[BSS] Baltisaksa sõnastik

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aasen V [h]
‣ Varianten: asen
{ndd. aasig 'gehörig, sehr'}
‣ Belege: Estland
1. Vt de foppen, necken, hänseln; et narritama, tögama
Er wurde von allen geaast
vgl beaasen, veraasen
2. Vt 'übel zurichten' de quälen, plagen
‣ Synonyme: abaasen, herunteraasen
3. Vi 'schlecht sein' de plagen; et kehv olema, kiusama
das Wetter (es) wird wol noch asen bis zum Vollmond
4. Vi de vergeuden; et pillama, raiskama
Aase nicht so mit der Butter
Är aast mit′s Geld und mit seine Gesundheit

QUELLEN

Gutzeit 1859, 52
asen, 1) einen od. sich, quälen, plagen, übel zurichten. Gewöhlicher sind in demselben Sinne die Zw. abasen und herunterasen. 2) schlecht, asig sein. Das Wetter oder es wird wol noch asen bis zum Vollmond. 3) der Hund as′te im Garten umher, rannte und zerstörte

Gutzeit 1886, 61
asen, namentlich in Verbindung mit be, ver u. zu. - Die Bed. foppen fürt Sallmann an in 390c. 111

Boehm 1904, 101
Für recht harmlos gilt das derbe Wort Luder und das ihm sinnverwandte Aas, sie spielen im Verkehr mit den Füchsen eine gewisse Rolle: man treibt mit ihm sein „Schindluder“, man aast ihn, man bedarf sogar eines Burg- und Podrettluders, wie sich einstmals hohe Herren einen Prügelknaben oder einen Hofnarren hielten.

Boehm 1904, 100
aasen = foppen

Seemann von Jesersky 1913, 99
aasen w. foppen, hänseln. Mit etwas: vergeuden. Är aast mit′s Geld und mit seine Gesundheit; veraasen - verderben

Masing DBWB, 8
aasen, sw (ā́zən) 1. foppen, aufziehen, Schindluder treiben. Stud. u. Schülersp. Ich schlag vor, wir aasen die Lehrer, lernen nicht mehr, schwänzen. Worms, Überschw. 74. _ 2. vergeuden. Grdsd. Er aast mit´s Geld und mit seine Gesundheit. SvJ. 99 _ 3. schlecht, aasig sein. Das Wetter wird wohl noch aasen bis zum Vollmond. Gtz I, 52.

Flügge-Kroenberg 1971, 29
asen - verschwenden

Nottbeck 1987, 15
aasen - foppen, vergeuden / E. Er wurde von allen geaast. - Aase nicht so mit der Butter.


QUELLEN (Informanten)
Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland
aasen mit etwas

Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland


aasen - reizen. Stud. Ausdruck? WL 4,33 sedel 35: 2 mal in lett. Spr., 3 mal in estn. belegt


aasen - (stark) necken WL 1,26

aasig Adj
‣ Varianten: aasicht, asig
{ndd. aasig 'schmutzig, stinkend'}
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
1. unedel. 'schlecht, unangenehm' de miserabel; unangenehm; et vilets, kehv
ein asiger Weg
asige Unterhaltung
aasiger Kerl
aasige Geschichte
Das Wetter war aasig
2. unedel. de (sehr) stark; et tugev, piinav
aasiger Hunger
Ich habe aasige Kopfschmerzen.
3. unedel. 'schwierig, kompliziert' de verzwickt; et keeruline
aasige Sache!
4. unedel. 'über alles Maß, sehr' de äußerst, furchtbar; de tohutu(lt), kohutavalt
eine asig lange Predigt
ich asig gelangweilt haben
der Film war aasig schick

QUELLEN

Gutzeit 1886, 61
asig, schlecht, unangenehm. Ein asiger Weg, asige Unterhaltung, eine asig lange Predigt; sich asig gelangweilt haben

Seemann von Jesersky 1913, 99
aasig, o. sehr, groß, stark: aasiger Schmerz, Hunger; schlecht: aasiger Kerl; unangenehm: aasige Geschichte

Masing DBWB, 8f.
aasicht, adj. (ā́ziχt) aasig 1. (s.d.) {Grdsd}
˹aasig, adj. (ā́ziχ) 1. minderwertig, schlecht, übel, erbärmlich, unangenehm, ekelhaft. aasiges Wetter. Der Weg war a. Es war gestern a. kalt. Ein a.er Kerl. Das ist eine a.e Geschichte. eine sehr unerfreuliche Angelegenheit. 2. adv. außerordentlich, sehr. Schülersp. a. forsch, schick, stramm. Ich höre, daß die Kreuzworträtsel in drei Arten zerfallen, in haarige, in stramme und in schicke, die aasig stramm sind. Rig Rdsch. № 129, 13.VI.1931.
¤aasig „Das Wetter war aasig.” (J. Kolbe 27.IX.1838)

Flügge-Kroenberg 1971, 10
aasig Niederdeutsch: schmutzig, stinkend. Im Baltikum in manchen Redewendungen für schwierig, kompliziert. Zum Beispiel: „aasige Sache!“

Flügge-Kroenberg 1971, 29
asig - häßlich, „de asige Kerl“ als abschätzendes Urteil

Nottbeck 1987, 15
aasig - Superlativ für jedes Adjektiv / E.K.L. Der Film war aasig schick. - Ich habe aasige Kopfschmerzen.

Aaskuckel der
‣ Belege: Kurland
Schimpfw. de Schuft (freundlich); et kelm
Du bist doch ein rechter Aaskuckel!
vgl Aaskerl, Aasknochen, Aaskröte

QUELLEN

Nottbeck 1987, 15
Aaskuckel - Schuft (freundlich) / K. Du bist doch ein rechter Aaskuckel!

Kobolt 1990, 31
Aaskuckel m Schimpfwort, selten.

abbrennen V [h/s]
‣ Belege: Estland, Kurland
1. Vt de absengen; et maha kõrvetama
das Wollige von einem Zeuge abbrennen
dem Schweinskopf werden auf einem starken Holzfeuer alle Borsten abgebrannt
2. Vi 'durch Glühen verkalken und abblättern'
von dem Bolzen des Plätteisens ist viel (Hammerschlag) abgebrannt
3. Vi de herunterbrennen (von Lichten); et ära põlema
das Licht ist ganz abgebrannt
vom Lichte ist viel abgebrannt
4. Vi de verlöschen (der Weihnachtskerzen); et lõpuni põlema
als der Weihnachtsbaum abgebrannt war, aßen wir zu Abend
5. Vt 'herstellen durch Destillation' de brennen (Branntwein); et põletama
wenn der Spiritus aus der Mäsche abgebrannt oder abgetrieben ist
die Maische abbrennen 'sie zur Destillation bringen'
6. Vt 'Branntwein auf seine Stärke versuchen' de brennen
man versucht die Stärke des Branntweins durch Abbrennen in einem Tigel
das Abbrennen des Brantweins in einem kleinen Probemaße
7. Vt de gewaltsam abschlagen; et maha lööma; ära lööma
er brannte mit seinem Stocke alle Mohnköpfe ab
er brannte sich den Kopf ab an der Wand, an der Thür 'schlug oder verletzte ihn'

QUELLEN

Gutzeit 1859, 3
abbrennen 1) absengen, flamber, das Wollige von einem Zeuge; 2) durch Glühen verkalken und abblättern. Von dem Bolzen des Plätteisens ist viel (Hammerschlag) abgebrannt; 3) herunterbrennen, von Lichten. Das Licht ist ganz abgebrannt; vom Lichte ist viel abgebrannt. Gew. bezieht es sich nur auf eine gleichmäßige, im ganzen Umfange der Kerze stattfindende Aufzehrung des Talges; 4) Brantwein, brennen; 5) Brantwein, ihn auf seine Stärke versuchen. Man versucht die Stärke des Br. durch Abbrennen in einem Tigel; das A. des Brantweins in einem kleinen Probemaße; 6) gewaltsam abschlagen. In dieser Bed. gew. und sinnv. den Wörtern abfeuern, abknallen, abkeilen, abdämmern. Er brannte mit seinem Stocke alle Mohnköpfe ab; er brannte sich den Kopf ab an der Wand, an der Thür, d.h. schlug oder verletzte ihn. Üeber dies abbrennen vgl. abstoßen und abschlagen.

Gutzeit 1886, 3f.
abbrennen Das Haus ist abgebrannt, Lange; die Rödung ist gut abgebrannt, Stender. Dem Schweinskopf werden auf einem starken Holzfeuer alle Borsten abgebrannt, 155. 155. - Alten Ölanstrich s. Abbrenner. - Losschießen, losfeuern, d.h. erzälen. Brenn ab! 470. 216. - 7) Ungew. in 347. II. 2. 240: das A. der Wälder od. sog. Röden. - 8) Oft für destilliren. Wenn der Spiritus aus der Mäsche abgebrannt oder abgetrieben ist; die Maische abbrennen, sie zur Destillation bringen.

Masing DBWB, 22f.
abbrennen, sw. (ápbren̅ən) {1. anzünden, niederbrennen. … so büsset der / welcher die Rödung verrichtet / für jeglichen tragenden Baum / welcher abgebrannt oder beschädigt worden ... Lieffl. L. Ordn. (1664).) _ 2.} 1. absengen, das Wollige von einem Zeuge. Gtz. I, 3. Wenn der Kopf von einem wilden Schwein … abgeschnitten ist, so werden ihm auf einem … Holzfeuer alle Borsten abgebrannt. LKWb. {1844, 101} 1817, 154/5. alten Ölanstrich a. mit einem glühenden Eisen entfernen. Gtz. N 1886, 4. _ {3} 2. den Spiritus ais der Maische a., destillieren. Gtz N 1886, 4. _ {4} 3. Branntwein a. ihn brennen. Gtz. I, 3. _{5} 4. Branntwein a. ihn auf seine Stärke prüfen durch Abbrennen in einem Tiegel. Gtz. I, 3. _ {6} 5. Kognak a., ein Getränk aus K. herstellen, in den man Zucker getan hat und den man dann anzündet und brennen läßt, bis die Flamme verlischt. Stud. Dorpat, Ende d. 19. Jh. _ {7} 6. {einen Schuß a. ein Gewehr abschießen [---]}bildlich: zu erzählen beginnen: „ … es existiert von ihm auch eine phantastische Sage.” „Schieße sie los, brenn ab!” sagte Blau. Bertram ... III, 8; {[…] Rigisches Policey-Amt mißfälligst bemerket, daß ... in den hiesigen Vorstädten allerley Lustfeuer abgebrannt werde. Rig. Anz. 19.VI.1788 S. 273. _ 8. teilweise oder vollständig vom Feuer vergehrt werden} 8. intr. Zeit vergeht, Licht brennt ab, und Großmutter stirbt noch immer nicht: {grds??}└ R.a. („Oleum et operam perdidi”). Ziehen die Ratzen aus einem Gebäude, so brennt es bald ab. Bertram, Wagien 95. Erschießt man einen Storch (verläßt der Storch das Haus, auf dem sein Nest steht), so brennt das Haus des Schützen (das verlassene Haus) ab. Riga. _ {9. durch eine Feuerbrunst eine Habe verlieren}. Wenn ein Bauer abbrennt / sollen alle Baueren im gantzen amte ... ihm wieder zu rechte helffen. D. getr. Amt. Mann. 25 (1696). Dreimal umgezogen ist so viel wie einmal abgebrannt. Sprw. _ {10 bildl.: kein Geld mehr besitzen: ich bin total abgebrannt.} _ {11} 7 †┌ gewaltsam abschlagen: gegen etw. stoßen. Er brannte mit seinem Stock alle Mohnköpfe ab. Er brannte sich den Kopf ab an der Tür, er verletzte sich den Kopf. Gtz. I, 3. vgl. abschlagen.

Masing DBWB, 23
¤ abbrennen „Der Kopf des Schweins wird auf starkem Feuer gehörig abgebrannt…” LKWb 1817, 128.

Nottbeck 1987, 15
abbrennen verlöschen (der Weihnachtskerzen) / E.K. Als der Weihnachtsbaum abgebrannt war, aßen wir zu Abend.

abdammeln V [h]
‣ Belege: Libau, Kurland, Livland, Riga
Vi, Vr 'sich kurzfristig austoben' de sich austollen (kurzfristig); et möllama
Das war ein Fest, so recht zum Abdammeln [in Libau auch: sich abdammeln]

QUELLEN

Nottbeck 1987, 15
abdammeln kurzfristig zwangloses Austoben / K.L.R. Das war ein Fest, so recht zum Abdammeln.

abgeben V [h]
‣ Belege: Estland, Livland
1. Vt 'eintreten lassen, einreihen' de abschicken; et saatma (kedagi kuhugi pikemaks ajaks suunama)
Das junge Mädchen wurde von den Eltern in eine Pension abgegeben
Auf kaiserlichen Befehl wurde er zum Rekruten abgegeben
2. Vt 'jmdm. etw. gegen Bezahlung geben' de verkaufen; vermieten (in Anzeigen); et müüma; välja üürima (kuulutustes)
… kann eine Wohnung … zur Miete abgegeben werden
Erforderlichen Falls können auch Möbel abgegeben werden
Dampfer-Fahrkarte nach Stettin und zurück … für 50 Ls. abzugeben
2-3 Zimm.-wohnung … sofort abzugeben
3. Vt 'einen Ball im Tennisspiel zurückschlagen'
4. Vt de abfeuern; et tulistama
drei rasch hintereinander abgegebene Pistolenschüsse
5. Vt 'Ertrag liefern' de ausgeben; et välja andma (saagi kohta)
Selbige Länder müssen auch gantz und gar nicht dichte oder dikke besäet werden / damit der Rogken / wann er künftig im Schoß oder Korn setzet / sich nicht danieder lege / und also nichtes abgebe oder zeige
6. Vr de sich lösen, sich trennen; sich lossagen; et eemalduma, kaugenema
ob das Theater in seinem jetzigen Zustande … besucht werden kann, da … die Logen sich von der Wand nach innen abgegeben hatten
Die Gribschmiede haben beschlossen, sich abzugeben
So Jemand … sich von Gott und seinem heiligen Worte abgeben … würde
siehe auch Abgabe

QUELLEN

Gutzeit 1859, 7
abgeben 1) sich, die Logen des Theaters hatten sich von der Wand nach innen abgegeben, 176. 1835. 103; die Leiste gibt sich ab, biegt, löst sich ab; sich von Gott und seinem heiligen Worte abgeben, 148. Warum die Stadt von dem Orden sich gantz und gar nicht abgeben könnte, d.h. sich entfernen, lossagen, 195, im rothen Buch 759. 2) st. geben, 209. Da kein erläuterndes Beispiel angegeben ist, bleibt zweifelhaft, in welchen Fällen.

Baltische Monatsschrift 1859, 245
Wie total durch den Eintritt in eine Pension das Band zerrissen wird, welches ein Mädchen an das elterliche Haus knüpft, bezeichnet man hier sehr treffend schon durch die Sprache: man sagt von einem Mädchen, das aus dem Elternhause scheidet, um in einer Pensionsanstalt erzogen zu werden, mit einem hier ganz allgemein üblichen Provinzialismus: sie ist in eine Pension abgegeben. [C. Hoheisel, Ueber Mädchen-Erziehung]

Hoheisel 1860, 24
Sie ist in eine Pension abgegeben, st. gegeben, hingegeben.

Sallmann 1880, 79
abgeben Schüler, in eine Anstalt, Pension geben.

Gutzeit 1886, 6
abgeben 2) C. Hoheisel bemerkt in 396.I. 3. 245: man sagt von einem Mädchen, das aus dem Elternhause scheidet, um in einer Pensionsanstalt fortan erzogen zu werden, mit einem hier allgemein üblichen Provincialismus: sie sei in eine Pension abgegeben. - Dieser Ausdruck wird auch auf Knaben angewandt, die in ein Corps „abgegeben“ werden. Man gibt aber Knaben in eine Schule, nicht „in einer Schule ab“. - Auf kaiserlichen Befehl ward er zum Rekruten abgegeben, d.h. als Gemeiner ins Regiment gesteckt (wegen eines Vergehens). - 3) Die Gribschmiede haben beschlossen, sich abzugeben, 256, sich zu trennen. Stender hat: sich abgeben, abspringen wie die Rinde vom Brod.

Masing DBWB, 52f., 53
abgeben, st. (ápjēbən, ápjēbm) 1. eintreten lassen, einreihen: Das junge Mädchen wurde von den Eltern in eine Pension abgegeben. ** … der … von ihnen … zum Rekruten abgegeben seyn muß. Buddenbr. Landr. II, 1173 (1766) Wenn für einen zum Dienst Abgegebenen dessen Bruder … sich selbst abgeben will … eb.da 1172. _ Auf kaiserlichen Befehl wurde er zum Rekruten abgegeben, wegen eines Vergehens als Gemeiner in ein Regiment gesteckt. vgl. Abgabe. Gtz. N 1886, 6. _ 2. verkaufen, vermieten. *** … kann eine Wohnung … zur Miete abgegeben werden. Ehstl. Gouv. Ztg. 1854, № 39. Erforderlichen Falls können auch Möbel abgegeben werden. eb.da. Dampfer-Fahrkarte nach Stettin und zurück … für 50 Ls. abzugeben. Rig. Rdsch. № 185, 17.VIII. 1939. 2-3 Zimm.-wohnung … sofort abzugeben. Rig. Rdsch. № 180 11.VIII. 1939. _ 3. einen Ball im Tennisspiel zurückschlagen. Dorp. Fell. _ 4. abfeuern. … drei rasch hintereinander abgegebene Pistolenschüsse. Engelhardt, DRnR 56. _ 5. Ertrag liefern. Selbige Länder müssen auch gantz und gar nicht dichte oder dikke besäet werden / damit der Rogken / wann er künftig im Schoß oder Korn setzet / sich nicht danieder lege / und also nichtes abgebe oder zeige. H v. Neidenbg. 1662. 36. _ 6. sich a., sich lösen, trennen. … ob das Theater in seinem jetzigen Zustande … besucht werden kann, da … die Logen sich von der Wand nach innen abgegeben hatten. Prov. bl. KLE 1835, 103; sich lossagen: So Jemand … sich von Gott und seinem heiligen Worte a. … würde … Rig. Statuta 1798 (1673), 98, VI, 2.
abgeben, Es gab viel Trödel u. Gelächte ab. J. Kolbe 25.XI.1837.

Kiparsky 1936, 189
abgeben (Kinder in eine Schule, Rekruten ins Militär) a. r. oтдaть (въ шкoлу, въ coлдaты). E.L.K. HOHEISEL 24, SALLMANN V. 32; N. 79. Fehlt in dieser Bedeutung bei Grimm

Nottbeck 1987, 15
abgeben in die Schule geben /E.L. Im Herbst müssen wir die beiden Kinder abgeben.

abgegessen Adj
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland, Riga
'beendete Mahlzeit'
am abgegessenen Tisch saßen wir noch lange beisammen

QUELLEN

Nottbeck 1987, 15
abgegessen beendete Mahlzeit /E.K.L.R. Am abgegessenen Tisch saßen wir noch lange beisammen.

abgekankert Adj
‣ Belege: Estland, Kurland
unedel. de zerlumpt, zerrissen; et räbaldunud
So abgekankert kannst du dich nicht sehen lassen
welch abgekankerten Eindruck wir in unserer äußeren Erscheinung machten
‣ Synonyme: abgekoddert, abgelumpt, abgerissen, abgeschabt, abgesplissen, verkoddert, zerkankert, zerkoddert, zerlumpt
siehe auch abkankern

QUELLEN

Hupel 1795a, 2
abgekankert st. zerlumpt, führt Bergm. an.

Sallmann 1880, 77
abkankern, gew. abgekankert verlumpen,verlumpt.

Vegesack 1935, 276
zerrissen

Masing DBWB, 55
abgekankert, adj. (apjəkaŋkərt) zerlumpt, abgerissen; abgetragen. Bergm. 1. … welch a.en Eindruck wir in unserer äußeren Erscheinung machten. C v Kügelgen 183. glbd. abgekoddert, ver, zerkoddert, abgelumpt, abgerissen, abgeschabt, abgesplissen (s.d.)

Nottbeck 1987, 15
ärmlich, schlecht gekleidet / E.K. So abgekankert kannst du dich nicht sehen lassen.


QUELLEN (Informanten)
Berlitz, A.: Lettland
abgerissene, schlechte (Kleidung)

Reyher, Alma von: Dorpat
verkommen (Adj.) WL 4, 37 A. v. Reyher, Dorpat

Lemm, Robert von: Reval, Dorpat
zerkankert, zerlumpt

abgemaddelt Adj
‣ Belege: Kurland, Riga
de mitgenommen, erledigt, fix und fertig; et rampväsinud, omadega läbi
Nach dem Umzug bin ich völlig abgemaddelt

QUELLEN

Nottbeck 1987, 16
abgemaddelt mitgenommen, erledigt, fix und fertig / K.R. Nach dem Umzug bin ich völlig abgemaddelt.

abkoschern V [h]
‣ Belege: Kurland, Livland, Riga
Vt ugs. 'gründlich waschen' de schrubben; et küürima
Wenn ich mich doch richtig abkoschern könnte

QUELLEN

Masing DBWB, 76
abkoschern, sw. (ápkošərn) abwaschen. Kurl.

Nottbeck 1987, 16
abkoschern gründlich waschen, schrubben /K.L.R. Wenn ich mich doch richtig abkoschern könnte.

abmurcheln V [h]
{mnd. morken 'totdrücken'}
‣ Belege: Riga, Goldingen, Arensburg, Estland, Kurland (die erste Hälfte des 20. Jh.)
1. Vt, Vr ugs. de (sich) abquälen, (sich) ermüden, (sich) peinigen; et (end) ära vaevama
Er murchelt sich ab, das Feuer anzumachen
Frauenzimmer murcheln die Advocaten recht ab, wenn sie ihre Processangelegenheiten besprechen
Die Kinder murcheln die gefangenen Ratzen schrecklich ab.
2. Vt ugs. de töten, ermorden; et tapma, maha murdma
Die Katze hat unseren Kanarienvogel abgemurchelt.

QUELLEN

Gutzeit 1859, 12
abmurcheln, abquälen, ermüden, peinigen. Er murchelt sich ab, das Feuer anzumachen; Frauenzimmer murcheln die Advocaten recht ab, wenn sie ihre Processangelegenheiten besprechen; die Kinder murcheln tue gefangenen Ratzen schrecklich ab. Gew.

Masing DBWB, 92
abmurcheln, sw. (ápmurχəln) 1. peinigen, quälen, ermüden. Die Kinder murcheln die gefangenen K?atzen schrecklich ab. Die Frauenzimmer murcheln die Advokaten recht ab, wenn sie ihre Prozeßangelegenheiten besprechen. Gtz. I, 12. Er sah ganz abgemurchelt aus, ermüdet, angegriffen. _ 2. sich . a., sich abmühen. Er murchelt sich ab, das Feuer anzumachen. Gtz. I, 12. _ 3. töten. Kurl.

Vegesack 1935, 46
abmurcheln quählen. abgemurchelt, murcheln, das Murcheln, die Murchelei

Nottbeck 1987, 16
abmurcheln töten, ermorden / E.K.L.

Kobolt 1990, 33
abmurcheln umbringen. mnd. morken totdrücken; plattd. morcheln quälen durch übermässiges Liebkosen


QUELLEN (Informanten)
Berlitz, A.: Lettland
quälen, töten

abnehmen V [h]
‣ Belege: Kurland, Livland, Riga
1. Vt de wegnehmen, konfiszieren; et ära võtma, konfiskeerima
…daß es … zween verdächtigen Juden ein Fuchspferd … abgenommen habe
2. Vr de abbrauchen; et võtma (sisse või ära)
Sie haben noch wenig abgenommen '(von der Medicin) eingenommen'
3. Vt 'durch Malerei, Photographie bildlich wiedergeben' de zeichnen; et üles võtma; kujutama
In Lebensgröße abnehmen, abgenommen
die Gegend ist von der Seite des Waldes abgenommen
er und seine Frau lassen sich abnehmen
er versteht nicht abzunehmen
sehr glücklich abgenommen sein (fast gleich: getroffen)
Ich will mein Bild abnehmen lassen 'mich malen oder photographiren lassen'
4. Vt 'eine Lieferung zustimmend übernehmen' de empfangen; et (vastu) võtma
Rekruten abnehmen
ein Haus abnehmen 'ein Haus, das im Bau fertig ist, empfangen'
bei einer Pferdeaushebung wurde der … Fuchswallach … von der Kommission „abgenommen”
eine Parade abnehmen
5. Vi de zielen; et sihtima, kirbule võtma
Beim Schießen muss man gut abnemen, um zu treffen
6. Vt de entwöhnen; et võõrutama
ein Kind abnehmen [gew., wie im Russischen]
7. Vi de abnehmen; et alla võtma (kaalus), kahanema
Ich habe entsetzlich abgenommen
ein so starkes Abnemen deutet auf ein schweres Leiden. [Dieses „Abnemen“ ohne Yusaty bezieht sich nur auf die körperliche Fülle, nicht z.B. auf die Schwächung des Körpers oder Geistes. Man spricht wie in Deutschland: seine Geisteskräfte nemen ab, aber nicht: er nimmt ab in Bezug auf die Geisteskraft).]
In solchen Gegenden aber, wo Kiefern und Grähnen rar, und dagegen gute Laubholz-Stämme an Ellern, Espen und Birken vorhanden sind, da sollen die ersten Sorten zu denen Hofes-Gebäuden geschonet, und zu denen Bauer-Gesindern keine andere als Laubholz-Balken angewiesen werden, wie dann selbige, wenn sie vom December bis zum Ende des Februar und zwar in abnehmenen (!) Mondlicht, gehauen, abgescheelet und gut getrocknet worden, um ganz unverwerfliches Bauholz abgeben
8. Vt de abräumen; et koristama
Hast du den Tisch noch immer nicht abgenommen?

QUELLEN

Gutzeit 1859, 13
abnehmen, 1) abbrauchen. Sie haben noch wenig abgenommen, d.h. (von der Medicin) eingenommen. 2) einen, etwas, zeichnen, durch Malerei, Photographie bildlich wiedergeben. In Lebensgröße abnehmen, abgenommen; die Gegend ist von der Leite des Waldes abgenommen; er und seine Frau lassen sich abnehmen; er versteht nicht abzunehmen; sehr glücklich abgenommen sein (fast gleich: getroffen). Ich will mein Bild abnehmen lassen, d. h. mich malen oder photographiren lassen. Gew. In einigen Worterb. findet sich dies Wort in der Bed. von zeichnen, in andern, wie Grimm, nur von abconterfeien.

Sallmann 1880, 79
abnehmen durch Malen, Zeichnen, besonders Photographieren, aufnehmen; eine zu prüfende Lieferung, zustimmend übernehmen, besonders Rekruten.

Gutzeit 1886, 12
abnemen, 3) empfangen, eine Lieferung, zustimmend übernemen; Rekruten, empfangen. Auch in 390c. 79; ein Haus, das im Bau fertig ist. — Eine Parade über Truppen, st. abhalten, nach dem Russ., rig. Ztg. 1867. 138. — 4) Heu, abmähen; Kartoffeln, auf- oder ausnemen, aus dem Felde. — 8) zielen. Beim Schießen muss man gut abnemen, um zu treffen. — 6) Ein Kind, entwönen. Gew. Wie im russ. — 7) Ohne Beisatz, gew. in der Bed. von: magrer werden. Ich habe entsetzlich abgenommen; ein so starkes Abnemen deutet auf ein schweres Leiden. Dieses „Abnemen“ ohne Zusatz bezieht sich nur auf die körperliche Fülle, nicht z. B. auf die Schwächung des Körpers oder Geistes. Man spricht wie in Deutschland: seine Geisteskräfte nemen ab, aber nicht: er nimmt ab (in Bezug auf die Geisteskraft).

Gutzeit 1892b, 1
abnehmen einen Hafen. Hunde, die einzeln einen alten Feldhasen, ohngeachtet der von ihm gemachten schnellen Wendungen (Haaken) ergreifen (abnehmen) konnten, E. v. Rechenberg-Linten, Zustände Kurlands S. 48.
4) Heu, abmähen; Kartoffeln, auf- oder ausnehmen. aus dem Felde.

Masing DBWB, 93f.
abnehmen, st. (ápnēmən) 1. wegnehmen, konfiszieren. …daß es … zween verdächtigen Juden ein Fuchspferd … abgenommen habe … Mitauer Ztg. 1798, № 74. _ 2. ordnungsgemäß empfangen (vgl. Abnahme 2.) Mein Vater hatte dasselbe [Kordonhaus] … für Rechnung der Krone erbaut, und leider war es noch nicht „abgenommen” worden. Bienemann II, 200. … bei einer Pferdeaushebung wurde der … Fuchswallach … von der Kommission „abgenommen” … Rig. Rdsch. 1929, № 244. _ 3. † „das Licht abnehmen” heißt, das Licht schneutzen. FGuH, 4. _ 4. Heu a., abmähen; Kartoffel a., auf- oder ausnehmen. Gtz. N 1886, 12. _ 5. ein Kind a., entwöhnen. Gtz. N 1886, 12. _ 6. † eine Rödung (s.d.) a., Reste verkohlter Bäume entfernen. …/ nachdeme säumte er ja nicht / sein Land / … abzunehmen und zu reinigen / und dasselbe … auff die frische Asche zu besäen / … H.v. Neidenbg. 22. _ 7. † einen Hasen a., fangen. Hunde, die einzeln einen alten Feldhasen … ergreifen (abnehmen) konnten, gehörten … zu den Seltenheiten … Rbg-Lint. 48. ? _ 8. die Hunde a., koppeln. Georg rief den Pikör herbei. „Peter, nimm die Hunde ab! Wenn die jetzt der Spur folgen, so läuft der Boll noch meilenweit.” Ropp, Elk. 38. _ 9. zielen. Auf die nächste [Schnepfe] … werde ich von der Seite a. Guleke 50. _ 10. die Überkleider ablegen. Nehmt ab! .. wir setzen uns gleich zu Tisch. Carlile 82. _ 11. † abbrauchen. Sie haben noch wenig abgenommen, d.h. von der Medizin eingenommen. gtz. I, 13. _ 12. durcht Zeichnen, Malen, Photographieren bildlich wiedergeben. Herr Hentsch … offerirt sich mit seiner Geschicklichkeit im Silhouettieren … Er nimmt halbe und ganze Figuren in gleichen Familien … ab. Mit. pol. Ztg. 1796, Beilage z. 84. Stück. Die Gegend ist von der Seite des Waldes abgenommen; er versteht nicht abzunehmen. Gtz. I, 13. Heute wohl nur: photographieren. Hast du dich nicht auch wieder mal a. lassen? Holm Kerkh. 209. _ 13 abmagern. Er hat stark abgenommen.
¤ abnehmen „Offt kommt einem Viehe die jähe Uber-Blut an: … Ist es eine Kuh, nimt sie einen Tag vorher an der Milch ab.” (Neuer und Alter Curländischer Hof-, Land-, Schreib- und Haus-Calender 1727) s. auch abkanten
¤ abnehmen s. Abschließung!
¤ abnehmen „IX … In solchen Gegenden aber, wo Kiefern und Grähnen rar, und dagegen gute Laubholz-Stämme an Ellern, Espen und Birken vorhanden sind, da sollen die ersten Sorten zu denen Hofes-Gebäuden geschonet, und zu denen Bauer-Gesindern keine andere als Laubholz-Balken angewiesen werden, wie dann selbige, wenn sie vom December bis zum Ende des Februar und zwar in abnehmenen (!) Mondlicht, gehauen, abgescheelet und gut getrocknet worden, um ganz unverwerfliches Bauholz abgeben.” (Herzogl. Forstpatent, Peter, Mitau 29.XII.1769. _ Gedr.)

Nottbeck 1987, 16
K.L.R.

abschlagen V [h]
‣ Belege: Estland, Livland, Kurland, Riga
1. Vt 'durch einen Schlag verletzen' de schlagen; et ära lööma
ich habe mir den Kopf abgeschlagen
ich schlug mir schrecklich das Bein, den Arm, den Fuß ab [Dies will nicht bedeuten, dass man sich durch einen Schlag oder Hieb den Körperteil abgetrennt habe. Diese sonderbare Bed. entsteht durch das pleonastisch verstärkende ab; denn abschlagen ist nichts als schlagen, durch ab verstärkt. - Nie sagt man: er hat mir den Kopf abgeschlagen. Ebenso sagt man: sich abschlagen, sich verletzen durch einen Fall, Schlag, Stoß. Sie hat sich tüchtig abgeschlagen. Ganz ebenso verhält sich die Redensart: sich den Kopf zerschlagen, wo ebenfalls kein eigentliches Zerschlagen gemeint ist. Dieses abschlagen steht übrigens nicht ganz vereinzelt da. So führt Grimm an: Die Gurgel, die Kehle vom Vogel abschneiden, was sonderbar genug ist, da Gurgel und Kehle nur durchschnitten werden. Noch sonderbarer sind die ebenfalls von Grimm angeführten Redensarten: sich den Hals abfallen und Vögel, Hühner abschneiden, st. schlachten]
ein Orfey geben dem Gesellen, der sie (das Weib) wiederum abgeschlagen
zwei Fleischerjungen, daß sie des Mahlers S. Jungen auf der Gassen abgeschlagen
einen mit dem Stock abschlagen
sich die Hand, den Kopf, durch einen Schlag, Stoß verletzen [Lange und Stender]
Man bedauert das arme Weib, welches sich schon zum dritten Mal beim Fallen den Kopf abgeschlagen [Riemenschneider in 175. 1858. Nr.5]
(Arithmetische Aufgabe): Wenn die Hagenshoffschen Einwohner täglich einmal auf dem Glatteise der Düna den Kopf sich abschlagen, wievielmal mehr müßten dann Diejenigen, welche das Sandausstreuen unterlassen haben, ihre Köpfe abschlagen?
er hat sich den Kopf, den Finger (?) abgeschlagen, abgestoßen 'statt: zerstoßen (?!), geschlagen' [Hoheisel erklärt diese Redeweise [...] für lettisch und bemerkt, es dürfe uns nicht Wunder nehmen, daß aus dem Lettischen herstammende Provincialismen und lettisch klingende Wörter auch in Estland vorkommen. Seine Annahme ist eine irrige]
siehe auch ab-2
2. Vt de zerschlagen
die Felder sind durch den Hagel ganz abgeschlagen
3. Vt
die Fackeln an keinem gefährlichen Orte abschlagen, sondern mit den Füßen austreten, gleichsam die Flamme ab von der Fackel
4. Vt
der Brantwein hat die Probe abgeschlagen 'hält, gibt keine Perlen mehr, wenn das Probeglas angeschlagen wird' [Wenn die Probe abgeschlagen, gibt der Brantwein mit dem vierten Theil Wasser sog. Halbbrand]
5. Vt
von jedem Schiffpfund soll nicht mehr als 12 3/4 Pfund abgeschlagen werden
den Käufern zum Besten soll von allen nach Riga kommenden Waaren nur 12 1/3 ℔ vom S℔ abgeschlagen und dekurtiret werden [russ. вычитать]
6. Vt de beschlagen
nach der Abwrakung jedes Fass mit einem Stempel abschlagen
7. Vt
den Abschnürfaden abschlagen 'den gehobenen und gespannten Abschnürfaden loslassen'
die Kante einer Bettdecke oder deren Mitte abschlagen 'mit der Kreide bestrichenen Abschnürfaden die Linien für die Stappnat bezeichnen'
8. Vt de abklappen, herabschlagen, herunterschlagen
das Verdeck eines Wagens abschlagen
Kibitka mit einem Verdecke zum Abschlagen
eine abzuschlagende Britschka
einen Tisch abschlagen 'abklappen'
einen Regenschirm abschlagen 'herab- oder herunterschlagen'
9. Vi de schlagen
wir wollen warten, bis alle Thurmuhren abgeschlagen haben
10. Vt
Heuschläge abschlagen und vor Ueberwachsung conserviren 'bedeutet dies: abmähen oder von Strauch befreien?'
11. Vt
nachdem die Stute gehörig gedeckt worden und abgeschlagen
12. Vt de abschäuern, abkleiden, abteilen
der Bodenraum bietet hinreichend Raum, um eine Bodenkammer für den „Ältesten“ (Sohn) „abzuschlagen“, um allerlei Sachen aufzubewaren
siehe auch Abschlag
13. Vt de abladen
die Fuhren auf- und abschlagen [spätere Stellen: die Wahren von den Fuhren abnehmen]
14. Vt de schlagen, bezeichnen
Bootsmasten wraken und mit dem publiken Zeichen abschlagen

QUELLEN

Riemenschneider 1858a, Sp. 74-75
Es wäre, wenn es darauf ankäme, nicht schwer, das hiesige Deutsch nach verschiedenen Stufen zu charakterisiren, welche durch gewisse stehende Redensarten sich sogleich kenntlich machen. Auf die unterste Stufe, bei welcher man aus einer Reihe verkehrt oder halb ausgesprochener Wörter nur mit Mühe den Sinn des Satzes errathen kann, folgt eine höhere, auf welcher man von Längde und Wärmde reden hört, wo man sich so selbig befindet, noch höher bedauert man das arme Kind, welches sich schon zum dritten Mal beim Fallen den Kopf abgeschlagen, noch höher geht man Licht fragen und legt den Leuchter auf den Tisch oder bleibt in einer Gesellschaft (so lange), bis man sich amüsirt; noch höher macht man das Fenster fest und die Thür los, ja selbst der Mund wird losgemacht und es gilt für eine Unbequemlichkeit, daß die Nase fest ist, noch höher schließt man jeden Satz mit würde und möchte, u.s.w. - Genug, schlechtes Deutsch kann man bei uns überall hören, von dem Undeutsch (oder Gesindedeutsch) und dem Halbdeutsch an bis zum Conversationsdeutsch und Salondeutsch: unten sind die Volkssprachen, oben die modernen Verkehrssprachen sehr bald herauszuhören.

Gutzeit 1859, 16f.
abschlagen, 1) schlagen, durch einen Schlag verletzen. Hier sind die den Ostseeprovinzen eigentümlichen Redeweisen anzuführen: ich habe mir den Kopf abgeschlagen; hier kann man sich den Kopf abschlagen; ich schlag mir schrecklich das Bein, den Arm, den Fuß ab. Dies will nicht bedeuten, dass man sich durch einen Schlag oder Hieb den Körpertheil abgetrennt habe, sondern dass man ihn verletzt habe. Diese sonderbare Bed. entsteht durch das pleonastisch verstärkende ab; denn abschlagen ist nichts als schlagen, durch ab verstärkt. — Nie sagt man: er hat mir den Kopf abgeschlagen, oder hat mir den Fuß abgeschlagen. Ebenso sagt man: sich abschlagen, sich verletzen durch einen Fall, Schlag, Stoß. Sie hat sich tüchtig abgeschlagen. Ganz ebenso verhält sich die Redensart: sich den Kopf zerschlagen, wo ebenfalls kein eigentliches Zerschlagen gemeint ist. Dieses abschlagen steht übrigens nicht ganz vereinzelt da. So führt Grimm an: Die Gurgel, die Kehle vom Vogel abschneiden, was sonderbar genug ist, da Gurgel und Kehle nur durchschnitten werden. Noch sonderbarer sind die ebenfalls von Grimm angeführten Redensarten: sich den Hals abfallen und Vögel, Hühner abschneiden, st. schlachten.
2) zerschlagen. Die Felder sind durch den Hagel ganz abgeschlagen.
3) Die Fackeln an keinem gefährlichen Orte abschlagen, sondern mit den Füßen austreten, gleichsam die Flamme ab von der Fackel, 90.
4) der Brantweinhat die Probe abgeschlagen, d. h. hält, gibt keine Probe mehr, zeigt keine Perlen mehr, wenn das Probeglas angeschlagen wird. Wenn die Probe abgeschlagen, gibt der Brantwein mit dem vierten Theil Wasser sog. Halbbrand.
5) von jedem Schiffpfund soll nicht mehr als 12 Pfund abgeschlagen werden, 149.
6) nach der Abwrakung jedes Fass mit einem Stempel abschlagen, beschlagen, 137.
7) den Abschnürfaden, den gehobenen und gespannten Abschnürfaden loslassen; die Kante einer Bettdecke oder deren Mitte abschlagen, mit dem Kreide bestrichenen Abschnürfaden die Linien für die Steppnat bezeichnen.
8) das Verdeck eines Wagens. Kibitka mit einem Verdecke zum Abschlagen 172. 1797. 422; eine abzuschlagende Britschka, 172. 1804. 580; einen Tisch abschlagen, abklappen. Schon bei Bg. 210; einen Regenschirm, herab- oder herunterschlagen.
9) Wir wollen warten, bis alle Thurmuhren abgeschlagen baben, geschlagen.
10) Heuschläge. Heuschläge abschlagen und vor Ueberwachsung conserviren, 193. II. 2. 1214. Bedeutet dies: abmähen oder von Strauch befreien?
11) von einer Stute. Nachdem die Stute gehörig gedeckt worden und abgeschlagen. 172. 1795. 119. —
13) abschäuern, abkleiden. S. Abschlag.

Hoheisel 1860, 24
abschlagen, abstoßen: Er hat sich den Kopf, den Finger abgeschlagen, abgestoßen st. zerschlagen, gestoßen (lettisch *).

Sallmann 1880, 110
Eigentümlich sind auch die durch Zusammensetzung mit an, ab gebildeten Redensarten, wonach sich einer den Kopf abschlägt, die Zehe abtritt, den Finger absticht, das Ohr abfällt, die Nase abstößt, die Hände abfriert, d. h. durch Anschlagen, Treten, Stechen, Fallen, Stoßen, Frieren verletzt, […]

Gutzeit 1886, 14f.
abschlagen, 1) schlagen. Ein Orfen geben dem Gesellen, der sie (das Weib) wiederum abgeschlagen. 349. XXV. 1. J. 1671/2; zwei Fleischerjungen, daß sie des Mahlers S. Jungen auf der Gassen abgeschlagen, ebda. 1665/6; einen, mit einem Stock, 365. J. 1666, schlagen. Sich die Hand, den Kopf, durch einen Schlag, Stoß verletzen, Lange und Stender. — Man bedauert das arme Weib, welches sich schon zum dritten Mal beim Fallen den Kopf abgeschlagen, Riemenschneider in 175. 1658. N 5. — Ein Eingesandt in rig. Ztg. 1884. 50 enthält ein Non plus ultra: „(Arithmetische Aufgabe). Wenn die Hagenshoffschen Einwohner täglich einmal auf dem Glatteise der Dünn den Kopf sich abschlagen, wieviel mal mehr müßten dann Diejenigen, welche das Sand ausstreuen unterlassen haben, ihre Köpfe abschlagen?“ Hoheisel (322. 24) erklärt die Redeweise: er hat sich den Kopf, den Finger (?) abgeschlagen, abgestoßen, statt: zerstoßen (?!), geschlagen für lettisch und bemerkt, es dürfe uns abschlägig — nicht Wunder nehmen, daß aus dem Lettischen herstammende Provincialismen und lettisch klingende Wörter auch in Estland vorkommen. Seine Annahme ist eine irrige. —
5) Den Käufern zum Besten soll von allen nach Riga kommenden Waaren nur 12 3/4 ℔. vom S℔. abgeschlagen und dekurtiret werden, 149, russ. вычитать. —
13) abschäuern, abteilen. Der Bodenraum bietet hinreichend Raum, um eine Bodenkammer für den „Ältesten“ (Sohn)„abzuschlagen“; im Vorhause ein Kammerchen abschlagen, um allerlei Sachen aufzubewaren. —
14) abladen. Die Fuhren auf- und abschlagen, 306. Spätere Stellen: die Wahren von den Fuhren abnehmen. —
15) schlagen, bezeichnen. Bootsmasten wraken und mit dem publiken Zeichen abschlagen, 283.

Eckhardt 1896, 31
sich den Kopf abschlagen

Eckardt 1904, 45, 48
Was weinst du Junge? - „Ich bin heruntergefallen.“ - Herunter? Von wo herunter? Der Knabe machte ein verdutztes Gesicht. „Auf der Diele, und da hab ich mir den Kopf abgeschlagen.“ - Den Kopf abgeschlagen? - Kein Wort mitleidigen Trostes kam über die Lippen des jungen Magisters. Er schmunzelte vergnügt und zog sein Notizbuch aus der Brusttasche hervor. _ Was hustest du denn so erbärmlich, Karl? _ „Ich - ich habe mich verschluckt, Herr Mezer!“ - Was? dich - verschluckt? Wieder ein Sonnenblick in des Magisters nebelgrauer Schulatmosphäre und wieder ward das Notizbuch um einen Schatz reicher.
Man schlägt sich in Riga so gut den Kopf ab wie in Pernau oder Reval, verschluckt sich hier wie dort ein paar Mal des Tages, ohne an seinem Wohlbefinden Schaden zu nehmen. In Riga so gut wie in Mitau oder am Embach setzt man sich con amore in den Fuhrmann oder auf den Fuhrmann und beide Teile sind es zufrieden. Mit all derlei Arten oder Unarten der Lebensführung, zu denen wir uns als gute Balten gemeinsam bekennen, haben wir es hier also nicht zu tun, wir belauschen dagegen unsre mit unverfälschtem Dünawasser getauften Mitbürger in ihrer harmlosen Unterhaltung und achten lediglich auf jeden Laut und jede Wendung, die auch uns Provinzlern ungewohnt und fremd ans Ohr klingen.

Seemann von Jesersky 1913, 99
verletzen: Ich habe mir den Kopf abgeschlagen. Hast du dich abgeschlagen?

Stegmann von Pritzwald 1952, 421
ich habe mir den Kopf abgeschlagen = gestoßen, geschlagen

Masing DBWB, 1178ff.
abschlagen, st. (ápslāʒən) 1. † verprügeln. Catrin Spillmansche, eine(n) spilman tapfer abgeschlagen – 36 Mk. Rig. Vogt. Rechn. 1625. … dann wan sie betroffen würden, schlugen des Teufels … Wächter sie mit einer … langen Peitschen … grimmig ab … Livl. Landger. akten. № 99, 4 (1692). 2. † zerschlagen. Die Felder sind durch den Hagel ganz abgeschlagen. Gtz. I, 17. _ 3. Fackeln a., sie durch Schlagen auf dem Boden löschen. Die Fackeln an keinem gefährlichen Orte a., sondern mit den Füßen austreten. Der Königl. Stadt Reval erneuerte Feuerordnung 1698 (nach Gtz. I, 17). _ 4. Eidotter a., sie nach dem Zerschlagen der Eierschalen in ein Gefäß gleiten lassen. Die Eidotter werden in einen Topf abgeschlagen, das Eiweiß zu Schaum geschlagen. Handschriftl. Rezept. Kurl. um 1850. _ 5. Holzgegenstände a., mit einem Schlageisen stempeln. Bootsmasten zu wraaken und … mit dem publiquen Zeichen abzuschlagen. Taxa Mwr. Riga. 1800, 9. _ 6. den Abschnürfaden a., den gehobenen und gespannten Faden loslassen; die Kante einer Bettdecke oder deren Mitte a., mit dem mit Kreide bestrichenen Abschnürfaden die Linien für die Steppnaht bezeichnen. Gtz. I, 17. _ 7. † (hinabklappen) Stiefelschäfte, Tischplatten, das Verdeck eines Fuhrwerks, einen Regenschirm a., hinabklappen. … ein par Stiefeln, welche nach englischer Art abgeschlagen sind. Rig. Anz. 1773, 80. Ein … engl. Wagen … , dessen Verdeck auch abzuschlagen ist. (Rig. Anz.) eb. da. 1781, 133. Eine wohlkonditionirte, … , abzuschlagende Pritschka … eb. da. 1804, 580. … eine … Mütze mit einer … Brehm zum A. Mit. Ztg. 25. II. 1794. _ 8. † Heuschläge a., abmähen. Wenn ein Gesinde wüste wird, … ,so muß das dazu gehörige Korn-Land allerdings ruhen, die Heuschläge aber jährlich abgeschlagen und für Üeberwachsung conserviret werden. Buddenbr. Landr. II, 1214 (1696). _ 9. zu Ende schlagen. Wir wollen warten, bis alle Thuruhren abgeschlagen haben. Gtz. I, 17. _ 10. abschäuern (s.d.) Der Bodenraum bietet hinreichend Raum, um eine Bodenkammer … abzuschlagen. Gtz. N 1886, 15. _ 11. † abladen. Die Fuhren auf- und abschlagen. Taxa und Ligger 1859 nach Gtz. N 1886, 15. _ 12. † abgießen. Wen daß fleisch ist halb gekocht, so schlegt man daß Waßer ab undt richtet eß zu mitt Wein … Kochbüchlein 71. _ 13. ┌ einen kalten (Bauern) a., (ejaculationem seminis efficere) sperma eicere. _ 14. coitum repellere … nachdem die Stute gehörig gedeckt und ageschlagen … Rig. Anz. 1795, 119. _ 15. † abziehen, abrechnen. … dasz in den Wagen weiterhin nicht mehr 1Lll vom Sll den Trembden abgeschlagen noch 6 Cent von dem Getreyde genommen werden solte … Bulm. AuU I, 156 (1712). (…?) … wozu und wie lange einige Lieszpfunde in der Wage abgeschlagen werden … eb. da 521 (1723). _ 16. der Branntwein hat die Probe abgeschlagen, hält, gibt keine Probe mehr, zeigt keine Perlen mehr, wenn das Probeglas angeschlagen wird. Wenn die Probe abgeschlagen, gibt der Branntwein mit dem vierten Teil Wasser sogen. Halbbrand. Gtz. I, 17. _ 17. sich a., durch einen Fall, Stoß oder Schlag verletzen. Er rannte im Dunkeln gegen einen Schrank und schlug sich tüchtig ab. Bevor eine Braut zum erstenmal in der Kirche aufgeboten wurde (von der Kanzel fiel), pflegten ihr die Freundinnen ein Kästchen zu schenken, in dem auf einem kleinen Kissen eine Miniaturkrücke und ein zierlicher Stäbchen (meist aus Elfenbein gedrechselt) lagen In Mitau wurde außerdem folgendes Verschen hinzugefügt: „Hold Liebchen, heut´ fällst du von der Kanzel herab; Leg´ unter das Kissen, sonst schlägst du dich ab!” Dieser Brauch erhielt sich bis zum Beginn des Weltkrieges lebendig. sich die Hand, den Kopf usw. a., verletzen. … bedauert man das arme Kind, welches sich schon zum dritten Mal beim Fallen den Kopf abgeschlagen. Inland 1858, 74. _ 18. part. abgeschlagen, ermattet, entkräftet: a. sein oder sich fühlen. Gtz. I, 17.

Masing DBWB, 120
abschlagen, Ferner gehört es sich, daß de Teig zuerst in der Backschüssel (Mulde) abgechlagen wird, bis er sich schält, dann wirkt man ihn auf einem mit Mehl besträuten Backbrette aus, wobei man ihn tüchtig klopft, um das Gähren zu befördern, und setzt ihn dann, leicht gedeckt, einer mäßigen Wärme aus. Mit. Kochb. 1876, 298.
¤ abschlagen, Nim junge hüner, wen sie halb gesotten, schlage den meinsten Teil davon ab, … (Kochbüchlein 73).
¤ Probe abschlagen, Um die Stärke des aus den Röhren fließenden Strahls zu rechter Zeit mäßigen und das Feuer darnach dämpfen zu können; auch ziemlich genau zu bestimmen, wie vielen Branntwein man erhalten werde, muß der aus den Röhren laufende Branntwein öfters probirt werden. Dies geschieht, wenn man ein kleines Gläschen … vor dem Auslauf hält und halb voll laufen läßt … (157). Wenn man nun dieses, oben mit dem Finger zugehaltene, Gläschen einmal schüttelt oder anschlägt; so sieht man gleich, ob es Probe hält, das heißt, ob Perlen entstehen. Hiebey muß man sich merken, daß auch der erste stärkeste Spiritus … keine Probe hält; und so lange muß er auch am stärkesten laufen; darauf …. hält er Probe, und muß derweilen mittelmäßig (nämlich eines Strohhalmes dick) laufen: dann aber hört erbald auf, Probe au halten, oder, nach der Kunstsprache: er hat die Probe abgeschlagen, das heißt, er hält keine Perlen mehr, wenn es angeschlagen wird; das Feuer muß alsdann sogleich sehr ermäßigt, und das im Vorlagefaß vorhandenes Quantum gemessen werden, um ungefähr zu wissen, wie viel man noch dazu könne laufen lassen, und wie viel guten Branntwein man überhaupt zu bekommen Hoffnung habe: … (Hupel, Oek. Handb. II, 156/7, Fußnote 82).
¤ abschlagen, sich, Wenn ein Fisch blau gekocht werden soll, muß man dafür sorgen, daß er im Wasser bleibe, nicht trocken gebracht werde, und sich den zarten Schleim nicht abschlage, vermöge dessen er nur blau werden kann. (LKWb 1817, 204).

Nottbeck 1987, 16
Ich habe mir den Kopf am Fenster abgeschlagen - gestoßen /E. K. L. R.


QUELLEN (Informanten)
Weinert, Paul: Riga
durch Stoß verletzt: Ich habe mich abgeschlagen.

abschwinden V [s]
‣ Belege: Estland, Kurland
1. Vi 'unbemerkt verschwinden' de fortgehen; et ära minema
2. Vi 'Toilette aufsuchen' de austreten; et ära käima
während der Aufführung mußte ich abschwinden

QUELLEN

Gutzeit 1859, 18
abschwinden, unbemerkt verschwinden, fortgehn.

Masing DBWB, 130
abschwinden, st. (ápswindeən) 1. (unbemerkt) verschwinden, fortgehen. Gtz. I, 18. _ 2. euphem.: seine Notdurft verrichten gehen. Ich muß jetzt etwas a.

Nottbeck 1987, 16
abschwinden während der Aufführung mußte ich abschwinden. E.K.

Ackerbeere die
‣ Varianten: Ackerbere
1. 'Rubus arcticus' de Multbeere; et soomurakas, mesimurakas
2. 'Rubus caesius' de Brombeere; et põldmurakas, põldmari
‣ Synonyme: Ackerbrombeere

QUELLEN

Pistohlkors 1797, 179
Ackerbeere Rubus caesius, die Ackerbrombeere; liefl. Ackerbeere.

Gutzeit 1859, 25
Ackerbeere Brombeere. Bei Hoffm., nicht bei Grimm.

Sallmann 1880, 116
Ackerbeere Rubus caesius

Klinge 1882, 565
Ackerbeere Fragaria viridis. Hühel-Erdbeere, auch Ackerbeere

Gutzeit 1886, 23
Ackerbeere rubus caesius, 362. Auf Ösel der gewönliche Name für Brombere. Der Bromberstrauch ist dort sehr häufig und üppig, die Bere ein gew. Genussmittel. Auch in Petersburg st. Brombere.

Masing 1924-1926, 92
Ackerbeere Die der Brombeere nah verwandte Ackerbeere (der Name ist auch in Estland üblich) nennt man in Mecklenburg Bucksbärnstruck [?] (nach dem Rehboch)

Masing DBWB, 176
Ackerbeere, f. (ák̅ərbērə) 1. Brombeere, Rubus caesius … bläßliche Blaubeeren, braune Ackerbeeren … Bertram BS III, 90. _ 2. Multbeere, Rubus arcticus. Stryk.

Graf 1958, 10
Ackerbeere Die niedrig wachsende Brombeere war in Estland unter dem Namen Ackerbeere bekannt.

Schönfeldt 1960, 11
Ackerbeere 1. Rubus arcticus. Unbewehrte Pflanze mit großen, roten Blüten und himbeerartigen Sammelfrüchten. Die Südgrenze der zirkumpolar verbreiteten Art verläuft durch Estland und Nordlivland.
2. Rubus caesius, Brombeere. Vereinzelt findet sich die Bezeichnung auch in Deutschland.

Nottbeck 1987, 16
Ackerbeere niedrige Brombeere / K.L.


QUELLEN (Informanten)

Ackerbeere Brombeere. DWA 16, (nur) aus Estland ~ 27x gemeldet

Akzise die
‣ Varianten: Accise
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
'indirekte Verbrauchssteuer' et aktsiis
Gegenwärtig wird Accise nur von Branntwein, Spiritus und Tabak erhoben
Onkel Fritz hat es nur zum Akzisebeamten gebracht

QUELLEN

Sallmann 1880, 26
Akzise, Accise (Behörde zur Beaufsichtigung und Besteuerung der Spiritus- und Brantweinsgewinnung, sowie der Tabaksfabrikation). ... sind die entsprechenden dt. Ausdrücke fast verdrängt.

Gutzeit 1886, 21
Accise Die älteste Accise wurde in Riga vom Biere erhoben. Als 1559 Iwan der Schreckliche auch Riga bedrohte, vereinigten sich Rat und Bürgerschaft, um den erforderlichen Kriegsbedarf herbeizuschaffen, zu einer Accise nicht blos (wie früher schon) vom Biere, sondern auch zu einem Zolle von allen ein- und ausgehenden Waaren. Die näheren Bestimmungen finden sich in der Stadtkassen- und Accisefundation von 1559. Der severinische Contract von 1589 setzt fest, dass bei dem Stadtskasten, in welchen die bürgerliche u. Wein-Accise ... einfließt, 2 Personen des Rats sitzen. Im J. 1604 wird von einer „gemeinen“ Accise gesprochen. - Zu schwedischer Zeit gab es in Riga 4 Zölle: Licent, Portorienzoll, Accise (von ein- und ausgehenden Waren) und Recognitionszoll. - Die Handelsodg. v. 1765 bestimmte, dass die A. der Stadt, zur Erleichterung des Handels, nach dem Licenthause verlegt und zu dem Ende daselbst ein Ort eingerichtet werde, wo die Accise nach des Magistrats Anordnung, unter der Oberaufsicht des Oberinspectors, durch die gewöhnlichen Bedienten verwaltet werden soll, 149. § 113. Die rig. Stadtaccise muß (§ 109) nach der Taxe von 1669 in Berechnung des Zolls über seewärts einkommende und ausgehende Waaren auf das Genaueste erhoben und keinerlei Verhöhung in solchem Accisezoll vorgenommen werden. - Man ersieht aus der angef. Stelle, dass A. sowol die Erhebungsstelle, als den erhobenen Zoll bedeutete. - Gegenwärtig wird Accise nur von Branntwein, Spiritus und Tabak erhoben. Daher: Branntweinsaccise, Tabaksaccise u. Accisebeamter. Amtlich gilt der Ausdruck Steuerverwaltung des Livländischen Gouvernements für die Behörde, welche die Acciseangelegenheiten unter sich hat.

Nottbeck 1987, 16
Akzise, die, Onkel Fritz hat es nur zum Akzisebeamten gebracht. E.K.L.

DRWB I, 474f.

alberieren V [h]
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
Vi 'Albernheiten treiben; albern sein' de albern; et veiderdama
selbst beim Essen alberierten die Kinder

QUELLEN

Gutzeit 1886, 26
alberiren, albern, Albernheiten treiben, 390c. 25 und 58.

Seemann von Jesersky 1913, 100
alberieren, sich albern betragen

Revaler Bote 1919-1930, 1928/157
[Rosenberg in RB]

Kentmann 1978, 238

Nottbeck 1987, 16
alberieren selbst beim Essen alberierten die Kinder E.K.L.

Kobolt 1990, 37
alberieren albern sein, albern. nhd. albern. Balt. Ableitung mit der beliebten Endung -ieren


QUELLEN (Informanten)
Koskull, Josi von: Tergeln bei Windau

Altlicht das
‣ Varianten: Alt-Licht
‣ Belege: Estland, Kurland
bei Altlicht geboren
'abnehmender Mond' et vanakuu; kuuloomine
es ist Alt-Licht
wir haben Alt-Licht
wir sind im Altlicht
siehe auch altlichtlich sein

QUELLEN

Gutzeit 1859, 31
Alt-Licht, (der Ton gewöhnlich auf dem 2ten Worte), abnehmender Mond. Es ist Alt-Licht, wir haben Alt-Licht; wird sind im Altlicht. Er ist in Altlicht geboren, sieht, obgleich jung, alt aus.

Gutzeit 1886, 32
Altlicht. „Er war in Altlicht geboren.“ Damit, sagt Bertram in balt. Skizzen, bezeichnet man stillbeschauliche, ruhige junge Leute, die nichts von den gewöhnlichen Äußerungen einer lebendigen Jugendkraft zeigen. In Riga hat das Wort die Bed. von: ein altes Aussehen habend, daher auch: nach Altlicht aussehen. vgl. d. folg.

Nottbeck 1987, 16
Altlicht, Neumond (dunkel, fade, unscheinbar) / E.K. Sie sieht aus, wie bei Altlicht geboren.

Kobolt 1990, 38
Altlicht Phase des abnehmenden Mondes. Vermutlich eigenständige deutsch-balt. Wendung


QUELLEN (Informanten)
Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland
bei Altlicht geboren: So bezeichnete man einen Menschen, der etwas verkümmert aussah, also etwa einen jungen Menschen, der unjugendlich wirkte, oder auch einen älteren Menschen, der so aussah, als sei er niemals richtig jung gewesen.

Bielenstein, Bernhard: Riga, Doblen
scherzhafte Bezeichnung für einen jungen Menschen, der etwas ältlich oder verkümmert aussieht.
von Jugend auf altjüngferlich = unjugendlich

Wachtsmuth, Wolfgang: Riga

id am Ende
‣ Varianten: amende, amenn
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
de vielleicht, möglicherweise
am Ende kommt er doch

QUELLEN

Flügge-Kroenberg 1971, 29
amenn - vielleicht

Nottbeck 1987, 17
am Ende vielleicht, möglicherweise. / E.K.L.
am Ende kommt er doch.

Kobolt 1990, 38
amende Adv. vielleicht. ostpr. amend vielleicht

angehen V [s]
1. Vi 'sich anziehen lassen (von Kleidungsstücken)' et (selga, jalga, kätte) minema
der Stiefel geht nicht an, geht leicht an und ab
der Rock geht (mir) nicht an [diese gew. Bed. ist weder bei Hoffm. noch bei Grimm]
2. Vi 'sich wohin begeben' et minema
ich werde zu oder bei dir angehen
geh' recht bei, zu mir an
ich ging zu ihm an
auf dem Rückwege werde ich zu Hause angehen 'in meine Wonung mich begeben' [angehen bezieht sich stets nur auf ein kurzes Verweilen an dem Orte, an den man sich begibt.]
heute zwei Mal bei ihm angegangen 'zu ihm gegangen' [schreibt man in Tagebüchern]
wegen der Miete wird er morgen bei dir angehen 'bei dir vorsprechen, dich aufsuchen' [Estland]
3. Vi de sich ansetzen (von Speisen wie Milch und Schmand); et kokku minema
die Milch geht an, ist angegangen 'setzt sich beim Aufkochen an; dies geschieht besonders in der Zeit, wo die Kühe setzen und die Milch Überschuss an Käseteilen enthält.'
4. Vi et puudutama, (kellegi kohta) käima
das geht dir, mir nichts an [hört man sehr allgemein, nur die Gebildeten construiren mich, dich. Im Behördenstil wird der Dativ noch jetzt sehr gewöhnlich gebraucht]
solcher Befehl wird allen, denen es angeht, bekannt gemacht
5. Vi 'mit Unterbrechung eines größeren Wegs auf einen Augenblick bei jemandem vorsprechen' et läbi astuma (kellegi poolt, kuskilt)
heute zwei Mal bei ihm angegangen 'zu ihm gegangen' [schreibt man in Tagebüchern]
auf dem Rückwege werde ich zu Hause angehen [bezieht sich stets nur auf ein kurzes Verweilen an dem Orte, an den man sich begibt]
siehe auch an-2
6. Vi de anlaufen, randuma
Hafen, in welche die Schiffe angehen mussten

DAZU:
ein angehender Arzt, Jurist usw. 'ein junger Mann, der sich durch Studium zum Arzt, Jurist heranbildet, auf dem Wege ist, es zu werden' [nicht ein junger Arzt, wie Grimms Wtb. erklärt]

QUELLEN

Gutzeit 1859, 37f.
angehen. 1) sich anziehen lassen von Kleidungsstücken. Der Stiefel geht nicht an, geht leicht an und ab; der Rock geht (mir) nicht an. Diese gew. Bed. ist weder bei Hoffm. noch bei Grimm.
2) sich wohin begeben. Ich werde zu oder bei dir angehen; geh' recht bei, zu mir an; ich ging zu ihm an. Vgl. anmüssen, anwollen.
3) von Speisen, sich ansetzen. Die Milch geht an, ist angegangen, setzt sich beim Aufkochen an.
4) das geht dir, mir nichts an, hört man sehr allgemein; nur die Gebildeten construiren mich, dich. Im Behördenstyl wird der Dativ noch jetzt sehr gewöhnlich gebraucht. z.B. solcher Befehl wird allen, denen es angeht, bekannt gemacht.
5) In Tagebüchern schreibt man: heute zwei Mal bei ihm angewesen, zu ihm gegangen.
6) Hafen, in welche die Schiffe angehen mussten,174. 1857. 95, anlaufen.

Sallmann 1880, 84
Bei vielen Zusammensetzungen mit an ergibt sich die Bedeutung: mit Unterbrechung eines größeren Wegs auf einen Augenblick bei jemandem vorsprechen, in Deutschland bei ähnlichen Wendungen mit vor wiedergegeben. So in anbritschen, andürfen, anfahren, anflitzen, angehn, anjagen, ankommen, anlaufen, anmögen, anmüßen, anreiten, anrennen, anschicken, anschießen, anschneien, ansein, ansollen, anspringen, anwollen u. a.

Gutzeit 1886, 41
angehen, 2) zu Hause angehen. Auf dem Rückwege werde ich zu Hause angehen, in meine Wonung mich begeben. Angehen bezieht sich stets nur auf ein kurzes Verweilen an dem Orte, an den man sich begibt. —
3) von Milch und Schmand, wenn sie aufgekocht werden, ansetzen. Dies geschieht besonders in der Zeit, wo die Kühe setzen und die Milch Überschuss an Käseteilen enthält.
Unter 5) ist im Wörterschatz st. angewesen zu lesen: angegangen. Gehört zu 2). Ein angehender Arzt, Jurist u. s. w. nicht ein junger Arzt, wie Grimms Wtb. erklärt, sondern ein junger Mann, der sich durch Studium zum Arzt, Jurist heranbildet, auf dem Wege ist, es zu werden.

Kiparsky 1936, 190
angehen [ánjềən], ankommen [ánkòmən] 'im Vorübergehen eintreten (nur für kurze Zeit)' - r. зaхoдить, зaйти 'bei jmdem. (im Vorbeigehen) vorsprechen'. Fehlt in dieser Bed. bei Grimm, ist aber im ganzen Baltikum üblich. Vgl. GUTZEIT I, 40; N98 41; SALLMANN N. 148. - Nach den Samml. des Preuss. Wb. soll angehen 'bei jem-dn vorsprechen' in Danzig vorkommen.

Nottbeck 1987, 17
angehen - bei jmd. vorsprechen, jmd. aufsuchen / E.
wegen der Miete wird er morgen bei dir angehen

angeprempst Adj
‣ Belege: Kurland, Riga
'eng anliegend' et liibuv (riietuse kohta)
ihr Kleid sitzt wie angeprempst

QUELLEN

Nottbeck 1987, 17
angeprempst eng anliegend / K.R. ihr Kleid sitzt wie angeprempst

anken V [h]
‣ Varianten: ankern
{mnd. anken 'seufzen, stöhnen'}
‣ Belege: Estland, Kurland
Vi de ächzen, stöhnen, jammern; et hädaldama, halama
dann kommt der große Moment, da der Bauer ankend und stöhnend in die Tasche greift, den Beutel hervorholt und einen, zwei oder auch drei Rubel Herrn F. in die Hand drückt.

DAZU:
anken und janken 'ächzen und stöhnen'

QUELLEN

Bergmann 1785, 3
anken, ächzen, wehklagen, jammern

Gutzeit 1859, 39
anken Das sehr gewöhnliche, schon von Bg. und Hup.angeführte Wort muss in Deutschland sehr selten gehört werden; denn nur wenige Wörterbücher führen es auf. Ein Lautwort, wie stönen und wimmern, steht es wol in keinem Zusammenhang mit eng, Angst, angi, αγχειν. Kranke anken, wenn ein tiefes Leiden sie quält, ihnen Unruhe verursacht. Es ist verschieden von stönen, welches sich bei uns nur auf tiefe dumpfe, schwere Wehlaute bezieht, und mögte am Nächsten dem ächzen kommen. Balzac lässt den verscheidenden Goriot die Schmerztöne wimmern: heun! hâan! mit welchen er wahrscheinlich das Anken wiedergeben wollte. - Der Kranke ankte die ganze nacht; hat nicht geankt, hat ohne Anken die Nacht zugebracht; sein Anken ist nicht mehr zu ertragen.
Ursprünglich nur von dem Stönen uns Ächzen der Kranken gebraucht, hat es auch die übertragene Bedeutung. Diese Frau ankt und klönt um nichts und wieder nichts. Dieser Geizhals ankt über seine schlechten Umstände.

Sallmann 1880, 28, 114
anken 'seufzen, stöhnen'
anken und janken ächzen und stöhnen

Gutzeit 1886, 44
anken In 390c. 114: anken und janken, ächzen und stönen. Anken im brem. Wtb. = ächzen, stönen.

Seemann von Jesersky 1913, 102
anken plattdeutsche Entlehnung

Masing 1926b, 49
anken stöhnen (mnd. anken; Grimme S. 161)

Grosberg 1942, 309
dann kommt der große Moment, da der Bauer ankend und stöhnend in die Tasche greift, den Beutel hervorholt und einen, zwei oder auch drei Rubel Herrn F. in die Hand drückt.

Stegmann von Pritzwald 1952, 413
ankern [sic!] 'stöhnen'

Nottbeck 1987, 17
anken mit Anken und Stöhnen entschlossen sie sich aufzubrechen

Kobolt 1990, 40
anken stöhnen, jammern. mnd. anken 'seufzen, stöhnen'; westf. anken 'ächzen, stöhnen; Br. Wb. anken; Siev. anken stöhnen, ächzen.


QUELLEN (Informanten)
Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland
anken - jammern, seufzen. Häufig in der Verbindung: „anken und stöhnen“

ankleckern V [h]
‣ Belege: Kurland, Riga
Vr 'sich an jmd. heranmachen' de aufdrängen
sie versuchte, sich anzukleckern

QUELLEN

Nottbeck 1987, 17
ankleckern aufdrängen, sich an jemand heranmachen. Sie versuchte, sich anzukleckern. K.R.

Anranzer der
‣ Belege: Estland, Kurland
de Anschnauzer, Tadel; et peapesu
Den Anranzer hatte er reichlich verdient.

QUELLEN

Nottbeck 1987, 17
Anranzer Den Anranzer hatte er reichlich verdient. E.K

ansetzen V [h]
1. Vt de freihalten, spenden, bewirten; et välja tegema, kostitama
er setzte ihm an 'hielt ihn frei mit Getränk und Speisen'
Der Mensch ließ uns den ganzen Abend sitzen ohne an das Essen zu denken, und nicht einmal Limonade hat er uns angesetzt
2. Vt de aufsetzen; et keema panema; tõmbama panema
Wasser oder den Wasserkessel ansetzen 'ans od. aufs Feuer setzen zum Kochen'
den Thee ansetzen 'mit kochendem Wasser übergießen, um ihn ziehen zu lassen'
soll ich schon ansetzen?
3. Vi de sich ansetzen, anbrennen; et kokku minema; kinni jääma (keedunõu või panni põhja külge)
Milch setzt im Kochen an 'brennt an; bildet eine Schicht an der Wandung des Kochgeschirrs, wie insbesondere die Milch von hochträchtigen Kühen'
man lässt den Pudding braun ansetzen
man lässt d. Fleisch auf gelindem Feuer verdeckt anziehen, bis es unten recht braun angesetzt hat
Dies alles schwitzt man in Bouillonfett, bis es anfängt, sich anzusetzen
man rührt das Angesetzte vom Boden los
das was sich an den Boden des Geschirrs angesetzt hat
4. Vi 'Ansatz zu Früchten bekommen'
Gurken, Kürbisse, Äpfel, (nämlich ihre Blüten) setzen an
die Apfelbäume haben stark, schwach angesetzt
5. Vi
von Meerschaumköpfen, wenn sie eingeraucht werden, sagt man: sie setzen an, sie setzen schön an, sie wollen nicht ansetzen

DAZU:
es worauf ansetzen 'anlegen'
wir wollen es (nicht) darauf ansetzen
er setzte es darauf an, Prügel zu bekommen
kann man es wol darauf ansetzen dass […]

QUELLEN

Gutzeit 1859, 45
ansetzen 1) frei halten, setzen. Er setzte ihm an: hielt ihn frei mit Getränk und Speisen.
2) häufig st. ans Feuer setzen, ansetzen. Soll ich schon ansetzen?;
3) für: sich ansetzen. Man lässt den Pudding braun ansetzen, 155; man lässt d. Fleisch auf gelindem Feuer verdeckt anziehen, bis es unten recht braun angesetzt hat, 155. Häufig findet man es auch mit: sich. Dies alles schwitzt man in Bouillonfett, bis es anfängt, sich anzusetzen, 155; man rührt das Angesetzte vom Boden los, 155: das was sich an den Boden des Geschirrs angesetzt hat.
4) von Meerschaumköpfen, wenn sie eingeraucht werden, sagt man: sie setzen an, sie setzen schön an, sie wollen nicht ansetzen.
5) zl. und sich, von Eiern, wenn sie etwas bebrütet sind.

Sallmann 1880, 82, 84
ansetzen studentisch, zum Besten geben: „eine Portion ansetzen“.
ansetzen den Thee, mit kochendem Waßer übergießen, um ihn ziehen zu laßen; Teig, zum Gären hinstellen. Gr. W. will in diesem Fall ergänzen „ans Feuer, an die Sonne“.

Gutzeit 1886, 50
ansetzen 1) setzen, geben lassen. Der Mensch ließ uns den ganzen Abend sitzen ohne an das Essen zu denken, und nicht einmal Limonade hat er uns angesetzt, 361. 1884. J. B. 50. 198. In 390c. 82 als studentisch angefürt und erklärt: zum Besten geben. „Eine Portion ansetzen“. In Riga ist gewönlicher setzen. Und nicht gerade studentisch.
2) Wasser oder den Wasserkessel, ans od. aufs Feuer setzen zum Kochen. In 390c. 84: den Thee, mit kochendem Wasser übergießen, um ihn ziehen zu lassen. -
7) Gurken, Kürbisse, Äpfel, (nämlich ihre Blüten) setzen an, d.h. bekommen den Ansatz zu Früchten; die Apfelbäume haben stark, schwach angesetzt. Gew. In Grimms Wtb.: die Pflanze setzt an, treibt. Das ist hier unbekannt. -
8) sich ansetzen lassen. Der König hat sich mit 3 Galleyen beim Holm auf der Düna ansetzen lassen, 334, sich hinfaren, aussetzen, landen lassen. -
3) Milch setzt im Kochen an, brennt an. Die Milch setzt an (im Kochen), bildet eine Schicht an der Wandung des Kochgeschirrs, wie insbesondere die Milch von hochträchtigen Kühen. -
6) es worauf ansetzen. In Grimms Wtb. I. 460 aus Herder und Lenz mit 2 Beispielen belegt und erklärt: anlegen. In Hoffmann's Wtb. felend und wie es scheint, in Deutschland wenig gebraucht. Hier gew., und teils in der in Grimms Wtb. angefürten Bed., teils in: es worauf ankommen lassen. Wir wollen es (nicht) darauf ansetzen; er setzte es darauf an, Prügel zu bekommen; kann man es wol darauf ansetzen dass -.

Seemann von Jesersky 1913, 102
ansetzen spenden. Är hät ein Dutzend Bairisch angesetzt

Nottbeck 1987, 17
ansetzen einen ausgeben /E.L.R. Ich habe ihm einen Schnaps angesetzt.

Kobolt 1990, 42
ansetzen schw. V. freihalten, bewirten. Im balt. Deutsch häufig, Ursprung unklar.

Anspann der/die/das
1. 'Art des Geschirres oder der Anschirrung' de Pferdegeschirr, Anschirrung; et rakend
deutscher, preußischer, russischer Anspann
ein Pferd mit vollständigem Anspann ist zu verkaufen 'mit Geschirr, Leinen und Krummholz'
Schlitten mit dazu gehörigem Anspann
Droschke mit einem Pferde und völligem Anspann
2. 'Pferd oder Zugvieh'
Bauer, der ein gut Anspann hat
3. 'das Zugvieh samt dem Wagen'
der Bauer muß wöchentlich einige Tage mit Anspann u. zu Fuß arbeiten
der Bauer muss doppeltes Anspann stellen 'mit 2 Pferden und 2 Wagen sich auf dem Hofe einstellen'
ein armer von (vom) Anspann abgekommner Bauer
4. 'Anspannen, Anschirren der Pferde'
der Anspann dieses Kutschers ist langsam
5. 'Arbeitsleistung mit Zugpferden' et hobusepäev
Anspann verrichten 'mit Zugpferden Arbeit verrichten'

QUELLEN

Gutzeit 1859, 45
Anspann 1) Art des Geschirres oder der Anschirrung. So unterscheidet man deutschen, preußischen, russischen Anspann. Ein Pferd mit vollständigem Anspann ist zu verkaufen, d.h. mit Geschirr, Leinen und Krummholz. Schlitten mit dazu gehörigem Anspann, 172.1786.73; Droschke mit einem Pferde und völligem Anspann, ebda. 1792.370. 2) Wagen und Pferd, in der Landwirtschaft, und hier gewöhnlich sächlichen Geschlechts. Der Bauer muss doppeltes Anspann stellen, d.h. mit 2 Pferden und 2 Wagen sich auf dem Hofe einstellen; ein armer von (vom) Anspann abgekommner Bauer. Hupel erklärt (der uns das) Anspann: Zugvieh. 3) das Anspannen, Anschirren der Pferde. Der Anspann dieses Kutschers ist langsam. 4) Bemerkenswert ist: in einem Anspann fahren bis -, d.h. ohne umzuspannen, was schon St. anführt; ein kleiner Schlitten zum Anspann eines Läufers, 172.1782.94. vgl. Grimm.

Sallmann 1880, 58
Anspann Art der Anschirrung, sodaß man deutschen, englischen, rußischen etc. Anspann unterscheidet; das Geschirr selbst; das Zugvieh sammt dem Wagen. Anspann verrichten mit Zugpferden Arbeit verrichten.

Gutzeit 1886, 50
Anspann 1) Ein Pferd mit Anspann ist zu verkaufen, rig. Ztg. 1861; ein Anspann eleganter Pferdegeschirre, rig. Ztg. 1854. Nov.; ein Halbwagen nebst 2 Pferden u. Anspann ist zu verkaufen, rig. Ztg. 1861. - 2) Pferd oder Zugvieh. Bauer, der ein gut Anspann hat, 328.4; wieviel matter Anspann, 190.193; Arbeitsleistung der Knechte mit Holzanspann, 175.1856.395; die Jährlichen Kosten eines Arbeitspferdes und des nöthigen Geräths, als Wagen, Pflug, Egge kostet etwa 200 Rbl. jährlich; da es höchstens 200 Mal benutzt wird, so kostet der Anspann täglich 1 Rubl., 190.193; bei zweispännigem Anspann, ebda; die Händler hatten vom Hofe das Nothwendigste an Getreide, Holz u. Anspann, ebda 196; der Bauer muß wöchentlich einige Tage mit Anspann u. zu Fuß arbeiten, 350. XVIII.5; jeder Bauerwirth muß 3 Tage hindurch einen Arbeiter mit einem Anspann (d.i. ein Pferd oder ein Paar Ochsen) mit allem zur vorfallenden Arbeit nöthigen Geräth und dem Unterhalte für beide stellen, 182.II; wir rechnen für den Anspann 12 Arbeits- und 5 Ruhestunden (außer den 7 Nachtstunden), 175. 1856; meine Nachbaren kommen mit weniger Menschen u. Anspann aus, ebda. Fie Patrimonialgüter wurden fast von Anspann entblößt, 180.IV.2.430; der Anspann sei wohlgenährt und kräftig, 175.1856.837; kostbare Zeit geht bei mattem Anspann verloren, ebda; ein Wechsel des Anspannes ist in den längeren Sommertagen erforderlich, ebda 289. Zuweilen weiblich. Der Wohlhabende Bauer zeichnet sich durch seine Anspann aus, 391.21.c.; seine Anspann ist - , ebda 5. - Anspann verrichten, mit Zugpferden Arbeit verrichten, 390a.58.

Nottbeck 1987, 17
Anspann Pferdegeschirr / E.K.L. Zum einspännigen Anspann gehörte das Krummholz*.

Kobolt 1990, 42
Anspann Anschirrung
Substantivbildung zu mnd. spannen , nhd. anspannen. Im balt. Deutsch verbreitet.

anspannen V [h]
‣ Belege: Estland, Livland, Kurland
Vt de anschirren; et rakendama
Der betrunkene Kutscher konnte die Pferde nicht anspannen
Wenn die Liefländer mit Könige G. zugleich angespannt hätten

QUELLEN

Gutzeit 1859, 45
anspannen Wenn die Liefländer mit Könige G. zugleich angespannt hätten, 215. 208, zu gleicher Zeit den Krieg begonnen. Bei Kelch öfters; er hat auch: mit anspannen. S. 395 u. 397.

Nottbeck 1987, 17
anspannen anschirren / E.K.L.
Der betrunkene Kutscher konnte die Pferde nicht anspannen.

Anspitz der

aromatische Zugabe zum Schnaps

QUELLEN

Nottbeck 1987, 17
Anspitz aromatische Zugabe zum Schnaps / E.K.L.R. Ein Tropfen genügt vom Haggutschen Grünen.

anzeigen V [h]
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
1. Vt 'vermitteln, beibringen (Fertigkeit)' de unterweisen, lehren; et ette näitama
Ich habe ihm allerlei Kunstgriffe, Kunststücke angezeigt
solche Arbeit muss angezeigt werden
ohne Anzeigen lernt sich so etwas nicht
ich habe dem Hund angezeigt, wie er tanzen soll
zeigen Sie mir recht an, Schach zu spielen
zeigen Sie mir recht Whist, Boston an.
Laß dir anzeigen, wie das gemacht wird.
2. Vt 'zeigen'
Die Hölzer werden dem Kaufliebhaber von dem Ligger G. zum Besehen angezeigt
die Lotsen werden Jedem diese Böte und die an dens. erforderlichen Reparaturen anzeigen

QUELLEN

Gutzeit 1859, 48
anzeigen 1) sehr gew. in einer besondern, dem Hochd. unbekannten Bed., die kein Livländer für landschaftlich gehalten würde: einen durch Zeigen etwas lehren, zeigen, wie etwas zu machen sei. Ich habe ihm allerlei Kunstgriffe, Kunststücke angezeigt; solche Arbeit muss angezeigt werden; ohne Anzeigen lernt sich so etwas nicht; ich habe dem Hund angezeigt, wie er tanzen soll; zeigen Sie mir recht an, Schach zu spielen; zeigen Sie mir recht Whist, Boston an. 2) st. zeigen. Die Hölzer werden dem Kaufliebhaber von dem Ligger G. zum Besehen angezeigt, 172. 1814. 40; die Lotsen werden Jedem diese Böte und die an dens. erforderlichen Reparaturen anzeigen, ebda. 1812. 15.

Sallmann 1880, 84
anzeigen durch Zeigen zu lehren versuchen.

Gutzeit 1886, 53
anzeigen 3) Zur Gildestuben bieten u. anzeigen lassen, 274. 183

Nottbeck 1987, 18
anzeigen vermitteln, beibringen (Fertigkeit) / E.K.L. Laß dir anzeigen, wie das gemacht wird.

Kobolt 1990, 43
anzeigen unterweisen, lehren. zu nhd. zeigen

anzünden V [h]
‣ Belege: Estland, Kurland
1. Vt et süütama
ein Licht oder die Lichte anzünden
soll ich Licht anzünden? Ja, zünden Sie Licht an
die Lampe anzünden
2. Vt et kütte panema, käivitama
den Herd, den Ofen, die Maschine
Nach dem Kirchgang wurde der Weihnachtsbaum angezündet 'Kerzen auf dem Weihnachtsbaum anzünden'

QUELLEN

Gutzeit 1859, 48
anzünden Licht, d.h. ein Licht oder die Lichte; soll ich Licht anzünden? Ja, zünden Sie Licht an.

Sallmann 1880, 84, 115
anzünden Licht, nie mit dem Art
anzünden den Herd, den Ofen, die Maschine, statt des Holzes auf dem Herd, im Ofen, der Glühkohlen in der Maschine

Gutzeit 1886, 53
anzünden 2) den Ofen, st. das Holz im Ofen; die Lampe anzünden. In Estland auch: den Herd, 390c. 115.

Nottbeck 1987, 18
anzünden (der Weihnachtskerzen) / E.K. Nach dem Kirchgang wurde der Weihnachtsbaum angezündet.

antelefonieren V [h]
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
Vt, Vi de anrufen, telefonieren; et helistama

QUELLEN

Nottbeck 1987, 17
antelefonieren E.K.L. anrufen, telefonieren

antummen V [h]
‣ Belege: Kurland, Livland, Riga
Vt 'andicken, sämig machen' et paksendama
Die Kljukwasoße mußt du antummen, sie ist plürrig.

DAZU:
siehe auch Tumm

QUELLEN

Gutzeit 1859, 47
antummen tummig machen. Eine Suppe mit etwas Mehl.

Sallmann 1880, 84
antummen eine Suppe, Sauce, leicht tummig machen.

Nottbeck 1987, 17
antummen, andicken, sämig machen. Die Kljukwasoße mußt du antummen, sie ist plürrig. K.L.R.

Kobolt 1990, 43
antummen schw. V. Binden oder andicken mit Mehl oder Kartoffelmehl, das zuvor mit kaltem Wasser angerührt wird.
Eigenständiges deutsch-balt. Wort, s. Tumm


QUELLEN (Informanten)
Germann, Irmtraut: Riga; Weiss, Lis-Marie: Reval; Tode, Wally: Libau, Riga
antummen mit Mehl eindicken

Hellmann, Ernst-Theodor, Dr.: Riga
antummen sämig machen

Arbuse die
{russ. арбуз 'Wassermelone'}
de Wassermelone; et arbuus
nichts stillt den Durst im Sommer besser als eine reife Arbuse

QUELLEN

Petri 1802, 91, 327
Von Gemüsen u. andern Gartengewächsen werden alle Arten gezeugt, selbst Melonen u. Arbusen ...
*Eine Art Wassermelonen, die sehr vollsaftig, von röthlichem Fleisch und von vortrefflichem Geschmacke sind.
Arbusen (Wassermelonen)

Nottbeck 1987, 18
Arbuse Wassermelone / E.K.L.
Nichts stillt den Durst im Sommer besser als eine reife Arbuse.

Kobolt 1990, 44
Arbuse mit Betonung auf der zweiten Silbe, russ. arbus 'Wassermelone'


QUELLEN (Informanten)
Hellmann, Ernst-Theodor, Dr.: Riga; Hellmann, Monika: Riga
Arbuúse - russische Melone (vermittelt durch den Sohn Heinrich Hellmann)

id Arme Ritter der
‣ Varianten: Armerritter
‣ Belege: Estland, Kurland
'geröstetes Weißbrot in Milch' et vaene rüütel
für die Kinder gab es Arme Ritter als Nachtisch

QUELLEN

Petri 1802, 82
Arme Ritter weißes Brot in Milch eingeweicht, das in Scheiben geschnitten und in Butter gebacken, hernach mit Zucker bestreut gegessen wird.

Nottbeck 1987, 18
Arme Ritter geröstetes Weißbrot in Milch / E.K.
Für die Kinder gab es Arme Ritter als Nachtisch.

aufgekratzt Adj
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland, Riga
'gut gelaunt' de heiter; et lustakas
An diesem Abend war er ausgesprochen aufgekratzt.

QUELLEN

Seemann von Jesersky 1913, 103
aufgekratzt gut gelaunt

Nottbeck 1987, 18
aufgekratzt aufgeräumt, sehr heiter /E.K.L.R. An diesem Abend war er ausgesprochen aufgekratzt.

aufgestovt Adj
‣ Varianten: aufgestowt
‣ Belege: Kurland, Livland, Riga
'fein gemacht, aufgeputzt'
Die hat sich aber wieder aufgestovt!
‣ Synonyme: aufgedonnert
siehe auch aufstowen

QUELLEN

Nottbeck 1987, 18
aufgestovt fein gemacht, aufgeputzt / K.L.R. Die hat sich aber wieder aufgestovt!

aufmunken V [h]
‣ Varianten: aufmuken
‣ Belege: Estland, Kurland
Vt de aufbrechen; et lahti murdma
Die Einbrecher hatten das Türschloß aufgemunkt

QUELLEN

Gutzeit 1886, 68
aufmunken Gadebusch (325) verweist auf Frisch im Worte mouchard und auf seine observat. variae X. 561.

Nottbeck 1987, 18
aufmunken aufbrechen / E. K. Die Einbrecher hatten das Türschloß aufgemunkt.

aufnehmen V [h]
‣ Varianten: aufnemen
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
1. Vt 'ernten' de ausnehmen, ausgraben; zusammennehmen
Kartoffeln aufnehmen
Heu aufnehmen
Haupt-Kohl aufnemen
2. Vt 'Wäsche zum Waschen übernemen'
Wollen Sie, wird eine Wäscherin gefragt, Wäsche bei mir aufnemen?
Bei wem haben Sie (die) Wäsche aufgenommen? wir eine Wäscherin gefragt. Ich habe sie bei Frau N. aufgenommen, lautet die Antwort.
3. Vi, Vt 'Karten hinzunehmen' et üles võtma
ich muss aufnehmen, da ich nicht stechen kann
ich habe noch aufzunehmen
4. Vt de feucht aufwischen (den Fußboden mit einem feuchten Tuch); et üle võtma (põrandat niiske lapiga)
5. Vt et üles võtma (vardale)
Maschen aufnehmen [beim Stricken]
6. Vt 'in Angriff nehmen und bearbeiten'
einen Platz aufnehmen und cultiviren
Acker und Wiesen aufnehmen
7. Vt
den alten Stall aufnehmen u. von Neuem brücken 'die alte Diele wegräumen'
8. Vt 'zum Tanz auffordern' et tantsima võtma
eine Dame aufnehmen
Wurde sie viel aufgenommen? Gar nicht!
9. Vt
Ein Brautpar aufnehmen 'für sie eine Festlichkeit veranstalten'
das Brautpar wurde viel aufgenommen
einen Gast, zum erstenmal, etwas nach der Verlobung, Hochzeit aufnehmen 'bei sich in Gesellschaft sehen'

DAZU:
es mit einem aufnehmen (id) 'den Kampf aufnehmen, im Stande sein, ihn zu überwinden'

QUELLEN

Bergmann 1785, 17
aufnehmen die Diele aufnehmen, den Fußboden scheuern

Gutzeit 1859, 59
aufnehmen 1) Kartoffeln, ausnehmen, ausgraben; Heu, zusammennehmen (schon 91); 2) Karten. Ich muss aufnehmen, da ich nicht stechen kann; ich habe noch aufzunehmen: noch Karten hinzuzunehmen zu denjenigen, die ich habe. Im Schweinchen. 3) Maschen, beim Stricken. 4) Einen Platz aufnehmen und cultiviren: in Angriff nehmen und bearbeiten, 185. 503. (J. 1664); Acker und Wiesen aufnehmen, 185. 505. - Vgl. Grimm aufnehmen 9.

Hoheisel 1860, 25
aufnehmen eine Dame, st. sie zum Tanze auffordern.

Sallmann 1880, 86
aufnehmen ein Land, in Angriff nehmen; einen Gast, zum erstenmal, etwas nach der Verlobung, Hochzeit, bei sich in Gesellschaft sehen; beim Tanz, eine Dame von ihrem Sitze zum Tanz führen.
Kartoffeln, ausnehmen

Gutzeit 1886, 68f.
aufnehmen Zu 1) Haupt-Kohl aufnemen, 328.30, abschneiden, ärnten; namentlich Kartoffeln, aus- und abnemen. - 5) es mit einem, im Stande sein, ihn zu überwinden. In Grimms Wtb. 4) erklärt: den Kampf aufnehmen. 6) etwas wo, nach Grimms Wtb. 3) richtiger: wohin, mit dem Accusativ; hier der Gebefall allein üblich. 7) den alten Stall aufnehmen u. von Neuem brücken, 349. XXVII. 3, die alte Diele wegräumen. 4) eine Dame, zum Tanz, „engagiren“. In 322. 25: sie zum Tanze auffordern; in 390c. 86: beim Tanz, sie von ihrem Sitze zum Tanz führen. - Wurde sie viel aufgenommen? Gar nicht! - Ein Brautpar, für sie eine Festlichkeit veranstalten. Das Brautpar wurde viel aufgenommen. In 390c. 86: einen Gast, zum erstenmal, etwas nach der Verlobung, Hochzeit, bei sich in Gesellschaft sehen. (Nicht ganz genau!). - Wäsche, bei oder von Jemand aufnemen, seine Wäsche zum Waschen übernemen. Wollen Sie, wird eine Wäscherin gefragt, Wäsche bei mir aufnemen? Bei wem haben Sie (die) Wäsche aufgenommen? wir eine Wäscherin gefragt. Ich habe sie bei Frau N. aufgenommen, lautet die Antwort.

Nottbeck 1987, 18
aufnehmen feucht aufwischen / E.K.L.
Jeden Morgen mußte die Diele* aufgenommen werden.

Kobolt 1990, 47
aufnehmen st. V. den Fußboden mit einem feuchten Tuch aufwischen
altm. uppnäm' 'den Fußboden mit einem feuchten Lappen wischen'; Siev. upnämen 'mit dem Scheuertuch reinigen'; nhd. vermutl. elliptisch: den Schmutz und Staub vom Boden aufnehmen.
st. V. Kartoffeln ausgraben; im Kartenspiel zusätzlich Karten hinzunehmen; von der Bank Geld leihen
lbg. upnämen 'sich Geld leihen'

aufpinkern V [h]
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
Vt 'entwirren, auflösen'
Fast alles, was kompliziert ist, läßt sich aufpinkern.

QUELLEN

Nottbeck 1987, 18
aufpinkern entwirren, auflösen / E.K.L.
Fast alles, was kompliziert ist, läßt sich aufpinkern.

aufröffeln V [h]
‣ Belege: Kurland
Vt de auftrennen; et üles harutama
Ein unansehnlicher Pullover läßt sich aufröffeln.
‣ Synonyme: aufrebbeln, aufreffeln

QUELLEN

Nottbeck 1987, 18
aufröffeln auftrennen / K.
Ein unansehnlicher Pullover läßt sich aufröffeln.

aufstellen V [h]
{russ. пocтáвить (caмoвaръ) 'Teemaschine aufsetzen'}
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
1. Vt de unternehmen, anfangen; et peale hakkama
mit so wenig Geld ist nichts oder kann man nichts aufstellen
mit dem ist nichts aufzustellen
2. Vt de einstallen
aufgestellte Kühe
3. Vt 'zum Kochen stellen' de aufsetzen; et üles panema
die Thee- oder Kaffeemaschine aufstellen 'Kohlen u. Wasser in sie tun, um es ins Sieden zu bringen'

QUELLEN

Gutzeit 1859, 64
aufstellen 1) mit dem ist nichts aufzustellen, anzufangen, zu unternehmen; mit so wenig Geld ist nichts oder kann man nichts aufstellen. 2) Kühe, einstallen. Aufgestellte Kühe, 176. 1831. 18. Gew.

Sallmann 1880, 87
aufstellen mit einem etwas anstellen, anfangen; die Thee- oder Kaffeemaschine, zum Kochen stellen.

Gutzeit 1886, 73
aufstellen 3) die Theemaschine, aufsetzen, machen, zum Kochen stellen (390c. 87), od. Kolen u. Wasser in sie tun, um letzteres ins Sieden zu bringen. - Zeugen, vorbringen, stellen, Hupel (444. 1818).

Kiparsky 1936, 190
aufstellen [áṷfštèlǝn] (Teemaschine) r. пocтáвить (caмoвaръ). E.L.K. SALLMANN V. 32; N. 87. Obgleich die Möglichkeit einer selbständigen Bildung hier nicht ausgeschlossen ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Lehnübersetzung vorliegt, grösser, da es sich um eine spezifisch russische Einrichtung handelt.

Nottbeck 1987, 18
aufstellen anmachen / E.K.L.
Sag dem Mädchen, daß es die Teemaschine* aufstellt.

Kobolt 1990, 49
aufstellen schw. V. in der Redewendung: die Teemaschine aufstellen. Übersetzungslehnwort, russ. postawitj.

auskleben V [h]
‣ Belege: Estland, Livland
Vt de ausschließen; et välja arvama
wir mußten ihn aus dem Verein auskleben.

QUELLEN

Nottbeck 1987, 18
auskleben ausschließen / E. L. Wir mußten ihn aus dem Verein auskleben.

auskommen V [s]
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
1. Vi 'aus dem Ei schlüpfen' de auskriechen; et kooruma
wenn die Keuchel nicht auskommen können, so soll man ihnen mit abschelen helfen
Hausvögel, die nach dem Maymond auskommen
2. Vi 'von Personen: in den Mund der Leute als Verlobte kommen'
vgl ausbringen
3. Vi 'zustande kommen' de gelingen; aufgehen; et õnnestuma, välja tulema
er versuchte sich zu verneigen, was ihm aber nicht gut auskam von wegen der Niedrigkeit des Wagens
bei meiner Anwesenheit in Riga wollte ich Dich besuchen, doch kam das leider nicht aus 'war mir nicht möglich'
Walzer nach links herum kam niemals aus
mach keine Witze, das kommt dir nicht aus
seine Patience kam fast jeden Abend aus 'ging auf'

QUELLEN

Gutzeit 1859, 77
auskommen Von jungen Vögeln, der allerin übliche Ausdruck für das hier unbekannte ausschliefen. - Das Exempel kommt nicht aus.

Sallmann 1880, 89, 91, 93
auskommen von Feuer, ausbrechen; von Personen, in den Mund der Leute als Verlobte kommen; impers. es kommt aus 'es stimmt', hat seine Richtigkeit'
auskommen von Vögeln, auskriechen
auskommen von Feuer, ausbrechen (ostpreuß.)

Gutzeit 1886, 83
auskommen 1) aus dem Ei schlüpfen. Schon bei Gubert. Wenn die Keuchel nicht auskommen können, so soll man ihnen mit abschelen helfen, 328. 172; Hausvögel, die nach dem Maymond auskommen, ebda. - 2) von Personen, in den Mund der Leute als Verlobte kommen, 390c. 89. Personen als Verlobte in den Mund der Leute bringen, heißt ausbringen, ebda. 88. Im Sinne von 3) gelingen. Er versuchte sich zu verneigen, was ihm aber nicht gut auskam von wegen der Niedrigkeit des Wagens, 361. 1884. J.B. 50. 190.

Gutzeit 1898, 3
auskommen zu Stande kommen. Bei meiner Anwesenheit in Riga wollte ich Dich besuchen, doch kam das leider nicht aus, d.h. war mir nicht möglich. vgl. Nachträge v. 1886 und I. 77.

Kiparsky 1936, 191
auskommen [áuskòmǝn] 'gelingen' ~ r. выйти, выхoдить + lett. iznãkt id. Die bd. Konstruktion, die im ganzen Baltikum üblich ist, hat mit den deutschen Wendungen mit etwas auskommen 'zurecht kommen, fertig werden', herauskommen 'als Resultat einer Arbeit hervorgehen' nichts gemeinsam, was aus den folgenden Beispielen ersichtlich ist: er versuchte sich zu verneigen, was ihm aber nicht gut auskam von wegen der Niedrigkeit des Wagens (Riga, 1884; GUTZEIT N.86 83); Walzer nach links herum kam niemals aus (WORMS Erdkinder 276); mach keine Witze, das kommt dir nicht aus (ibid. 283). - Die estn. Konstruktion sest ei tule midagi välja (~ finn. siitä ei tule mitään) 'dabei kommt nichts heraus' entspricht aber dem deutschen herauskommen und nur das lett. vinam nekas neiynāca 'ihm gelingt nichts' und das russ. этo у меня нe выхóдитъ 'das gelingt mir nicht', decken sich mit dem bd. Ausdruck. Da dieser letztere nur in der allerjüngsten Zeit belegt ist, ist seine russ. Herkunft auch für K. und LL. wahrscheinlicher, als die lettische, die jedenfalls für E. und EL. nicht in Frage kommt.

Stegmann von Pritzwald 1952, 421
auskommen gelingen

Nottbeck 1987, 19
auskommen gelingen, aufgehen / E.K.L.
Seine Patience kam fast jeden Abend aus.

Kobolt 1990, 51
auskommen st. V. gelingen, z.B.: Der Plan ist ihm nicht ausgekommen.
Deutsch-balt. Ausdruck unbekannter Entstehung.

auskratzen V [h/s]
1. Vt
die Katze wird dir die Augen auskratzen! 'wird Kindern zugerufen zur Vorsicht beim Umgehen mit Katzen'
wenn sie das erfüre, würde sie dir die Augen auskratzen 'übertragen auf weiblichen Zorn'
siehe auch ausspicken
2. Vr 'durch Räuspern die Belegtheit seiner Stimme entfernen' de sich auskrächzen
wenn er singen will, muss er sich erst auskratzen
3. Vi de fortlaufen, ausreißen
dem Häftling gelang es auszukratzen
der Hase springt auf und kratzt nicht schlecht aus

QUELLEN

Gutzeit 1859, 77
auskratzen sich, sich auskrächzen. Wenn er singen will, muss er sich erst auskratzen: durch Räuspern die Belegtheit seiner Stimme entfernen.

Gutzeit 1886, 83
auskratzen 2) die Augen. Die Katze wird dir die Augen auskratzen! wird Kindern zugerufen zur Vorsicht beim Umgehen mit Katzen. Übertragen auf weiblichen Zorn. Wenn sie das erfüre, würde sie Dir die Augen auskratzen. - 3) davon ziehen, sich aus dem Staube machen. Gew. Der Hase springt auf und kratzt nicht schlecht aus, rig. Ztg. 1862. 75. vgl. Grimms Wtb.

Seemann von Jesersky 1913, 103
auskratzen w. fortlaufen, ausreißen

Nottbeck 1987, 19
auskratzen ausreißen, weglaufen /E.K.L. Dem Häftling gelang es auszukratzen

auslernen V [h]
{ndd. utlernen 'zu Ende lernen'; russ. выучить 'erlernen'}
Vt 'auswendig lernen'; 'eine Lehre beenden' de erlernen; et ära õppima, pähe õppima
ein Gedicht auslernen
hast du nun ausgelernt, wie man eine Kravatte bindet?

QUELLEN

Sallmann 1880, 89
auslernen auswendig lernen

Gutzeit 1886, 84
auslernen ein Gedicht u. dgl., auswendig lernen. Gew.

Kiparsky 1936, 191
auslernen [áṷslèrnən] 'auswendig lernen' ~ r. выучить id. Selten. SALLMANN N. 89. Fehlt in dieser Bed. bei Grimm.

Nottbeck 1987, 19
auslernen auswendig lernen / E.K.L.
Wir mußten „Die Glocke“ von Schiller auslernen.

Kobolt 1990, 52
auslernen schw. V. eine Lehre beenden; erlernen, z.B.: Hast du nun ausgelernt, wie man eine Kravatte bindet?; Hast du das Gedicht nun ausgelernt?
Siev. utleren 'auslernen'; pomm. utlernen 'zu Ende lernen'.
Auch Übersetzungslehnwort aus dem Russischen: wyutschitj.

auslesen V [h]
Vt 'zu Ende lesen' de durchlesen; et läbi lugema
dieses Buch habe ich schon lange ausgelesen

QUELLEN

Nottbeck 1987, 19
auslesen durchlesen, zu Ende lesen /E.K.L.R.
Dieses Buch habe ich schon lange ausgelesen.

ausröffeln V [h]
Vr, Vt de ausreffeln
Klee mit der Harke ausröffeln

DAZU:
Für ihn würde sie sich ausröffeln (id) 'sich ein Bein ausreißen'

QUELLEN

Gutzeit 1859, 82
ausröffeln st. ausreffeln. Klee mit der Harke ausröffeln.

Nottbeck 1987, 19
ausröffeln „sich ein Bein ausreißen“ /K.L.R. Für ihn würde sie sich ausröffeln.

ausversuchen V [h]
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
Vt 'bis zu Ende erproben' de probieren, ausproben; et ära proovima
das ist ausversucht 'durch die Erfahrung als bewährt erkannt'
eine Flasche Wein ausversuchen

QUELLEN

Gutzeit 1859, 89
ausversuchen Der edlere Ausdruck f. ausprobieren. Das ist ausversucht: durch die Erfahrung als bewährt erkannt. Eine Flasche Wein, ausproben.

Sallmann 1880, 95
ausversuchen bis zu Ende erproben

Nottbeck 1987, 19
ausversuchen probieren /E.K.L.
Diesen Anspitz* mußt du ausversuchen.

Babbchen das
‣ Belege: Kurland, Livland, Reval
de Unsinn; et jama; lv pasakas <pl>
Erzähl doch keine Babbchen!

QUELLEN

Nottbeck 1987, 19
Babbchen K.L.R. Erzähl doch keine Babbchen!

babbeln schw [h]
{ndd. 'lallen, murmeln'}
‣ Belege: Estland, Südlivland, Kurland, Livland, Dorpat, Goldingen, Libau, Mitau, Reval, Riga, Tukum (die erste Hälfte des 20. Jh.)
1. de babbeln; et lobisema, patrama; lv vāvuļot
Er babbelte den ganzen Abend, aber keiner hörte zu
siehe auch Gebabbel
2. de lallen, murmeln; et lalisema, pobisema
ein Kind spricht nicht, sondern babbelt
"[...] wenn ich aus der [...] Synagoge den murmelnden Gesang höre - ich kann es begreifen, daß einen Juden dabei Andachtsschauer fassen können.“ - „Ich nicht, ich habe nie etwas anderes als schauderhaftes Gebabbel gehört.“
„Du babbelst ja wie in der Judenschule.“
‣ Synonyme: herbabbeln

DAZU:
siehe auch Gebabbel, vgl herbabbeln

QUELLEN

Sallmann 1880, 28, 44
babbeln ′unverständlich, unbedacht reden′

Gutzeit 1886, 95
babbeln Nie bappeln wie in Grimms Wtb. Der Philosoph Schelling brachte, in einer öffentl. Vorlesung zu München 1841, das Wort seltsamer Weise mit Babel und Sprachenverwirrung zusammen. Eine Nachricht über diesen seinen Ausspruch in d. Münchener pol. Ztg. Febr. 1841.

Masing 1926b, 48
babbeln ′unverständlich sprechen′ mnd. babbeler ′der rasch und unverständlich spricht′ Frischbier I, S. 48.

HWbGA 1936, 202
babbeln ′lallen, murmeln′ nd. Rest

Nottbeck 1987, 19
babbeln ′viel und undeutlich reden / E.K.L.R. Er babbelte den ganzen Abend, aber keiner hörte zu.′


QUELLEN (Informanten)
Krause, Ingeborg: Riga

Plath, Gerhard: Dagö, Eltern: Pernau, Reval
undeutlich und viel reden

Badekostüm das
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland
de Badeanzug; et supelkostüüm
ein Badekostüm verhüllt das Evaskostüm

QUELLEN

Nottbeck 1987, 19
Badekostüm Badeanzug / E. K. L.
Ein Badekostüm verhüllt das Evaskostüm.

id baden gehen
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland, Riga
'aufhören'
Ach, geh doch baden mit deinen alten Witzen! 'hör doch auf!'

QUELLEN

Nottbeck 1987, 19
baden gehen hör doch auf! (Ausruf) / E. K. L. R.
Ach, geh doch baden mit deinen alten Witzen!

bähnen V [h]
‣ Varianten: bähen, behnen, böhen, böhnen
1. Vt 'mit feuchter Hitze behandeln' de ausböhnen; et leotama
eine Geschwulst bähnen
bestreiche d. hustenden Kindern die Sohlen mit Gänseschmalz, behne sie gegen die Wärme
bähn den Finger in heißer Seifenlauge
Eimer oder Spänne bähnen
2. Vt, Vi 'leicht dämpfen' et hautama, aurutama
Speisen bähnen
man lässt den Reis verdeckt bähnen, bis die Körner weich sind
Gerstengrütze wird im Ofen od. auf kleinem Feuer eine Stunde lang gebähnt
die Erbsen werden ein paar Stunden im Ofen gebähnt, dann weich gekocht
Lachs bähnen
gebähnter Kohl [das Bähnen des Kohles ist echt livländisch]
gebähnte Klümpen aus gar gebrühtem Teige zubereitet
die Strickberen bähnen in einem gehörig warmen Ofen eine Nacht hindurch und heißen dann gebackene
ungebähnter Kaff taugt nicht zum Verfüttern
der Sulp, dünnes, gebähntes Futter für die Schweine
siehe auch Bähnkohl
3. Vr 'wund werden'

QUELLEN

Bergmann 1785, 24
bähnen gebehnt Kohl, gebrühter Kohl

Hupel 1795a, 19, 27
behnen oder bohnen, st. bähen
böhnen s. behnen

Gutzeit 1859, 59
bähnen st. bähen, welches Wort hier nur im Munde der Gebildeten zu hören ist. 1) kranke Theile des Körpers, mit feuchter Wärme behandeln. 2) dämpfen, od., nach Hupel, ein wenig kochen oder brühen lassen in einem verdeckten Gefäße und auf kleinem Feuer. Man lässt den Reis verdeckt bähnen, bis die Körner weich sind; Gerstengrütze wird im Ofen od. auf kleinem Feuer eine Stunde lang gebähnt. Die Erbsen werden ein par Stunden im Ofen gebähnt, dann weich gekocht; Lachs bähnen; gebähnter Kohl, s. Bähnkohl; gebähnte Klümpen aus gar gebrühtem Teige zubereitet. Das Bähnen des Kohles ist echt livländisch, 158. Ungebähnter Kaff taugt nicht zum Verfüttern; der Sulp, dünnes, gebähntes Futter für die Schweine, 162; die Strickberen bähnen in einem gehörig warmen Ofen eine Nacht hindurch und heißen dann gebackene. Einen kranken Theil, eine Geschwulst bähnen bed. hier ihn mit feuchter Wärme behandeln, in feuchter Wärme baden, nie mit trockner Wärme behandeln. Nie bed. es, wie Grimm anführt, wärmen und trocknen, dörren. - Auf Speisesachen angewandt bed. es nie in der Pfanne rösten. Es ist immer ein Dämpfen, Erhitzen im eignen Dampf.

Gutzeit 1859, 109
behnen s. bähnen; Behnkohl, s. Bähnkohl..

Sallmann 1880, 59
bähnen, hd. bähen 'eine Geschwulst, mit feuchter Hitze behandeln'; Speisen, leicht dämpfen; davon Bähnkohl, mhd. baen.

Gutzeit 1886, 103f., 161
bänen, st. bähnen. Der Kohl hat nicht genug gebähnt, d.h. ist nicht lange genug gebähnt worden; die Strickbeeren müssen eine Nacht im warmen Ofen bähnen. - Bestreiche d. hustenden Kindern die Sohlen mit Gänseschmalz, behne sie gegen die Wärme, 328. 181. Ausböhnen, Eimer oder Spänne, 329. 100; ausböhnen und ausbähnen, Lange, lett. issauteht, ausbrühen, bähnen od. böhnen, sauteht, Lange; in die Badstube gehen, sich zu böhnen, wie das Weibsvolk thut, Lange. Bei Stender böhnen u. bähnen. - Anlautend an franz. baigner - Auch in 390c. 59. Ebenso: Bähnkohl. Auch in Preußen, nach Frischbier (476): im Dampfe baden, durch Dunst erwärmen. „Einige bähnen sich zweimal im Frühjahr mit Birkenlaub u. Leinbaumblättern.“
bönen st. bähen, bei Hupel (444. 1780 u. 1818) böhen u. böhnen.

Sallmann 1887, 466
bähnen, sich - wund werden

Gutzeit 1892b, 5
bähnen sich, wund werden, Sallmann in 396. XXXIV. In Riga kaum! vgl. bänen.

Seemann von Jesersky 1913, 103
bähnen - dämpfen

Nottbeck 1987, 19
bähnen heiß dämpfen oder weichen / E.K.
Bähn den Finger in heißer Seifenlauge.

Kobolt 1990, 52
bähnen schw. V. garen, dämpfen
mnd. begen 'bähen, feuchte, warme Umschläge machen', westf. baigen 'durch Wärme erweichen'; Br.Wb. bäen, bähen 'erwärmen'; lbg. been 'feuchtwarme Umschläge machen, erweichen'; pr. bähnen 'erwärmen'; nhd. bähen mundartl. für: (durch warme Umschläge) erweichen.


QUELLEN (Informanten)
Weiss, Lis-Marie: Reval
bähnen - bähen, erweichen. eine Geschwulst bähnen

Lemm, Robert von: Reval, Dorpat; Torro-Kock, Hanna: Riga
bähnen z. B. Eitergeschwüre oder Entzündungen mit warmen, zugkräftigen Kompressen behandeln.

Balagan der
{russ. балагáнъ 'Bude, Schaubude, Erdhütte, Schuppen'}
1. 'Marktbude mit Sehenswürdigkeiten' de Schaubude
2. 'wüstes Durcheinander von Volksbelustigungen' de Rummel, Gaukelei; et palagan
jeden Abend gab es in der Bar gegenüber Balagan

QUELLEN

Sallmann 1880, 10
Balagán, m. eigentlich Barake, gew. Marktbude mit Sehenswürdigkeiten, wüstes Durcheinander von Volksbelustigungen.

Westermann 1887, 388
Balagana.d.Russ. Marktbude mit Sehenswürdigkeiten

Kiparsky 1936, 145
Balagan [balagán] m. 1) 'Schaubude' 2) 'Unsinn' ‹ r. балагáнъ 'Bude; Schaubude; Erdhütte; Schuppen'. SALLMANN N. 10, JESERSKY 104, GROSBERG RR. 1936, Nr. 39. E.L.K.

Nottbeck 1987, 19
Balagan (rus.) - lärmender Unfug / E. K. L. R.
Jeden Abend gab es in der Bar gegenüber Balagan.

Kobolt 1990, 57
Balagan mit Betonung auf der Endsilbe, m Rummel, Klamauk
russ. Balagan 'Hanswurstiade, Rummel'

Balge die
‣ Varianten: Balje
{ndd. Balge}
‣ Belege: Libau, Riga
'Holzgefäß, Wanne; Waschwanne aus Holz' de Waschzuber; et pali
eine Wasserbalge 'mit Wasser gefüllte Balge'
vgl Kalkbalge, Kühlbalge, Loschbalge, Maischbalge, Waschbalge, Wasserbalge

DAZU:
KOMM: ins Lett. (baļļa) u. Estn. (pali) entlehnt.

QUELLEN


Balje ein kleines hölzernes Waschgeschirr (aus dem Lettischen).

Hupel 1795a, 15
Balge oder Balje, die, (Lett.) d.i. eine kleine Kufe (liefl. Küwen).

Gutzeit 1859, 95
Balge, die, oder Balje, Art Zuber od. Wassergefäß. Dieselbe Bed. gibt Hoffm. an. Grimm erklärt Eimer, welchen Sinn es bei uns nicht hat. Wir haben dies sehr gewöhnliche Wort nicht, wie Viele glauben, dem Lettischen entnommen, wogegen auch schon das spricht, dass es in Estland ebenfalls gebräuchlich ist. Dass das lettische Wort dem Deutschen entnommen, ist ebenso zu bezweifeln. Wahrscheinlich ist es eins von den vielen Wörtern, die ebensowol dem Niederdeutschen, als Lettischen eigentümlich sind. - Schon bei Alnpeke, der Ballie hat. So findet sich auch das Wort geschrieben in 172.1770.203: Bäume in Ballien (Kübeln). Ebenso 172.1771.86-

Hoheisel 1860, 25
Balje: ein großes hölzernes Gefäß zum Baden oder Waschen (niederdeutsch).

Sallmann 1880, 28, 45
Balge Kufe, Wanne, Trog, Zuber, die Hälfte einer durchgesägten Tonne, estn. pali.
Balje nd. → estn. pali.

Gutzeit 1886, 101
Balge, Zuber. Die estn. Sprache hat daraus pali gemacht. Schon in 350.XV. J. 1575: Fische in der Ballie, sodann in Russow (195.97b): ballie; in 353.25 die Balie, ta balge, orca. Für Kalkbalge, Molden, Spannen, 349.XXII.3. J. 1648. Das brem. Wtb. hat Balje, Badewanne, Zuber, Hälfte einer durchgesägten Tonne. - In Balgen wurde früher der Unrat aus den Abtritten Rigas weggefürt u. auf den bez. Rechnungen hieß es: so u. so viel Balgen, d.h. Tonnen.

Gutzeit 1892b, 5
Balge, die, Zuber. Ganz entsprechend la baille, auf welches in Grimms Wtb. nicht hingewiesen wird.

Gutzeit 1898, 4
[Belege seit dem 16. Jh.]
Balge, die. I ledige balye, „Balge, Kufe, Wanne,“ Inventar d. rig. Kalandhauses v. 1572; in einer balyen seß bundeken flasses, ebda. vgl. I.95, Nachträge v. 1886.101 und von 1892.5.

Seemann von Jesersky 1913, 104
Balje, la baille, Bulje, Holzzuber zum Wäschewaschen.

Masing 1926b, 59
Balge „Kufe, Wanne“ (mnd. balge; Schumann, S. 17; Frischbier I, S. 51).

Stegmann von Pritzwald 1952, 412
Balge, Wanne
[im 20. Jh. allgemein üblich.

Nottbeck 1987, 20
Balje - Bottich / E.
Die Balje in der Waschküche war so groß wie eine kleine Wanne.

Kobolt 1990, 57
Balge, Balje f Waschfaß
mnd. balge, balige 'Kufe, Wanne'; Br.Wb. Balje 'Badwanne, Zuber, Kübel, Waschfaß'; hann. Balje 'Bottich'; lbg. Balje, Balch, Baln 'Wanne, Bottich'; pomm. Balge 'hölzernes Waschgefäß'; Elb. Ballje 'Waschfaß'; altm. Balj 'Kübel, Wanne'; schles. Balje 'Holzwanne'; nhd. Balge nordd. für: 'Waschfaß, Kufe'.


QUELLEN (Informanten)
Kerkovius, Martha: Riga
Balge, die - Waschzuber


die Balje - Schüssel zum Spülen (aber groß!) auch: Waschbalje. WL 3,5.
Im lett. Spr. 7x, im estn. 5x belegt.

Barawick der
‣ Varianten: Barawicke, Barwicke, Borawik, Borowik
{russ. бaрaвик 'Steinpilz'}
et puravik

QUELLEN

Fischer 1778, 319
Barawick Kuhpilz, Borawick. Boletus bovinus. lett. Pekka. Der Hut ist platrt und gewölbt, etwas Polsterförmig: die Löcher sind aus kleinen eckigten Löcherchen zusammen gesetzt. Man findet ihn hier und da auf trockenen Falten [?]

Gutzeit 1859, 142
Borowik, der, Speckschwamm. Borowiken gelten für die vorzüglichste Gattung essbarer Schwämme in unseren Gegenden. Der Ton liegt auf der letzten Sylbe, Lettisch.

Mitauisches Kochbuch 1876, S. XIII
Borawicken - Steinpilze

Sallmann 1880, 10
Borawik (=boletus bovinus) unverändert aus dem Russischen.

Seemann von Jesersky 1913, 104
Barwicke, Steinpilz

Kiparsky 1936, 146
Bar(a)wicke [bara(a)víkə] m. 'Speckschwamm (Boletus bovinus)' ‹ r. боровикъ (Boletus edulis). GUTZEIT I, 142; SALLMANN N. 10, JESERSKY 104. E.L.K. (Belegt schon bei O. FEHRE Koch und Wirtschaftsbuch [Riga u. Dorpat 1823]. S. 41).

Grosberg 1942, 56, 317
Herrenpilz

Pantenius 1959, 34
Barawick - Steinpilz.
An geschätztesten war natürlich der König der Pilze, der Steinpilz, 'Barawick' genannt.
NB. Lehnwort a.d. Russischen: borowík - Steinpilz, von bor - Fichten-, Tannen-, Nadelwald.

Nottbeck 1987, 22
Borowiken (rus.) - Steinpilze / E.K.L.R.
Onkel Fritz sammelte nur Borowiken.

Kobolt 1990, 59, 70, 77
Barawik, Borowik, mit betonter Endsilbe, M Steinpilz
russ. borowik (gesprochen barawik) Steinpilz.
s. auch Borowik.
Borowik, mit betonter Endsilbe, s. Barawik; russ. borowik (gespr. barawik)
Burawik m fälschlich für: Barawik, Borowik 'Steinpilz'; s. Borowik.


QUELLEN (Informanten)

Barawík, der (russ. бaрaвик) - Steinpilz, WL 1,24. unzählige Schreibweisen

Hoffmann, Gjert: Reval
Borawik, der 0 Steinpilz Boletus edulis. Estland.

Kerkovius, Martha: Riga
Borowicke, auch Barowicke - Steinpilz

Vietinghoff-Scheel, Robert von: Groß-Jungfernhof Kreis Riga
der Barawick (baltisch) - der Steinpilz (hochdeutsch) [& Zeichnung)]


Barawicke - Steinpilz. Bauske.

Baschlik der
‣ Varianten: Baschlick, Baschlig, Baschligk, Baschlyk
{russ. башлык 'Kapuze' Sallmann 1880, 10; Kobolt 1990, 60}

QUELLEN

Sallmann 1880, 10
Baschlig(k), m. die auch vom rußischen Militär im Winter getragene, über den Nachen zu ziehende Kopfbedeckung, deren Enden um den Hals geschlungen werden.

Vegesack 1935, 18
Baschlik eine warme Kapuze aus dunkelbraunem Stoff

Ariste 1938, 256
Baschlik, Baschlyk [bašlik] masc. 'capuchon qu'on porte pendant les grands froids, cache-nez également à Tartu' (d'après ... communication de M. E. Kobolt) ‹ russe башлык 'capuchon'. - Wiedemann, Estnisch-deutsches Wörterbuch, 389, 851.

???
Kapuze mit angeschnittenem Schal

Munier-Wroblewski 1958, 47
Baschlik eine Art Kapuze

Nottbeck 1987, 20
Baschlik (rus.) Kapuze mit Schal / E.K.
Nimm den Baschlik, es ist heute sehr kalt.

Kobolt 1990, 60
Baschlik mit betonter Endsilbe, m Kapuze, deren lange Enden um den Hals geschlungen werden.
russ. baschlyk 'Kapuze'

Batze
Stud.

QUELLEN

Nottbeck 1987, 20
Bad, Badeanstalt / E.
Eine Batze war jedesmal ein Vergnügen.


QUELLEN (Informanten)
Behr, Helene Freifrau von: Estland (Ubja bei Wesenberg)
Badeanstalt

Wender, Otto: Kattensack/Wierland, Reval, Dorpat; Petersen, Arnold von: Riga
öffentliche Badestube, meist „Sauna“

bedripst part Adj
‣ Varianten: bedrippst

QUELLEN

Masing 1926b, 53
bedrippst „kleinlaut, niedergeschlagen“ (zu mnd. druppen „tropfen“; Frischbier I, S. 60 bedrippt).

Stegmann von Pritzwald 1952, 413
bedrückt

Nottbeck 1987, 20
bedrückt, beklommen / E.K.L.
Er sieht so bedripst aus, ist er durchs Examen gerachelt*?


QUELLEN (Informanten)
Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland; Adolphi, Gertrud: Riga; Mettig, Dorothea: Riga; Torro-Kock, Hanna: Riga; Beritz, Alide: Goldingen, Rujen (Kurland, Livland); Grün(d)er, Lucie: Sagaln, Kreis Bauske; Krueger, Sigrid: Kurland; Lange, Harald: Riga, Südlivland
bedripst - etw. bedrückt, etw. niedergeschlagen. Nur als Partizip!

Lange, Harald: Riga, Südlivland
niedergeschlagen, zerknirscht
Er war völlig bedripst von dieser Nachricht.

Engelhardt, Hans Dieter von: Dorpat
begossen, beschämt

Masing, Isa: Riga
traurig, niedergeschlagen sein

Schwarzbach, Paul: Riga
leicht angetrunken sein

Rose, Helmut: Riga
schüchtern

Kalning, Erna: Riga
momentane Verschlagenheit

Eberhardt, Marie: Alt-Ottenhof, Kreis Wolmar
peinlich berührt

begroben V [h]
Vt

QUELLEN

Nottbeck 1987, 20
grob reagieren / E.K.L.R.
Ich fragte ihn höflich, aber er hat mich gleich begrobt.

behumpsen V [h]
Vt

QUELLEN

Nottbeck 1987, 20
übers Ohr hauen, betrügen / E.K.L.
Von dem lasse ich mich doch nicht behumpsen.

id bei Altlicht geborenAltlicht
scherzh. 'so bezeichnete man einen jungen Menschen, der der unjugendlich wirkte, etwas verkümmert aussah, oder einen älteren Menschen, der so aussah, als sei er niemals richtig jung gewesen'
er ist in (bei) Altlicht geboren

QUELLEN

Gutzeit 1859, 31
Alt-Licht, (der Ton gewöhnlich auf dem 2ten Worte), abnehmender Mond. Es ist Alt-Licht, wir haben Alt-Licht; wird sind im Altlicht. Er ist in Altlicht geboren, sieht, obgleich jung, alt aus.

Gutzeit 1886, 32
Altlicht. „Er war in Altlicht geboren.“ Damit, sagt Bertram in balt. Skizzen, bezeichnet man stillbeschauliche, ruhige junge Leute, die nichts von den gewöhnlichen Äußerungen einer lebendigen Jugendkraft zeigen. In Riga hat das Wort die Bed. von: ein altes Aussehen habend, daher auch: nach Altlicht aussehen. vgl. d. folg.

Nottbeck 1987, 16
Altlicht, Neumond (dunkel, fade, unscheinbar) / E.K. Sie sieht aus, wie bei Altlicht geboren.


QUELLEN (Informanten)
Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland
bei Altlicht geboren: So bezeichnete man einen Menschen, der etwas verkümmert aussah, also etwa einen jungen Menschen, der unjugendlich wirkte, oder auch einen älteren Menschen, der so aussah, als sei er niemals richtig jung gewesen.

Bielenstein, Bernhard: Riga, Doblen
scherzhafte Bezeichnung für einen jungen Menschen, der etwas ältlich oder verkümmert aussieht.
von Jugend auf altjüngferlich = unjugendlich

Wachtsmuth, Wolfgang: Riga

id Beifall haben
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland, Riga
'Anklang finden'
auf dem Ball hatte sie viel Beifall

QUELLEN

Nottbeck 1987, 20
Beifall haben Anklang finden / E.K.L.R.
Auf dem Ball hatte sie viel Beifall.

bekrabbeln V [h]
Vr

QUELLEN

Nottbeck 1987, 20
sich erholen, zurecht kommen / E.K.L. Nach dem Unfall hat er sich wieder bekrabbelt.

belämmert part Adj
‣ Varianten: belemmert

siehe auch belämmern, belemmern

QUELLEN

Flügge-Kroenberg 1971, 29
belemmert - ärgerlich, behindert

Nottbeck 1987, 20
belästigen, beklommen / E.K.L.R.
Ständig belämmert er mich! - Er sah ganz belämmert aus.

belatschern V [h]
Vt

QUELLEN

Nottbeck 1987, 20
beschwatzen, überreden / E.K.L.R.
Ich habe mich belatschern lassen, das Amt zu übernehmen.

bepusheln V [h]
Vt

QUELLEN

Nottbeck 1987, 20
betreuen (liebevoll) /E.K.L.R.
Als die Eltern verreist waren, bepushelte uns Tante Gertrud.

besser komp Adj

siehe auch beste

DAZU:
besser ist besser! (id) 'besser ist mehr als gut, oder das Bessere ist vorzuziehen.'

QUELLEN

Gutzeit 1886, 138
besser goth. batiza, batizô. Man kann zu diesem Worte u. zu bass (besser) stellen das slaw. u. russ. паче, das aber nicht die Bed. von besser, sondern von mehr hat; тѣмъ паче ist: um so mehr, desto mehr, was nahe an: desto besser liegt. Zu erinnern ist auch an griech. βέλτερος.

Seemann von Jesersky 1913, 105
lieber: Komm mir besser nicht in die Nägde. Da bleib ich besser zu Hause.

Nottbeck 1987, 21
statt lieber / E.K.L.
Komm mir besser nicht nahe, ich bin sehr erkältet.

bibbern V [h]
‣ Varianten: bebbern
Vi

QUELLEN

Maltz 1957, 30
bibbern - zittern; sein mächtiger Bauch bibberte vor Lachen.

Nottbeck 1987, 21
zittern (auch bebbern) / E.K.L.R.
Beide bibberten vor Angst, als sie Schritte hörten.

Birkwasser das
‣ Varianten: Birkenwasser

QUELLEN

Vegesack 1963, 64
„altlivländisches Birkwasser“ - mussierendes Getränk aus dem Saft der Birken

Nottbeck 1987, 21
Birkensaft / K

blaken V [h]
Vi 'mit starkem Rauch brennen' de qualmen
Allen diesen Lampen war es aber eigen, daß sie manchmal 'blakten', und daß dann nach einiger Zeit ein sich steigernder Petroleumgeruch das Zimmer erfüllte, während Flöckchen wie schwarzer Schnee lautlos aus der Höhe herniederrieselten.

QUELLEN

Gutzeit 1886, 149
mit starkem Rauch brennen, qualmen (von Lampen)in einigen Familien gewöhnlich, in anderen dafür: dampfen; im 20. Jh. oft belegt ‹nd.›

Martin 1933, 104f.
Nord-Baltikum: Wesenberg rauchen, blaken, qualmen; Arenburg (Ösel) rauchen, räuchern, blaken; Hapsal blaken, rauchen; Reval rauchen, blāken, dampfen (Dubl. rauchen, blaken); Nömme qualmen; Dorpat blaken, qualmen, rauchen; Narwa räuchern, rauchen; Walk blaken, qualmen; Werro rauchen, qualmen (selten: Dubl. blaken, rauchen, qualmen); Süd-Baltikum: Dubbeln räuchern, blaken; Dünaburg rauchen, räuchern; Hirschenhof rauchen; Lemsal qualmen; Riga räuchern (Dubl. flammt, blākt, dampft; blaken, rauchen, qualmen; räuchern; blaken, räuchern; rauchen; rauchen, blaken, qualmen, räuchern); Winterfeld blaken, rauchen, schwelen; Wenden blaken; Wolmar rauchen, blaken; Kurland: Alt-Autz blaken; Frauenburg blaken, rauchen, qualmen; Ohseln (Goldingen) blaken; Kimahlen - Goldingen blaken, rauchen, qualmen (Dubl. blaken, räuchern); Planetzen rauchen, qualmen; Neuhausen (Kr. Hasenpoth) qualmen; Hasenpoth räuchert; Libau räuchern (Dubl. räuchern, blaken); Kutzau (Kr. Libau) blaken; Mitau blaken, qualmen, rauchen (Dubl. blaken); Talsen qualmen (Dubl. raucht, räuchert, blaken); Annahütte (Kr. Windau) räuchern; Tuckum blaken; Windau blaken.

Hueck-Dehio 1953, 36

Vegesack 1963, 188

Nottbeck 1987, 21
blaken (mhd.) - rußen / E.K.L.R.
Petroleumlampen blaken, wenn der Docht zu hoch geschraubt worden ist.

Kobolt 1990, 67
schw. V. qualmen von Lampen und Kerzen mnd. blaken 'flammen, brennen'; lbg. blaken 'qualmend brennen, rußen'; pr. blaken 'qualmend brennen'; nhd. blaken niederd. für: 'schwelen, rußen'.


QUELLEN (Informanten)
Lange, Harald: Riga, Südlivland
räuchern, rußig brennen. Die Lampe blakt entsetzlich.

Blossfeldt, E.: Arensburg, Ösel; Torro-Kock, Hanna: Riga
räuchern (von der Petroleum-, Öllampe)

Blänke die

QUELLEN

Gutzeit 1886, 149
eisfreie Stelle im Flusse. Leipz. Ill. Ztg. 1860. Mai.

Seemann von Jesersky 1913, 106
o. schneefreie oder offene Stellen in der Eisfläche.

Nottbeck 1987, 21
Tümpel im Hochmoor / E.K.
Die Blänke sahen schön aus, waren aber sehr gefährlich.

Blase die

QUELLEN

Bergmann 1785, 12
das Brod hat blasen, Augen.

Gutzeit 1859, 135
Blasen setzen, was Blasen werfen. Man lässt alles auf kleinem Feuer, bis es Blasen setzt, 158. Teig so lange bearbeiten, bis er Blasen setzt oder bekommt, 155. Blasen vei siedendem Zucker: wenn von dem Zucker, beim Pusten durch den Schaumlöffel, Blasen fliegen, 155. - Flaschen oder Gläser mit Blase verbinden, mit einem Stück Ochsenblase.

Gutzeit 1886, 150
studentischer Ausdruck für Sippschaft od. Gesellschaft. Wir wollen doch uns die ganze Blase ansehen, rig. Ztg. 1883, 98, aus Berlin.

Nottbeck 1987, 21
Klüngel / E.K.L.
Die ganze Blase fiel bei uns ein.

blattstill Adj

QUELLEN

Nottbeck 1987, 21
windstill, Flaute / E.
Als wir ruderten, was es blattstill.

Bleifeder die
‣ Varianten: Bleyfeder

QUELLEN

Bergmann 1785, 10
Bleyfeder, gewöhnlich ist der Bleystift.

Hupel 1795a, 26
Bleyfeder, die, st. Bleystift führt Bergm. an; aber man hört es auch in Deutschland.

Kobolt 1990, 67
f mit Vorrang für: Bleistift
plattd. Blifeer 'Bleifeder'; schl. Bliefeder 'Bleistift'.


QUELLEN (Informanten)
Meyer, Rudolf: Riga; Faust, M.; Robinson, K.: Riga; Kerkovius, Martha: Riga; Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland; Nottbeck, Alexandra von: Estland
Bleistift

Blini
‣ Varianten: Bliny
{russ. блины 'russische Pfannkuchen' Sallmann 1880, 10; Kiparsky 1936, 147}

QUELLEN

Sallmann 1880, 10
Bliní, als m. u. n. sing. gebraucht, eig. pl., in der Pfanne mit ruß. Butter gebackene Hefenkuchen aus einer Mischung von Weizen- und Buchweizenmehl; im pl. häufig Blinís.

Eckhardt 1896, 26
Blini pl.

Haus und Herd 1901, 542
Russische Pfannkuchen aus Buchweizenmehl

Kiparsky 1936, 147
Blinis [blinis] m.,n., pl. 'russische Pfannkuchen' ‹ r. блины id. Sallmann N. 10. E.L.K.

Taube 1944, 114
[Mehrzahl zu russ. Bl'in]
"... doch kommen zur Zeit der Butterwoche die Bliny und einige andere russische Speisen auf den Tisch die Bliny, diese Buchweizenpfannkuchen, die so schäumig gebacken sein müssen, daß sie von den Gabeln, wenn man sie Spießen will, niederfallen, essen wir nicht wie die Russen mit Kaviar, ..."

Pantenius 1959, 25
russ.-balt. Spezialität.
In Sonnenblumenmehl gebackene aus Buchweizenmehl bestehender grosser Pfannkuchen.

Kentmann 1978, 67
Bliny sind Hefepfankuchen mit einem Zusatz von Buchweizenmehl.

Nottbeck 1987, 21
Blini (rus.) - Buchweizenpfannkuchen / E.k.l.R.
Blini müssen papierdünn sein

Kobolt 1990, 67
mit betonter Endsilbe, pl. Pfannkuchen aus Buchweizenmehl
russ. blin 'Plinse, dünner Pfannkuchen'


QUELLEN (Informanten)
Kentmann, Ingeborg: Reval; Borowsky, Meta: Riga; Lemm, Robert von: Reval, Dorpat; Eltz, Marta von: Windau; Anderson, Harry: Dorpat; Krause, Ingeborg: Riga; Torro, Se.: Riga
russ. Speise in der Butterwoche vor den Fasten. Hefepfannkuchen, z.T. aus Buchweizenmehl mit salzigen Beigaben, z.B. Heringssoße.


die Blinis 'Festgebäck', Reval.

blöde Adj
'schüchtern, verlegen, befangen'
siehe auch Blödigkeit1

QUELLEN

Conradi 1861, 41, 42, 14..?, 153
sagte Clara und reichte ihm etwas blöde die Hand.
Ella erzählte, Friedrich war etwas blöde.
Er ist noch sehr jung und etwas blöde, das entschuldigt ihn wohl, wenn er sich Ihnen bis jetzt noch nicht genähert.
Rode war weder blöde noch linkisch in Gesellschaft, aber zurückhaltend und schweigsam.

Rig. Almanach 1870, 42
Ebenso entstand ein geschwisterliches Verhältnis zwischen ihm und den Friedreich'schen Töchtern, der gesetzten, damals 12 jährigen Marie und der wilden und doch zugleich blöden zehnjährigen Anna.

Pantenius 1872, 30
Der Kleine ist blöde, d.h. er fremdet sich. (schüchtern)

Masing 1926b, 53
„verlegen“ (mnd. blode „verzagt“); Blöde Hunde werden nicht fett „Ohne Dreistigkeit kein Erfolg“ (P. Wriede „Hamburger Volkshumor“, Quickborn-Verlag zu Hamburg, S. 51 Blöde Hunn' ward selten fett).

Nottbeck 1987, 21
schüchtern, scheu /E.K.L.R.
Sie sieht so nett aus, ist aber sehr blöde.


QUELLEN (Informanten)
Undritz, Margarete: Reval
zurückhaltend, gehemmt

Petersen, Herbert: Fellin, Dorpat, Reval; Fircks, Baronesse Marie von: Kurland (Hasenpoth, Budbaben)
verlegen, schüchtern

Engelhardt, Hans Dieter von: Dorpat
töricht

Blott der
'Straßenschmutz (bei nassem Wetter)' de Straßendreck; et pori, sopp
Stiefel, die sogar im Blott knarren
der schwarze Blott

QUELLEN

Gadebusch 1780b, 231
Der dünne Koth auf der Gasse. Davon Blottig oder Blottigt, ein Beywort. Ist soviel als Blüttern, oder Plader.

Gutzeit 1859, 137

Gutzeit 1886, 155
[zit. Gadebusch]

Seemann von Jesersky 1913, 107
Schmutz

Masing 1924-1926, 414
in den Parodien auf die „Xenien“ von G. N. Fischer 1797 heisst es: „An die Xenien-Dichter. Aber ist es dann etwas grosses, mit Goethes und Schillers Litterarischem Blott sich übergossen zu seh'n?“ wozu eine Fussnote bemerkt: „Blott ist der edlere Ausdruck für Koth. Blott, Mott, Koth, D..ck ist die Gradazion.“)

Masing 1926b, 13
im 20. Jh. sehr oft belegt, ‹wohl aus dem opr. übernommen, dort aus dem poln.›

Wiget 1927, 8
wohl sichere westliche Entlehnung (poln. bloto od. lit. blota)

Kiparsky 1936, 135
[über Ostpreußen]

Nottbeck 1987, 21
Straßenschlamm / E.K.R.
Im Herbst war der Weg vor Blott kaum passierbar.

Kobolt 1990, 68
m feuchter Schmutz
Elb. Blott 'dicker Straßenkot'; ostpr. Blott 'Schmutz'; poln. bloto 'Morast, Straßenkot'; russ. boloto 'Sumpf'.


QUELLEN (Informanten)
Glasenapp, Anna von: Antzen bei Werro, Wenden
Dreck

Bocksbeere die
‣ Varianten: Bocksbere, Boxbeere, Buchsbeere, Buxbeere

QUELLEN

Hupel 1774-1782, 492
Bocksbeerstrauch Ribes nigrum

Fischer 1778, 205
Ribes nigrum

Bergmann 1785, 10
bocksbären, schwarze Johannisbeere

Friebe 1794, 187
Johannisbeere, besonders die rothen nebst der Boksbeere (Ribes nigra)

Hupel 1795a, 27
Bocksbeere, die, schwarze Johannisbeere. Einige sagen Bucksbeere.

Gutzeit 1859, 139
Bocksbere. Die gew. Bezeichnung der schwarzen Johannisberen.

Haus und Herd 1901, 673
Schwarze Johannisbeere

Seemann von Jesersky 1913, 107
ribes nigrum, Schw. Johannisbeere

Masing 1924-1926, 92
schwarze Johannisbeere. Kurland, Riga: Bocksbeere; Nordlivl., Estl.: Buchsbeere, „scheinbar in Anlehnung an den Namen des wesenverschiedenen Buchsbaums“ ‹ nd. buck.

Schönfeldt 1960, 11
Ribes nigrum, Schwarze Johannisbeere. Der unangenehme Geruch der Beere erklärt ihren Namen. Mehr nordbaltisch: Bucksbeere, Buchsbeere (vgl. mnd. buck - Bock).

Nottbeck 1987, 21
schwarze Johannisbeere / K.R.
Bocksbeertriebe auf Alkohol ergaben einen guten Anspitz.

Kobolt 1990, 68, 71
Bocksbeere s. Buchsbeere
Boxbeere s. Buchsbeere


QUELLEN (Informanten)
Kelmet, Paul: Kurland, Libau
Bocksbeeren, manchesmal für schwarze Johannisbeeren


Bocksbeere, Boxbeere - Schwarze Johannisbeere. WL 6, 34. (lett. Sprachber.)


Buchsbeere, Buxbeere - schwarze Johannisbeere WL 6, 34. (estn. Sprachber.)

Oprescu: Elga: Riga
Schwarze Johannisbeeren

Boden der

QUELLEN

Gutzeit 1859, 139
1) Speicherboden. Böden sind zu vermieten. Wenn Saten zu Boden genommen werden, gespeichert. Gew. Auch 143. 2) Man sticht mit einem Ausstecher wie eine Obertasse große Boden aus, 155. S. 223 und öfters. - 3) st. Buden, einige Male bei Nyenstädt (194), z.B. 17. - 4) Kupfer in Blechen und Boden, 172. 1796. 12. Oft; 5) der rigische Boden, st. Meerbusen, soll sich nach Gadebusch (151) in Hiärne finden.
Ungegründet ist, wie Manche angenommen haben, (z.B. 176. 1834. 72.), dass Boden für Raum unter dem Dache landschaftlich sei.

Gutzeit 1886, 158
4) Bodenstück. vgl. Rad. Acht Boden Wachs, 172. 1799. 588; Talg in Boden, auf den Fuhrwagen zu schlagen, 305; Tallich in Boden od. Fässern, 304; die Boden und Fässer abwägen, ebda. Bodem Wasses van en half Schippunt schon in Urk. v. 1389. vgl. Bodenstück und Bodentalg in Schiller-Lübben unter bodeme. - 5) Meerbusen. Die Frau des Burchard Waldis in einer Klage über ihn spricht von dem rigischen Boddem, 396. 1861. 510. Gadebusch (325) bemerkt, dass der Meerbusen zwischen Pommern u. Rügen von den Anwohnern der Boden genannt wird. Bodden erklärt 479: Binnenwasser, dessen Tiefe nicht bedeutend ist. Dergleichen flache Binnengewässer sind Theile der Ostsee: der Greifswaldische u. Rügianische Bodden, der Jasmunder u.a.
Die Mz. von Boden (eines Dachs, Speichers od. Fasses) lautete vor etwa 30 Jahren fast durchweg Boden, jetzt: Böden.

Gutzeit 1898, 5
1) von Talg oder Wachs: flüssig in ein Gefäß gegossen, wodurch es, erkaltet, die Form des Gefäßes erhält. vgl. I. 139 und Nachträge v. 1886. 158. 2) einer Mütze, der flache, obere Teil. Bei Mützenmachern. s. d. folg.

Nottbeck 1987, 21
Speicher unter dem Dach / E.K.L.R.
Hol doch die Koffer vom Boden.


QUELLEN (Informanten)
Wachtsmuth, Wolfgang: Riga; Wolff, Bruno: Riga; Torro-Kock, Hanna: Riga; Schlau, Wilhelm: Livland, Mitau; Sivers, Werner von: Riga; Studemeister, Sophie: Petersburg, Reval
Dach-Speicher

Borschtsch

QUELLEN

Haus und Herd 1901, 282
Beetensuppe

Nottbeck 1987, 22
Borschtsch (rus.) - Rote Beete-Suppe / E.K.L.R.
Es geht nichts über einen richtigen Borschtsch.

Kobolt 1990, 70
russische Betensuppe
russ. borschtsch 'Suppe aus roten Rüben'; Elb. Bartsch 'Fleischsuppe mit roten Rüben'.


QUELLEN (Informanten)
Krause, Ingeborg: Riga
Gemüsesuppe

Lemm, Robert von: Reval, Dorpat

Eltz, Marta von: Windau
Kohlsuppe

Torro-Kock, Hanna: Riga
Beeten-Kohlsuppe mit saurem Rahm

Borowsky, Meta: Riga

Bosnickel der

QUELLEN

Gutzeit 1886, 164
als Schimpfwort, 390c. 117 [estn. wihakong] wol st. böser Nickel.

Nottbeck 1987, 22
bösartiger Mensch / E.L.R.
Er ist zeit seines Lebens ein Bosnickel gewesen.

Kobolt 1990, 71
boshafter Mensch
nhd. Bosnickel mundartl. für: boshafter Mensch; ostpr. Boßnickel böses Kind.

Botjiki pl
‣ Varianten: Botiki, Botten

QUELLEN

Nottbeck 1987, 22
Botjiki, Botten (rus.) - gefütterte Stiefel, Gummistiefel E.K.L.R.
Bei Matsch und Schnee die richtige Fußbekleidung.

Botschke die
‣ Varianten: Botschka
'Faß, Tonne'

QUELLEN

Seemann von Jesersky 1913, 107

Nottbeck 1987, Botschka

Kobolt 1990, 71
Pernau, „selten“.

Botten pl
‣ Varianten: Botiki, Botjiki

QUELLEN

Sass 1963, 128
Ob ich mich erinnere! Als man noch, zwischen die Erwachsenen geklemmt - die kurz abstehenden bestrickten Beine in dunkle Botten oder helle Walinki mündend - im Schlitten saß; die Kapuze mit steifer Schleife unterm Kinn gebunden; darüber zum Schutz von Mund und Nase noch ein Ohrenburger Tuch gewickelt; die Hände gehorsam in den wattierten Muff gestopft, dessen Kordel uns ebenso unnütz dünkte wie das lästige, durch beide Ärmel laufende Fitzelband, an dem die Fäustlinge unverlierbar befestigt wurden - was hätte man damals dafür gegeben, auch groß zu sein, auch hinten zu stehen: unbeengt, kühn und erhaben über die Insassen, die-[...]

Nottbeck 1987, 22
Botjiki, Botten (rus.) - gefütterte Stiefel, Gummistiefel E.K.L.R.
Bei Matsch und Schnee die richtige Fußbekleidung.


QUELLEN (Informanten)
Oprescu: Elga: Riga; Jaksch, Margareta: Riga; Koppitz, Harry: Riga; Werther, Maja: Narva
Botten hohe Damenüberschuhe (Gummi), s. Botiki

Jakobson, Rita: Dorpat, Werro, Pernau
Botten Holzschuhe. WL 8,46


Botten Gummistiefel, WL 8,50 [30?]

Brage die
‣ Varianten: Braag, Braak, Brach, Brache, Brack2, Bracke2, Brag, Brahe, Brak, Brake
‣ Belege: Estland, Kurland
de Branntweinspülicht; et praak <gen praaga>

QUELLEN

Bergmann 1785, 11
die Brage, das Spülicht. Brack, schlechtes untaugliches Gut. Es kommt in die Brake, oder in die Badstub, es ist untauglich, wird vom Guten abgesondert.

Hupel 1795a, 29
Braak und Brack s. Brage und Brake.

Hupel 1795a, 30
Brage, die, st. Branteweinspülicht oder Branteweintrank. Fischer nennt sie ganz ungewöhnlich Brahe und Branteweinträbern; fast durchgängig hört man sie hier den Braak nennen.

Hupel 1796, I 174
Brage (Branntweinspülicht) Wir sagen gemeiniglich der Braak, welches Einige auch Brack schreiben.

Petri 1809, 426
Brag Der Abfall von der Branntweinbrennerey Brack genannt.

Gutzeit 1859, 144
Brach. In zusammengesetzten Wörtern bei früheren Schriftstellern häufig zu lesen statt Brag, so z.B. Brachkäbel st. Bragkübel.

Gutzeit 1859, 144
Bracke Früher häufig geschrieben st. Brage (Brantweinspülicht) und Brake (Wrake).

Gutzeit 1859, 145
Brag (¯), Brantweinspülicht, Brage. In ältern Schriften findet man dafür häufig: braak, Braack, Brack und Brak. Durch solche Schreibart sind Verwechselungen mit Brack = Wrack, Ausschuss, und Brake = Wrake unvermeidlich. Selbst Gadebusch, der so richtig schrieb, schreibt noch Brack (180. IV. 1. 434): was im Kessel zurückbleibt (beim Brantweinsbrande) und in Livland Brack genannt wird. - Der heiße Brag ist ein gewöhnliches Viehmästungsmittel. - Gesprochen wie Brach mit langem a, hier und da auch wie Brak, und vielleicht auch noch wie Brack.

Gutzeit 1859, 145
Brag, der („), Brantweinspülicht, Brage. In ältern Schriften findet man dafür häufig: Braak, Braack, Brack und Brak. Durch solche Schreibart sind Verwechslungen mit Brack = Wrack, Ausschuss und Brake = Wrake unvermeidlich. Selbst Gadebusch, der so richtig schrieb, schreibt noch Brack (180. IV. 1. 434): was im Kessel zurückbleibt, (beim Brantweinsbrande) und in Livland Brack genannt wird. − Der heiße Brag ist ein gewöhnliches Viehmästungsmittel. _ Gesprochen wie Brach mit langem a, hier und da auch wie Brak, und vielleicht auch noch wie Brack.

Gutzeit 1859, 145
Brage, die, ′Brantweinspülicht′. Das hier gewöhnlichste Wort. Schweine, die bei Brage gehalten werden; bei Mastungen mit Brage. Früher häufig dafür geschrieben: Brake, welches Verwechslung zulässt mit Brake = Wrake u. Brechen (des Flachses). Auch eine Mz. kommt vor. Die Bragen Nr. 1-5, d.h. Arten von Brage. – Während im vorigen Jahrh. in Livland Brak od. Brake geschrieben und gesprochen wurde, scheint gegenwärtig Brage allgemein üblich. – Hupel schweigt über die Abstammung. Man könnte versucht sein, sie dem Lettischen zuzusprechen ( brahga). Zweifel dagegen entstehn durch die Berücksichtigung, dass die Sprechweise früher zwischen Brack, Brak und Brake schwankte, und der Begriff des Wortes den Letten durch die Deutschen bekannt wurde. In einem Theil Russlands ist Brage eine Art Bier, bei welchem Wort man auf bresti brodit′, ′gären′, geleitet wird, aber auch auf die deutschen brauen, brodeln. Vielleicht ist Brage oder Brag auf Brak, Brack, Wrak, Wrack, ′Auswurf, Ausschuss′ zurückzuführen.

Gutzeit 1859
Brage, die. ′Schlempe, Restbestand beim Brennereiprozeß′, als Kraftfutter für das Vieh genutzt. Udo Baron Freytag-L. M. v. Stael, Wierland+Reval

Gutzeit 1859, 145
Brak, der, st. Brag. Nach Hupel fast durchgängig st. Brage zu hören.

Sallmann 1880, 24
Bei Brage ′Brantweinspülicht′ – kann es zweifelhaft sein, ob wir das Wort aus lett. brahga oder nd. Brack, Wrack ′Auswurf′ – ableiten sollen.

Sallmann 1880, 60
Brage ′Brantweinschlempe′, estn. prak, g. praga, wohl zusammenhängend mit bracken; oder ist an nd. brak ′bitter, salzig′ zu denken?

Gutzeit 1886, 166
Brage, die, ′der flüssige Rückstand beim Branntweinsbrande, Schlempe, Brantweintrank oder Spülicht′, unrichtig auch, selbst von Stender, mit Mesche od. Meische erklärt, welche poln. brzeczka od. brze̦czka, sorab. brazka heißt, während Brage poln. durch braha, bracha u. braga, russ. durch барда wiedergegeben wird; lett. brahga und dranķis. – Die verschiedene Aussprache dieses Wortes erklärt auch die verschiedene Schreibung. So haben die Älteren rig. Anzeigen: Brag, 172. 1795. 418, Braag, 172. 1785. 451, Brack, 172, 1799. 551, Brach, 172. 1812. 49. Bei Hupel (182. II) Brak, w.s. In den Buchstaben u. der Bed. entsprechend poln. braha, bracha und braga. Linde leitet diese poln. W. aus deutschem brauen und Brühe. Diese Herleitung ist gezwungen und unwahrscheinlich; auch das deutsche Wort lässt sich nicht mit brauen oder Brühe zusammenbringen. Unser Brage steht auch außer Zusammenhang mit schweiz. Brägel, Art Brei von dickgekochten Früchten, u. wol ebensosehr mit des Plinius brace, nlat. bracium und braxare, franz. brasser ′brauen′ (vgl. Ducange) und ir. gäl. braich ′Mehl, Malz′, und franz. brai ′geschrotene Gerste der Brauer′. Es bleiben daher nur 2 Möglichkeiten 1) Brage als Brack, Brok ′Ausschuss, Abgängsel beim Branntweinbrennen′ anzugehen, oder 2) slawischen Ursprung anzunemen. Für das zweite spricht zwar nicht die Bedeutung des poln. und russ. Wortes, welches letztere erst in neuerer Zeit den Begriff von Branntweinspülicht erhalten hat, wol aber die vollkommene Gleichlautigkeit mit dem was russ. und poln. braga heißt, nämlich ein Spülwasser ähnliches Getränk od. Bier aus Roggenmehl, hirse od. Gerste. Zur Verwandtschaft dürfte auch zu rechnen sein franz. drague, ′Träber′ (beim Bierbrauen). Dies drague verhält sich zu unserem Brage, wie lett. dranķis (Dranke) zu Brank, derselbe Wechsel von b und d. s. Brahe. – In 476: Brâgen, der, und Brâk, Rest (Spülicht), der bei der Branntweinbrennerei vom Maische zurückbleibt, litt. bróga u. brógas. – Ersichtlich kann das preuß. Brâgen-Brâk nicht vom lit. bróga herkommen. s. Brak.

Gutzeit 1886, 165
Brache, (–), die, zuweilen st. Brage

Gutzeit 1886, 166f.
Brak, der, Brantweinschlempe, die älteste Wortgestalt für das in Liv- und Kurland jetzt übliche Brage. Bei Gadebusch Brack: was im Kessel zurückbleibt; bei Lange Braak, bei Hupel (1780) Braak u. Brake. Wenn Brak, wie Gadebusch meinte, auf Brack (Abgängsel, Schlechtes) zurückginge, so wäre die Schreibung u. Aussprache Brage schlecht u. wahrscheinlich durch lett. Einfluss entstanden. Russisch брага f. Schlempe kommt nicht in Betracht. Denn in diesem Sinn begegnet es in keinem russ. Wtb. vor 1840; der eigentliche russ. Ausdruck für unser Brage ist бáрда; im Sinn von einer Art Hirsebier wird брага aber schon früher erwänt. Um sicherer die Herkunft von Brak (Brag) oder Brage festzustellen, wäre norwendig, auf die ältesten lettischen u. littauischen u. estnischen Wörterbücher von Adolfi, Elvert, Arends zurückzugehen. - Brage, wie es scheint, zuerst bei Stender und heute gewönlich, selbst in Estland. Denn Sallmann (390c. 24) fürt Brage Brantweinspülicht an. Es kann, sagt er, zweifelhaft sein, ob wir das Wort aus lett. brahga oder nd. Brack, Wrack, Auswurf ableiten sollen. Auf S. 143 sieht er dagegen das weibliche Seschlecht des Wortes als eine Abweichung von dem richtigen (männlichen) an, bei welcher Verweiblichung ein e angehängt u. dadurch eine Neubildung hervorgebracht wurde, ebenso wie bei Breze. Das ist unwahrscheinlich. - Die älteste hierortige Schreibung: Brack, Brak, Braak deutet darauf hin, dass Gadebusch, Lange u. Hupel nur Brack, d.h. Auswurf, Ausschuss, Rückstand im Auge hatten, den Spülicht nur als solchen ansehen. Ist dies der Fall, so ist lett. brahga, wie poln. u. russ. braga eine Entstellung des deutschen Brack, ebenso wie estn. praag od. praag, Brantweinspülicht nach Hupel - eine Bed., die ausschließlich gangbar ist. - Von russ. брага (Art Bier) werden gebildet бражникъ Schlemmer u.a. In Pawlowsky-Asmuß russ. Wtb. wird брага, auffallender weise, auch mit Maisch, Maische erklärt. Dass unser Brage dem Russ. entlehnt sein sollte, ist unwahrscheinlich, weil der Brantweinsbrand nicht von Russland hieher bekannt wurde, sondern von Westen dorthin gelangte.

Gutzeit 1886, 166
Brahe, f. Brage, durchweg in J. B. Fischer (447). Brandweins Brahe, ebda. 167.

Kiparsky 1936, 148
Brage [brāgə] f. ′Branntweinspülicht′ ‹r.брага ′Maische′. Die im 18.-19. Jh. üblichen Formen Brag, Braag, Brach, Brack u.s.w., die Gutzeit I, 145; N.86 166-167 zweifelnd mit nd. Brak, Wrak ′Auswurf′ in Verbindung bringt, könnten am ehesten mit opr. Bragen, Brak ′Rest (Spülicht bei der Branntweinbrennerei′ zusammengehören, wobei es freilich dahingestellt bleibt, woher das opr. Wort stammt. Poln. braha ′Branntweinspülicht′ passt wegen des h als Quelle nicht. Entlehnung der opr. und der bd. Formen aus lett. brāgs ′Branntweinspülicht′ (‹ Russ.) ist aus Verbreitungsgründen bedenklich anzunehmen (vgl. Sallmann V. 12; N. 24; Nesselmann Apr. Monatsschr. VIII, 675).

Nottbeck 1987, 22
Brage ′Abfall von Brennereien′ / E.K. Die Brage wurde zu Viehfutter aufbereitet.


QUELLEN (Informanten)
Freytag-Löringhoff, Udo Baron: Gut. Rawen (Kurland); Stael von Holstein, Marie Louise Baronesse: Gut Samm (Wierland), Reval
Schlempe, Restbestand beim Brennereiprozeß, als Kraftfutter für das Vieh genutzt.

brakieren V [h]
‣ Varianten: bracken, braken, brakeren, brakern, brakieren, wraken
{mnd. wraken, wracken 'verwerfen, für schlecht erklären'}
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland, Riga
Vt Kaufm. de verwerfen (als schlecht beschaffen), aussondern, ausscheiden; et (välja) praakima, prakeerima; lv brāķēt
‣ Synonyme: ausbrackieren, braken1
vgl abwraken, auswraken, durchwraken, einwraken, nachwraken

QUELLEN

Hupel 1795a, 268
wraken heißt eine Waare absondern und nach ihrer Güte bestimmen. Eine dazu obrigkeitlich verordnete Person wird Wraker genannt, z.B. Flachswraker, Mastenwraker u.d.g.

Gutzeit 1859, 144f
brakieren als schlecht beschaffen ausscheiden. Gew[erbe]. Alles gelieferte Holz wurde brackiert ′als untauglich bezeichnet, nicht als gute Ware angenommen′. Die Instruction 131. hat dies Wort im Sinne von 2) braken oder wraken. Geschrieben wird häufig brakieren, brakiren, Brakirer, Brakirung, brackieren usw.

Gutzeit 1859, 145
brakiren, Brakirer, Brakirung, s. brackiren u.s.w.

Sallmann 1880, 25
brackieren a.d. Franz. brakieren (als untauglich ausscheiden)

Sallmann 1880, 25, 29, 60
brakieren als ′untauglich ausscheiden′ brackieren als ′untauglich ausscheiden′ ′verwerfen′; ′untauglich ausscheiden′ ′bracken′

Sallmann 1880, 43
wraken nur als braken, ausbrackieren, Brackware. Hanna Tode, Riga.

Sallmann 1880, 43
wraken ′durch Prüfung ausscheiden′, subst. Wrake.

Gutzeit 1886, 166
brackiren. Schon in einem Schriftstück v. 1695 über d. Georgenhospitalgründe: dkslökfhlädiogrpöäskäatowrõpgoödsglv die Plätze sind brackert (l. brackeret worden)

Masing 1926b, 25
wraken ′durch Prüfung ausscheiden′. Masing, Nd.E. 25: mnd. wraken ( Frischbier II, S. 481) (zum Anlaut).

Petri 1809, 412
Wraken heißt eine Ware absondern, prüfen und nach ihrer Güte und ihrem Werte bestimmen.

Nottbeck 1987, 22
brackieren ′aussondern′ ′entfernen′ Die Speisezimmermöbel wurden brackiert, ELKR

Kobolt 1990
brakieren, ausbrakieren: schw. V. als ′minderwertig aussondern′. {mnd. wraken, wracken ′verwerfen, für schlecht erklären′ }

Kobolt 1990, 289
wraken schw. V. ′sortieren, nach der Güte sondern′ mnd. wraken, wracken ′für wrack erklären, verwerfen, Waren auf ihre Güte untersuchen′; Br. Wb. wraken ′ausschießen′; pomm. wraken ′prüfen′; pr. wraken.

???, ????
wraken s. einwraken I 250, nachwraken II 274, abwraken I 24, N86 20,...schwraken I 52; N86 61, auswraken I 90, durchwraken I 213


QUELLEN (Informanten)
Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland
A. Schönfeldt sen.: bekannt, auch der Wraker

Brass der/das <pl Brasse>
1. 'Heu- oder Strohlager für mehrere Personen auf dem Fußboden'
auf dem Brass liegen
‣ Synonyme: Brassbett
2. 'Menge, Haufen'
vgl Brasse, Brast

QUELLEN

Hupel 1795a, 32
Braß und Braßbeere, das, ist eine auf dem Fußboden des Zimmers mit untergestreueten Heu oder Stroh für mehrere Personen zubereitete Lagerstätte. - S. auch Brey.

Gutzeit 1859, 147
1) Heu oder Stroh zu einer Lagerstätte. Er lag auf der Brass. - 2) die Lagerstätte selbst. Es wurde ein Brass von Heu zurecht gemacht. 3) eine Menge, eine Gesammtheit schlechter, wertloser Dinge. - Zuweilen sächlich.

Sallmann 1880, 29, 49
Menge, Haufe; gemeinsames Lager auf der Diele
ein einfaches Lager an der Erde, auf Heu oder Stroh, meist für eine größere Gesellschaft

Gutzeit 1886, 169b
Grimms Wtb. erklärt Bras mit Schmaus, Mahl; „weil aber beim Prassen u. Schlemmen die Gerichte gehäuft aufgetragen werden, so entfaltet sich die Bed. von Hause od. Schwarm.“ Diese Erklärungscheint überkünstelt. Im russ. u. slaw. begegnet брашно Nahrung, Speise; бросать heißt werfen, und es wäre, wie von ношу trage das Hauptw. ноша vorhanden ist, so von брошу ein Hptw. броша vorauszusetzen. Nach d. letzten Erläuterung wäre Brass, welches Wort, wie Hoffmann in s. deutschen Wtb. angibt, gewönlich, gewönlich Brasch gesprochen wird, das Hingeworfene, daher Streu u. Haufen. Näher noch liegt franz. brassée de pail, déposée sur le plancher, Armvoll Stroh. In dem Worte Brass lägen also 2 Wörter ganz verschiedner Herkunft: 1) Bras, Schmaus, welches an russ. und slaw. брашно u. unser Fraß (Essen) anlehnt; 2) Brass, Braß etwas Hingeworfenes, Streu u. Armvoll. Auch Berghaus (479) unterscheidet Braß, Bras, Brast, Brats, Brassen, welche Wörter er mit Haufen, Menge erklärt, ganz von Braaß Gelage, Schmaus, Prasserei. Das brem. Wtb. hat Brass und Brast und erklärt Menge, Haufen, Last. „Vielleicht soll es heißen barras, franz. embarras." Nach dem Obigen nicht anzunemen! In derselben Bed. wie Brass Hause, Menge kennt d. lett. Sprache bars - dasselbe Wort mit Buchstabenversetzung.

Rautenfeld 1932, 40
Für die Jugend wollte man in den größten Zimmern sogenannte 'Brasse' aufschlagen. Das waren dichte Heulager, über die Matratzen oder ... alte Decken gebreitet wurden; darauf kemen dann Laken, Kissen und Bettdecken, so daß eine ganze Reihe von schönen, weiß bezogenen Betten entstand ... und sie freuen sich schon darauf, mit uns auf dem Braß zu hausen und eine richtige livländische Hochzeit mitzumachen.

Pantenius 1959, 72
Wir nächtigten dort im großen Krug. Auf die Diele [=Fußboden] wurde Heu geschüttet, große Laken darüber gebreitet, und das Bett war fertig. Große Plaids, die zu diesem Zwecke mitgenommen waren, dienten als Decken. Solch präpariertes Lager hieß 'Brass'.

Nottbeck 1987, 22
Strohschütte / E.L.R.


QUELLEN (Informanten)
Schlau, Wilhelm: Livland, Mitau
Massenschlager auf Strohschütte

Weinert, Paul: Riga
Für die jungen Leute wurde eine grosse Brasse hergerichtet, d.h. zum Übernachten wurde Stroh auf den Fussboden eines grossen Zimmers geschüttet, darauf kann Laken, hier schliefen die jungen Männer beisammen. [nicht besonders berücksichtigt]

Braunkohl der

QUELLEN

Hupel 1795b, 226
Braunkohl hört man hier durchgängig st. Blaukohl.

Haus und Herd 1901, 410
Grünkohl

Pantenius 1872, 60

Nottbeck 1987, 22
Grünkohl / K.

Brause die

QUELLEN

Nottbeck 1987, 22
Sprudelwasser /E.K.L.
Gelegentlich wurde auch eine Bowle mit Brause gestreckt.

Bredouille die
‣ Varianten: Bredulje, Brodullje

QUELLEN

Sallmann 1887, 466
in die Bredouille kommen in Noth, Verlegenheit gerathen

Seemann von Jesersky 1913, 108
Brodullje, bredouille, vollständiger Verlust, Verlegenheit.

Nottbeck 1987, 22
(fra.) - Bedrängnis, Verlegenheit / E.K.L.R.
Immer wieder geriet er in irgendeine Bredouille.

Kobolt 1990, 73
Bredulje f meist scherz. für: Schwierigkeit, unangenehme Lage.
lbg. Bredullje Verlegenheit; Elb. Bredulje Verlegenheit; nhd. Bredouille Verlegenheit, Bedrängnis


QUELLEN (Informanten)
Dombrowsky, Margarethe von: Reval; Schlau, Wilhelm: Livland, Mitau; Sivers, Werner von: Riga; Raudith, Ellen: Riga; Dehn, Therese von: Dorpat, Riga
in der Bredouille sein in der Patsche sein, Schwierigkeit.

Lange, Harald: Riga, Südlivland
Bredulje - in der Tinte sitzen. Aus dieser Bredulje wird er schwerlich den Weg heraus finden. Er hat sich in die Tinte gesetzt.
Er sitzt in der Bredulje, in der Patsche (Schwierigkeiten).

Bresent der/das
‣ Varianten: Present
‣ Belege: Riga
'Lederschutzdecke am Wagen'

QUELLEN

Nottbeck 1987, 22
Persenning, Plane / K.R.
Mit einem Bresent wurde das Heufuder zugedeckt.

Kobolt 1990, Bresent, Present n Segeltuch-Plane, 74
plattd. Pe(r)sennich geteertes Segeltuch; Elbing; Bresenning geölter, wasserdichter Leinwandsplan; pr. Bresenning, Presenning, Persenning Gewebe für Segel, Zelte u.a.; schw. Presenning.


QUELLEN (Informanten)
Lemm, Robert von: Reval, Dorpat; Anderson, Harry: Dorpat; Stael von Holstein, Marie Louise Baronesse: Gut Samm (Wierland), Reval
Persenning. Gefärbtes oder geteertes Segeltuch, Wagendecke, Deckplane.

Pabst, Annemarie: Goldingen, Riga
der Bresent - geteerte Leinwand


Lederschutzdecke am Wagen

Britschka
‣ Varianten: Britschke
‣ Belege: Mitau, Ösel, Riga, Dorpat, Volmar, Reval
'Droschkenart, leichte kleine Kalesche'

QUELLEN

Sallmann 1880, 13, 56
Britschke - eine Art Wagen (nach d. Russ.)

Nottbeck 1987, 22
Britschka (rus. - leichter Jagdwagen / E.K.
Mit der Britschka fuhren wir zum Buschwächter.

brodieren V [h]
‣ Varianten: bordiren
Vt

QUELLEN

Sallmann 1880, 25
(nie sticken, das nur von der Stepparbeit gebraucht wird.)

Gutzeit 1886, 162
bordiren, oft st. brodiren, s. ausbordiren

Vegesack 1935, 344
das Brodieren - eine Handarbeit

Kiparsky 1936, 19
nicht „fremdes Element“, sondern früher auch in Deutschland bekannt.

Nottbeck 1987, 23
besondere Stickereiarbeit ( E.L.R.
Tante Sonny war eine Meisterin im Brodieren.

Kobolt 1990, 74
schw. V. mit einer Stickerei versehen
nhd. brodieren veralt.


QUELLEN (Informanten)
Petersen, Arnold von: Riga
sticken

brücken V [h]
Vt

QUELLEN

Gutzeit 1859, 154
brücken 1) Straßen, pflastern. Vielen ist der ältere Azsdruck drücken geläufiger, als der andere, obgleich dieser die Ueberhand zu gewinnen scheint. 176. 1825. 158. 2) einen Hof, dielen. Eine Burg (Viehhof) brücken lassen. 3) Wege, in Stand setzen, mit Brückung, Füllung, Befahrung, Strauch versehen.
Das Wort stammt aus der plattd. Zeit. Brotze (in 1662. 12. 474) findet brüggen d.i. pflastern schon 1413 gebraucht.

Sallmann 1880, 61: 1)

Gutzeit 1886, 185
brücken 2) einen Raum, mit Holz belegen, dilen. Bretter zum Brücken im Stall, 349. XXII. 3; den alten Stall aufnehmen u. von Neuem brücken, ebda; fünf Strusen, damit die Stallung und die Legementen gedrücket worden, ebda. - 1) einen Weg, mit Steinen, pflastern. In der Gasse brücken lassen, 349. XXII. 3; zum Brucken beim Stall, ebda. - Das lett., dem Deutschen entlehnte bruggoth bedeutet ebensowol mit Holz dilen als mit Steinen pflastern; im Russischen ist мостъ Brücke u. мостить dilen u. мостовая pflastern, Straßenpflaster.
Nach Grimms Wtb. 12) hieß Brücke bei den Ärzten u. Wundärzten das Hüftbein, os coxae.

Eckardt 1904, 59
brücken niederdeutsch für pflastern, in Riga bereits im Jahre 1413 üblich (nach Brotze), hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten und wird fast häufiger gebraucht als der hochdeutsche Ausdruck.

Seemann von Jesersky 1913, 108
Straßen pflastern

Masing 1926b, 56
brücken „eine Straße pflastern“, Brückenbau „Wegebesserung“ (mnd. bruggen „eine Strasse pflastern“, Schumann, S. 20; Frischbier I, S. 111).

Nottbeck 1987, 23
brücken befestigen (Wege) / E.
Die Landstraße mußte wieder gebrückt werden.

Brummer der
'unmusikalisch mißtönend singender Mensch' et joriseja

QUELLEN

Gutzeit 1886, 187
Zwölfpfünder, die sog. „Brummer“. Aus dem 18. Jahrh., in 361. 1883. Feuilleton-Beil. Nr. 18. S. 71.

Nottbeck 1987, 23
unmusikalisch mißtönend singender Mensch E.R.
Als Brummer war ich von der Gesangstunde befreit


QUELLEN (Informanten)

Fliege. DWA 34. Riga 2, Kurl. 1, Livl. 1, Estl. 1

Bubbelmann der
'Kinderschreck' et koll
‣ Synonyme: Bubbel

QUELLEN

Gutzeit 1894, 7f.
eingebildetes Wesen mit dem man Kinder schreckt, in Grimms Wtb.: Popelmann. Man sagt einem unartigen Kinde: Wart', Bubbelmann wird kommen; geh' nicht in die dunkle Stube, Bubbelmann ist da. Die Kinder werden vom Bubbelmann geträumt haben, nachdem sie den aus dem Wasser kletternden Mann (den Taucher) mit dem großen Kopf gesehen, rig. Tagebl. 1893. 144. In Riga gew. vgl. Popelmann.

Nottbeck 1987, 23
(let.) schwarzer Mann / K.L.R.
Tu, was Dir gesagt wird, sonst kommt der Bubbelmann!


QUELLEN (Informanten)
Hehn, Bernd von: Druweln, Kreis Wenden
der Kinderschreck

Krause, Ingeborg: Riga; Law-Robinson, Barbara: Riga
der schwarze Mann, Kinderschreck

Weinert, Paul: Riga
Kinderschreck. Wenn du nicht artig bist, dann holt dich der Bubbelmann, sagte meine Grossmutter Charlotte Weinert geb. Wadermann geb. 1824 in Linden-Festen / Livland.

Bubbert der
‣ Varianten: Bubber
‣ Belege: Estland, Livland, Kurland, Riga
'Pudding aus Eiern u. Milch, Mehl und Zucker' de Vanille-Pudding; et bubert
‣ Synonyme: Buffert, Eierauflauf
siehe auch puppern

QUELLEN

Lindner 1762, 224
Bubbert ein englisches Gericht aus Eiern, (Sahne) und Zucker.

Wehren 1812, 28, 29
Wein Bubbert
Eyer Bubbert

Gutzeit 1859, 157
Bubber oder gewöhnlicher Bubbert, der, Art Pudding aus Eiern, Mehl und Zucker, der leicht, pupperig gebacken ist. Hup. gibt an: „eine Speise, sie auf einer Schüssel härtlich gekocht wird, z.B. Eierbubbert, Äpfelbubbert“. - Bekannt sind noch die Speisen: Bubbert von süßem Schmand, Citronenbubbert, Johannisberenbubbert.
[Komm. 37.0214: Auch in Pommern hört man diesen Ausdruck]

Mitauisches Kochbuch 1876, 273
Bubbert Eierauflauf

Sallmann 1880, 44
Bubbert in der Pfanne leicht gebackener Eierpfannkuchen, hessisch Buffert.

Gutzeit 1886, 190
Bubbert Im Brem. Wtb.: mit Eiern gekochte und verdickte Milch; eigentlich Puppert, von puppern, zittern, beben. Lindner sagt (480. 224): ein englisches Gericht aus Eiern, Sahne und Zucker. Sallmann (390c. 29) erklärt: in d. Pfanne leicht gebackener Eierpfannkuchen, hessisch Buffert. In Grimms Wtb. ist Buffer erklärt mit Auflauf. Die Erklärung Sallmanns trifft für Riga-Livland keineswegs zu.

Westermann 1887, 387
Eierspeise, nd.

Haus und Herd 1901, 553
süße Eierspeise

Nottbeck 1987, 23
puddingähnlicher Nachtisch /E.K.L.R.
Die Kinder waren glücklich, daß es Bubbert gab.

Kobolt 1990, 75
Süßspeise aus Mehl, Milch, Zuckerei
Br.Wb. Bubbert mit Eiern gekochte und versickte Milch; pomm. Bubbert verdickte Eyer-Milch; pr. Bobbert, Bubbert verdickte Eiermilch. Verbreiteter Ausdruck im balt. Deutsch.


QUELLEN (Informanten)
Vietinghoff-Scheel, Robert von: Groß-Jungfernhof Kreis Riga
Bubbert (baltisch) - Vanille-Pudding (hochdeutsch)

Kaufmann, Elsa.: Riga
Pudding aus Eiern u. Milch, Mehl und Zucker. Sehr häufig aus dem ganzen Baltikum gemeldet.

Hedenström, Bernd von: Riga
Manna - Griesbrei
Schmalunz, Himmelspeise, Bubbert - Suesse Speisen.
Kissell Süße Speise

Bublitschki

QUELLEN

Nottbeck 1987, 23
(rus.) - Wasserkringel / E.K.
Jedes Kind erhielt einen Kranz Bublitschki.


QUELLEN (Informanten)

Baskenmütze, WL 6,48

Bückling der
‣ Varianten: Böckling, Büttling

QUELLEN

Gutzeit 1859, 139
gesalzner Fisch. Ausgespr. Bökling.

Mitauisches Kochbuch 1876, 98
Bökling - Bückling

Sallmann 1880, 117
Bückling (gew. Büttling) d. geräucherte Strömling (Clupea Harengus)

Gutzeit 1886, 159
Strem- od. Bocklinge, 349. XIX. 3. J. 1728. [Waisenhausordg]

Graf 1958, 10
Fische. Zur Volksnahrung gehört im Baltikum der Strömling, der kleine Ostseehering. Der geräucherte Strömling heißt Büttling (von Bütte) oder Bückling. Der eingesalzene und gewürzte Zwerdströmling, der bekannteste Ausfuhrartikel Revals, der Killo, eine Art Anchovis, war als pikante Fischkonserve auch in Berliner Feinkostläden nicht unbekannt. Der Brasse(n), Brachsen (Grimm) oder Blei tritt als Brachs auf, der Zander oder Sandbarsch als Sandart, lübeckisch Sander.

Nottbeck 1987, 23
kleiner geräucherter Hering / E.K.L.
Frisch geräucherte Bücklinge waren eine Delikatesse.


© Eesti Keele Instituut    a-ü sõnastike koondleht     veebiliides    @ veebihaldur