) die Badstuben bei den (estnischen) Gesinden haben, außer dem Zweck der Reinigung des Körpers, auch noch eine andere, oft ausschließliche: als Wohnung für die Gesindesknechte od. Lostreiber mit deren Familien zu dienen, 175. 1854. Nr. 43, (weshalb ihre Insassen denn auch Badstüber heißen). Daher überhaupt: niedrige, enge, elende Bauerhütte, 182. I. Dasselbe gilt auch für Lettland und in der lett. Sprache heißt pirtis Badstube u. solche Hütte. - Auf den Buschländereien in größerer Entfernung von den Dörfern ließen sich Einzelhöfner mit kleinem Besitz (Lostreiber) nieder, welche sich selbst eine „Badstube“ bauten, 190. 95. Die unteutschen Einwohner von Arensburg sind in Badstuben wohnende u. die estnische Sprache redende Arbeitsleute, so Badstüber genannt werden, 350. XVII. 5. - 3) Badstuben hießen auf den rig. Stadtwagen im oberen Stockwerk befindliche Kammern, in denen alle für Wrack erkannte Flachsen umgearbeitet u. gereinigt wurden. In Ermangelung von genüglichem Raum wurden später diese Wrackflachsen in gerichtlich dazu angewiesene publike Scheunen gebracht, 316. 50. Zuerst finde ich das Wort in Kämmereigerichtsbescheiden von 1638, (vgl. 174. 1867. Nr. 12), nach welchen jeder Bürger den Hanffschwingern für den in der Badstube gewesenen Flachs für jedes L-... 4 gr. zalen sollte; dann in d. rig. Wettordnung (349. IV. 13): Wrackflachs soll in d. Badstube gereiniget werden. - Den Flachs nach der auf der Wage befindlichen Flachskammer od. sog. Badstube bringen, 141; Wrackflachsen nach den Badstuben oder Wrackscheunen bringen, in Spiegelband umbinden, und nach den Behältnissen des Eigenthümers bringen, 305- Von den Wrackflachsen, welche nach den Badstuben zum Reinigen und Umbinden gebracht werden, 304. Anbau öffentlicher Wagekammern od. Badstuben zur Wrake besorgen, 149. § 34, russ. важенныя каморы или батштубы. - In die Badstube kommen alle Sorten Wrack- und Dreibandflachs u. sie bekommen in der Badstube den ihnen zukommenden Band, 316. Badstuben nennt man die Wagekammern, wo die Wracken gereinigt, sortirt und umgebunden werden, (J. 1843). Später diente dazu jeder Speicher, in welchen die Ligger, nicht der Eigenthümer, die schlechte Ware in Verschluss hielt. Der schlechte Flachs in den Badstuben wird gesondert zu Badstuben geschnitten (beste Sorte) u. Risten (schlechtere). Dass Badstube in diesem Sinn eine Wiedergabe des lett. pirtes ist, welches kleine Hütte und Badstube bezeichnet, ist wahrscheinlich. In der Bed. von Hütte zum Aufbewahren von Flachs u. Hanf kennt man auch in preußisch Litauen eine Flachspirte u. Pirte, vgl. Gartenlaube 1856. 126 u.f. Hennings preuß. Wtb. (463) fürt dagegen Pirte nir im gewönlichen Sinne von Badstube an, littauisch pirtis, nicht aber von Reinigungsanstalt. Bei den Finnen bedeutet pirkti sowol Badstube als Zimmer. Ahlquist im J. d. Min. d. B. A. 1877. Bd. 192. S. 175 erklärt diese doppelte Bedeutung daraus, daß in alten Zeiten das Zimmer als Badstube u. Trockenraum diente (?).

Gutzeit 1894, 4
Badstube In Riga sah Lentilius (1677-80) die berühmten „Rigischen Badstuben“, d.h. mächtige Schlitten (bez.) Wagen), die kaum von einem Pferde gezogen werden konnten und in denen die Rigischen Frauen, die niemals zu Fuß gingen, mitten im Sommer auf der Straßen umherfuhren, Dünaztg. 1893. 190. Ob die Lesung des Verfassers der Mitteilung richtig, erscheint zweifelhaft. Lentilius meint offenbar die Butte.

Masing 1926b, 56
Badstube öffentlicher bedachter und heizbarer Raum für Wannenbäder (mnd. badstove).

Vegesack 1963, 70
Badstube das gesondert vom Hause entfernte Dampfbad

Habicht 1956, 255
Badstube - Badhäuschen

Kobolt 1990, 56
Badstube städtische Sauna; kleine Bauernwohnung, Redew.: Kalte Badstube 'Rutenstrafe'
mnd. badstave, badestowe 'Badestube'; Br.Wb. Bad-staven 'Badstube'; pomm. veralt. Badstawe 'Badstube'


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
die Badstube - das Bad

Busch, Marie von: Reval
Badstube - kleine Landstelle


Badstube 'Sauna' 1) Gut Kachkowa, Kr. Werro 'Sauna'
2) Nomkiele, Kr. Je[r]wen 'saun'
3) Dorpat 'saun'
4) Ubja by Wesenberg 'saun'
5) Dorpat 'saun'
6) Riga 'saun'
7) Popragger / Kr. Tulsen Gemeinde Erwuhlen 'Sauna'
8) Lesten (1918-27), Kliggenhof u. Riga (1927-39) 'Holzhaus mit Sauna'
9) Riga
10) Reval, auch Sellin 'Baumsauna'
11) Riga
12) Kiidjärve (Estl.), urspr. Riga.
13) Kerro, Kr. Pernau, späteer Kr. Jerwen 'Sie bestand aus einem Raum, in dem ein großer Ofen aus Ziegelsteinen gemauert stand. Über dem Gewölbe des Ofens lagen eine große Anzahl runder Feldsteine, die durch's Feuer erwärmt wurden. Bei Benutzung der Badst. wurde kaltes Wasser auf diese Steine gegossen. Dadurch füllte sich der Raum mit heißem Dampf.' 'Die Badst. Wurde auf manchen Bauernhöfen auch bewohnt.'
14) Reval 'das saun = das Dampfbad'
15) Riga 'Duschraum für mehrere Personen auf dem Lande'
16) Goldingen (Kurland) u. Kujen (Livland): 'das Bad, d.i. das Gebäude, in dem man ein warmes Bad nehmen kann, auf dem Lande etwas weiter weg vom Wohnhaus des Gesindes.'
17) Hoppenhof / Kr. Walk. 'Sauna'
18) Neuenburg - Pastorat, Kurland. 'Kleines Häuschen mit einem Raum mit Ofen u. Kessel; es lag immer wegen der Feuergefahr einige 100 Schritt abseits von den übrigen Gebäuden, meiostens am „Flüßchen“ (Bach).'
19) Goldingen 'abseits gelegen, wie eine Sauna'
Walk (estn. 'saun'. lett. 'pirts'
21) Riga, Hagensberg 'auch „Banja“ genannt
22) Mitau
23) Ansel 'ein Häuschen mit 2 Räumen: Bade- u. Ankleideraum. Estn.: 'saun'
24) Mitau 'manchmal auch mit einem Vorwerk'
25) Dorpat u. Umgebung 'Saun'
26) Reval bzw. Rickholz / Kr. Wick
27) Dorpat, Krüdnenhof.
28) Kattentack in Wierland 'Saun'
29) Riga 'Saun'
30) Dorpat
31) Simonis / Wierland, Randen / Kr. Dorpat, 'Saun'
32) Gut Friedrichswalde Kr. Wenden ' immer gesinderter kleiner Holzbau, abseits vom Bauernhof, im Garten meist'
33) Reval, eigentlich Fickel
34) Dorpat, Reval
35) Dorpat u. Nordestland 'Damofbadstube (skandin.-finnisch)
36) Dorpat
37) Dorpat
38) Riga
39) Wolmar / Livland 'Sauna. oft mit kleinem Wohnraum unter einem Dach.
40) Kibbijärv / Kr. Dorpat 'Sauna'
41) Reval
42) Riga u. Kr. Pernau 'Badehaus', Badestube.
43) Narva, Estland
44) Werro 'Balkenhaus, aus 2 Räumen bestehend, diente als Baderaum (Sauna)'
45) Arensburg auf Oesel 'Sauna od. Pirte'
46) Riga, geb. 1902.
47) Neu-Rahden 'mit der Sauna'
48) Riga 'Sauna'
49) Badstubenstelle 49) Nini / Kr. Hayen'
50) Riga u. Kurtenhof in Livl.
51) Libau 'Gebäude für sich, das abseits vom Hof lag wegen Feuergefahr
52) Gut Sank by Pernau 'Sauna'
Badstube 53; Ilsen /Kreis Walk
54) Pernau (1900-1939) 'Sauna'
55) Riga
56) Bixten / Kreis Tuckum
57) Reval
58) Reval 'Sauna mit hartem „s“
59) Reval
60) Gut Rickholz, Kr. Wiek
61) Wenden
62) Herbergen /Kurland, Riga
63) Neuhausen / Kurland, Riga
64) Alt-Ottenhof / Kr. Hasenpott
Badestube 65) Baltischport, Petersburg, Fellin 'Sauna, mit glühenden Stimen, die man mit heißem Wasser begoss, um Dampf zu entwickeln, in dem man schwitzte u. sich mit nassen Birkenquasten(besen) schlug.
66) Dorpat
67) Estland 'Sauna'
68) Kurland - Litauen

baff Adj
'sehr erstaunt' de verdutzt, verblüfft; et pahv, jahmunud
er war darüber baff
sie war so baff, dass sie kein Wort mehr herausbrachte

QUELLEN

Seemann von Jesersky 1913, 103
baff o. verdutzt, verblüfft


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
baff sein - sehr erstaunt sein. Er war darüber baff. Sie war so baff, dass sie kein Wort mehr herausbrachte. Er war so baff, dass er stillschwieg.

batzen V [h]
Vi

QUELLEN

Gutzeit 1886, 108
batzen nd. batsen, schlagen; kurtz abfertigen. Auch in 479.


QUELLEN (Informanten)
Wender, Otto: Kattensack/Wierland, Reval, Dorpat
batzen von Batze (studentisch)

Bucker, Edith: Riga; Spliet, Herbert: Riga
batzen in der Wanne baden

Weinert, Paul: Riga
batzen fuschen

Lilienblum, Ingeborg: Mitau
batzen kleben

Lindemuth, Margarethe: Riga
batzen klecksen

Bauernwarenhandlung die

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
In einer Bauernwarenhandlung war buchstäblich Alles zu haben, sie enthielt Gemischtwaren, Haushaltwaren, Eisenwaren, Lebensmittel, Farben u.s.w.

bekränkt part Adj

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
bekränkt - gekränkt
Sie war bekränkt; das Bekränken. So sprache die alten Leute in Riga.

benäht part
benähen

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
benäht - Kleidung in Stand halten. Sie wurde auch bewaschen und benäht.

bepflegt part

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
bepflegt - gepflegt. Die alte Mutter wurde von ihr gut bepflegt.

berapsen V [h]
Vt

QUELLEN

Gutzeit 1859, 118
(ᵕ), bestehlen. Nur von Kleinigkeiten und im vertrauten Scherze.

Sallmann 1880, 97
bestehlen


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
berapsen - zusammennehmen. Du muss[t] dich berapsen. Ich habe mich berapst und bin zur Stadt gegangen. Du musst dich mehr berapsen. Sich berapsen (schanfeso??); das Berapsen

besprechen V st [h]
Vt

QUELLEN

Gutzeit 1886, 138
besprechen das Vermögen eines Angeklagten, sequestriren? 347.I.2.137. In der ältesten Rechtssprache. In Grimms Wtb.: in Anspruch nemen.

Pantenius 1907, 98
besprechen heilen
Sie besprach „Warzen“ und „die Rose“


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
die Zähne besprechen - gut zureden oder überzeugen. Ich habe ihm die Zähne besprochen.

Besucher der

QUELLEN

Hupel 1795a, 22
st. Durchsucher, Visitator z.B. Schifsbesucher.

Gutzeit 1859, 127
Zollwächter oder Zolldiener, namentlich zum Durchsuchen und Bewachen von Schiffen, ein Besucher vom Zoll. Schon in 20. Grimm erklärt perquisitor und führt eine Stelle aus der pers. Reisebeschreibung an, welche zum Theil von Russland handelt. Die erste Ausgabe derselben ist von 1647. Schon zu finden 197, in der Instr, für d. Licentverwalter vom J. 1662. - Hier und da in der Bed. von Kirchenvisitator. In Gegenwart dieses apostolischen Besuches, 180.II.2.436. Vgl. Schiffsbesucher, Zollbesucher.

Sallmann 1880, 98
visitant beim Zoll.

Gutzeit 1886, 140
Daß er einen Besucher vor einen Tausend Schwager gescholten, 349.XXV; die Vielleicht der Besucher machen den Schiffern solche Furcht, Bittschrift der Kramercv. 1681 in 174. 1832. 383. Bei Berghaus (479) Besöker, Schepsbesöker.

Seemann von Jesersky 1913, 105
Zollwächter


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
der Besucher - der Zollbeamte. Quelle: aus alten Rigaschen Kirchenbüchern.

bewaschen V [h]
Vt

QUELLEN

Gutzeit 1859, 130
einen, für Jemand waschen. Bewaschung.

Sallmann 1880, 98
mit Wäsche versorgen.

Kobolt 1990, 65
st. V. für die Wäsche sorgen, z.B.: Sie beköstigte und bewusch ihn.
zu mnd., plattd., nhd. waschen.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
bewaschen - die Wäsche wurde gewaschen.
Sie wurde bepflegt, benäht und bewaschen.

Bierträger der

QUELLEN

Gutzeit 1859, 133
Das Amt der Bierträger in Riga.

Gutzeit 1886, 145
Die rigischen Bierträger erhielten ihren Schragen im J. 1386 vom Rathe bestätigt, vgl. 475. 75, einen verbesserten im J. 1466. Eine Broderschaft der Berdreger wird in einem alten Amtsbuche v. 1487 erwänt; die Bierträger bildeten ein undeutsches Amt. Schievelbein in 351. XXI. 1. bemerkt: Ligger, Salzträger, Bierträger, Hanfschwinger haben bei der Cämmerey an den Bollwerken d. Winters zu rammen, Klötze aus den Büschen zu ziehen, Seetonnen einzunehmen und auszuheben. - Nach einer platt. Rechnung v. 1571 in 349. XXV. 2 bekamen die Walboten zu Martini eine Tonne Bier, ebensoviel die Bierträger, Ofenkerls, Salzträger u.a. als „Arbeiders Gerechtigkeit“. Die Bierträger hatten eine besondere Herberge. Weiln er im Bierträger Hause Unruhe angerichtet, 349. XXI. Vogteir. 1650/51.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Eine Hantirung im alten Riga in früheren Jahrhunderten. Quelle: alte Rigasche Kirchenbücher.

Bisse die

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
die Bisse, Einzahl, die Bissen - Mehrzahl. kleiner, kurzer Zopf.
Das kleine Mädchen hat nur 2 ganz kleine Bissen, d.h. Zöpfchen so lang wie Rattenschwänze.
Die Bisse - hier wird das i kurz ausgesprochen, die beiden ss hart wie im Wort Säbel oder wie 2 russische z.

id blaue GardeGarde
'Bürgergarde in Mitau'
vgl grüne Garde

QUELLEN

Pantenius 1907, 10
blaue Garde


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
die Blaue Garde - Bürgergarde in Mitau
Pantenius will „die Blaue Garde“ in Mitau mit einer Schützengilde vergleichen, jedoch war die Blaue Garde eine Art Bürgermiliz.

Brahling der
‣ Varianten: Braling

QUELLEN

Pantenius 1880, 195

Eckardt 1904, 70
Wörtliche Entlehnungen aus dem Lettischen werden nicht eigentlich als Ersatz für deutsche Bezeichnungen, sondern meist mit Vorbedacht gleichsam als Zitat, sei es in scherzhafter Rede oder um des drastischen Ausdrucks willen, angewandt, so in gegebenen Fällen "puike" (für kleiner Knabe), "skukke" (sprich skutje, kleines Mädchen, oft Halbwüchsling, zur Hilfeleistung im Hause verdungen), dann "Braling", "atzing", "duding" (Brüderchen, Äugchen, Täubchen) in der Kinderkosesprache. Ob dagegen Papping und Mamming auch hierher gehören, iost fraglich.

Kiparsky 1936, 81
Brahling [brāliŋ] m. 'Spottname für die Letten' ‹ lett. brãlinš dem. 'Brüderchen'. - K. und LL., z.B. bei Pantenius Im Banne der Vergangenheit, S. 195, 200, 216.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Brahling das Brüderchen.[Kommentiert Pantenius]: Hier meint Pantenius dieses Wort sei ein Spottname für die Letten. In meiner Kindheit sagte man: Tautebrālis und meinte die nationalen Jungletten von 1905 und später.

Brass der/das <pl Brasse>
1. 'Heu- oder Strohlager für mehrere Personen auf dem Fußboden'
auf dem Brass liegen
‣ Synonyme: Brassbett
2. 'Menge, Haufen'
vgl Brasse, Brast

QUELLEN

Hupel 1795a, 32
Braß und Braßbeere, das, ist eine auf dem Fußboden des Zimmers mit untergestreueten Heu oder Stroh für mehrere Personen zubereitete Lagerstätte. - S. auch Brey.

Gutzeit 1859, 147
1) Heu oder Stroh zu einer Lagerstätte. Er lag auf der Brass. - 2) die Lagerstätte selbst. Es wurde ein Brass von Heu zurecht gemacht. 3) eine Menge, eine Gesammtheit schlechter, wertloser Dinge. - Zuweilen sächlich.

Sallmann 1880, 29, 49
Menge, Haufe; gemeinsames Lager auf der Diele
ein einfaches Lager an der Erde, auf Heu oder Stroh, meist für eine größere Gesellschaft

Gutzeit 1886, 169b
Grimms Wtb. erklärt Bras mit Schmaus, Mahl; „weil aber beim Prassen u. Schlemmen die Gerichte gehäuft aufgetragen werden, so entfaltet sich die Bed. von Hause od. Schwarm.“ Diese Erklärungscheint überkünstelt. Im russ. u. slaw. begegnet брашно Nahrung, Speise; бросать heißt werfen, und es wäre, wie von ношу trage das Hauptw. ноша vorhanden ist, so von брошу ein Hptw. броша vorauszusetzen. Nach d. letzten Erläuterung wäre Brass, welches Wort, wie Hoffmann in s. deutschen Wtb. angibt, gewönlich, gewönlich Brasch gesprochen wird, das Hingeworfene, daher Streu u. Haufen. Näher noch liegt franz. brassée de pail, déposée sur le plancher, Armvoll Stroh. In dem Worte Brass lägen also 2 Wörter ganz verschiedner Herkunft: 1) Bras, Schmaus, welches an russ. und slaw. брашно u. unser Fraß (Essen) anlehnt; 2) Brass, Braß etwas Hingeworfenes, Streu u. Armvoll. Auch Berghaus (479) unterscheidet Braß, Bras, Brast, Brats, Brassen, welche Wörter er mit Haufen, Menge erklärt, ganz von Braaß Gelage, Schmaus, Prasserei. Das brem. Wtb. hat Brass und Brast und erklärt Menge, Haufen, Last. „Vielleicht soll es heißen barras, franz. embarras." Nach dem Obigen nicht anzunemen! In derselben Bed. wie Brass Hause, Menge kennt d. lett. Sprache bars - dasselbe Wort mit Buchstabenversetzung.

Rautenfeld 1932, 40
Für die Jugend wollte man in den größten Zimmern sogenannte 'Brasse' aufschlagen. Das waren dichte Heulager, über die Matratzen oder ... alte Decken gebreitet wurden; darauf kemen dann Laken, Kissen und Bettdecken, so daß eine ganze Reihe von schönen, weiß bezogenen Betten entstand ... und sie freuen sich schon darauf, mit uns auf dem Braß zu hausen und eine richtige livländische Hochzeit mitzumachen.

Pantenius 1959, 72
Wir nächtigten dort im großen Krug. Auf die Diele [=Fußboden] wurde Heu geschüttet, große Laken darüber gebreitet, und das Bett war fertig. Große Plaids, die zu diesem Zwecke mitgenommen waren, dienten als Decken. Solch präpariertes Lager hieß 'Brass'.

Nottbeck 1987, 22
Strohschütte / E.L.R.


QUELLEN (Informanten)
Schlau, Wilhelm: Livland, Mitau
Massenschlager auf Strohschütte

Weinert, Paul: Riga
Für die jungen Leute wurde eine grosse Brasse hergerichtet, d.h. zum Übernachten wurde Stroh auf den Fussboden eines grossen Zimmers geschüttet, darauf kann Laken, hier schliefen die jungen Männer beisammen. [nicht besonders berücksichtigt]

Braunzucker der
'brauner Candizucker'

QUELLEN

Gutzeit 1859, 149

Gutzeit 1886, 171
(Ton auf der 2.)


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Kandizucker. Der Braunzucker wurde auch Gerstenzucker genannt. Dieser Braunzucker war in Apotheken und Grogerien in meiner Kinderzeit für billig Geld zu haben. Es hing bei den „Drogenhandlungen“ in den Fenstern an langen Fäden in faustgroßen dunkelbraunen Klumpen. [Abb.]

Bubbelmann der
'Kinderschreck' et koll
‣ Synonyme: Bubbel

QUELLEN

Gutzeit 1894, 7f.
eingebildetes Wesen mit dem man Kinder schreckt, in Grimms Wtb.: Popelmann. Man sagt einem unartigen Kinde: Wart', Bubbelmann wird kommen; geh' nicht in die dunkle Stube, Bubbelmann ist da. Die Kinder werden vom Bubbelmann geträumt haben, nachdem sie den aus dem Wasser kletternden Mann (den Taucher) mit dem großen Kopf gesehen, rig. Tagebl. 1893. 144. In Riga gew. vgl. Popelmann.

Nottbeck 1987, 23
(let.) schwarzer Mann / K.L.R.
Tu, was Dir gesagt wird, sonst kommt der Bubbelmann!


QUELLEN (Informanten)
Hehn, Bernd von: Druweln, Kreis Wenden
der Kinderschreck

Krause, Ingeborg: Riga; Law-Robinson, Barbara: Riga
der schwarze Mann, Kinderschreck

Weinert, Paul: Riga
Kinderschreck. Wenn du nicht artig bist, dann holt dich der Bubbelmann, sagte meine Grossmutter Charlotte Weinert geb. Wadermann geb. 1824 in Linden-Festen / Livland.

bucksen V [h]
‣ Varianten: buchsen1, buxen
Vi, Vr 'mit geballter Faust schlagen, sich stoßen' de sich balgen, ringen, stoßen; et tõuklema, pukslema
sie bucksten mit einander
die Katze buckst mit dem Kopf

QUELLEN

Gutzeit 1859, 158
buchsen Die Bedeutungen dieses sehr gew. Wortes sind 1) ringen, sich balgen. Sie bucksten mit einander. Dasselbe ist sich bucksen. Sie bucksten sich. - 2) stoßen. Jemand fort bucksen, weiter bucksen, d.h. fort oder weiter stoßen; zu Jemand etwas bucksen: hinstoßen.
Grimm führt dies Wort, dessen Ableitung, ebenso wie die von baxen und boxen, er übergeht, nach Schmeller unter buchsen auf, in der Bed. von boxen und baxen, d.h. mit geballter Faust schlagen - eine Bed., die es hier, soviel mir bekannt, nie hat. Möglich, dass bucksen sich auf Buck = Bock, und buchen = bochen (schlagen, stoßen) zurückführen lasse; ebenso boxen auf Bock und bochen (wovon auch bochseln), und baxen auf baken (schlagen, stoßen). Vgl. bei Grimm baken, Bauke, bochen, Bock und buchen (mit kurzem u). Hätte diese Auseinandersetzung Grund, so müsste statt buchsen geschrieben werden: bucksen, statt boxen: bocksen, und statt baxen: baksen oder backsen. Entsprechend dieser nahen Verwandtschaft ist auch die Grundbedeutung der erwähnten 3 Wörter: stoßen, und nicht gerade, wie Grimm anführt, stoßen oder schlagen mit Fäusten. Die gegenwärtig übliche Bed. derselben weicht bei uns eine von der andern ab, dergestalt, dass baxen (sich) nur die Bed. von sich balgen, sich herumstoßen hat; boxen ausschluießlich auf ein Schlagen oder Stoßen mit Fäusten geht; bucksen endlich theils (zielhaft) stoßen, theils (reciprok) sich balgen, sich herumstoßen, bezeichnet.
Aus der Bed. von stoßen, fortstoßen, stoßend zur Seite bringen oder entfernen, welche das Wort bucksen hat, könnte sich ungezwungen die Bed. des bei Grimm unter buxen (buchsen) angeführten Wortes: mausen, stibitzen, herleiten lassen, und dies Wort dann nicht auf Buxen oder Büxen (Hosen) zurückzuleiten, sondern mit bucksen ein und dasselbe sein. Möglich ist, dass selbst das Wort bugsieren oder bogsieren auf buchsen oder buksen (und weiter auf Buck od. Bock) zurückzuführen ist, obgleich bugsiren ein Fortziehen, bucksen ein Stoßen bezeichnet. Grimm leitet bugsiren ab von Bug, Vordertheil eines Schiffes, „da, wie man anschlagen könnte, das Altertum sich die Schiffe als Rosse dachte.“
Entsprechende Wörter sind im Englischen für boxen das bekannte to box, und für bucksen, to buck, mit den Hörnern stoßen; im Lettischen für bucksen: buksteht, aber auch noch zu vergleichen die lettischen Wörter pukkoht, pochen, und puksteht, klopfen (vom Herzen); und die französ. bouger und pousser, und das lat. pugnus, Faust, wovon pugio.

Sallmann 1880, 29, 30
buksen stoßen, sich balgen, auch baksen.
buxen stehlen, eig. heimlich in die Hosentasche stecken.

Gutzeit 1886, 192
bucksen Im Lett. bed. bukstiht mit der Faust stoßen, Rippenstöße oder Puffe geben, vgl. russ. бухать, бушкаться u. букать.

Seemann von Jesersky 1913, 108
bucksen stoßen. Die Katze buckst mit dem Kopfe.

Kobolt 1990, 76
bucksen schw. V. stoßen, z.B. Die Katze buckst mit dem Kopf.
mnd. boken schlagen; buck Bock.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
bucksen - stossen. Habe ich nicht gebuckst; das Bucksen hört sofort auf! Was ist das hier für eine Buckserei.

Budiker der

QUELLEN

Nottbeck 1987, 23
Inhaber eines kleinen Ladens / E.L.
Der Budiker gab den Kindern jedesmal ein Bonbon.


QUELLEN (Informanten)
Lange, Harald: Riga, Südlivland
Inhaber einer Bude, Kaufmann

Weinert, Paul: Riga
Lebensmittelhändler


Kolonialwarenhändler, WL 8,36.

-chen Suff

QUELLEN

Gutzeit 1859, 166f.
1) Grimm sagt II. 615. 4., es sei hart und unaussprechlich in Wörtern, die auf g oder ch ausgehn. Wer möchte, fragt er, Tag, Auge, Wiege, König verkleinern in Tagchen, Augchen, Wiegchen, [S. 166-169]

Gutzeit 1886, 203
Die Vielzal d. Kleinerungswörter zeigt doppelte Form. Man sagt: die Männchen, die Weibchen u. die Männerchen, die Weiberchen; die Endchen und Enderchen von Licht u. Brot; die Lichtchen und Lichterchen. Oft wird noch ein s angehängt: die Weiberchens, Knöcherchens, Enderchens, Lichterchens. Bedeutet Männchen u. Weibchen das Väterchen und Mütterchen der Thiere, so lautet d. Vielzal ganz wie die Einzal. - Die Gartenlaube 1864 Nr. 43 gibt eine Menge Belege, wie auch in d. Kindersprache Deutschlands Kleinerungen überaus gewönlich sind.

Worms 1899, 53, 65, 239, 420
Jungchen (53)
Vaterchen (65, 239 u.a.)
Wurmchen (auf ein kleines Kind bezogen) (420)
Mauschen (98)
Gottchen! ach Gottchen! wai Gottchen! (Lettizismus) (70) [+ Erdkinder 22, 83; Die Stillen im Lande 36; Aus roter Dämmerung 83]

Kobolt 1990, 79f.
Verkleinerungssilbe, oft ohne Verursachung eines Umlauts, z.B.: Hundchen, Pfannchen.
mnd. -ken; plattd. oft ohne Umlaut, z.B.: Schafchen, Uhrchen; pr. -ken, -ke. Der Umlaut tritt mundartlich im Diminutiv nicht auf. nhd. -chen Verkleinerungssilbe.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Baltische Verkleinerungsformen
In der Verkleinerungsform wandelt sich in der Einzahl die Buchstaben a, o, u nicht in ä, ö, ü um. Zum Beispiel: Hundchen, Katzchen, Haschen, Kalbchen, Hoschen, Gartchen, Kuhchen, Stuhlchen, Hahnchen, Huhnchen, Baumchen, Strauchchen, Glaschen, Hauschen, Zaunchen, Schafchen, Lammchen, Kalkuhnchen, Halmchen u.s.w.

Das sind Kinderfragen mit Zucker bestreut

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
wenn Kinder zu viel wissen wollten

id das Sparren hebenSparren
et sarikaid püsti ajama

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
Aufrichten
Heute wurden die Sparren gehoben. Die Sparren werden heute gehoben

deicht Adj

QUELLEN

Hupel 1795a, 17, 47
deicht, dicht, ein dichter Kamm, nicht deichter Kamm.
Deicht wird oft st. dicht gesagt; eben so undeicht st. undicht.

Buddeus 1847, 323
Vielleicht kommt auch eine der Bracken herangeraschelt, sieht den Reiter eine Sekunde lang wedelnd an und tänzelt dann schnobernd wieder hinein in „das Deichte“ (dichtes Holz).

Gutzeit 1864, 180
deicht, im Sinne von dicht. 1) dicht schließend. Deichte Thür; deichtes Fass, das nicht leckt, keine Ritzen hat. 2) dicht neben einander. Deichter Kamm, dessen Zähne dicht neben einander stehn: ein sog. dichter oder feiner (Lausekamm). Schon Bg. u. St.; deichter Wald, deichter, schon St.; deichte Leinwand, deren Fäden gedrängt neben einander laufen, schon St. In Deichten, Dickigt. St.
Im Mittelstande gew.; in gebildeten Kreisen als unedel gemieden u. durch dicht vertreten; in ält. livl. Schriften vielleicht häufiger als dicht; nur in 328 nicht zu finden, wo stets dicht u. undicht vorkommen. - Grimm nennt die Schreibart deicht besser als dicht.

Sallmann 1880, 118
deicht dicht, gleichen Stammes mit gedeihen nach md. dîchte...

Seemann von Jesersky 1913, 111
Br. dägt, dicht, auch grob, deicht halt: verschwiegen sein.

Masing 1926b, 54
deicht: eine deichte Geschichte, ein deichter Knot 'gediegen, tüchtig, derb' (mnd. dege 'tüchtig'; Grimme, S. 152 dēcht; Frischbier I, S. 135 und 136).


QUELLEN (Informanten)
Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland
deicht - ganz gemein
Der Ausdruck ist mir von meiner Dorpater Studentenzeit nur in der Verbindung "ein deichter Knot" bekannt.

Weinert, Paul: Riga
deicht - dicht
Es regnet deicht.

id die alte FigurFigur

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
Die alte Figur war eine alte Schachtel.

id die alte HeerstraßeHeerstraße

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
die alte Heerstraße uralte Landstrassen

id die eilige Katharina
'der Durchfall'

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
Er hatte in der Nacht die eilige Katharina, er musste mehrmals auf das Kammerchen laufen. Er hat die Katharina.

die Lampe dampftdampfen, Lampe

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
Du hast den Docht zu hoch geschraubt, die Lampe dampft.

id die 12 Rauhnächte

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
die 12 heiligen Nächte. die Zeit zwischen Weihnächten und „Heilige Drei Könige“.

Dorndreher der

QUELLEN

Pantenius 1881, 258
der Würger


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Meine Grossmutter Charlotte Weinert geb. Wadermann geb. 1824 in Süd-Livland hat mir früher viel vom seltsamen Vogel dem „Dorndreher“ erzählt.

durch2 Adv
‣ Varianten: durje
attr
ich hatte eine durje Nacht 'schlaflose, schlechte Nacht'
du hast wieder durje Strümpfe 'zerrissene und durchlöcherte Strümpfe'

QUELLEN

Krüger 1832, 333
durch [plattd. Einfluß]
Schnädchen, Krömer, Korst, er stillt (statt stiehlt), trüpfen, betrüpfen, Flicker, rujeniren, kahle Fihß, Kruhs, ein durger Sack (Verschwender) und Herzspohl (das Herz und der Kröbs im Apfel, auch Gehäuse genannt).

Gutzeit 1864, 209
durch, beiwörtlich. Besonders in Kurland; in Riga wol nur von Einzüglingen aus Kurland gebraucht; im Munde Rigischer nur im Scherz; den kurschen Gebrauch nachahmend; in Estland unbekannt nach 175. 1861. 4. - Ein durcher Eisgang in der Düna, wenn das Eis mit voller Kraft und in ganzer Masse zur See hinausgeht; durche Eisgänge vertiefen die Flussmündung. Durchen Lein haben, Durchfall; durche Stiefeln, Ärmel; eine durche Socke. - Ein durcher Sack bed. 1) einen Sack, der ein Loch od. Löcher hat; zuerst bei St.; 2) einen Verschwender. Zuerst in 319: ein durger Sack; daselbst aus dem nd. erklärt (?) - Im Scherz: ein Durcher, der durchgebrannt ist. vgl. entzwei u. zu. - das ch wird in Riga gew. wie ch, in Kurland wie g oder j gesprochen. - vgl. bei Grimm dürchel.

Gutzeit 1886, 224
durch als Beiw., vielleicht dem lett. zaurs nachgebildet. Bei Stender zuerst; ein durcher Sack, d.h. löchericht. Nach Livland, wie es scheint, aus Kurland herübergebracht. Ein durcher Sack heißt im Scherz auch ein Verschwender. Die ganze durche Nacht nicht schlafen; ein durcher Eisgang in der Düna, der alles an Sandbänken u. dgl. mit fortnimmt.

Westermann 1887, 388
durch häufig, namentlich in Kurland, attributiv gebraucht und alsdann flektiert, z.B. durche Stiefel (zerrissene), ein durcher Sack (Verschwender)

Kobolt 1990, 89
durch Adv., auch Adj. z.B.: durche Sohlen, d.h. kaputte Sohlen
mnd. dorch; plattd. dörch; nhd. durch.
Bestandteil zahlloser zusammengesetzter Verben.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Olga: Kurland
die durje Nacht - 'schlaflose, schlechte Nacht'
Ich hatte eine durje Nacht.
die durjen Strümpfe - zerrissene und durchlöcherte Strümpfe
Du hast wieder durje Strümpfe.

id eine Lanze brechen

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
eine Lanze brechen - sich einsetzen
Ich hatte für ihn eine Lanze gebrochen, d.h. ich hatte mich für ihn eingesetzt und für ihn ein gutes Wort eingelegt und ihn verteidigt.

id ein Endchen weiterEndchen

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
ein Endchen weiter - ein Stückchen weiter
Das andere Gut liegt ein Endchen weiter.

id einen Sparren habenSparren

QUELLEN (Informanten)

Schönfeldt, Sigrid: Riga
etwas verrückt
Ach, der hat ja 'nen Sparren!

Weinert, Paul: Riga
Er hat einen Vogel

id einen Strich habenStrich

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
einen Schwips haben
Er hatte gestern einen Strich, als er spätabends nach Hause kam.

einfuchsen

QUELLEN

Gutzeit 1864, 232
einfuchsen, einschulen, einüben, einmopsen, einen auf etwas od. einem etwas

Sallmann 1880, 112
einfuchsen auf etwas abrichten

Seemann von Jesersky 1913, 115
eine Fertigkeit beibringen

Nottbeck 1987, 28
beibringen, einarbeiten / E.K.L.R.
Meinen Nachfolger muß ich noch einfuchsen.

Kobolt 1990, 94
einfuchsen schw. V. einüben, anlernen, einarbeiten
ostpr. einfuchsen eintrichtern; nhd. nur Part. eingefuchst eingearbeitet.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Ich habe dich dazu gut eingefuchst.
Das Einfuchsen machte ihm keine Freude; die Einfuchserei gefiel ihm nicht.

einlernen

QUELLEN

Sallmann 1880, 102
einlernen ausbilden, eingelernt ausgebildet: „eine eingelernte, d. i. gelernte Nähterin“.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
einlernen - anlernen
Er hatte sich gut eingelernt. Er hatte sich beim Tischler gut eingelernt. Sie wurde eingelernt
das Einlernen „Er lernt sich ein als Klempner“
die Einlernerei
So sprechen die aöten Leute in Riga.

Einpandeln das

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
das Einpandeln (Einpaudeln?) - Einschachteln
Hast du dich nun endlich eingepandelt (eingekramt) Die Hüte sind nun alle eingepandelt ( in den Hutpandeln).

Einpummeln das

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
das Einpummeln: Diese Einpummelei mag ich gar nicht (die Einpummelei). Jetzt bist du warm eingepummelt, jetzt darfst du hinauslaufen. So warm verpummelt kannst du garnicht frieren.

einsalzen

QUELLEN

Gutzeit 1864, 242
einsalzen, 1) einem etwas, einpfeffern. Ich will ihm das schon einsalzen. — 2) bildl. seine Wohnung kann er einsalzen, für sich behalten, wird sie nicht vermieten; sie wird ihre Töchter einsalzen, nicht loswerden.

Kobolt 1990, 96
einsalzen Imperf. schwach, Partizip stark, pökeln; für sich behalten, z.B.: Du kannst dich mit deiner Einladung einsalzen!
Wohl kein platt., da salzen hochd.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Du kannst dich einsalzen.

einsargen

QUELLEN

Sallmann 1880, 103
einsargen eine Leiche, in den Sarg legen; auch nd.

Gutzeit 1886, 238
einsargen. Wie eingesargt aussehen, wie im Sarge liegend, wie ein Todter. Von Leuten, die sehr elend und abgemagert sind.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Du kannst Deine Hoffnungen einsargen und deine Pläne begraben. Du kannst Dich einsargen lassen (oder einsalzen).

eintunteln V [h]
Vt, Vr

QUELLEN

Gutzeit 1864, 248
eintunteln, dick u...warm ankleiden, namentlich mit vielen Überkleidern bekleiden, halblettisch.

Westermann 1887, 387
eintunteln - in warme Kleidungsstücke einhüllen.

Nottbeck 1987, 29
eintunteln - warm anziehen, zudecken / E.K.L.R.
Bevor die Kinder hinausgingen, wurden sie eingetuntelt.

Kobolt 1990, 96
eintunteln schw. V. dicht und warm ankleiden, einwickeln.
Br. Wb. tunteln verwickeln, ineinander schlingen.


QUELLEN (Informanten)
Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland
sich eintunteln - „Es ist bitterkalt heute. Tuntel dich nur ordentlich warm in deinen Pelz ein, damit du nicht frierst!“

Weinert, Paul: Riga
das Eintunteln - Einhüllen. Jetzt habe ich dich gut eingetuntelt (zugedeckt) jetzt kannst du ruhig schlafen. Oh diese Eintuntelei! vertuntelt.

Kerkovius, Martha: Riga
eintunteln - sich sehr dick anziehen.

Engelshaar das

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
Ich habe den Weihnachtsbaum geschmückt, jetzt muss noch zuletzt das Engelshaar an die Äste.
Früher vor 1914 gab es zum Schmücken des Weihnachtsbaums dünne haarähnliche Fäden in den Farben: gold und silber, es hiess das Engelshaar.

Fagieren das

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
das Herumagieren

Fips der

QUELLEN

Gutzeit 1864, 182
Fips, der (ᴗ) Fick.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
der Fips - fixe Idee

Firlefanz der

QUELLEN

Gutzeit 1886, 272
Firlefanz, der. Dies, neben firlefanzen, firlefanzig, Firlefanzigkeit und Firlefanzerei, hier gew. Wort wird in 2 Bedeutungen gebraucht. 1) wertlose Kleinigkeit, die durch äußeren Schein blenden oder täuschen kann. Durch den F. lasse ich mich nicht täuschen; an dem Kleide war allerlei F. angebracht. 2) unbedeutende, durch äußeren Schein täuschende, geckenhafte Person. An den F. hängt sie sich!
Die in Grimms Wtb. versuchte Herleitung lasst ebenso unbefriedigt wie bei Alfanz. Bringt man, wie Grimm, Fnnzzusammen mit Fanz, Fenz, d. i. Taugenichts,Tagedieb, so kann Firlefanz —mag das dunkle, bisher nicht erklärte firlebezeichnen was es wolle — keinen Tanzbezeichnen, auch nicht etwas Geckenhaftes,Eulenspieglerisches; der Begriff des Worteskönnte sich nur auf eine Person beziehen,vgl. Alfanzerei.

Gutzeit 1898, 11
Firlefanz. Wahrscheinlich Verunstaltung eines französischen Ausdrucks, ebenso wie Alfanz. Zur Aufklärung dient das Zw. firlefanzen, in Grimms Wtb. erklärt ineptire, kindisch, albern thun. Diese Bed. stimmt mit faire l'enfant. Firlefanzerei wäre somit Albernheit, Kinderei, possenhaftes Benemen, Firlefanz ein kindisch sich geberdender Mensch. Einen Ausdruck ähnlicher Bildung habe ich einst im Innern des Reichs vernommen aus Damenmunde der vornehmen Gesellschaft: ферлякуръ Hofmacher und Damenfreund, und ферлякурить — fair la cour. Die in Grimms Wtb. als „ursprüngliche“ Bedeutung bezeichnete „Tanz“ ist daher als eine übertragene anzusehen, hervorgegangen aus dem Begriff Albernheit, kindisches Gebaren, vgl. Nachträge v. 1886. 272 und ebenda S. 27 Alfanzerei und in den jetzigen Nachträgen Alfanz.


QUELLEN (Informanten)
Lange, Harald: Riga, Südlivland
Firlefanz - Nichtsnutz. Ein Firlefanz von Junge!

Weinert, Paul: Riga
Du bist ein kleiner Firlefanz (d. h. ein Hans-Kaspar)

Fischfrau die

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
die lettische Fischfrau - Sie war eine Lettin bis 1939
Die lettische Fischfrau fuhr auf einem kleinen Handwagen Fische zum Verkauf durch die Vorstadtstrassen Rigas. Sie rief: „Renges, Renges, svaigas, žavetas Renges.“ )Ströhmlinge, frische geräucherte Ströhmlinge) Sie verkaufte geräucherte Ströhmlinge Bundweise und auch frische Ströhmlinge sowie Butten, manchmal auch andere Fische für billiges Geld.

Flittchen das

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
Flittchen. Sie war ein leichtsinniges Flittchen.

id Früh gesattelt, spät geritten

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
altes Sprichwort

Führchen das

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
das Führchen - kleine Fuhre
Wir hatten ein Fuhrchen Holz gekriegt.

Galahn der
‣ Varianten: Galan

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
der Gala 'Verehrer oder Liebhaber' Sie war in Begleitung eines Galahns erschienen.

Gardawoi
‣ Varianten: Garadawoi, Gorodowoi, Gradawoi

QUELLEN

Eckardt 1904, 27
Gorodowoi 'Schutzmann'

Seemann von Jesersky 1913, 122
Gradawoi 'Stadtsoldat, Schutzmann', vgl. Gardawoi

Kiparsky 1936, 154
Gar(a)dawoi [garadavói], Gradawoi [gradavói] m. 'Polizeisoldat' ‹ r. городовóй id. - E.L.K. Sallmann N. 11, G. Eckardt 19, Jesersky 122. Dazu: Gardawicken [gardawíkən] 'Scheltwort für Polizisten' (Masing Schelten S. 413).

Kobolt 1990, 100
Gardawoi, Gorodowoi, Betonung auf der Endsilbe, m Schutzmann, Polizist
russ. gorodowoi (gesprochen: gar(a)dawoi) Schutzmann.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
der Gardawoj - der russische Polizist der Zarenzeit. Riga bis 1917.
Der Gardawoj war der Hüter der Ordnung in Riga, er war fast ausnahmslos Russe. Mit der russischen Revolution 1917 verschwand er für immer aus dem Stadtbilde Rigas.

Gardemass das

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
das Gardemass. Er hatte das Gardemass (d.h. er war ein langer Kerl).

Glaser der

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
der Glaser (Er war meistens ein Lette und ein alter Mann)
Der Glaser trug ein Holzgestell mit Glas auf seinem Rücken. Er kam in die Vorstadthöfe und musterte alle Fenster, ob nicht irgendwo eins zerbrochen. Hatte er eins entdeckt, so kam er gleich und bot seine Dienste an. Er ging auch durch die Höfe und machte sich durch Rufe bemerkbar.

grandig Adj
‣ Varianten: grantig

QUELLEN

Lange 1772-1777, I 290, II 340
grandicht
granticht

Worms 1901, 47
Ich bin heute grandig und dürfte dich nur schlecht unterhalten.

Seemann von Jesersky 1913, 122
grandig 'grantig, groß, stark', auch: 'böse'

Küpper ...
grantig adj. gereizt, schlechtgelaunt, mürrisch. Leitet sich von „Grand = grober Kiessand“ her. 'Grandig ist 'sandig', dann 'rauh' und meint, auf den Menschen übertragen, seine rauhe, ungesellige, abstoßende Seite. Seit dem 16. Jh.; ma. vor allem im Südd. und Österr. Dazu Grantigkeit f.

Kobolt 1990, 117
grandig, grantig Adj., Adv. böse, zornig, gereizt
Br.Wb. grandig groß, arg; Siev. grannig schlecht gelaunt, wütend; schl. grannig grob, unwirsch; nhd. grantig mürrisch.


QUELLEN

grandig nicht spez. baltisch 'mürrisch'. (granserig b. Lindner)


grandig 'verdrießlich' (grantig mehrfach belegt!) WL 3,18. spez. baltisch? 10x im lett. Spr. belegt.

Weinert, Paul: Riga
grandig 'verdrießlich' WL 3,20.

Lemm, Robert von: Reval, Dorpat
grandig, grantig 'brummig, kratzbürstig, knurrig, unfreundlich'

Lange, Harald: Riga, Südlivland
grandig sein 'schlechter Laune, mißgelaunt'
Sie ist heute aber grandig. Grandige Person.

Grobbrotkuchen der

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
dieser Kuchen war aus geriebenen Resten von grobem Brot (d.d. gesäuertem Roggen-Schrot-Brot) hergestellt. Er hatte Zuckerguss und wurde in Stücke geschnitten auf dem Düna-Markte für einige Kopeken oder Santim verkauft.

id grüne SuppeSuppe, grün

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
Am Gründonnerstage musste immer traditionsgemäss eine grüne Suppe (Sauerampfer oder Anderes) gegessen werden.

hai Adj

QUELLEN

Sallmann 1880, 49
hei (hai) sein befangen, niedergeschlagen, gedrückter Stimmung, aus Furcht lautlos sein, ahd. hei heiß, verbrannt, ausgetrocknet, versengt; vgl. estn. haige krank, schw. haj bestürzt, erschrocken.

Westermann 1887, 387
hai 'sich in Aufregung befindend'

Gutzeit 1889b, 469
hai, mit deutlichem ai gesprochen. 1) in Riga ist eine gew. Ra.: Hai sein, wild, in Aufregung. Der war Hai! aufgeregt, kam in Aufregung, war erstaunt. Da war oder hieß es Hai, d. h. rasch bei der That sein. 2) hai sein, gedrückter Stimmung sein, 390a. 37. In diesem Sinn von Bertram in 382 benutzt: Was sehen Sie heute so hai und so kui aus, sitzen Sie in der Patsche? Wenn nicht das estn. haige, krank, so entsprechend dem schwed. haj, erschrocken, bestürzt.

Seemann von Jesersky 1913, 124
hai, schw. haj erschrocken, erstaunt, mißtrauisch.

Vegesack 1935, 329
hai sein 'vorzeitig fordern' (Student)

Kiparsky 1936, 129
hai [hai] 'scheu, misstrauisch, verschüchtert, argwöhnisch' (Dorpat), 'wild, in Aufregung' (Riga). 'gedrückter Stimmung' (Estland); meistens nur als prädikatives Adjektiv. Ob die Quelle des Wortes estn. (dörpt.) hai 'furchtsam, scheu' oder schw. haj 'som hajar till, förskräckt, rädd, ängslig; bestört, häpen, flat' sei, ist schwer zu entscheiden, doch würde man aus der Verbreitung des bd. hai eher auf die letztere Quelle schliessen, wie es schon Gutzeit I, 469 und Jesersky 124 getan haben. Über die Etymologie des schw. Wortes, das vielleicht selbst estn. oder finn. Ursprungs ist, vgl. Saxén Finska Lånord 120 und Hellquist EO. s.v.

Nottbeck 1987, 36
hai - mißtrauisch / E.K.
Als er das hörte, wurde er hai.

Kobolt 1990, 122
hai Adj., Adv. empfindlich, leicht angerührt, z.B.: Sei doch nicht gleich so hai bei jedem kleinsten Scherz!
schw. haj verblüfft.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
hai sein 'gespannt sein auf etwas'
Ich bin hai darauf, wie diese Sache ausgeht.

Hakelwerk das
‣ Varianten: Hackelwerk, Hakelwerck

QUELLEN

Bergmann 1785, 28
hakelwerck, ein ehemals umpfählt gewesener Ort. Eine Umpfählung.

Hupel 1795a, 87
Hackelwerk, das (eigentlich Hakelwerk) heißt ein von deutschen Leuten bewohnter kleiner Flecken, sonderlich bey einem Schloß oder Landgut. Zuweilen wird eine Vorstadt so genannt. Bergm. sagt eine Umpfählung.

Sallmann 1880, 54, 66
... Hakelwerk, Hakelwerker, ...
Hakelwerk ein im Entstehn begriffener Flecken ohne Stadtrechte; Hakelwerker Bewohner eines solchen; eig. = sepimentum virgulteum (Chytr.) die vor oder unter einer Burg angebaute, mit einer starken Palissadenumzäunung(hagen) geschützte Wohnung.

Gutzeit 1889b, 466
Hackelwerk und Hackelwerker, s Hakelwerk

Gutzeit 1889b, 469f.
Hakelwerk, kleiner Flecken, bei einem Schloss oder auf einem Landgut; selbst eine kleine Vorstadt, Paelwerk, von Pinien umgebener Ort. Bergmann erklärt: ein ehemals umpfält gewesener Ort, Umpfälung. Hakelwerk bedeutet, sagt Gadebusch(325), in Niedersachsen einen Zaun, der so errichtet ist, daß er oben in- und auswendig wie ein Haken aussieht und etwa die Gestalt eines römischen X hat. Die ersten deutschen Einwohner in Liefland kamen aus Niedersachsen her, und wenn sie sich bei einem Schlosse niederließen, versahen sie ihre Wohnplätze mit solchen Hakelwerken. Oder man umgab den ganzen Wohnplatz bei einem Schlosse oder einer Stadt mit einem gemeinschaftlichen Hakelwerke. Daher Hakelwerk in Liefland eine Vorstadt oder Vorburg bis auf den heutigen Tag heißt, und sowol münd- als schriftlich gebraucht wird.“ — Limmer (363. 63) sagt: die Bischöfe und Ritter legten bei ihren Burgen Städtchen an oder Flecken, welche von ihrer Umgebung mit Pallisaden seine Umzäunung, im Altdeutschen hag oder hack) Hakelwerke hießen.
Das Grimmsche Wtb. hat Hakelwerk in der Bed. von Umhegung, und bemerkt, dass die Begriffserweiterung in eine Art Vorwerk nur in Preußen und den deutschen Ostseeprovinzen zu gelten scheint. Auch Schiller-Lübben's mnd. Wtb. kennt nur die Bed. von „Umzäunung eines Grundstückes oder Gehöftes“. Bei uns ist diese Bedeutung unbekannt.
Hakelwerk, in Alnpeke hachelwere, in der Urk. v. 1366 (399. II. 755) hachilwerk (di genantin vorbrantin das hachilwerch des huses Dunemunde), in lat. Urkunden suburbium, stammt, nicht von hacken, sondern von hac oder hack, Einhegung mit Pfälen. Im 15. oder 16. Jahrh. hatte fast jedes Schloß ein Hackelwerk, 174. 1825. 316. In der Nähe der Schlösser lag die sog. Vorburg oder das Hakelwerk, welches den Schloß bedienten, deutschen Handwerkern, Krämern und Gewerbsleuten zum Aufenthalt diente, und woraus sich dann die kleinen Städte bildeten. Aus dieser mit einem Pfahlwerke eingefassten Vorburg u. s. w. 190. S. . . . In Russow: Hackelwerk. Der Herausgeber erklärt: die vor oder unter einer Burg angebauten Wohnungen, so benannt von der sie umgebenden Pallisadenumzäunung. Die Einwohner des Weichbildes oder Hakelwerkes zu Wesenberg, Plettenbergs Bestätigung für Wesenberg v. 1512. vgl. 367. 150. Am 20. November 1621 schenkte Gustav Adolf der Stadt Riga das Gebiet und Hakelwerk Lemsal, 347. II. 1. 218. Buddenbrocks (193.) sagt: Das schon im Ritterrechte vorkommende Plattdeutsche Wort Palten heißt ein vor einer Burg angebauter Platz, und wird am Zweckmäßigsten durch Hakelwerk, wie man es jetzt nennen würde, übersetzt. In dem Maße, wie Hakelwerke anwachsen, werden sie allmälig zu Städten. In 349. XVI. 3 heißt es: es fanden sich zum Behuf des Schlosses und der Einwohner des Hakelwerkes (Lemsal) einige Handwerker ein. Jetzt ist Lemsal eine kleine Stadt. Nach dem Reichsgesetze sind erbliche Edelleute berechtigt, auf ihren Gütern Flecken oder sog. Hakelwerke anzulegen, 154. I. 67. 8. Es sind kleine, mit gewissen Handelsrechten versehene Orter. In Livland gibt es jetzt (vgl. Klingenberg, livländisches Adreßbuch v. 1871, 7 Hakelwerke: Aahof, Liagrad, Oberpahlen, Odenpäh, Rujen, Tschorna und Wöbs. Bekannt ist übrigens auch das Jamasche Hakelwerk bei Dorpat, und Hupel (182. I.) führt auch noch das Luhdische Hakelwerk bei Walk an. — Auch Dubbeln am rig. Strande wird in Anzeigen seit d. J. 1872 Hakelwerk genannt, vgl. Handelsflecken. Das Rujen-Torney'sche Hakelwerk.
Wir sprechen stets Ha-kelwerk, nie Hackelwerk. Es ist bei uns niemals „der lebendige durch behacktes Buschwerk gebildete Zaun“, wie das Grimmsche Wtb. erklärt, sondern war ursprünglich eine Einhegung durch Pfäle oder Palissaden. Eine solche Palissadeneinhegung bildete noch bis 1812 die Begrenzung der Vorstädte Rigas. Hupel in s. Idiotikon sagt: Hackelwerk, eigentlich Hakelwerk, heißt ein von deutschen Leuten bewohnter, kleiner Flecken, sonderlich bei einem Schloß oder Landgut.; dagegen in 182 [I 58: „Hackelwerk] nennt man bisweilen eine von Bauern bewohnte Vorstadt; aber auch die bey einem Schloß oder Gut wohnenden deutschen Handwerker, deren Anzahl noch nicht ein Flecken zu seyn hinreicht.“ In dieser letzten Bed. ist es gleich dem Wort Hakelwerker. — An unser Hakelwerk erinnert „der Hackel“, den Goeze in 373. 5. S. 453 und 461 anführt.

Worms 1906, 72
In den Kontureien.. und festen Edelhöfen der Stiftsritter bargen sich die einen andere verschanzten sich im Hakelwerk steingrauer Ordensburgen.

Worms 1917, 18
vor dem Hakelwerk Mitau, das noch erst eine Stadt werden sollte

Masing 1926b, 57
Hakelwerk „im Entstehen begriffener Flecken ohne Stadtrechte“ (mnd. hakelwerk „Umzäunung eines Grundstücks mit Pfählen und Dornen“; Frischbier II, S. 527 Hakelwerk „Stadtteil von Danzig, ursprünglich Ansiedelung polnischer oder Danziger Fischer“).

Munier-Wroblewski 1927-1931, 20
aus dem ... Hakelwerk Fischerhafen

HWbGA 1936, 202
Hakelwerk 'Flecken, Städtchen' altes deutsches Wort.

Kobolt 1990, 122
Hakelwerk n Flecken im Entstehen, Umzäunung mit Pfählen und Dornen
mnd. hakelwerk; pomm. Hakelwark Zäune, die oben mit Sträuchern und Dornen belegt werden.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
das Hackelwerk 'Marktflecken'


Hakelwerk für Vorwerk. WL 4,9. Je 1 mal im lett. u. estn. Spr. belegt.
Hakelwerk für Vorstadt (ärmlich). WL 5,35. 1 mal im lett., 2 mal im estn. Spr. belegt.

Haken der
‣ Varianten: Haaken, Hocken

DAZU:
einen Haken haben (id) 'eine Vorliebe haben'

QUELLEN

Bergmann 1785, 28
hacken - die eigentliche Name des itzigen in Livland üblichen Pfluges, vor alters mens [?] genannt, eine rigische Hakenkufe ist ohngefähr so viel Land das 200 Thaler jährlich austrägt.

Hupel 1795a, 84ff.
Haaken, der, ist noch jetzt der einzige aber höchst unsichere Maßstab, nach welchem die Größe der Landgüter und deren öffentliche Lasten berechnet werden. Ohne die Verschiedenheit auf Oesel, oder gar das ehemalige Längenmaß zu berühren, so erfordert man zu einem liefländischen Haaken, für 60 Thaler oder Rubel Abgaben und Frohndienste der Bauern, doch nach einer äusserst niedrigen Taxe (bey Kronsgütern werden auch Hofsfelder u.d.g. mit in Anschlag gedracht;) hingegen zu einem ehstländischen 5, an etlichen Orten auch mehrere, arbeitsame Mannspersonen von Bauerstande: und dies heißt in beiden Herzogtümern ein Revisions-Haaken, weil ihn die Revisions-Commission bestimmet. *)
Ein Bauer-Haaken hingegen besteht in den Ländereien, welche man unter der schwedischen Regierung für einen Haaken erkante. Derjenige Bauer welcher z.B. die Hälfte davon nutzet, heißt ein Halbhääkner: ein solcher mußte damals die ganze Woche hindurch mit einem Anspanne frohnen; jetzt leistet auf Privatgütern zuweilen ¼ Haaken eben so viel, wo nicht gar mehr. - Uebrigens hatte man schon in Ordenszeit in Liefland, Haaken; vielleicht brachte der aus Westphalen damals häusig hieher ziehende Adel diesen Ausdruck mit: wenigstens finde ich ihn in von Steinen's westphälischen Geschichte z.B. im 2. Th. S. 1562 u.a.O.m. unter andern vom Jahr 1385. - Neuerlicht hat man angefangen, auch nach Seelen, d.i. nach mähhlichen Köpfen, wie in Rußland, die Größe der Landgüter zu bestimmen: aber auch dieser Maaßstab thut keine Gefüge.
*) Neuerlichst sagte Snell in seiner Beschreib. der rußischen Provinzen an der Ostsee, ein Haaken Landes sey ein Platz auf welchem sich 10 Bauerfamilien nähren können!!

Hupel 1795a, 87, 88
Hacken Landes st. Haaken, ist eine falsche Schreibart.
Haken und Orse (Wie im Brand.) sollten eigentlich Geft und Schlinge oder Ohr heißen.

Gutzeit 1877
Haken, der, früher oft Hacken oder Haacken geschrieben. 1) die ursprüngliche Benennung des jetzt sog. Hakenpflugs. Arndt (179. I. 92) sagt: Haken, uncus, nannte man anfänglich, wegen seines Haupttheils, einen Pflug, hernach ein Stück Landes, so viel nämlich 2 Pferde in einem Tage umackern können. Bergmann (164) bemerkt: Haken, der eigentliche Name des itzigen in Livland üblichen Pflugs, vor Alters uncus genannt. Hueck (190. 64) sagt: der Pflug (in Liv- und Estland) ist fast überall ein Hakenpflug(estnisch sahk, lett. arkles, russ. сохá); der einfache Haken oder Schweinsrüssel(estn. adder) ist in der Wiek noch jetzt im Gebrauch. — Alle diese Wörter stehen in Verwandtschaft. Denn das russische сохá findet sich in Ostpreußen wieder als Zogge oder Zoche; dem Ssochá entspricht aber auch das estnische sahk, Pflug, das franz. le soc, Pflugschar, und das deutsche Sech, und das gothische hôha, Pflug, dem wiederum Haken angehört.
Unsere Schriftsteller scheinen das Wort Haken (Pflug) als ein allgemein bekanntes anzusehen. Doch kennt Schiller-Lübben's mnd., und ebenso wenig das brem. Wtb. das Wort in der Bed. von Pflug; selbst Grimms Wtb. belegt es aus Deutschland kaum. Thatsache ist auch, dass es bei unseren landwirtsch. Schriftstellern Gubert und Hermann v. Neidenburg nicht vorkommt, und nur vereinzelt in alten Urkunden. So (vielleicht zuerst) in d. Urk. v. 1252. 18. October: geven von eine jeglichen haken ein culmit roggen; dann in d. Urk. v. 4. April 1253: mit allen landen und wiltnisse, dar die haken gehaket hevet, und ebda, noch ein Mal: mit allen landen und wiltnisse, dar die haken gehaket hebben. Man könnte in diesen Stellen an „die Hacke“ denken; der latein. Text setzt aber: cum terris quas coluerunt unco. — Eine noch nicht aufgeworfene Frage ist, ob das lat. uncus eine Übersetzung des deutschen Wortes Haken ist, oder ob das Umgekehrte stattgefunden. Das classische Altertum kannte uncus weder in der Bed. von Pflug noch von Landmaß.
Von dem Haken oder Pfluge, genauer nach der Zahl der Pflüge, erhoben die deutschen Herren im alten Livland die Abgaben. Schon im J. 1206 (s. Origines Livoniae p. 43) versprechen die Lennewardschen (in Livland) ½ Lispfund Roggen von jedem Pfluge zu entrichten; im J. 1211 wird auf Bitte der Letten der Zehente in die Abgabe eines Scheffels von jedem Pferde verwandelt; bei den Kuren 1220 die jährliche Abgabe eines halben Lispfundes Roggen von jedem Haken oder Pfluge festgesetzt. Indessen ist zu bemerken, dass das livl. Urkundenbuch (399) erst beim J. 1230 den Nachweis von Abgaben liefert, welche die Eingeborenen vom Haken (Pfluge) entrichten sollten: quod de quolibet, unco colverent nobis dimidium talentnm siliginis. Hueck (190. 62) bemerkt: „Da das ursprüngliche landwirthschaftliche Ackerwerkzeug jene Form hatte, die noch jetzt in denjenigen Gegenden Deutschlands, welche früher von Wenden bewohnt waren, gebräuchlich ist und mit dem Namen Haken bezeichnet wird, so wurde die Abgabe auch nach diesem, nach dem Haken erhoben. „Diese Behauptung, der Haken sei slavischen Völkern, der Pflug dagegen deutschen eigen, ist in solch' allgemeiner Ausdehnung nicht richtig; der Haken ist als Vorläufer des Pfluges, sowol in slavischen als deutschen, lettischen und estnischen Gegenden da anzutreffen, wo das Ackerland auf vollkommenere Ackergeräte nicht hinwies, oder die Bevölkerung an den alten Gerätschaften zähe festhielt.
2) ein Landstück gewisser Größe undgewissen Ertrages, von Bunge in 399. „ein Ländereimaß“ erklärt. Die Entwickelung dieser Bedeutung aus dervorhergehenden ist schon oben angedeutet und es gilt fast für zweifellos, dass sich die Bedeutung Pflug in die von Landfläche erweiterte, welche mit einem Pfluge (und vermutlich auch Pferde) in einer gewissen Zeit zur Sat umgebrochen werden kann. Auch das Grimmsche Wtb. sagt, dass man als Maßstab für den Landtheil die Leistungsfähigkeit eines Hakenpfluges in einer gewissen Zeit, etwa einem Tage, zu Grunde gelegt. Die rig. Ztg. (1875. 117) bemerkt, dass das Wort Haken in Verbindung zu bringen ist mit dem Hakenpflug (die Zahl der Pflüge galt als Maßstab für die von den Bauern zu leistenden Frohntage [?]).Von Hagemeister, dem wir die hauptsächlichste Auseinandersetzung über den Haken verdanken, sagt (355. I. 1): Der bei den Letten und Slaven gebräuchliche Hakenpflug gab wahrscheinlich die Veranlassung zu der Benennung; noch jetzt bedeutet das lettische Wort arklis sowol jenen Pflug, als auch den Haken. - Diese Annahme ist indessen insofern zu ergänzen und berichtigen, als auch das lat. uncus und das estnische adder sowol Pflug als Landmaß bezeichnen, bei den Russen diese gleiche Bedeutung nicht, und wahrscheinlich auch bei den übrigen Slaven nicht vorkommt. — Abweichend äußert sich Jannau (157. I. 103 u. f.): „Haken kommt her vom Worte haga, welches einen Zaun bedeutet, oder nach Anderen ein Torf hieß, dabei tiefer Acker war (vgl. Dreger Codex diplomat. Pommerniae, S. 310). Nach dieser einfachen Hagen-, Zaun- oder Dorfrechnung schätzten die Wenden, die Pommern, die Preußen, die Polen ihre Güter und nahmen blos das urbare Land in Anschlag, aber nicht die Waldung. Wenn nun die Verordnung v. 1232 besagt, dass eine Hufe 30 Morgen halten soll, ein Morgen aber 40 Ruthen lang und 10 Ruthen breit sein muß, so folgt, dass damals flämische Hufen, mansi teutonici, galten, und dass ein jeder Morgen, die Ruthe zu 12 Schuh berechnet, 180 Schuh lang und 120 Schuh breit gewesen ist. Die ganze Hufe war also 10,800 Schuh oder 5400 Ellen lang, und 1600 Schuh oder 800 Ellen breit, und also kaum eine volle Tonne Aussaat.“ — Limmer (363) erklärt ähnlich. „Weil man, sagt er, ehemals nur das urbar gemachte Land umzäunte, dieses aber hag oder hack hieß, so entstand der Gebrauch, in Livland, Cur- und Estland die Größe der Güter nach Haken zu bestimmen.“ Nach dem Grimmschen Wtb. lautet das Wort Haken im ahd. hâco, hâgo, hacco und haggo, und Haken könnte somit nichts als Hag, Hagen sein, d. h. „eine aus geschlagenem Holze hergestellte Umfriedigung und sodann der umzogene Ort, mag er nun ein einziges Gebäude, ein Landgut oder ganzer Ort sein; nur bezeichnet Hag nie den eigentlichen Herrensitz“. Hag entspricht in dieser Hinsicht ganz unserem Haken, da diese Bezeichnung sich nur auf Bauerland bezieht. Indessen kommt das Wort Haken bei uns nie in der Gestalt von Hag oder Hagen vor, so dass der anmutenden Behauptung Jannaus keine Berechtigung zuzustehen scheint. — Die lateinische Bezeichnung uncus in der Bed. von Landteil finde ich zuerst in der Urk. vom 11. April 1226 (399. I. 2)): de terra cula centum unci; die deutsche Haken zuerst in der Urk. v. 1252. 18. October.
Auch diese Bedeutung (Ländereimaß) ist in Teutschland unbekannt. Schiller-Lübbens mnd. Wtb. belegt sie nur aus livl. Urkunden. Ob das lat. uncus eine Üebersetzung ist von Haken oder sogar von Hag, und aus dem Latein wiederum Haken entstanden?
Haken und Hufe wurden im alten Livland unterschieden. Nach Jannau (157. I. 104 u. 138) war Haken ein polnisches Maß, gleich 2 Hufen flämisch Maß; Haken = Hakenhufe. Nach Sallmann (390a. 26) weist Haken als Flächenmaß nach Westfalen, wo eine gewisse Art des Pfluges so hieß, wie noch heute in der Oberpfalz.
Zu Anfang des 17. Jahrh. kannte man in Livland 1) herrmeisterliche oder ordensmeisterliche Haken von 177 Tonnen Land; 2) plettenbergische von 96 Tonnen; 3) erzbischöfliche von 66 Tonnen rigisch; 4) polnische große zu 120 und 5) deutsche kleine von 30 Tonnen. Hagemeister in 355. I. 3. Nach einer Angabe in 350. XVIII. unterschied man 1) deutsche Haken, die kleinsten, welche mit 30 Tonnen rigisch besät werden. Das Land von 30 Tonnen wird in 3 Lohten oder Felder abgetheilt; 2) Herr Meister Haken, halten 60 Tonnen und werden gleichergestalt in 3 Löthen eingeteilt; 3) polnische, halten 120 Tonnen Landes, ebenfalls in 3 Lohten getheilt, davon jährlich 2 Lohte besät und das dritte ruht. — Das Privilegium Sigismundi Aug. u. 1561 bestimmt den Gehalt eines livländischen Hakens zu 66 Stricken oder Basten, deren jeder 66 Faden lang ist, d. h. auf 180 Tonnstellen oder 30 Morgen. Dieser livl. Haken Sigisnmnd August's ist demnach der sog. herrmeisterliche, ist gleich 66 □ Basten oder 180 Tonnstellen, d. h. gleich den Landhufen in Pommern, mansi teutonici. Hagemeister in 355. I. 3. Daher 66-bastige Haken, vgl. ebda. S. 14. — Ein alter liefländischer Haken Landes soll in sich haben 66 genierte Bast Landes, oder ein geviertes Stück Land, welches 11 Bast lang und 6 Bast breit ist, oder 748 Faden lang und 408 Faden breit, 350. XVIII. 2; ein rechter Meister Haken: ein Haken Landes hält 66 Bäste, ein Bast 66 Klaster, ebda. In einem Bast Landes, d. h. einem Stück Landes, das 238 rig. Ellen im Umkreis hat, über 5 Lof Roggen säen; in einem Haken aber 8 Last Roggen; des Hakens Umkreis ist 8092 Ellen, ebda. Dieses verschiedene Maß des Hakens hatte wahrscheinlich seinen Grund in der Leistungsfähigkeit eines Pfluges, welche wegen örtlicher Verhältnisse eine verschieden große sein konnte, wie etwa auf ebenem, leichtem, schwerem u. dgl. Boden. Da diese Ungleichheit des Hakens eine ungleiche Belastung des Landes mit Abgaben veranlasste, so wurde zu verschiedenen Zeiten die Hakengröße und Hakenzal revidirt, so namentlich in schwed. Zeit in d. J. 1638 u. 1683. Besonders „berühmt“ ist die Revision, welche nach der Einführung der Statthalterschaften angestellt wurde, vgl. Revisionshaken. „Händereien, die vormals bearbeitet wurden und als solche bei der schwed. Revision angeschlagen oder angeschrieben waren, aber aus Mangel an Menschen liegen blieben, hießen wüste Haken. Von ihnen wurden keine Abgaben erhoben, und in Ansehung solcher sagt man, das Gut könne noch in seiner Hakenzahl steigen, oder: das Gut hält 10 Haken, es kann aber 16 Haken werden, 180. I. Da wüste Haken keine Ansiedler haben, so heißen sie auch unbesetzte, zum Gegensatz der besetzten, d. h. mit Bauern. In demselben Sinne bewohnte und unbewohnte Haken. Die Ausdrücke wuste und besatte haken kommen schon in einer Urkunde u. 1410 vor.
Bis tief in die Zeit der schwed. Herrschaft bildete der Haken ein nach Ort und Zeit wechselndes Flächenmaß und erst durch die königliche Instruction v. 1687 wird das Memorial vom 30. Juni 1686 wurde eine Hakenberechnung geschaffen, die sich neben dem Flächeninhalte auch auf die Güte des Bodens gründen sollte, vgl. rig. Ztg. 1875. 117. Dasselbe Blatt brachte 1862. 272 u. f. sehr ausfürliche Auseinandersetzungen, nach welchen Haken 1) ursprünglich ein Flächenraum von 180 Tonnstellen Bauerlandes war, und bis 1687 90 Tonnstellen Ackerland und 90 Tonnstellen Buschland enthielt. Die Tonnstelle = 5/11 Dessätine. 2) seit 1687, richtiger, seit 1804 ist ein livländischer Haken ein Stück Bauerland verschiedener Größe und ohne bestimmten Flächenraum, welches eine gewisse Menge Brustacker. Wiesen, Garten- und Buschland enthält und eine Bodenrente von 80 Thaler schwedisch gewärt. Oder nach Hueck (190. 119): ein Stück Bauerland, Haken, welches von den 4 Gattungen zusammen für den Wert von 80 Thlr. umfasst. Die Bauer-V. O. von 1804 schreibt vor, dass statt der seit 1638 geltenden 60 Thlr. oder statt des früheren Anschlags von 60 Thlr. 80 Thlr. für einen Katen gerechnet werden, ferner dass jeder Haken mindestens für 60 Thlr. Brustacker und für 20 Thlr. Busch- und Gartenland enthalte. So ist der Haken ein Stück Bauerland, dessen Bodenrente 1687 zu 80 Thlr. angenommen und in eine Anzal dem Hofe zukommender Frontage und Naturallieferungen umgerechnet worden war. Seit der Vermessung Livlands von 1809 bis 1823 muss auf jeden Haken Bauerland ein Stück Hofsland — die Hofsquote — kommen von 60 Lofstellen in jedem Felde des Hofes bei der ehemaligen Dreifelderwirtschaft, vgl. Hagemeisterin 355 I. 14 und 20. — Von jedem Haien hatte der Bauer 6 Thlr. 36 Gr. zinsfrei, d. h. hatte für dieselben dem Herrn nichts zu leisten; für 36 Thlr. 72 Gr. leistete er Gehorch für 27 Thlr. 54 Gr. Hilfsgehorch (unbestimmte Dienste); für 9 Thlr. 18 Gr. Gerechtigkeit (Naturalabgaben) zu liefern, rig. Ztg. 1864.
Während somit früher Haken ein gewisses Landmaß vorstellte, hörte es später auf, ein solches zu sein und wurde ein Landstück verschiedener Größe, welches gewisse Leistungen erfüllen konnte. Daher sagt J. B. v. Fischer (447. 343): Jetzt(1753) werden die Haken auf adeligen oder Privatgütern, ohne die Äcker zu messen, nach der Zahl der Bauern und ihrem Vermögen, die Frohndienste oder, nach unserer Redensart, den Gehorch zu leisten, im gleichen nach ihren Getreide und anderen Zinsen, oder, wie wir sprechen, Gerechtigkeit taxiret, und nach solcher Taxe trägt das Gut die Onera an die hohe Krone ab. Die bei solchen Gütern einträglichen Appertinentien, als Mühlen, Krüge u. dgl. werden nicht taxiret, sondern nur gedachte Prästenda der Bauern und solche mit 60 dividiret, um die Rente von 1000 Rthlr. von einem Haken heraus zu bringen. Bei Domainen oder Publicgütern aber wird zwar die Hakenzahl ebenso gesuchet, aber der Hofsacker wird auch gemessen, und nach einer vorzüglichen Güte taxiret, imgleichen alle gedachte Appertinentien, und darnach die Arrende eingerichtet. Diese so determinirte Haken heißen Revisionshaken. Was man bey uns Bauerhaken nennt, ist eine beliebige Einrichtung eines Edelmannes, wie er ein Bauergesinde oder Bauerhof, nach der Zahl seiner arbeitsamen Einwohner will gehorchen und die Gerechtigkeit Zinsen lassen.
Haken ist, bemerkt Hupel in 182. I, das Maß zur Bestimmung der Größe eines Landgutes und dessen Kronsabgaben; in Estland geben die vorhandenen arbeitsamen Mannspersonen, in Livland das bearbeitete Land und dessen etwaiger Ertrag die Hakenzahl. Zu einem rigischen Haken gehörten, äußert Hupel (182. II.), 1) zwei wöchentliche Arbeiter das ganze Jahr hindurch zu Pferde oder mit Anspann. Man nannte sie auch 2 wöchentliche Pflüge. Wenn daher 4 Bauern auf dem Haken wohnten, so musste jeder dem Hofe 3 Tage hindurch einen Arbeiter mit einem Anspann (d. h. ein Pferd oder 2 Ochsen), mit allem zur vorfallenden Arbeit nötigen Gerät und dem Unterhalt für beide stellen. 2) zwei Fußarbeiter (Oterneken), die nur im Sommer zu Handdiensten gestellt werden, und zwar gewönlich von Georgi bis Michäli; 3) Hilfstage zu Fuß im Sommer, sonderlich zur Heu- und Kornernte; 4) allerlei Abgaben an Geld, Korn und andere Landerzeugnisse, welche der Bauer an den Gutsbesitzer jährlich liefern musste.
Als Flächenraum eines livländischen Bauerhakens kann 2 □ Werst angenom- werden. Die Berechnung dieser 2 □ Werst vgl. in 355. I. 2. Als Zahl der Insassen eines Hakens veranschlagt Hagemeister in 355. I. 19: 4 bis 8 Wirte und etwa 16—26 arbeitsfähige Menschen beiderlei Geschlechts, mit Kindern etwa 60 Seelen. Hueck (190. 119) rechne tauf jeden Hacken 20 arbeitsfähige Menschen (d. h. Männer von 17—60,und Weiber von 15—55 Jahren). Dies entspricht ganz einer Bestimmung, die 1714 in Kurland getroffen wurde: weil es unmöglich wäre, den vormals üblichen Fuß wiederherzustellen, sollten 60 tüchtige Mannespersonen auf einen Haken gerechnet werden, vgl. 180. IV. 22 25. — Für einen Haken, bemerkt v. Hagemeister,(355. l. 13) ist ein solches Gesinde zu rechnen, welches dem Hofe wöchentlich 6 Tage mit 2 Pflügen frönt.
Nach Haken, deren man livländische, estländische, öselsche, Bauer-, Revisions-, Gnaden-, Predigerwittwen-, Land-, Strand-, Tillhaken u. s. w. unterscheidet, bemisst man die Größe der Güter. Man fragt daher, wie viel Haken ein Gut hat, und antwortet, das Gut habe 10 Haken u. s. w. Diese Pauren besitzen einen ganzen Haken, gehorchen für ¾ Haken, 349. XII. I . 1641; der Pastor hat ½ Haken geschmolzen Land und ½ Haken Busch, 350. XXII. J. 1680.
Von dem Worte Haken, als Landmaß, sind eine Menge Zusammensetzungen gebräuchlich, die in Deutschland unbekannt sind.
3) eine selten begegnende, ganz veraltete Bedeutung ist: „ein auf einem Haken angesiedelter Bauer“, wie Bunge in 399. IV. nach einer Urk. v. 1410 erklärt: is min besitlike hake gewest under mi. Ein zweiter Beleg ist nicht vorhanden, und die Stelle daher Zweifelhaft. Schiller-Lübbens mnd. Wb. führt diesen Beleg, als einzigen, auf, — ohne Fragezeichen.
4) Haken, ehemals der schmale Strich Landes an der Semgaller Aa, auch Aahaken genannt. So in 335. 103. Eine rig. Handelsverordnung v. 1562 verbietet, Handel zu treiben auf dem Hacken bei der russischen Brücke. Brotze bemerkt dazu in Livonica XXIV.: „Haken hieß unten am Ende der Spilwe eine Landspitze, die nachher den Namen Ahaken führte, weil sie an der Mitauschen Aa liegt; man sieht, daß der Name russische Brücke einer Stelle unterhalb Riga gegeben wurde, welche es aber ist, weiß ich nicht“. — Haken und Aahaken ist hier die einzige derartige Wortverbindung. In Ostpreußen gibt es viele, z. B. der Marsch-Haken, der Radsen-Haken u. a. Man nennt dort Haken die ins Wasser springenden, sandigen Landzungen, welche durch Dünenbewegung entstehen, vgl. Berend's Dünenbildung, 1871. Der jetzigen Ortsbeschaffenheit nach müsste Haken die am linken Ufer der Aa befindliche Landzunge sein, auf der gegenwärtig Dünamünde liegt. Doch ist Aahaken (oder Bergshof) die Festlandsecke auf dem rechten Ufer der Aa, das Gut, auf dem der Flecken Bolderaa sich befindet. — Taxe für die Prahmbrücke bei Bolderaa oder Aahacken von 1808. Die russische Brücke war demnach, aller Wahrscheinlichkeit nach, eine Verbindungsbrücke wie die jetzige zwischen Bolderaa und Dünamünde.
5) Haken, in and. Bedeutungen: 1) Haken und Öse, gew. gesprochen Hak' und Öse, und ebenso in der Vz.: Hak' und Ösen. In derselben Bed. wie im nd. haken un eseken. Schon in 349. XXII. 1. J. 1669: Messingshaken und Ösen; dann 349. XXV. 1. J. 1669: für Haken und Ösen. Ebenso in 87. vgl. in Grimms Wb. Häkchen. Nach Bergmann in Niedersachsen: Hefthaken und Ösen, hochd. Heft (der) und Schlinge. Auch in Kurland Haken und Öhsen, wie Stender. schreibt. Bergmann erklärt: Hak und Ösen sind kleine krumm, gebogene Haken von Drath mit zwei Öhren an einem Ende zum Annähen; der Heft greift in eine Schlinge von Drath. Davon festhaken (festhäkeln), zuheften. — 2) Die Kinnlade ist aus dem Haken gefallen, ausgerenkt; in den Haken zurückgegangen, eingerenkt. Gewönlich. In Grimms Wtb. l) als früher gebräuchlich angezeigt Sp. 177/178.

Sallmann 1880, 47
Haken (goth. hoha, lat. occa) als Flächenmaß von relativem Gehalt, dem ursprünglich die Leistungsfähigkeit eines Hakenpflugs in einer bestimmten Zeit, etwa einem Tage, zu Grunde liegt (cfr. Livl. Urk. Nr. 237. 1474. 1824.), nach Westfalen, Pommern und der Oberpfalz, wo noch jetzt eine große Art des Pfluges so heißt. Aehnlich böhm.-deutsch Krombe, d. h. Krümme die Pflugschar. Heyne (Gr. W. IV.) berichtigt denn auch die Grimmsche Meinung, als ob der Haken slavischen Völkern, der Pflug dagegen den Deutschen eigen sei, dahin, daß der Haken als der allgemeine Vorläufer des Pfluges sowohl in deutschen, als in slavischen Gegenden getroffen werde und sich erhalte, wo entweder, wie in Gebirgsgegenden, die geringe Ausdehnung des Ackerlandes auf die Verbeßerung der Pflugwerkzeuge nicht geführt hat, oder wo die Bevölkerung, und das trifft bei uns zu, am Altüberlieferten zäh festhält;

Pantenius 1881, 191
einen Haken haben - eine Vorliebe haben
Dazu kommt, dass sie für Herren, wie es scheint, einen Haken hat.

Transehe-Roseneck 1890, 32ff.
Haken (im 16. Jh.) 1) herrmeisterlicher H. = 177 Tonnstellen Land; 2) großer polnischer H. = 120 Tonnstellen Land; 3) Plettenbergischer H. = 96 Tonnstellen Land; 4) erzbischhöflicher H. = 66 Tonnstellen Land; 5) kleiner dt. H. = 30 Tonnstellen Land; 6) ab 1561: Normalhaken = 180 Tonnstellen Land;

Eckhardt 1896, 29
Haken Flächenmaß (allgemein nd.)

Gutzeit 1889a, 1
Haken, in der Bed. von Pflug, Ackermaß und Gebiet, ebenso im ruß coxa.

Gutzeit 1889b, 532
Hocken, der, öfters st. Haken zu lesen in 349. XXII. 1 und 2. Einen neuen Hocken in ein Holzketten, 349. XXlI. 1; Mauer Hocken, 349. XXII. 2.

Hahn 1911, 29
Haken, wüste 'einstmals bearbeitete Bauernhaken'. Zahl nach nord. Krieg und Pest sehr groß.

Seemann von Jesersky 1913, 124
Haken - Ursprünglich eine Landfläche, das mit einem Pfluge, Haken, mit 2 Pferden an einem Tage umgeackert werden kann, später vielfach verändert und ungleich.

Masing 1926b, 70f.
Haken Flächenmaß; ursprünglich eine Wirtschaftseinheit, die mit einem Zugpferde Hakenpflug und Egge nutzte. [A. v. Transehe, die Entstehung der Schollenpflichtigkeit in Livland. Mitt. livl. Gesch. Bd. 23, 495] (mnd. hake „eine Art Pflug; ein gewisses Landmaß; eine gemeine Hufe enthält zwei Haken"; Frischbier I 267 Haken pltd. Hake „Maß für eine Ackerfläche von 20 Morgen kulmisch.“

Tobien 1930, 79ff.

Masing 1931, 23
Haken m pl. „die einen abgeschrägten vorderen Ecken des Backofens.“

Bosse 1933, VII
Haken a) livländisches Landmass. Der gebräuchlichste ist der Deutsche Haken zu 60 Lof Aussaat, ähnliche Ackermasse sind der Revaler und der Bauerhaken zu rund 30, sowie der Plettenbergsche Haken zu 120 Lof rigisch. Unter der grossen Gruppe der Vermessungshaken (Flächenmasse) ist der wichtigste der Herrmeisterhaken zu 101.5 (oder 108,4) ha. b) Hakengesinde, Vollbauernhof.
[Exkurs S. 457]

HWbGA 1936, 202
Haken 'ein bestimmtes Stück Land als Steuereinheit' urspr. Flächeneinheit, die während einer best. Zeit mit dem primitiven Hakenpflug bearbeitet werden kann.

Kobolt 1990, 122
Haken m altes Flächenmaß in den Berechnungen der Landgüter, nach Zeit und Ort sehr unterschiedlich.
mnd. hake Landmaß


QUELLEN (Informanten)

1 Haken = 660 Bast = ... (11x6)
10 Bast = 66 □Faden (39000 ..? = 35361 ..?); 1 □Faden (= 3 □Ellen)
1 Bauerhake ⁓ 2 □ Werst; 1 Landhaken = 770 □ Rast; 1 □ Rast = 77 □ Faden
1 Pletteb. Haken = 20 Sch...?; 1 Sch...? = 20 □ Ellen

Transehe, N. von: Wolmar; Weinert, Paul: Riga
Haken - Flächenmaß (a.d. Schwedenzeit). In der Bedeutung wohl ähnlich wie „Wacke“.

Hoffmann, Gjert: Reval
der Haken - Pflug
Hölzerner Pflug, die Schar hat 2 Spitzen, mit Eisen beschlagen. War 1939 noch vielfach im Gebrauch beim Anhäufeln der Kartoffeln, auch zum Spalten der Dämme bei der Ernte der Kartoffeln. Estland.

Handelsjude der

QUELLEN

Sass 1963, 26
Sagte ich „unsere“ Handelsjuden? Ja, das sind sie, und es wäre der Mühe wert, ihnen ein gesondertes Gedächtnisblatt im Kranze heimattypischer Erinnerungen zu widmen. In den Rigaer Häusern haben sie genauso ihre Stammkunden, richtiger Stammlieferanten, wie Fuhrmänner und Expresse, wie Butter- und Fischfrauen auf dem Dünamarkt.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
der Handelsjude - ein Jude mit langem Bart und schlauer Miene (bis 1939)
der alte Handelsjude ging in abgeschabter alter Kleidung mit Besmer und Leute auf dem Rücken durch die Vorstadtstrassen und auf die Höfe Rigas. Er fragte Vorübergehende: „Chabt Ihr nicht wos zum handeln“ Er kaufte für billiges Geld natürlich, alte Kleider Lumpen, alten Kram, Altwaren usw.

Handelsjudsche die

QUELLEN

Weinert, Paul: Riga
die Handelsjudsche - eine alte Jüdin
Die Handelsjudsche war ein schmieriges altes Freuenzimmer, das vereinzelt schon vor 1914 auftrat. Nach 1917 gab es schon Mehr von ihnen. Sie gingen in alter abgeschabter Kleidung mit Lack und Besmer durch durch die Strassen Rigas, ja sie läuteten sogar an den Wohnungstüren und fragten mit schlauem Lächeln: „Chabt ihr nichts zu verhandeln?“ Sie kauften Altwaren und alten Kram auf.

Heerstraße die
‣ Varianten: Heerstrasse

QUELLEN

Pantenius 1881, 41
die grosse Heerstrasse so wurden die alten Hauptstrassen genannt, die neueren Chausseen deckten sich nicht immer mit den alten Heerstrassen.

Pantenius 1907, 53
die Heerstrasse - alte Hauptstrassen


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
die alte Heerstrasse - uralte Landstrassen

heraufer Adv
‣ Varianten: herraufer

QUELLEN

Gutzeit 1889b, 511
heraufer, unedel, doch oft f. herauf. Nie in Mitteldeutschland.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
herraufer hinauf
Komm herraufer (so sagte man noch 1910 in Riga, so sprachen die deutschen Handwerker und Arbeiterkinder unserem Hofe.

herausknallen V [h]

QUELLEN

Gutzeit 1889b, 512
herausknallen, ausknallen.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
herausknallen herausreissen
Er hat aus seinem Heft eine Seite herausgeknallt. Für das Herausknallen der Seite musste der Junge nachsitzen, denn die Herausknallerin der Seiten duldet kein Lehrer.

herauspfeffern V [h]

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
herauspfeffern herausschmeissen.
Er wurde herausgepfeffert. Das Herauspfeffern, die Herauspfefferin.

heraußer Adv
‣ Varianten: herauser

QUELLEN

Gutzeit 1889b, 513
heraußer, ebenso wie hernacher, hereiner u. a. in unedler Sprechweise gewönlich. Ein viel älterer Beleg als in Grimms Wtb. ist in 349. XIV. 1. 43: ihnen herausser geben, st. herausgeben.

Kobolt 1990, 126
herauser, heraußer Adv. nur selten und veralt. für: heraus.
Nur für Pernau belegt.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
herrausser - hinaus
Komm herrausser (so sagte man noch 1910 in Riga, so sprachen die deutschen Arbeiterkinder in der Moskauer Vorstadt z.B. „Komm herrausser auf gross 'Strass' dann kannst du deine Knecher sammeln!“

Herberge die
1. et teenijatemaja
2. et häärber

QUELLEN

Hupel 1795a, 93
Herberge, die, bezeichnet zuweilen das Wohnhaus auf einem Herrnhofe; doch noch öfter ein zur Wohnung für den Amtmann oder für das Hofsgesinde bestimmtes Nebengebäude.

Sallmann 1880, 122
Herberge Seitengebäude eines Herrenhauses, eig. Gesindewohnung.

Gutzeit 1889a, 8
Herberge. Im J. 1648 hatte der rig. Rath in der Vorstadt eine russische H. errichtet, in der die russischen Kaufleute wonen und ihre Handelsgeschäfte machen mussten. Der Herberge stand ein Herbergsvater vor. vgl 347. II. 2. 264. vgl. Lehrer-, Leuteherberge u. Amtsstube.

Gutzeit 1889b, 513f.
Herberge. Ausgesprochen: Herr—berrge. 1) Ehemals Wohnung, u. zwar:
a) des Bischofs, der Ordensgebietiger u. A. öfters in 369a. Jeder ging in seine Herberge, ebda.; sind wir (der Bischof) in unserer Herberge in Hermann Schreibers Hause nicht sicher gewesen, 348. VIII. 3; damit ist mein gn. Herr nach seiner H. abgeschieden, 351. XVIII. 7; im Hause, da der Bischof damals zur H. lag, 194. Nyenst. 90; nachdem der Hochmeister mit seinen Ritterbrüdernin seine H. kam, 194. Brandis 131.
b) der Stadt Riga, Wohnraum für Fremde. Der Stadt herberghein der marschalkes straten, im Denkelbok unter 1471, vgl. 196. XI. 1. 179.
c) überhaupt. Sie (die Fremden) sollen bei Bürgern zur H. liegen, 349. XX. 1. 62. J. 1592. — Und noch jetzt. Daher: Herberge geben einem, Hupel in 444. J. 1818, einen beherbergen.
Gegenwärtig: 2) der Zünfte. Sogenannte Willkommenschilder von Silber, wie solche die Gesellen beim Meisterwerden der Herberge zu verehren pflegen, 172. 18l4. 40. — Jede Zunft hat das Recht, ein besonderes Haus oder Lokal(Amtsstube, Herberge) zur Abhaltung ihrer Versammlungen u. s. w. zu haben, 234.8. Daher: Fuhrmanns-Ligger-Messer-Herberge, Gesellenherberge u. a. vgl.Grimms Wtb. 7) und Herbergsvater.
3) Nebenhaus, und zwar a) ein Hilfs- oder Nebengebäude auf einem Gutshofe für den Amtmann oder für das Hofsgesinde, Hupel. Herberge heißt in Kurland, bemerkt 319. 130, das zweite Wohngebäude in den Höfen. Man findet wol auch mehr als eine Herberge, die große, die kleine u. s. w. genannt. Ihre Bestimmung ist für Lehrer, Schule, Wirtschaftsbeamte, auch zu Schlafquartieren für Gäste. Baumgärtel (445. 16) erklärt: ein auf jedem (Guts)Hofe befindliches Nebengebäude, in welchem der Amtmann, die Hofmutter, Gutshandwerker und überhaupt diejenigen Hofsleute wohnen, die weder in die Knechtswohnung, noch in das herrschaftliche Haus gehören, b) überhaupt. Herberge von vier Zimmern und anderen Gemächlichkeiten, 172. 1785. 453. Hupel bemerkt, dass man mit Herberge zuweilen das Wohnhaus auf einem Herrnhofe bezeichnet. (In diesem Sinne wol jetzt ganz ungebräuchlich!); öfter aber ein zur Wohnung für den Amtmann oder für das Hofsgesinde bestimmtes Nebengebäude.

Pantenius 1907, 22

Grosberg 1942, 38
Herberge - Wohnhaus
Gegensatz zu einer baufälligen Riege, also „festes Haus“; S. 316.

Ränk 1971, 21ff.
[ausführlich]

Nottbeck 1987, 36
Herberge Knechtshaus auf Gütern f. Saisonarbeiter E.K.L.
Die Herberge musste renoviert werden.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
die Herberge. Auf den Gesinden wurde die Herberge auch als Altsitz für den Austragsbauer benutzt.


Herberge 'Gutshaus, wenn es kein Schloss war'
1. Dorpat
2. Ubja by Wesenberg 'Wohnhaus für Arbeiter'
3. Libau-Riga 'ein kleines Wohnhaus als Altensitz gedacht'
4. Riga 'Knechtehaus'
5. Popragger Kr. Tulsen, Gemeinde Erw..hlen? 'Unterkunft für Arbeiter'
6. Riga 'Wohnhaus für die Dienstboten'
7. Tergeln bei Windau ohne Erklärung
8. Mitau, früher Paplacken 'ein meist großes Haus für Angestellte, wie Schreiber, Wagger'
9. Neuenburg-Pastorat. Kurland 'Wohnhaus der Knechte (meist Deputatknechte)'
10. Riga 'Wohnung der Knechte'
11. Riga, Hagensberg 'einfaches Wohnhaus'
12. Gut Iggen/Kr. Talsen 'Wohnung für Knechte'
13. Mitau 'Knechtswohnungen'
14. Dorpat und Umgebung 'für ledige männliche Gutsbedienstete u. Handwerker'
15. ---[ausgeschnitten]
16. Kandau/Lettl. 'Pächterwohnung'
17. Riga 'Landarbeiterhaus'
18. Riga, geb. 1902
19. Neu-Rahden 'Arbeiterwohnhaus'
20. Riga und Süd-Kurland 'Haus mit Kleinwohnungen (Stube und Küche) für Knechte'.
21. Libau 'Wohnhaus'
22. Kurland 'für Dienstleute'
23. Wolmar/Livland 'das Wohnhaus auf den Bauernhöfen'
24. Reval 'bewohnt von den Landarbeitern'
25. Gut Rickholtz, Kr. Wiek 'Ledigenhaus'
26. Riga 'Knechtswohnungen'
27. Talsen / Kurland 'das kleine Wohnhaus im Hof'
28. Heuhausen, Kr. Hasenpott 'Wohnhaus für Pächter od. Landarbeiter'
29. Estland 'bei einem großen, reichen Bauernhaus, auch im Estnischen: „Herberg“; auch kleineres Gutshaus wurde so genannt'
30. Kurland - Libau 'Knechtswohnung'

hereiner Adv

QUELLEN

Krüger 1832, 335
10) Auch folgende Versehen sind gar nicht selten in den feineren Zirkeln: ebend, Zwirnd, balde, herummer, hereiner, blesirt (statt blessirt sich parade machen), (statt parat machen) Storchenschnabel, Seilentänzer, sich erkündigen (statt erkundigen), Finger (an den Füßen, statt Zehe), sich befreuen (statt erfreuen), sich belassen (statt überlassen), Kirschkörner (statt Kerne) u. dgl.

Gutzeit 1889b, 514
hereiner, oft, doch unedel für herein. Auch in 319. 335 angegeben.

Kobolt 1990, 126
hereiner Adv. nur selten und veralt. für: herein. Nur für Pernau belegt.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
herreiner hinein
Komm herreiner (so sagte man noch 1910 in Riga, so sprachen die deutschen Arbeiterkinder, mit denen ich auf unserem Hofe gelegentlich spielen durfte.)

Weiss, Lis-Marie: Reval
Krüger 1832 - wird getadelt. [unbekannt]

Herzgrube die

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
die Herzgrube - Gegend unter dem Brustbein des Menschen. Er bekam mit ihr Fehmerstange einen Stoss in die Herzgrube.

Hinracheln das

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
das Hinracheln Hinfallen
Er ist hingerachelt. Beim Hinracheln zerriss er seine Hose. Oh diese Hinrachelei!

Hofmutter die
‣ Varianten: Hofesmutter, Hoffmutter, Hofsmutter
'Aufseherin über Vieh und Geflügel'

QUELLEN

Hupel 1795a, 96
st. Viehmutter selt.

Petri 1802, 86
Hofsmutter, die, heißt die Aufseherin über das Vieh, Kühe, Kälber, Schweine, Hühner, Enten, Gänse u.s.w.

Sallmann 1880, 55
Hofsmutter

Pantenius 1880, 58
die Hofmutter - Viehpflegerin

Gutzeit 1889a, 14
Hofmutter. Eine H., die unverheiratet ist, rig. Ztg. 1878

Gutzeit 1889b, 537
Hofmutter, selten Hofes- oder Hofsmutter, Viehmutter. Nach Hupel selten; in Lettland aber gewönlich. Die Hofmutter, 328. 38; die Hofe-Mutter, 329. 43; die Hoff-Mutter, 330. 17; eine Hoff-Mutter soll von 7 Kühen eine dicht geschlagene Tonne Butter und Käse geben, 341. 18. — Statt der Hofmütter kommen jetzt Viehmeister oder Viehpflegerauf. — Das o, wie in den 3 folg. W., oft geschärft.
[Hofmutter 1688, Hofe-Mutter 1695, Hoffmutter 1696, 1701]

Pantenius 1907, 87
die Hofmutter - Viehpflegerin

Hahn 1911, 22

Mitzka 1923, 19
Hofmutter - Hofmagd

Hahn 1964, 161, 168
Während einiger Jahre, von 1847 bis 1853, hatte ich die Leitung der 'Hofmutterei' übernommen - wie man den Teil der Gutsverwaltung, der die Milchwirtschaft, die Vieh- und Geflügelhaltung umfaßte, nannte, weil in der Regel einer Frau unterstellt war, die die Bezeichnung der 'Hofmutter' führte. Bei der Hofmutterei waren immer mehrere Mädchen beschäftigt.
... denn die 'Hofmutter', die Viehpflegerin wandte sich oft, von der Furcht getrieben, die Herde umkommen zu sehen, .. an den Gutsherrn, der aber meist .. die 'mohdere' zur Ruhe und zum Warten verwies.


QUELLEN (Informanten)
Ropp, Erich von der: Bixten Kreis Tuckum, Kurland
Hofmutter. WL 5,9. vgl. Hoffmutter

Weinert, Paul: Riga
Hoffmutter WL 5,9. vgl. Hoffmuttersmann


Hofmutter 1. Riga: 'sie hatte das gesamte Geflügel u. Kleinvieh verantwortlich zu betreuen'
2. Neu-Rahden: 'gesprochen wie „Hoffmutter“ hatte das Vieh unter sich.
3. die Hoffmutter 'oft an Stelle eines Viehpflegers für alle Tiere (außer den Pferden) verantwortlich.

Hofmuttersmann der
‣ Varianten: Hofmuttermann
'Milchpächter auf einem Gut'

QUELLEN

Pantenius 1880, 139
Hofmuttersmann der Schweizer.

Gutzeit 1889b, 537
Hofmutter- und Hofmuttersmann, Mannder Hofmutter. An die Stelle der „Hofmütter„und des sog. „Hofmuttersmannes„tritt in Kurland allmälig der ausländische„Viehpfleger“, rig. Ztg. 1872. 14.


QUELLEN (Informanten)
Urban, Emmy: Riga, Kurland (zw. Tuckum und Talsen)
Hofmuttersmann Schweizer. WL 5,9, vgl. Hoffmuttersmann

Weinert, Paul: Riga
Hoffmuttersmann Schweizer. WL 5,9.


Hofmuttersmann 1. Riga: 'der Ehemann der Hofmutter'
2. Tuckum, dann Mitau, Riga 'Betreuer des Hofes'

Holzsäger der

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
der Holzsäger - meist ältere Männer - Letten (bis 1917)
Der Holzsäger stand mit Säge, Sägebock und Beil an der Strassenecke und wartete bis jemand kam und ihn zum Brennholzacken und Sägen abholte. Nach der Revolution 1917 verschwand er aus dem Strassenbilde Rigas.

Hunderiezchen das

QUELLEN

Seemann von Jesersky 1913, 127
Hunderiezchen - ungenießbarer Pilz.

Masing 1926b, 42

Nottbeck 1987, 37
Hunderiezchen - alle ungenießbaren Pilze / K.L.R.
Sie sortierte alle Hunderiezchen aus.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
Hunderiezchen - Giftpilze, die Hunderiezchen waren ungenießbare und giftige Pilze.

id in Dreiteufels Namen
‣ Varianten: in Dreideuwels Namen

QUELLEN

Habicht 1956, 161
Fluch


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
ein baltischer Fluch
Pack' dich in Dreiteufels Namen. Lass' mich in Dreiteufels Namen endlich in Ruh.

jach

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
jach jeh oder plötzlich
Er machte eine jache Bewegung mit der Hand.
Die Jachheit ist Leuten schädlich.

Jageleine
‣ Varianten: Jagleine, Jageleinen

QUELLEN

Bergmann 1785, 32
Jageleine, Lenkseil

Gutzeit 1889b, 560
Jágeleine, die, Lenkseil, gew. doppeltes, beim Pferdeanspnnn. Bergmann erklärt Lenkseil und Lenkriemen, Hupel Lenkseil. Gubert in 328. 132. J. 1649 und 115. J. 1688 hat: eine Jaglinie; eine Jachlinie, 349. XXIV. 2. J. 1702; eine Jaglinie, 172. 1793; eine Jagelinie, 172. 1789. 7 und 1805. Nr. 9. Lange schreibt Jagline u. Jaglinie, Hupel Jagleine u. Jagelinie, Bergmann u. Stender Jageleine. Diese letzte jetzt allein übliche Gestalt des Wortes findet sich schon im 17. Jahrh.: Jagleine, 349. XXII. 2; an ein Jagleine in neu Stück zweimahl zu Häuf gestochen, ebda, wird jedoch erst in diesem Jahrh. alleinherrschend. Die Jageleinen sind von Hanpf, 172. 1771. 43; eine Jageleine, 174. 1824. 399; Jageleine, öfters in 176. 1824; Jageleinen und Kreuzleinen, rig. Ztg. 1877.

Gutzeit 1889a, 21
Jageleinen und Kreuzleinen werden von Sattler S. in Riga 1876 ausgeboten. In Riga jetzt kaum ohne e, in Estland dagegen durchweg ohne: Jagleine, Jaglinge, Jagline. vgl. 390c 57 und 67.

Heimatbuch 1908-1912, 97
„um welches die Jageleinen geschlungen waren“ [Heimatbuch 1]
Jageleinen ist einer unserer Provinzialismen

Seemann von Jesersky 1913, 128
Lenkleine für Pferde

Weinert, Paul: Riga
die Jageleine - Leine zum Pferdchen spielen
Komm hole deine Jageleine, wir wollen Pferdchen spielen.

Jannhagel der

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
der Jannhagel (das Wort wurde nur in der Einzahl gebraucht) - ordinäres einfaches Volk in Riga, hauptsächlich Letten.
Dann kam nach dem Brauche der Jannhagel und stahl den Rest. Der Jannhagel hatte bei ihm die Fenster eingeschlagen. Der Jannhagel bevölkerte (vor 1914) in Riga die Galerie (Galjorka) der Theater und des Zirkus.

Wender, Otto: Kattensack/Wierland, Reval, Dorpat
Jahnhagel (für Takelzeug) WL 5,19.

Kabuse
‣ Varianten: Kapuze, Kabüse

QUELLEN

Bergmann 1785, 33
Kabuse, Kapuze. Kabüschen, eine kleine Hütte, Zelle,

Gutzeit 1874, 2
Kabuse u. Kabüse, die, Häuschen. Schon in der rig. Bursprake von 1412; in 399. IV. erklärt: enges Behältniss, hier wol Schweinestall. Die älteste Stelle in Grimm's Wtb. aus d. J. 1424. — Im J. 1567 wird einem St. auferlegt, die Kabusen, so er zur Verschmälerung der Gassen zu weit ausgesetzt, abreißen zu lassen, 174. 1814. 136, „Ausgebäude“. Im J. 1674 heißt es: weiln auch die Erker, Viehställe und Kabusen an den Häusern zu bauen verboten, ebenda 137.

Sallmann 1880, 33
Kabuse Häuschen

Seemann von Jesersky 1913, 130
Kabuse, kleiner Wohnraum, Kombüse.

Pantenius 1959, 35
die Kabuse 'kleiner Raum'
in viele kleine Kabusen geteilt.

Kobolt 1990, 135
Kabüse, Kabuse f. kleiner, niedriger, enger Raum
mnd. kabus(e) kleines, niedriges Gebäude, Verschlag, Zelle; westf. kabuse schlechtes Haus, schlechte Stube; plattd. Kabuse, Kabutz kleiner schlechter Wohnraum, baufällige Kate; pomm. Kabüse kleiner Aufenthalt in Schiff, Schlafstelle; pr. Kabise, Kabüse, Kebüse landsch. für: enge Kammer, Alkoven; kleine Hütte, schlechte Wohnung; altm. Kabuz enges Häuschen, kleines Zimmerchen, Verschlag.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
die Kabuse 'kleiner Raum', das Kabuschen.
die Zimmer waren ganz kleine Kabuschen. Gehe in das Kabuschen und hole mir dieses und jenes.

Kaldaunen pl
‣ Varianten: Kaldauen

QUELLEN

Bergmann 1785, 34
Kaldaunen, Gedärme, auch das ganze Eingeweide.

Gutzeit 1874, 8
Kaldaunen, die Gedärme. Nach 164 auch das ganze Eingeweide. Gew., doch derb und unedel, vgl. Grimm's Wtb.

Seemann von Jesersky 1913, 131
Kaldaunen, w. Eingeweide, Gedärme.

Kobolt 1990, 137
Kaldauen pl Eingeweide, Redensart: Das ging ihm auf die Kaldauen, d.h. Das traf ihn auf die Nerven.
Spottlied: Kadett, Kadett, Kaldauenschlucker, / Trinkst den Kaffee ohne Zucker, / Roter Kragen, nichts im Magen, / Goldne Tressen, nichts zu fressen.
mnd. kaldunen Eingeweide; lbg. Kaldunen Kaldaunen; pomm. Kaldunen Gekröse; pr. Kaldauners Eingeweide; schl. Kaldunen, Kaldunenschlucker einer, der alles hineinfrißt; altm. Kaldun Kaldaunen; nhd. Kaldaune nd. für: Gekröse, Eingeweide von frisch geschlachteten Tieren.


QUELLEN (Informanten)
Lange, Harald: Riga, Südlivland
Kaldauen 'Innereien'

Weinert, Paul: Riga
die Kaldaune Einz., die Kaldaunen Mehrz.
Ich hatte ihm ordentlich auf die Kaldaunen gegeben (d.h. ich habe ihm gehörig meine Meinung gesagt.)

Kamisol das
‣ Varianten: Kamisohl, Kamsol

QUELLEN

Petri 1802, 84
Camisol, alle Arten von Westen, Jacken, Wamse u. dergl.

Ewers 1831, 215
eine Weste mit Ärmeln

Gutzeit 1874, 9
Kamisol, das, gew. gesprochen: Kammsóhl. Und auch oft so geschrieben. Wandtenes Camsohl. 172. 1792. 38. — Oberkamisohl, 172. 1791. 95.

Flügge-Kroenberg 1971, 9
Kamisohl Sehr interessant ist die Tatsache, daß H. Ruete in seiner „Beschreibung der Stadt Rotenburg/Hann.“ dieses Wort braucht (also anscheinend auch ein niederdeutscher Ausdruck). Im Baltikum bezeichnet das Wort „Kamisohl“ eine warme ärmellose Jacke, gestrickt oder aus Pelz (Männerkleidung).

Nottbeck 1987, 39
Kamisol Wams, Unterjacke / E.K. Nimm Dein Kamisol mit, Du wirst es sicherlich gebrauchen.

Kobolt 1990, 139
Kamisol (mit betonter Endsilbe) n Unterwams, Strickjacke
Siev. K a m m e s o l kurzes Wams, Weste; schl. K a m s o l Wams; pr. K a m s o l; nhd. K a m i s o l früher: Unterjacke.


QUELLEN (Informanten)
Dahl, Barbara: Riga
Kamisol(chen). Warme ärmellose Weste. WL 5, 12 Im Lett. wie im estn. Sprachbereich noch mehrmals belegt.

Thiel, Ellen: Fellin
Kamisol. Kamson. Strickjacke ohne Ärmel. WL 5, 12

Wegner, Karl: Riga, Dorpat; Weinert, Paul: Riga
Kamsol = Seelenwärmer. WL 5, 12
Kamsohl


Mieder. In lett. u. estn. Sprachbuch je 2mal belegt. WL 5, 38


Kamisol Seelenwärmer Reval

Kamsol
‣ Varianten: Kamisol

QUELLEN

Wegner, Karl: Riga, Dorpat; Weinert, Paul: Riga
= Seelenwärmer. WL 5, 12
Kamsohl

Karbatsche die
‣ Varianten: Karbatsch
{poln. karbacz}
'aus Lederriemen geflochtene Peitsche'
vgl Peitsche

QUELLEN

Hupel 1774-1782, 121
mit einer schreckenden Karbatsche gezüchtiget

Hupel 1792, 450
Die Karbatsche (welche man in Liefland zuweilen Kantschu oder Kantschuk nennen hört), ist eine aus etlichen über einander genäheten, etwa 2 Finger breiten, Riemen bestehende Peitsche, welche in Lief- und Ehstland (vermuthlich auch in Rußland) nicht nur von den Hofsherrschaften häufig zu Hauszucht bey ihren Erbleuten, sondern auch von etlichen Untergerichten zur Bestrafung des niedrigsten Pöbeln, gebraucht wird.

Gutzeit 1874, 16
Karbátze, die, f. Karbatsche. In 365., J. 1668. s. karbatzen

Sallmann 1880, 13
Karbatsche aus Riemen geflochtene Hetzpeitsche. [als mehr oder weniger umgeändertes russ, Wort]

Pantenius 1880, 49
die Karbatsche Hundepeitsche.

Seemann von Jesersky 1913, 132
Karbatsche, poln. karbacz Peitsche.

Kiparsky 1936, 137
Karbatsche [karbátšə] f. 'aus Riemen geflochteneHetzpeitsche' ‹ p. karbacz, korbacz (gen. karbacza, korbacza) id. Davon abgeleitet karbatschen 'mit der K. schlagen'. Das Wort ist gemeindeutsch, doch steht m.E. die direkte Übernahme der bd. Form aus dem Poln. ausser Zweifel. Nach Kluge EW.11 tritt carabatschen (‹ č. karabáč ‹ magy. korbács ‹ türk. qyrbatsch) zuerst im J. 1615 beim Strassburger Messerschmied auf, nach den Sammlungen des Preuss. Wb. ist es für Ostpreussen erst seit 1765 belegt. In Riga begegnet uns aber karbatze, karbatzen schon 1632 (vgl. Gutzeit II, 16), und es wäre kaum denkbar, dass es in der Zeit von 1615 bis 1632 auf dem Wege über Deutschland ins Baltikum gekommen sei.

Kobolt 1990, 140
Karbatshe f Riemenpeitsche, meist nur dem passiven Wortschatz angehörend.
poln. karbatsch Riemenpeitsche


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
der Karbatsch - zum Schlagen. Er hat mit dem Karbatsch gekriegt.

Kartoffelmus das

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
das Kartoffelmus der Kartoffelbrei
das Kartoffelmus ist fertig, wir können nun Essen.

Kartoffelorden der

QUELLEN (Informanten)

Weinert, Paul: Riga
der Kartoffelorden eine Rigasche Scherzbezeichnung
Jemanden ist etwas nicht geglückt, der heisst es jetzt. Er muss einen Kartoffelorden bekommen, einen Kartoffelorden am Heringsschwanz zu tragen oder einen Kartoffelorden am Heringsschwanz dafür.


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