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a Interj
1. de a! (Ausdruck der unwilligen Abwehr); lv e!
A, Unsinn!
A, laß mich zufrieden!
2. de a! (Ausdruck der verächtlichen Ablehnung); et ah; lv eh!
A, Strunt!
3. de a (Fragepartikel in zwangsloser Rede.); lv nu
A, was sagst du dazu?!
4. de a (proklitisch statt „aber”); lv a (ugs.)
Er wird zu Hause sein. – A wenn er nicht zu Hause ist?
vgl ah, siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Masing DBWB, 1
a (ă) Interj. 1. der unwilligen Abwehr. A, Unsinn! A, laß mich zufrieden! _ 2. der verächtlichen Ablehnung. A, Strunt! _ Fragepartikel in zwangsloser Rede. A, was sagst du dazu?! _ proklitisch statt „aber”. Er wird zu Hause sein. – A wenn er nicht zu Hause ist?

A
1. de A (Buchstabe im Alphabet); et A; lv A
Wer A sagt, muß auch B sagen (id)
Das ist von A bis Z erlogen (id)
2. de A(hleburger) (als Zeichen auf Heringstonnen bedeutet Ahleburger Heringe)

QUELLEN

Gutzeit 1859, 1, 465
A wird nicht gern in ä umgelautet, ebensowenig wie o in ö, und u in ü. Ohne Umlautung erscheinen die Wörter unserm Ohr verständlicher, und wir sprechen daher Vaterchen, Handchen, Katzchen und Aderlasser. Nur in wenigen Fällen findet die Umlautung statt, wo selbst das Hochdeutsche sie nicht darbietet, in Gläser st. Glaser, Mäkler statt Makler, Ältermann st. Altermann, be-äuget st. beauget, bläuen st. blauen. In noch andern findet sie theils statt, theils nicht, wodurch aber nicht selten die Bed. des Wortes eine verschiedene wird, so Halschen und Hälschen, Haschen und Häschen, Kammerchcn und Kämmerchen, Kätzchen und Kätzchen, Schalchen und Schälchen, Vaterchen und Väterchen, Parchen und Pärchen, graulich und gräulich.

Gutzeit 1886, 2
A als Zeichen auf Heringstonnen bedeutet Ahleburger (Heringe).

Masing DBWB
A, n. (ā) Buchstabe im Alphabet. Wer A sagt, muß auch B sagen. Das ist von A bis Z erlogen. A als Zeichen auf Heringstonnen bedeutete Ahleburger (Heringe), vgl. Gtz. N 1886, 2.

Aa die
‣ Varianten: Ah, Aha, Ahe
{mnd. â 'fließendes Wasser, Bach'; ndd. Aa 'Bach, Fluss'}
1. 'ursprünglich Gattungsname: Fluß, Bach' de Fluß, Bach; et jõgi, oja; lv upe, strauts
Heilige Aa
oberhalb der Ah und Salis
oberwerts der Düna und Aha
2. 'Fahrwasser eines Flusses' de Aagang
vgl Kurländische Aa, Livländische Aa

QUELLEN

Gutzeit 1886, 2
Aa, für Fluss, ist in der ersten Zeit der deutschen Ansiedelung in Gebrauch gekommen und vermutlich aus Westfalen gebracht; in späterer Zeit dafür Beke. Einige Flüsse dieses Namens haben ihren Namen gewechselt. So die Depena bei Riga, wahrscheinlich: tiefe Aa, vielleicht die jetzige rothe Düna, doch vgl. Schwartz in 166a; ferner die Ymer oder Ymeraa, nach Brotze der jetzige Peterbach, nach anderen die Sedde, vgl. 166a.I.30; - die große Aa und der Salische (1.Galische) Bach, 174.1883.306. Im Lettischen heißt die livländische Aa, ehemals oft Treideraa, Gauje, im Liwischen Goiwa und Koiwa, und daher auch bei Heinrich von Lettland, im Estnischen Koiwa - nach Ed. Pabst 487. S. 67 von liv. köw, estn. köiw Birke. - Doch vgl. dazu baskisch gave Fluss. - Die Aussprache lässt nur ein einziges gedehntes a hören.

Flügge-Kroenberg 1971, 10
Aa Im „Niedersächsischen Wörterbuch“ (W. Jungandreas) als niedersächsische Bezeichnung für Bach. Im Baltikum Name zweier großer Flüsse.

Masing DBWB, 2
Aa, f. (ā) 1. ursprünglich Gattungsname: Fluß, Bach. Livländische Aa, Kurische Aa, Heilige Aa. Später als Eigenname empfunden. In älterer Zeit auch Ah, aha, ahe geschrieben: oberhalb der Ah und Salis; oberwerts der Düna u. Aha. Schirren, Rezesse 56, 60 (1682). Insonderheit aber durch die Bulder und treyder Ahe. SBerGfGuA 1910, 43 (1621). _ 2. Fahrwasser eines Flusses, Aagang (s.d.)

Kobolt 1990, 31
Aa in Ortsnamen: Fluß, z.B. Livländische Aa
mnd. â 'fließendes Wasser, Bach'.

ab1 Adv
1. de weg, fort; et lahti (millegi küljest)
der Knopf, die Farbe ist ab
2. de abgezählt, frei (in Abzählversen); et prii, lahti
In einem See, See, See, Schwamm ein Reh, Reh, Reh, Und auch ein Pferd, Pferd, Pferd, Das schwimmt verkehrt, kehrt, kehrt, Widi widi wapp, wapp, wapp, Und du mußt ab, ab, ab. [Libau]
Eine goldne (weiße) Taube Saß auf einer (der) Laube, Ein goldnes Blatt, Du bist ab. [Riga]
Eins, zwei, drei, Ližu, lažu, lei, Hocken, Pocken, Domesglocken, Piff, puff, paff, Du bist ab. [Livl. 1860.]
Enkla menkla sakla se, Rutzma putzma ab. [Riga]
Ong dong dre, Katter mong se, Die Kapelle sang de wee, sang de wee, Di temperi, di temperi Di Kolibri, U ri ab. [Kurland]

DAZU:
ab und an, ab und zu 'bisweilen'

QUELLEN

Masing DBWB, 9
ab, adv. (ap) {weg, fort Der Knopf, die Farbe usw. ist ab} Ab (durch die Mitte)! Entferne dich!_ In Abzählversen: frei, abgezählt. In einem See, See, See, Schwamm ein Reh, Reh, Reh, Und auch ein Pferd, Pferd, Pferd, Das schwimmt verkehrt, kehrt, kehrt, Widi widi wapp, wapp, wapp, Und du mußt ab, ab, ab. Libau. Eine goldne (weiße) Taube Saß auf einer (der) Laube, Ein goldnes Blatt, Du bist ab. Riga. Eins, zwei, drei, Ližu, lažu, lei, Hocken, Pocken, Domesglocken, Piff, puff, paff, Du bist ab. Livl. 1860. Enkla menkla sakla se, Rutzma putzma ab. Riga. Ong dong dre, Katter mong se, Die Kapelle sang de wee, sang de wee, Di temperi, di temperi Di Kolibri, U ri ab. Kurl. usw. _ ab und an, ab und zu bisweilen. Früher bedeutete ab und zu aus und ein, hin und zurück: Wir begehrten zwar, er sollte vns erst frey Geleite schaffen, ab und zu …Nyenstädt 93 (nach 1609). *Sowie auch denen … ab- und zureisenden Juden. Rig. Anz. 1765. S. 113.

ab-2 Präf
1. 'Vollendetheit eines Geschehens' de fertig, zu Ende; et ära, valmis, lõpuni
vgl abladen, abstricken, abschmieden
2. 'ein wenig, zum Teil' de ein wenig, zum Teil; et pisut
3. de (verstärkend); et ära
ich habe mir die Nase abgestoßen
er hat mir die Zehe abgetreten [in Livland]
vgl abschlagen, abfallen
4. de herab; et maha, väiksemaks, vähemaks
eine Lampe abdrehen 'den Docht herabdrehen'
5. 'Fortbewegung' de weg-; et ära
vgl abdürfen, abmögen, absollen, abwollen1, abmüssen

QUELLEN

Gutzeit 1859, 2
ab. Die Zusammensetzungen von ab mit Zeitwörtern sind in Livland viel häufiger, als im Hochd. Die Zeitwörter erhalten durch ab 1) den Begriff des Vollendeten, des Fertigen; 2) den des Theilweisen, des nur zum Theil geschehenden; 3) eine gewisse Verstärkung. Dies pleonastisch verstärkende ab ist auch im Hochd. vorhanden, hat aber ebenso wie das pleonastisch verstärkende aus, in Livland einen viel ausgedehnteren Gebrauch. Manche Zeitwörter erhalten durch dieses ab eine Bedeutung, die zu Missverständnissen Veranlassung geben kann, z.B. abdecken, abschärfen. - Beliebt sind die Ergänzung fordernden Zeitwörter abdürfen, abmögen, absollen, abwollen, abmüssen. Im Hochd., wenigstens in der Schriftsprache, ist der Gebrauch dieser, sowie der mit an, auf, aus, durch, ein zusammengesetzten viel beschränkter.

Gutzeit 1886, 2
ab. 4) oft st. herab. Eine Lampe abdrehen, den Docht herabdrehen. - 1) Gibt dem Zw. die Bedeutung des Vollendeten, wodurch es der russ. vollendeten Form gleich wird; entspricht aber auch dem russ. отъ vor Zeitwörtern; z.B. in abladen, abstricken, abschmieden. - Mit schlagen, stoßen und einigen andern Zw. verbunden, gibt es eigentümliche Bedeutungen, die in Estland noch weiter entwickelt sind, als in Livland. In Estland schlägt man sich nicht bloß den Kopf ab, oder stößt sich die Nase ab, sondern tritt „sich“ die Zehe ab (in Livland nur: er hat mir die Zehe abgetreten), sticht sich die Finger ab und fällt sich das Ohr ab (nach 390c. 110), was alles in Livland nicht vorkommt, ebensowenig wie das ebenda, und schon von Hoheisel angefürte: jemand fällt herunter, st. fällt zu Boden. - Mit Auslassung. Die Brüder des heiligen Geistes sollen das Haus mit den 5 Kammern abbrechen; die kleine Gildestube eine Wohnung ab; item die alten Baginnen eine Wohnung ab, Brotze in 174. 1812. 63, nach einem Schriftst. von 1502. Dieses ab ist der deutschen Sprache eigentümlich. Daher auch in Rechnungen. Einnahme 1000 Rb.; ab (für) ... 100 Rb., bleiben 900 Rb.

ad Präp
Stud. de (gibt die Richtung auf ein bestimmtes Ziel hin an)
ad coram bringen 'zur Rede stellen; auf die Mensur fordern'
ad loca! 'auf die Plätze!' [Während des Kommersches kommandiert der Senior jedesmal: „Silentium! Landesväter ad loca!” wenn Hieber- und Pokalträger sich einem neuen Kommerschteilnehmer zuwenden sollen.]

QUELLEN

Masing DBWB, 178
ad, lat. Präp. † ad coram bringen, zur Rede stellen; auf die Mensur fordern. Nap. Asm. ad loca! auf die Plätze! Während des Kommersches kommandiert der Senior jedesmal: „Silentium! Landesväter ad loca!” wenn Hieber- und Pokalträger sich einem neuen Komm.teilnehmer zuwenden sollen.

ah Interj
‣ Varianten: a
1. de (Ausruf bei Verdrossenheit und Unwillen) (Dieses a oder ah wird unrein, kurz und abgestoßen ausgesprochen, und lautet dadurch ähnlich dem franz. oder russ. a. Als Ausdruck des Erstaunens wird es gedehnt ausgesprochen.)
A, was macht das aus?
A, das erträgt man noch!
A, lass ihn handeln wie er will!
2. de a(h)! (Ausdruck der Überraschung); et ah, ahaa!; lv ā!, o!
Ah, schon zurück von der Reise!
3. de a(h)! (Ausdruck der Bewunderung); et ah!; lv o!, oho!
Ah, großartig!
4. de a(h)! (Ausdruck des wachsenden Verständnisses); et ahaa!, aa!; lv ā!, ahā!
Ah, nu kapier ich endlich!
5. de a(h)! (Ausdruck der Schadenfreude oder der versteckten Drohung); et ah; lv ā!
Ah, wieder mal alles Geld verplempert!
6. de a! (bei Untersuchung des Halses, wobei ein Löffel auf die Zunge gelegt wird.); et aa; lv ā!
Nu, sag mal: a!

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1859, 1
A od. ah, Ausruf bei Verdrossenheit und Unwillen. A, was macht das aus? A, das erträgt man noch! A, lass ihn handeln wie er will! — Dieses a oder ah wird unrein, kurz und abgestoßen ausgesprochen, und lautet dadurch ähnlich dem franz. oder russ. a. Als Ausdruck des Erstaunens wird es gedehnt gesprochen. —

Masing DBWB, 1
a, ah (ā) Interj. 1. der Überraschung. Ah, schon zurück von der Reise! _ 2. der Bewunderung. Ah, großartig! _ 3. des wachsenden Verständnisses. Ah, nu kapier ich endlich! _ 4. der Schadenfreude oder der versteckten Drohung. _ Ah, wieder mal alles Geld verplempert! _ 5. bei Untersuchung des Halses, wobei ein Löffel auf die Zunge gelegt wird. Nu, sag mal: a!

äh Interj
‣ Varianten: ä
1. de (Ausruf des Unwillens und der Verdrossenheit, viel häufiger aber des Ekels) (Wie a oder ah kurz und abgestoßen gesprochen)
Ä, was soll ich dabei thun?
Ä, das ist doch widerwärtig!
Ä, verdammt, dass ich dabei nichts thun kann!
Ä, Schweinerei!
2. de (des Ärgers)
Ä, verdammte Geschichte!
3. de (Alarmruf kleiner Kinder, die ihre Notdurft verrichten wollen)

DAZU:
KOMM: Ä ist nur in den Empfindungswörtern ä oder äh, äsch oder ätsch, bä, fä und wä rein zu hören.
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1859, 1
Ä, Ausruf des Unwillens uud der Verdrossenheit, viel häufiger aber des Ekels. Ä, was soll ich dabei thun? Ä, das ist doch widerwärtig! Ä, verdammt, dass ich dabei nichts thun kann! — Nie a oder ah kurz und abgestoßen gesprochen. Ä ist nur in den Empfindungswörtern ä oder äh, äsch oder ätsch, bä, fä und wä rein zu hören.

Masing DBWB, 1
ä, äh (ä̆) Interj. 1. der wegwerfenden Ablehnung. Dank dir, Vater… Ach, keine Ursache….Worms, Th{omas}. fr{iet?}. 9/10. Was du sagst! Ach, junge Leute sind zum Schuldenmachen da. Ebda 14. _ 2. des Ärgers. Ä, verdammte Geschichte! _ 3. des Ekels. Ä, Schweinerei! _ 4. Alarmruf kleiner Kinder, die ihre Notdurft verrichten wollen.

ai Interj
‣ Varianten: aich
de au! (Schmerzenslaut, Ausruf des Erschreckens, der Mißbilligung, des Erstaunens, der Begeisterung), ach!, o (weh)!; et ai!, oi!
Ai, du stichst mich ja!
Ai, wie das schmerzt
Ai, ai, mußte das denn wirklich sein?
Ai, wie schön!
Ai-ai, du wirst gleich die Vase umwerfen!

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1859, 27f.
ai (einsylbig) Von Goethe zuerst, wie Grimm angiebt, nach dem Griechischen αι angewandt. Vielleicht ist es aber der gewöhnlichen Sprache entnommen: entspricht dem franz. ahi oder aïe und dem russ. au, und wird bei uns von Personen gebraucht, die von diesen fremdländischen Wörtern keine Ahnung haben. Es ist hier ein sehr gewöhnliches Empfindungswort, 1) der Verwunderung, des Erstaunens, wie in Deutschland ei, das hier zwar auch gebraucht wird mehr aber wohl von Gebildeten; 2) des Wehs, des Schmerzes, und vertritt das hochd. weh! o weh! 3) statt ah, ach, oder im Franz. ah, eh. Ai, sei doch so gut.
Die Aussprache ist immer rein ai; in der zweiten Bed. häufig gedehnt, gezogen und ausgesprochen wie ai-ch. Erfolgt der Wehruf bei sehr quälendem Schmerz, so hört man das a häufig stark gezogen, das i dagegen weniger hörbar. Nie ist das Wort zweisylbig und nie das i betont. Dass unser ai einen lettischen Ursprung habe, könnte manches für sich haben, ist aber zu bezweifeln.

Sallmann 1880, 111
Zum Theil ganz eigenartig sind die Empfindungslaute gebildet:ai, aich, brātsch, brītsch (ruß.), bums (nd.), chotz (Gottes), daradaúz, du mein Gott, ehó, fä, foi, ft, füt, hach, hotz, tohó, tschurr, uich (wie älter hd. wuich), verstärkt uich uich, was dás; pfui wird allgemein auch dann gebraucht, wenn durchaus nicht etwa ein hoher Grad des Abscheus oder Ekels ausgedrückt werden soll, dafür wird fä, foi oder fich gesagt, sondern nur etwas verneint werden soll: „Sie wollten ja aufs Land fahren?“ - „Pfui, die Pferde waren schon fort“. - „Ihre Tochter ist schon confirmiert?“ - „Pfui nein, sie ist ja erst fünfzehn Jahre alt“. Besonders beliebt ist die Wendung pfui Schande, wo man in Deutschland „o! wie!“ sagen würde.

Gutzeit 1886, 26
ai. Interjection sowol des Erstaunens als der Schmerzempfindung; ei dagegen nur des Erstaunens. Ai, wie das schmerzt; ai, ruft der, an dem operiert wird.

Kobolt 1990, 36
ai! westf. ai Interjektion des Unwillens; plattd. ai alter Naturlaut der Freude und Bewunderung; russ. ai ach! au! o (weh): schwed. aj au! o weh! finnisch ai au!; estn. ai au!, ach!, o!

aman1

an1 Präp Akk, Dat
1. de (statt einfachem Dativ)
sag es an ihn
er hat es an mir gesagt
gib es an ihn
2. de (oft in Konstruktionen mit Dativ statt Akkusativ)
an der Thür klopfen, poltern
ich will das an der Wand anstellen
keine von den Russen an der Stadt gebrachte Waren auflegen
3. de (in Konstruktionen mit Akkusativ statt Dativ)
die Reihe ist an mich

DAZU:
Loch an Loch, Riss an Riss, Blüte an Blüte an einem Zweig
Er hat doch nichts àn sich, wodurch er lächerlich erscheinen könnte (id)
es ist an dém (id) 'es verhält sich so'
an was ist er gestorben? 'woran ist er gestorben?'
ich habe viele Worte an mir für angenommen
siehe auch Rektion

QUELLEN

Bergmann 1785, 3
an ich habe viele Worte an mir für angenommen; die Reihe ist an mich, st. an mir

Petri 1802, 82
an gieb es an ihn; sag es an ihn; er hat es an mir gesagt

Gutzeit 1859, 34
an Die ältere Sprache gebrauchte häufig die Construction mit dem Dativ, wo die hochdeutsche den Accusativ fordert. Beispiele finden sich eine Menge in allen ältern Druckschriften Rigas, so in den Verordnungen für die Handelsämter. Wenn nasses Gut an der Wage gebracht wird; keine von den Russen an der Stadt gebrachte Waren auflegen u.s.w. - So wie man früher sprach und schrieb, schreibt man gegenwärtig nicht mehr; in der gewöhnlichen Umgangssprache findet sich aber diese Dativ-Constrution ebenso allgemein bei an, wie bei auf und in. Namentlich wird noch gern der Dativ gebraucht, wenn auch das Zw. mit an zusammengesetzt ist, z.B. ich will das an der Wand anstellen, st. an die Wand stellen.

Gutzeit 1886, 37f.
an mit Acc. statt einfachem Dativ. Etwas an einen sagen, statt einem sagen. Storch, (454.II.440) sagt, diese Redensart höre man zuweilen sogar unter gebildeten Leuten in Petersburg; er meint, sie sei ein Ruthenismus. In Livland ist derselbe gewönlich, in ähnlichen Wendungen, z.B. er hat das an mich [ge]geschrieben, an mich geschickt; gib das an Karl, sag' das an Ernst, leih das an Fritz. In diesen Wendungen ist an nicht russisch; die russische Sprache kennt sogar diese Wendung nicht und gebraucht den Dativ. Überdies sind die angef. Wendungen auch hochdeutsch, wenn gleich nicht edel.
In der gewönl. Sprechweise oft mit Dativ statt Accusativ. An der Thür klopfen, poltern, seinen Namen (an) schreiben.
In Rechnungen: an ein Frack angefertigt; an 4 Lucht Fenstern; an gelieferte 50 Faden Balken; an das Hausschild geschrieben, an 2 Zimmer ausgestrichen 6 rbl; an 4 Räme 2 Mal gestrichen 80 Kop.
Loch an Loch, Riss an Riss, Blüte an Blüte an einem Zweig.
Er hat doch nichts àn sich, wodurch er lächerlich erscheinen könnte.
Es ist an dém, d.h. verhält sich so. Schon in Russow Chronik 66a. ydt ys an dem.
an waß, nd. an wat, st. woran. In 476: an was ist er gestorben? - Bei uns ebenso gew. wie auf was, um was u.a.

Gutzeit 1886, 32
am Bei Zeitbestimmungen wird st. am oft der Accusativ benutzt. Er traf den 17. August in Riga ein. Die Megde und Ammenkoste sollen den Abent (d) anfangen, 309. 3.

an-2 Präf
1. de (an etwas: mit Auslassung von Wand, Leib usw.)
vgl anbacken1, anbekommen, anbrennen, anfahren
2. de heran-
vgl ankommen, angehen
3. de an der (die) Reihe (zum Fragen durch den Lehrer)
vgl ankommen, anmögen, ansein, anwollen
4. de (bezeichnet einen Beginn)
Korn anschneiden
Bastmatten (in die der Flachs gepackt ist) bewahren den Flachs in ungünstigem Wetter vor Annässung
vgl anschneiden
5. de (sich durch eine Tätigkeit eine schlimme Folge zuziehen) (sich im Dativ)
vgl anbaden, anessen, antrinken
6. de (mit Unterbrechung eines größeren Wegs auf einen Augenblick bei jemandem vorsprechen)
vgl anbritschen, andürfen, anfahren, anflitzen, angehen, anjagen, ankommen, anlaufen, anmögen, anmüssen, anreiten, anrennen, anschicken, anschließen, anschneien, ansein, ansollen, anspringen, anwollen
7. de auf-
vgl angeben
8. de zu-
vgl ankochen, anstowen
9. de (verstärkend)
10. de (pleonastisch, d. h. semantisch überflüssig in vielen Verben)
vgl andenken, anbefestigen, anhalten, anmieten, anerben, anliefern
11.
da fing sie an zu weinen an; kam er an den Rechten an [als Vorsilbe des Verbums wird nach demselben häufig wiederholt]

QUELLEN

Sallmann 1880, 84
an Bei vielen Zusammensetzungen mit an ergibt sich die Bedeutung: mit Unterbrechung eines größeren Wegs auf einen Augenblick bei jemandem vorsprechen, in Deutschland bei ähnlichen Wendungen mit vor wiedergegeben. So in anbritschen, andürfen, anfahren, anflitzen, angehn, anjagen, ankommen, anlaufen, anmögen, anmüßen, anreiten, anrennen, anschicken, anschließen, anschneien, ansein, ansollen, anspringen, anwollen u.a.
In noch anderer Bedeutung kommt eine elliptische Zusammensetzung mit an in gewissen Schülerausdrücken vor, bei denen zu ergänzen ist: zum Fragen durch den Lehrer, an die Antwort; so in ankommen, anmögen, ansein, anwollen u. ä.

Gutzeit 1886, 37f.
an- in Verbindung mit Zeitwörtern, wird gebraucht 1) überflüssig, z.B. in andenken, anbefestigen, anhalten, anmiethen, anerben, anliefern u.a.; 2) zur Bezeichnung einer schlimmen Folge z.B. in anbaden, anessen, antrinken u.a.; - 3) mit Auslassung (von Wand, Leib und dgl.), wie daran, z.B. anbacken, anbekommen, anbrennen, anfahren u.a. - 4) für heran. 5) verstärkend und 6) einen Beginn anzeigend, vgl. 390c 81. und 133. So z.B. in: Korn anschneiden; der Flachs war schön aufgegangen. Die Erklärung in Grimms Wrb. 2. d. ist gekünstelt. - 7) zur Andeutung von etwas Anfangendem, nicht Vollständigen. vgl. anbederben. Bastmatten (in die der Flachs gepackt ist) bewahren den Flachs in ungünstigem Wetter vor Annässung, 397.1879.287. - 8) in älteren Schriften oft für ein und mit ein abwechselnd, z.B. in anfassen st. einfassen, anstechen statt einstechen, Anbringung, Anweisung; ebenso für auf, z.B. in angeben f. aufgeben; endlich für zu, in ankochen und anstowen f. kurz zukochen, zustowen. -

Boehm 1904, Sp. 100
Überhaupt macht die Dörptsche Burschensprache einen sehr ausgiebigen Gebrauch von zusammengesetzten Zeitwörtern, die nicht wenig dazu beitragen, ihr eine eigenartige, oft sehr lebhafte Färbung zu geben. Man vergleiche die Reihe: sich andonnern (Donner = Rausch; er hat einen Heidendonner), andudeln, anduseln, ansaufen, ansaugen, antrinken, ankneipen, anknüllen, anpicheln (Kluge: picheln), anreißen, anzechen, die doch alle nach dem Satze: „lieb Kind hat viele Namen“ nur einer Tätigkeit gelten:

Seemann von Jesersky 1913, 101
an da fing sie an zu weinen an; kam er an den Rechten an. Die so sprechen, merken es meist selbst nicht und gestehen es daher nicht zu.

B

siehe auch Aussprache

DAZU:
wer a sagt, muss auch b sagen 'wenn der Anfang gemacht ist, so muss auch das Weitere folgen'
KOMM: stößt jemand ein a od. ah! der Verwunderung aus, so spottet man nicht selten mit b (be oder bä)

QUELLEN

Gutzeit 1859, 91f.
B Dieser Buchstabe wird nie mit p verwechselt, ebensowenig wie p mit b.
Statt des Anlautes b hören wir nur p in folgenden Wörtern: Banier, Barchent, batzig, Bauke, bauken, Bausbacke, bausbäckig, Bieze, Biezchen, Bobo, bochen, bolstern, Bolster, Bosse, Bossenspiel, Bossierlich, brägeln, brasseln (prasseln), brassen (prassen), Buckel (Rücken oder Rückenkrümmung), bucklich, Budel, büf, Bufbohne, büffeln, buffern, Bunze (s. Grimm unter 6), burr, burren, Burzelbaum, burzeln und butzen (putzen).
In den folgenden dagegen immer b, und nie p: babbeln, babbern, Bursch, schlabbern, Bubbel (st. Buppel),labbern, knibbern und viele andere.
In noch andern hörte man noch zu Hupels Zeit b, wo jetzt nur p zu hören ist. So führt Hupel auf: Bassel oder Bastel st. Pastel, Budel (Paudel) st. Pudel oder Paudel, Bilz st. Pilz, brall st. prall, Bratchen st. Pratchen, blinkern st. plinkern, brusten st. prusten, busten st. pusten. - Als Auslaut spricht man es, bei vorhergehendem langen Delbstlauter wie p, bei vorhergehendem kurzen wie pp. So lauten die Wörter hob, stob, grub, Stab, wie hop, Begräppniss, Schupp. Im Wort Grobbrod lautet es wie doppeltes bb: Grobb-brod.
Eine Verdopplung des b, welche im Hochdeutschen sehr selten ist, findet sich im livländischen Deutsch häufig. So in schabbig, schwabbeln, quabblig, krabbeln, kribbeln, Kribbelkopf, Stabbe, Stubbe, labbern, klabbern, gnabbern, Bubbel, knibbern, schrubben, dobbeln, Dobbler. Nicht selten haben diese Wörter mit doppeltem b eine etwas andere Bedeutung, als diejenige ist, welche sie mit einfachem b oder mit pp besitzen. So ist klabbern, nicht dasselbe was klappern, grubblig nicht dasselbe was grubig u.s.w. Ganz ähnliche Verhältnisse kommen bei d und s vor.

Gutzeit 1886, 95
In Sprachlehren heißt es: man spreche Stab, Lob, grob u.s.w. nicht wie Stapp, Lopp, gropp, sondern gedehnter; schwerer sei das schließende b nach einem Consonanten von p zu unterscheiden, z.B. in halbm Erbse u.dgl.“ - Bei uns wird jedes auslautende b wie p gesprochen, und daher also in den angef. Wörtern Stap, Lopp, gropp, u. ebenso in halp, Erpse u.s.w. Unsere Schule hat sich nicht mit der wunderlichen Unterscheidung von weichem und hartem p zu beschäftigen. Niemals auch begegnen hier die wunderlichen Verwechselungen von b und p wie in Sachsen und nie würde es möglich sein, wie im Elsass brochet u. projet mit einander zu verwechseln.
B wird herübergezogen in der Aussprache der Wörter beobachten, Hebamme, welche wie beo-bachten u. He-bamme lauten. - Das doppelte b in Schrubb-Bürste lautet wie apostrophirtes bb'; Schrubb-Hobel mehr wie Schrupphobel; Knoblauch stets wie Knobb'-lauch. bb wird im gew. Leben öfters st. pp gesprochen in Ribbe st. Rippe; in Lippe, Wippe u.a. hört man dagegen stets pp.
Wer a sagt, muss auch b sagen, d.h. wenn der Anfang gemacht ist, so muss auch das Weitere folgen. - Stößt Jemand ein a od. ah! der Verwunderung aus, so spottet man nicht selten mit b (be oder bä).

be- Präf

QUELLEN

Gutzeit 1859, 104
be- Gew. sind die Zw., welche aus Hauptwörtern mit dem Präfix be gebildet werden, zur Rüge falscher Anmaßung oder im Wortspiel, wie bekindern, bevatern, beflegeln, wie in Deutschland. Manche von ihnen werden indessen auch in gutem Sinne gebraucht, wie bemuttern, bevatern. - Grimm nennt die bildung dieser Zw. kühn. Wir bilden ähnliche aber noch kühner, selbst ohne be, aus verschiedenen Haupt- und Zeitwörtern. Er will meinen Hut, meine Mütze -: ich werde ihm was huten, mützen; ich werde ihm was vatern, muttern, flegeln, kirschen, d.h. werde ihm schon zeigen, was es heißt, mich Vater, Mutter, Flegel zu nennen; Kirschen sind nicht für ihn. Ich will essen, trinken -: ich werde dir was essen, trinken; er will, dass ich das Kind an den Haren ziehen -: ich werde ihm was an den Haren ziehen.

Sallmann 1880, 95
be steht 1) factitiv (beankern); 2) = an, die Richtung bezeichnend, besonders von allen Seiten (bebellen); 3) in abschätzigem Sinn (sich beklunkern)

Be das

QUELLEN

Gutzeit 1886, 115
Be, das, in der Musik, als Vorzeichnung, entgegen dem Kreuz. Die Vorzeichnung, d.h. die Bezeichnung eines Musikstückes mit Kreuzen oder Been (Be's); es sind 4 Be vorgezeichnet.

bi

QUELLEN

Seemann von Jesersky 1913, 105
o.w. bei: bilangsam, binnah. Das Schiff lag voll und bi. bian: nebenbei.



QUELLEN

Sallmann 1880, 45

br Interj
‣ Varianten: brr
de br (Ruf zum Anhalten der Pferde); et ptruu

QUELLEN

Gutzeit 1886, 165
br od. brr, beim Anhalten der Pferde, auf d. preuß. Grenze gegen Kurland hin zu hören, lautet hier, ganz wie bei Letten und Russen, pr od. prr mit zwischenlautendem e.

bu Interj
‣ Varianten: pu
bu und ba

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1859, 157
bu nicht bu nicht ba sagen od. wissen; d.h. durchaus nichts. Er sagte nicht bu nicht ba; man hörte von ihm nicht bu nicht ba ; als man ihn fragte, wusste er nicht bu nicht ba. Auch: nicht ba nicht bu. In den Wörterb. fehlend, in Grimm nur wenig. In Aachen dafür: buff noch baff; holl. boe noch ba; hochd. weder gicks noch gacks (oder kicks noch kacks); ital. und lettisch nè bu nè ba.

Sallmann 1880, 67
Bu und Ba die einfachsten Elemente: „er versteht nicht bu noch Ba zu antworten“ = er ist auf den Kopf gefallen.“

Gutzeit 1886, 190
bu (◡), Ausruf beim Erschauen vor Kälte oder Ekel. Seltner pu (◡).
bu und ba. Ohne Bu und Ba die Gesellschaft verlassen, d.h. ohne ein Wort zu sagen, ohne Abschied zu nemen.

ch

Orchester [χ]
Richard [ríχart]
Mechanik [meχánik]

DAZU:
siehe auch Aussprache

QUELLEN

Krüger 1832, 325
4) Ch zu Anfange, besonders vor r ist wie k und die Mehrheit geltender Stimmen findet hier die Aspiration gesucht, besonders in antiken und fremden Wörtern; denn wir folgen der einmal angenommenen lateinischen Aussprache. Also sollten wir auch hier uns entschließen, Krist, Kaldäa, Kohr, Kurfürst, Kronik auszusprechen. Ueber den Namen Chur in Graubünden mögen die Einwohner selbst entscheiden. Chirurg, Chiron und Charon liest man jedoch auch im Lateinischen aspiriert; Chamäleon aber ist ungewiß.

Gutzeit 1864, 165
Die Aussprache des ch ist wie im hd., hart nach a, au, u und u, weich nach ä, e, i, ö, ü, l und r; schwankend in den Namen Reichard, Richard, Pölchau u. Pillar von Pilchau, in denen meist weiches ch gehört wird. In den Endungen iche, ichen, icher, ichung hört man in gcwönlicher Sprechweise j, u. treffliche, Kraniche, ehelichen, ähnlicher, Verherrlichung lauten daher wie trefflije u. s. w. Ebenso im Scherz, die kursche Sitte nachahmend, in: durcher. Dagegen klingen wiederum ja, Jesus und Jes, letztere beide bei Ausrufen, oft wie chja, Chesus, Ches.
Ein weiches ch schleppt nicht selten dem auslautenden Selbstlauter nach in Empfindungswörtern, wenn Ueberdruss, Ekel, Verwunderung stark betont werden. So: ai—ch, fai—ch, fi—ch, pfui—ch. ui-ch, hui-ch, wai-ch st. ai, fai, fi, pfui, ui, hui, wai; ferner in: a—ch, ä—ch, fa—ch,fä-ch, u—ch, hu-ch st. a (ah), ä, fa, sä, u u. hu. Das ch in der zuletzt angeführten Reihe tönt sehr weich, wie wenn vor demselben ein i verschluckt wäre.
ch st. f in einigen aus dem nd. überkommenen Wörtern: Lucht f. Luft (Fenstern), Schechte f. Schäfte (Stiefeln). Vor Kurzem auch gew. in: Sticht- oder Stichpforte f. Stiftspforte. Die gewälte Sprechart zieht überall f vor.

Gutzeit 1886, 203
ch, als Anlaut in griech. und latein. Wörtern, wurde früher gew. wie reines ch gesprochen, jetzt abwechselnd wie k, od. vorzugsweise und ausschließlich wie k. Daher früher: Charakter, Chaos, Orchester, Chor, Chlor, jetzt gew. Karakter, Kaos, Orkester, Kor, Klor. In Chemie u. mechanisch stets ch, nie k. — In Charsfreitag und Chur(fürst) stets wie k. Auch Chemnitz in Sachsen wird Kemmnitz gesprochen.

ck

QUELLEN

Gutzeit 1864, 165
ck steht nicht selten nach gedehntem Selbstlauter. So in den Familiennamen: Beck, Beckmann; Bencke, Bencken u. Benckendorf (spr. Behnke u. nicht Bengke); Brackel, Bröcker; Eck u. Ecke, bekannter Name jetziger Familien u. bes in der rig. Geschichte bekannten Burgemeisters Eck od. Ecke, den seine Zeitgenossen auch Eicke u. Eiche nannten; Eckhoff, Zöckell, Stackelberg — aber nicht Stackeln (Station) —, Hueck (spr. Huk), Kocken-Grünbladt, Klebeck, Stryck od. Stryk; in dem Flecken Schlock, nicht aber im jüd. Familiennamen Schlocker; in allen Guts- u. Flussnamen, die mit Beck u. Eck zusammengesetzt sind: Beckhof im Pernau-Fellinschen, Bebberbeck im Rigischcn, Goldbeck im Marienburgschen. Owerbeck im Pernigelschen, Schöneck im Lemsalschen (spr. Schön-ék). Alt- u. Neu-Eck: Eckau im Löserschen, Eckenangern(Eichenangern), Schwarzbecksbof im Wendenschen, nach dem Fluss Schwarzbeck; Rosenbeck, Roperbeck. Die Namen Beck, Eck und Hacken sind bei uns immer Beke, (Bach), Eke (Eiche) u. Haken, und danach die übliche Aussprache zu erklären u. die Schreibung zu berichtigen; sie verlangt in den Ortsnamen insgemein Bek u. Ek. -— ck hört man dagegen meist in: Burtneck, Murneck, Roseneck (die Familie Transehe-Roseneck). Indessen schwankt Aussprache und Schreibart dieser 3 Gutsnamen, ebenso wie in folgenden: Kockenhusen u. Kockens Gelegenheit od. Kockeshof bei Riga — nach der Schreibart Hupels u. Anderer; einfaches k genügt. — In Quecke (Queckengras) ist der Selbstlaut meist, in Bückling (gesalzner Häring) stets gedehnt zu hören. — In nicht wenigen findet wechselnde Schreib-und Sprechart statt, wie in Brack, Wrack, bracken, Bracker, Wracker, Hackelwert, Wacke, Wackenbuch, die alle auch mit einfachem k geschrieben werden. Gewönlich lauten sie: Brack, Wrack, braken, Braker, Wraker, Hakelwerk, Wacke u. Wackenbuch, Wackenurkunde (sog. Urbarial-Urkunde).

Gutzeit 1886, 203
ck, wird wie k gesprochen in den Familiennamen (außer anderen) Böcker, Icker, Bürgermeister Schick, Stäcker, demnach: Böker u.s.w. Dagegen wie ck in den Familiennamen Häcker, Hecker, Reckert.

d

QUELLEN

Gutzeit 1864, 172f.
Anlautend st. t in nicht wenigen Wörtern als Ueberbleibsel od. Einwirkung des nd.: Danne, dauen, Dauwetter, Daumel, daumlich, dausend, doll, dollen, Dollhaus, Dollheit, Drab, draben, Dräber, Dracht, Drift, düchtig. Noch vor 20-30 Jahren waren diese Wortformen gewönlich; jetzt verschwinden sie und erhalten sich nur in scherzhafter, vertraulicher und vernachlässigter Rede, od. im Munde des ungebildeten Mittelstandes. Indessen bevorzugt man noch gern: Dille, Docht, Dräber (Pferd), Dräberbah, Dräberschlitten, Dräbern (von Korn), Dreskammer, Drift (Tauben), Digel (Tigel).
In manchen Wörtern ist sowol d als t gebräuchlich. Daber u. Tafer, Dachtel u. Tachtel, Dalchen u. Talchen, daunend u. taunend, Dolle u. Tolle (am Bot), Draff u. Traff.
Inlautendes d war früher in siebender, vierder, neunder, zehnder, under, hinder st. siebenter, vierter u.s.w. Jetzt noch gew. in bladen, dudeln, bedutteln st. blatten, düteln, betudeln und fast durchweg in Brode, Brodes, in Borde, Wade (Netz) u. waden st. Borte, Wate u. waten. Als Überbleibsel des nd. außerdem häufig in Längde, Klagde, Krümbde, Wärmde, Räumde, Högde, Nägde f. Länge u.s.w.; auch engder, längder st. enger, länger.
t für an- und inlautendes d nur im Beginn des nhd. Zeitraums als Ueberbleibsel des mhd., welches auf dem platten Lande Livlands beim Adel u. bei Geistlichen nicht wenig verbreitet war u. auch in ihren Schriften nicht selten begegnet: Betruck, beträngt u. betranget, miltern, Verterb, Untertrucker.
dd häufig u. übergegangen aus dem nd.: schmaddern, schmuddern, spiddig, Flidder, fliddrig, fluddrig, pluddrig, pluddern, pladdern, gnaddrig, Dedder, verheddern, broddeln, bruddeln und viele and. Viele dieser Wörter erhalten, ebenso wie bei bb, eine gewisse Milderung hinsichtlich ihrer Bedeutung. Schmuddelig, suddeln, broddeln, bruddeln sind daher milder als schmutzig, sudeln, brodeln, brudeln.
Auslautend wird d deutlich gehört in: bland, blond, fad, Camerad u. mild, im Familiennamen Budberg (gespr. Budd'berg), in den Taufnamen Edgar, Edmund, Hedwig (in allen dreien edd') u. Ludwig (gespr. Lud'-, unedel Ludd'wig). - In der Aussprache nie mit t verwechselt; dt im Namen Klodt von Jürgensburg wie einfaches t.
Nachschleppend wird oft gehört in eben u. ebenso, gespr. ebend u. ebendso; in pfützendnass st. pfützennass; in Superlativ-Endungen, z.B. der erhabendste st. erhabenste, wie auch in Reval (vgl. 322). Oft wiederum verschluckt in nachlässiger Rede, z.B. in stehends, eilends, u. ebenso wie t in Superlativ-Endungen: am Vollendesten, die bedeutensten, der Gesittete, aber nicht: der gescheiste f. gescheidteste, wie Hoheisel (322) von Reval anführt.

Gutzeit 1886, 205
In Sprachlehren heißt es, dass die Auslaute in bat und Bad, Rad u. Rath, Gewand und gewandt u.s.w. schwer zu unterscheiden seien. Bei uns wird jedes auslautende d nach einem gedehnten Selbstlaute vollständig wie t gesprochen, nach einem geschärften aber wie tt. Daher lautet Rad wie Ratt. Rattmacher wie Rattmacher, Bad wie Batt, Tod dagegen wie Tot und Pfad wie Fat, Rath wie Rat, Gewand u. gewandt ganz gleich. Unsere Schule hat sich nicht mit der wunderlichen Unterscheidung von d und t zu beschäftigen u. das d ein weiches t, das t ein hartes d zu nennen.
Deutlich zu hören in mild, blond, bland, fad, Camerad, Findling, Händlein, Pferdlein u.a. auf lein, dagegen wie t in Fündchen, Pferdchen, Händchen u.a. auf chen. Das d in Findling u.s.w. wird halb zur ersten, halb zur 2. Sylbe gezogen, als wenn geschrieben stände: Find-dling, Händ-dlein, Pferd-dlein; - ebenso in Pfründner u.a. Das nd. d macht nicht selten den Übergang oder das Mittelglied zwischen hochd. t und slaw. oder lettischen d: Thür - lett. duris, litt. durrys, russ. дверь, goth. daurô;; Tropfen - nd. drope und drape, lett. drapes (Arzneitropfen); teuer - lett. dahrgs, russ. дорогъ Taube - nd. duve, lett. du(h)we.

da Adv
‣ Varianten: do

QUELLEN

Gutzeit 1864, 173
Im vorigen Jahrhundert noch häufig getrennt von dem Vorworte. Das Haus, da die Feuersbrunst inne entstanden, 202. Dieser Gebrauch dauert bis heutigen Tages. Da war Wasser ein, st. darin war; da war Schmutz auf, st. darauf.

Gutzeit 1864, 173
viel häufiger als dort. Da st. da wo. Da Rodungen vorhanden, 330. 11.

Gutzeit 1864, 189
do, öfters st. da in 334, u.st. wo, ebda.

Gutzeit 1886, 206
beim Darreichen st. da nimm! da hast du! Dieses da hat stets ein geschärftes a, wie etwa im russischen, gleichbedeutenden на! (на тебѣ!) vgl. Grimms Wtb. 5.

de1
‣ Varianten: der

DAZU:
siehe auch Artikelgebrauch

QUELLEN

Hupel 1795a, 47
de st. der, die, das, z.B. de Pferd, rührt aus dem Plattd. her, ist aber jetzt pöb.

Seemann von Jesersky 1913, 111
de - der, die, das, dem, den.

-de2 Suff
{ahd. -ida}

Längde, Krümde, Frohnde, Högde, Nägde, Wärmde, einzeld, enkeld, engder, längder [Überbleibsel des Plattdeutschen]

QUELLEN

Sallmann 1880, 45
-de Ueberbleibsel des früher unter uns gesprochenen Plattdeutschen sind auch solche Bildungen wie Längde, Krümde, Frohnde, Högde, Nägde, Wärmde, einzeld, enkeld, engder, längder etc. Es ist in diesen Substantiven die verblaßte altd. Endung ida, wie sie hd. sich auch noch vielfach erhalten hat, z.B. in Begierde, Behörde, Beschwerde, Fehde, Freude, Geberde, Gemeinde, Gierde, Sölde, Zierde.

-di Suff
‣ Varianten: ti

QUELLEN

Gutzeit 1886, 210f.
di, eine Endung, welche von d. Sprachforschern nicht behandelt zu sein scheint. Sie begegnet in: holterdibolterdi, kunterdibunterdi, heidi, buxti, tschuksti u. wuppti, wo dem x und p folgend d in t sich verwandelt zu haben scheint. Heidi (schnell) wird oft mit heida verbunden. Heidi-heida! Das ging heidi-heida. Das deutsche di und da in diesem Ausdruck findet sich wieder im franz. franz. bredi-breda eiligst, eiligst, im Fluge.

du

QUELLEN

Gutzeit 1886, 222
Auf du und du mit einander stehen, sehr vertraut sein, sich dutzen. - Du! und Sie! braucht man ganz gew., um Jemand anzurufen. Sie! ruft man einem Kellner zu, damit er herankomme, statt des höflicheren: Kellner! - Du! einem Knaben; Fuhrleuten und Arbeitskerlen aber nicht mehr! -

e1

DAZU:
siehe auch Aussprache

QUELLEN

Krüger 1832, 324
1) Das offene (gedehnte) und das geschlossene e werden häufig verwirrt. Stetig, stets, bequem sollten nicht gedehnt werden. - Nicht Wenige machen nach Hamburger Weise jedes offene e zum geschlossenen; sie geeben lieber Eere, Leeben und Leeber darum, nur ja kein ä hören zu lassen. Dahingegen auf dem Lande, zumal im Tuckumschen, das offene e zum hässlichsten äh (fast ah) hinüber artet. Aehrlich und rädlich, Sähgeltuch, entwähder lähbend oder todt. Dieses ist sehr hart, jenes sehr geziert. - Nur Kegel hat allgemein ein unrichtiges geschlossenes e.

Gutzeit 1864, 215f.
Die Aussprache unsres E festzustellen, ist schwierig, und verschiedne Ansichten sind darüber ausgesprochen. Für ein Werk, das Feststehendes bieten soll, lag die Notwendigkeit nahe, nicht blos eigner Ansicht und eignem Ohr zu folgen, sondern auch Beobachtung und Erfahrung anderer zu benutzen. Aus dieser Ursache wurden verschiedne Gelehrte aufgefordert, ihre Ansichten mitzutheilen. Die bereitwillige Theilnahme, mit welcher sie sich der Sache annahmen, war so groß, dass selbst noch Andere aus ihren Umgangskreisen zu Rate gezogen wurden, um dem Gegenstand Licht und Sicherheit zu verschaffen.
Die Hauptsätze einer Mittheilung aus Riga sind: 1) das gedehnte e streift in Livland nicht mehr als in Deutschland an ä, — etwas mehr in Kurland, wo es indessen nicht überall wie sehr breites ä lautet, — meistens bei Leuten ungebildeten Standes, auch bei Personen, die aus Kurland herüberzogen. Bei wirklich Rigischen fällt die Aussprache ebensowenig auf, als bei Leuten, die auf dem Lande in Lettland geboren u. aufgewachsen sind. 2) wird auch das gedehnte e nicht immer wie reines e lauten, so schwankt doch die Aussprache zwischen dem reinen e und dem an ä streifenden, oder, besser, es hält zwischen beiden die Mitte. Dasselbe gilt von Serben in Lettland. 3) unser gedehntes e ist nicht gleich ä. Wir nähern uns in der Aussprache von Beeren dem reinen e, und in der von Bären dem ä, unterscheiden ebenso lesen von läsen, wehren von währen und dem kürzern wären. In den beiden Reihen: heben, legen, überlegen, regen, bewegen und eben, gelegen, geben, überlegen, Regen, Wegen — die nach Grimm kein hochd. Mund vermischen soll — wird e ohne Unterschied gleich gesprochen. 4) es dürften wol kaum irgendwo, so wie in Riga, die 3 Laute e, ä und äh unterschieden werden.
Die Angaben einer zweiten Mittheilung aus Riga lauten 1) der Ä-Laut herrscht namentlich bei Leuten vor, die der ländlichen Bevölkerung näher stehen; 2) der Ä-Laut ist namentlich den untern Schichten der Bevölkerung eigen und reicht in Riga mit wenigen Ausnahmen. etwa hinauf bis zu den Kaufleuten zweiter Gilde; 3) die Verwechslung des e mit ä ist so ziemlich über ganz Livland verbreitet. Als Beispiel dient das Wort Reval, dessen Aussprache in Riga und Dorpat Rä-wall, in Estland Re-fall ist, mit scharfer, sehr auffallender Betonung des e.
Aus Dorpat. Die Aussprache des e ist sehr unbestimmt und verschieden, je nachdem Schichten der Gesellschaft und deren Heimat und Abstammung. Die Unbestimmtheit der Aussprache ist, durch den Zusammenstoß der verschiednen Völker, größer als irgendwo. — Gedehntes und ungedehntes e (e, ë ee od. ê) streifen allerdings meist an ä und klingen sogar häufig zwischen ä und a, z. B. ebensowol sterben, schmelzen, erben — stärben, schmälzen, ärben, — als Heer, Speer, nehmen, schwer, leer = Här, Spär u. s. w. Ausnahmen gibt's allerdings oft, und auch die Behauptung ist zu hören, dass nirgends das e so rein gesprochen werde, als gerade in Livland und besonders in Dorpat. — Reines, helles e klingt nur in Seele, sehr, mehr, Lehm (wie in Deutschland) und wird von dem e in Heer, nehmen deutlich unterschieden. — Ein Unterschied zwischen dem e in legen, überlegen, regen, Regen, wegen, Wegen ist nicht hörbar, weder bei Ungebildeten noch Gebildeten. Hierüber herscht kein Widerspruch; aber auch in Deutschland dürfte der Unterschied nichtüberall hervortreten, — in Ostpreußen gewiss nicht! — Reines e (wie in Seele, Lehm, sehr) hört man auch, wenigstens bei den meisten der Schüler, da wo es nicht gehört werden sollte, nämlich statt ö, in König, Löwe, Götter, löblich — Kehnich,Lehwe. Jetter, lehblich. Daher klingt lesen = läsen, aber lösen = lehsen; möchte = mechte, aber Mächte = Hechte (an ä streifendes e!). — Das e in tonlosen Sylben ist dumpf, unrein, stumm, und wird entweder kaum gehört, oder klingt wie kurzes ö; von dem geschärften e in Welt, schnell wird es deutlich unterschieden. Daher: Kranke wie Krankö (ᵕ), Kranken aber wie Krank'n.
Die Angabe eines Oberdeutschen in Fellin lautet: in der Aussprache findet sich eine Trennung des e und ä lautes, die jedoch, so bestimmt sie auch bei den Einheimischen ist und haftet, organisch ebenso unrichtig ist und der ältern Aussprache ebenso znwiderlaufend wie im Auslande. 1) Das kurze e, als Umlaut des a, im mhd. e gesprochen, in Fellin getrennt in einen e nnd ä Laut, und zwar jenes (spitzes e), wie es scheint, namentlich vor gg, ll, ss, tt; dieses (trübes e = ä) in den übrigen Fällen. Spitzes daher in: fest, Nett, Elle, Egge, Geselle, Schwelle, Stelle, stellen, zerren, Becken, decken, Hecke, schmecken, Strecke, wecken, Kette, retten, Hetzen, verletzen, netzen, setzen, wetzen, besser, Essig, Nessel, Kessel, Held, schmelzen; trübes in: Hemde, fremd, Menge, prellen, brennen, Henne, kennen, rennen, trennen, wenn, sterben, emsig, Bengel, enge, Engel. — 2) Das kurze e, als Brechung des i. Im mhd. e = ä. Die Aussprache dieses kurzen e verhält sich im Ganzen wie in Oberdeutschland. a) Elaut, selten: melken, Helm, Schelm, schwelgen, Fels, Kerze, dreschen, gestern, Nest, Schwester; b) breites ä: gëlb, hëll, schnëll, Nëffe, Spëck, Flëck, Zwëck, Pëch, Bëcher, brëchen, stëchen,Brëtt. Wëtter, quëllen, Schëlle, Wëlle,Nëffen, lëcken, Heuschrëcke, ëssen, vergëssen, mëssen, gesëssen, Sëssel, sëlbst, hëlfen, gëlt, sëlten, Wëlt, Fëld, Zëlt, Përle, lërnen, Bërg, Wëk, Ërde, wërden, Wërth, Hërz, schmërzen, Fërse, Gërste,Sënf, Rëcht, flëchten, Wëchsel, Fëst. — 3) gedehntes e, a) als Umlaut des a, lautet α) wie ê: Zehrung, dehnen, sehnen, gegen, legen, regen, bewegen, edel, Rede, Esel; β) wie ä: Heer, Meer, Beere, leer, Theer, Scheere, Wehr; so ziemlich nur vor r; — b) als Brechung aus i, aus mhd. kurzem e hervorgegangen. α) wie e. Diese Aussprache wäre in Oberdeutschland unerhört. In: stehlen, Bremen, jener, eben. Eber, Krebs, Leben, Leber, Rebe, Nebel, schweben, weben, Degen, Pflege, Regen, Regel, Segel, Segen, Steg, Weg, geschehen, sehen, zehn, Leder, ledig, Feder, Gebet, Besen, lesen, hehlen, Kehle; β) wie ä in: der, er, begehren, her, Speer; also wiederum vor r; — c) aus mhd. langem e, lautet durchweg spitz: eher, Klee, Reh, See, Schnee, Weh, ewig, Seele, Ehre, hehr, Rückkehr, kehren, lehren, mehren, sehr, wenig, Lehne, Schlehe, Zehe, erste. Nur verdeutschte Letten und Esten bringen vor: äre st. Ehre, här st. Heer, kären, lären, mären, sär, ärste — vor r. — In der Aussprache gelten also 4 e, zwei kurze (e u. ë), und zwei lange (ê u. ..) ; ferner ein breites e (ä) in Meer, Beere, Theer, Scheere, Wehr, der, er, begehren, Heer, Speer u. a. — Ä zeigt doppelte Aussprache. Man hört: Märchen, träfe, Gräfin, gnädig, Bär, wählen, Schädel, und wiederum: Spêne, lêge, kême, Glêschen, Zêne, für Späne, läge, käme, Gläschen, Zähne. — Ö wird von echten Fellinern durchweg wie spitzes e gesprochen: bêse, lêsen, beschwêren, Kênig st. böse, lösen, beschwören, König. Namentlich werden nicht unterschieden: kennen und können, beide lauten kännen; möchte und Mächte, wie mechte; läse, lese u. löse; beschweren u. beschwören u. a. — Im Ganzen hört man das Hochdeutsche nirgend so regelrecht sprechen, wiein Fellin, und man kann als Ueberzeugung aussprechen, dass die Sprachlehrer besser thäten, das livländische Deutsch als Muster hinzustellen, denn das sächsische od. gar Hannover- od. Braunschweigische. Es ist auch gar nicht anders möglich, als dass diese Aussprache hier zu Lande die am meisten reine sein muss, da der hiesigen Sprache alles Mundartliche fehlt. — Eine neue Bestätigung des von dem bairischen Grafen de Bray, der lange in Livland zugebracht hat, in seiner histoire de la Livonie III. 249. Ausgesprochenen: „die ausgezeichnete Aussprache, deren sich die Livländer mit Recht rühmen, rührt vorzugsweise daher, dass das Deutsch fast nur von Leuten guten Standes gesprochen wird.“
Von besonderem Interesse musste das Urteil eines Kurländers sein, der die rigische Aussprache kennt, und seit längerer Zeit Oberlehrer der deutschen Sprache in Reval ist. In der Mittheilung, mit welcher noch C. Hoheisels Einladungsschrift: Einige Eigentümlichkeiten der deutschen Sprache in Estland, l860, Zu vergleichen ist, heißt es: 1) einen Unterschied zwischen der revalschen u. livländischen Aussprache des e vermogte mein Ohr im Allgemeinen nicht herauszufinden. In Kurland freilich wird und wurde das gedehnte e wie ä ausgesprochen. Doch nimmt diese Aussprache bei den Gebildeten des jüngern Geschlechts immer mehr ab, so dass die bei diesen übliche nicht weiter von der in Est- und Livland abweicht. Das Deutsch unsrer Provinzen schreibt sich von dem der deutschen Einwanderungen aus dem Auslande her, die fast alle aus denselben Gegenden, nämlich dem Norden, herkamen. Mithin ist es in allen drei Ostseeprovinzen ursprünglich wol dasselbe gewesen und hat sich aus dem Niederdeutschen entwickelt. Wo Abweichungen vorkommen, wie z. B. bei dem kurischen e, da sind sie wol unzweifelhaft dem Einflusse des Lettischen (und Estnischen) zuzuschreiben (landsche Aussprache). Nur scheint es, dass sich diese Aussprache nicht gerade auf Kurland beschränkt, sondern auch in Livland, soweit man dort lettisch spricht, in denselben gesellschaftlichen Kreisen wie in Kurland, angetroffen werden dürfte, während in dem estnischen Theil Livlands und in Estland selbst, wo diese Einflüsse von Eliten des Estnischen nicht stattfinden, die Aussprache sich reiner erhalten hat. In der That findet sich in Betreff des e ein Unterschied zwischen Riga, welches sich durchaus der kurischen Sprechweise nähert, und etwa Dorpat, welches mit Estland übereinstimmt (?). Der Unterschied zwischen dem hellen, geschlossenen, aus a durch Umlaut entstandenen e, und dem offenen, breiten aus i durch Brechung entstandenen ë wird, so weit meine Beobachtungen sicher strecken, in keiner unsrer Provinzen festgehalten, und lautet in Kur- und Estland meinem Ohr völlig gleich Uebrigens scheint es, als ob auch in Deutschland dieser Unterschied keineswegs mehr so streng beobachtet wird, als es früher (im ältern Deutsch) geschehen sein mag. Nicht allein werden beide e von Ausländern, die ich hier gesprochen habe, verwechselt, nicht allein habe ich bei einer Reise in Deutschland keinen Unterschied in der Aussprache des e und ë bemerkt, sondern auch die Sprachlehren liefern darüber nur verschieden lautende undunbestimmte Angaben - Ein Unterschied in der Aussprache des gedehnten e ist mir indes doch aufgefallen. In den Wörtern: Erde, Werth, Herd, Herde, Pferd, Erbe, Sper, begehren, werden, schwer hat sich das ë in seinem ursprünglichen mehr dem ä sich nähernden und von e in sehr, mehr, kehren, Ehre, wenig, Ehe, edel, Fehde, Seele deutlich unterscheidenden Klange erhalten. — Das geschärfte e lautet, wie es scheint, anders als das gedehnte, nämlich immer fast wie ä. z B. Welt, rennt, dann wie ä in fällt, Ränder, Männer. Ein Unterschied zwischen diesem geschärften e und dem tonlosen, z. B. in den Endsylben der beiden letztgenannten Wörter ist für mein Ohr nicht wahrnehmbar — E, ä und ö werden in allen 3 Provinzen verwechselt oder vielmehr gleich ausgesprochen.
Nach dem Vorstehenden leuchtet die Schwierigkeit ein, unsern e Laut zu kennzeichnen und die hier und da einander widersprecheuden Angaben in Einklang zu bringen. Das Folgende mag die Ansicht des Verfassers zusammenfassen, welche übrigens in den Punkten 1, 2, 6, 7 u 8 sehr allgemein getheilt ist. 1) Die Aussprache des e gleich ä zieht sich durch ganz Kur- und Lettland, überschreitet selbst, nach Norden und Osten hin, die Grenze des lettisehen Lamdgebiets. vgl. die zweite Angabe aus Riga und Hupel in Topograph. Nachr. I. 146. In Kurland, obgleich im Allgemeinen derselben Artung wie in Lettland, weicht die Aussprache doch mehr od. weniger ab von der in Riga und Lettland, häufig in so auffallender Welse, dass man eher Kurlands an seinem e, gleich breitem ä, ebenso zu erkennen ist. wie mancher Estländer an seinem scharfen s. — 2) die Aussprache des gedehnten und ungedehnten e trifft in Riga, Lettland und wol auch Dorpat im Allgemeinen mit der in Norddeutschland zusammen, ist daher dort durchaus nicht auffallend, gewiss aber in Suddeutschland. — 3) Nach sehr verbreiteter Ansicht ist diese Aussprache in Kur- und Lettland lettischem Einflusse zuzuschreiben. Diese Ansicht ist sicher nur zum Theil begründet. Wenn der Einfluss des Lettischen nicht abgeleugnet werden kann bei Leuten, die aus lettischem Stamm sich zu halben od. vollkommnen Deutschen um- und heranbildeten, oder zweitens bei wirklichen Deutschen, die beständig auf dem Lande in lettischer Umgebung leben, so ist doch bei Hiesigend es bessern Standes und den vielen aus Norddeutschland Eingewanderten die e Aussprache eine deutschem Munde eigentümliche. Wir haben zwar alle Tage Gelegenheit an gebildeten Deutschen, die eine Reihe von Jahren in Russland verbracht haben, wahrzunehmen, wie leicht und ihnen ganz unmerkbar und selbst nicht wahrnehmbar ihre Aussprache fremden Klang annimmt Wie aber wiederum dieser russische Anhauch weniger bei unverrussten Deutschen Moskaus und Petersburgs gefunden wird, so ist auch der lettische Anhauch bei den Deutschen Rigas, die den in jeder Hinsicht so sehr überwiegenden Theil der Bevölkerung bilden, nur hier uud da hörbar, indessen wol nur bei den ungebildeten Ständen. Und es scheint daher unzweifelhaft, dass der hiesige e Laut im Allgemeinen ein ursprünglich deutscher ist. — 4) Eine sog. landsche Aussprache, wie sie namentlich in Kurland sich geltend macht, kommt in Livland nur ganz vereinzelt vor, und wird ihre Entstehung lettischem Einflüsse zugeschrieben. Aber selbst für sie wird von beachtenswerter Seite her dieser Einfluss bestritten; so von Harmsen in Libau. Wenn, sagt er, in der lett. Sprache das durch ein stummes h gedehnte e, wie in dehls, Sohn, gedehnt und tief laute, so klinge es dagegen geschärft in besdelinges, Schwalben, u. andern Wörtern, selbst in solchen, welche Verdoppelung des Selbstlauters zeigen, z.B. in pee, bei. — Auch kann nicht unerwähnt bleiben, dass unser e Laut über Ostpreußen bis nach Sachsen hinein sich erstreckt, wo das widerliche ä Dresdens bekannt ist. Freilich kann auch in diesen Gegenden der Einfluss undeutscher Bevölkerungsgrundlage nicht geleugnet werden. — 5) Wir kennen keine durchgreifende Verschiedenheit zwischen dem geschlossenen und offenen e, weder in Riga, noch in Liv-, Kur- oder Estland. Höchstens im Munde Weniger, und dann nur bei gewissen Wörtern mögten Unterschiede vorkommen. So sagt Hupel in sein. Idiotikon, dass — doch wol in der Gegend, wo er lebte — das Wort belegen, als Infinitiv, wie belehgen gesprochen werde, als Particip jedoch wie belägen. Krüger (319) äußert sich hinsichtlich Kurlands folgendermaßen: „das offene (gedehnte) und geschlossene e werden häufig verwirrt; stetig, stets, bequem sollten nicht gedehnt werden. Nicht Wenige machen nach Hamburger Weise jedes offene e zum geschlossenen; sie geeben lieber Eere, Leeben und Leeber darum, um ja kein ä hören zu lassen. Dahingegen auf dem Lande das offne e zum hässlichen ä hinüber artet: ährlich, rädlich, Sähgeltuch, entwäder lähbend od. todt. Nur Kegel hat allgemein ein unrichtiges geschlossenes e.“ — 6) Ist keine durchgreifende Unterscheidung des geschlossenen und offenen e in unfern 3 Provinzen wahrzunehmen, so ist wiederum nicht zu leugnen, dass, wenigstens in Riga und Lettland, die Aussprache des gedehnten e eine dreifach verschiedne ist, selbst in denselben Wörtern: theils wie reines e, theils wie leichtes ä, theils wie breites ä. So kann belegen wie belégen, belêgen (belägen) u. belä-gen klingen. Die erste Aussprache mögte sich finden im Munde einiger Gebildeten; die zweite die hier gewönliche sein, und namentlich vor r stark hervortreten: Erde, wie Ährde, er wie ähr, Ehre wie Ähre, Pferd wie fährt, Beeren wie Bären, mehr wie Meer, mehre wie Meere oder Mähre, sehr, wer u. s. w. Die dritte breite Aussprache fast nur bei Leuten, die beständig unter Letten lebten oder bei verdeutschten Letten. — Nach dem Gesagten kann es nicht auffallen, dass bei uns in der Aussprache französ. Wörter so häufig eine Verwechselung der verschiedenen e und des ai stattfindet. — Die Namen Fersen und Medem werden in Livland gewönlich Ferrsen und Mehdem gesprochen; zuweilen, kurländisch, Fährsen und Mädämm. — 7) Die Aussprache des gedehnten und ungedehnten e, ä und ö ist vollkommen gleich, und lautet wie leichtes ä. Lesen, läsen u. lösen; denen, dehnen, Dänen; reden, rädern, röden; Rheder, Räder u. Röder; jenen, gähnen und höhnen; beschweren, beschwären u. beschwören; Ehre, Ähre u. Öhre; redlich, rätlih u. rötlich; Becher, Fächer u. Köcher; Hechte, Mächte u. mögte geben dazu die nötigen Belege. In Lettland gilt nur zum Theil das, was Hupel in s. topograph. Nachrichten I. 146 äußert: „Meer sprechen wir wie Mähr, Beeren wie Bähren, Esel wie Ösel; aber Klete beinahe wie Klöte, stehen fast wie stöhen; dagegen legen wie lägen, reden wie räden.“ — Besser sprechende bemühen sich ö, und hier und da auch ä, deutlich hören zu lassen, namentlich in Conjunctiven u. ähnlich lautenden Wörtern, so dass zwischen lesen, läsen, lösen, heben und höben, säen und sehen, Säer u. Seher ein deutlicher Unterschied wahrnehmbar wird. Ja, Einige wollen sogar die verschiednen e unterscheiden, verfallen aber dabei in gar häufige Verwechselungen u. Ungereimtheiten. Immer ist diese bessere Aussprache angelernt, angeübt.— 8) Das ungedehnte e lautet meist wie ä: Wette, Lette wie Watte, Latte; als Auslaut oft fast tonlos und an ö streifend, z. B. in Base, Gabe, Liebe, Else, Lise, wähle, Kranke; reiner in: wenige, einige, meinige u. ä. —
Noch ist zu bemerken 1) dass bei weiblichen Hauptwörtern gern mit e verlängerte Formen benutzt werden, z. B. Thüre und Uhre st. Thür u. Uhr. Auch bei verschiednen Nebenwörtern kommt dies vor, z. B. gerne u. vorne st. gern u. vorn. Dies ist aber durchaus nicht mundartlich, wie angegeben wird. In Deutschland, selbst in Büchern, findet es sich sehr gewönlich. — 2) Zeitwörter auf el, er und en unterdrücken das e der Flexion in der gewönlichen Sprache durchweg; die auf em oft. Ich wander', rechen', zeichen', lächel' st. wandre, rechne, zeichne, lächle; es regen't, er zeichen't, ich rechen'te, es hat geregen't; ich atem', aber bewidme, eingeatmet. Dieser Gebrauch kommt schon früh vor. Verordenter Schlossherr auf —, 352. XVI. 6. vgl. Grimm III. S. 4. 3. — 3) in Imperativen bricht das e des Infinitivs häufig nicht in i. Wir sprechen ganz gewönlich: seh, ess. brech, erschreck, helf, schelt, befehl, werf, tret st. sieh, iss u. s. w. Für Kurland schon angeführt in 319 u. 189; in Reval soll, nach 322. 14 zu urteilen, sehe, esse, werfe u. s. w. gesprochen werden. - 4) in der Conjugation mancher Zeitwörter zeigt sich, entgegen der hiesigen Gewonheit, Vorliebe für Umlautung, z. B. sägst, sägt, frägst, frägt, kömmst, kömmt,klägst, klägt, wie das 322 auch für Reval anführt. Käufft aber u. käuft klingt in Riga lächerlich od. jüdisch, und verwährst, verwährt, sähst (?) st. verwahrst sind sehr selten, vgl. dagegen 322. 14. — 5) in der plattd. Zeit lauteten viele Stadt- und Flussnamen auf e. die später auf a ausgingen. Rige st. Riga, Düne st. Düna, Wilde, Narwe st. Wilna, Narwa. Rige u. Düne erscheinen noch ganz gewönlich Mitte des 18ten Jahrh., obgleich Riga u. Düna schon im 16ten Jahrh. auftreten. — 6) die Endung ie in versch. Namen klingt gewönlich ije: Amalie, Natalie wie Amalije, Natalije; Marie gewönlich zweisylbig: Mari. zuweilen Mari-e. — Tragödie u. Comödie sind durchweg dreisylbig; dagegen: Com´ödienzettel. — vgl. ei.

Gutzeit 1886, 227
Wie die anderen Selbstlaute gern geschärft. So in Herberge, Herbergen, beherbergen, gespr. herr—; in Ferse, Verse u. Vers, gespr. Ferrse u. Ferrs; im Familiennamen Fersen gedehnt und gespr.: Fär-sen. Geschärft in den Ortsnamen Selburg u. Semgállen. gespr. Sell- und Semm-. Die Taufnamen Edwin, Edgar und Edmund zeigen stets geschärftes e u. werden gesprochen Edd'win, Edd'gar und Edd'mund; Eduard zeigt stets gedehntes e und wird gesprochen E-dward od. Ed-ward. Nie übliche Schreibung mit u ebenso falsch wie in Balduin.
In Wörtern wie andere wird das vorletzte e gew. nicht gesprochen (an-dre); in anderen u.ä. das letzte e meist verschluckt: bei andern Leuten.
Im Russischen zuweilen Einschaltungslaut. Daher глянецъ aus Glanz.

e2 Interj
‣ Varianten: eh

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1864, 219
e od. eh, als Ausruf, wird von Grimm aus dem franz. hergeleitet. Hier ganz gewönlich st. des fast ungebräuchlichen ei od.st. des ebenfalls häufigen ä od. i. und keine Andeutung, dass es dem Französ. entnommen sei (dem es auch nicht ganz in der Bedeutung entspricht). Bei Bezeichnung des Unwillens od. der Ungeduld: e, lass ihn doch! — e zum Henker! — Haben Sie lange gewartet? E ja, eine volle Stunde! E was will er mir thun? ich fürchte nichts.— Ganz entsprechend dem ä, doch in der Aussprache häufig nicht mit demselben zusammenfallend, und rein e lautend.

-e3 Suff

DAZU:
siehe auch Aussprache

QUELLEN

Gutzeit 1892b, 23
ge. Hauptwörter mit vorlaufendem ge lassen gewönlich das Schluss-e nicht hören. Daher: Geank, Gestön, Gekrächz.

Ei das

QUELLEN

Gutzeit 1864, 223
Ei. Ein unbrütbares Ei, St. — Eier unterlegen, einem Huhn, einer Ente. — Der Amtmann soll auch nicht auf ein Ei-Werts Geschenk od. Verehrung annehmen, 328: nicht das Geringste.
Ein Weiß von Ei, ein Gelb von Ei durchweg üblich f. Eiweiß u. Eigelb. Zwei, drei Weiß von Ei, zehn Gelb von Ei, st. 2, 3 Eiweiße. 10 Eigelbe. Mehl, Zucker mit Weiß von Ei, Gelb von Ei zusammenrüren. Gewönlich ist auch st. Eiweiß, Eigelb: das Weiße od. Gelbe vom od. von einem Ei; endlich Weiß u. Gelb vom Ei. Schon in 328 findet sich: das Weiße vom Ei, und: mit Weiß vom Ei st. Eiweiß.
Zur Osternzeit „kullert“ man Eier. Bei diesem Spiel — das „ Eierkullern,“ Rollen von Eiern — rollt man hartgesottne und gefärbte Eier theils auf ebner Erde gegeneinander, theils von einer kleinen Rinne hinab. Hier ein russ. Gebrauch. Im Harz und in der Eifel rollt man Eier von Bergen herab. — Eier schlagen — in Schwaben u. Baiern: pecken — zur Osternzeit,mit dem spitzen od. stumpfen Ende (Pugge) gegen einander stoßen; der, dessen Ei zerbricht,hat es verloren.
Ra. Wie mit einem rohen Ei umgehen, St.: einen wie ein rohes Ei behandeln; ein rohes Ei sein, empfindlich; die Eier sind noch nicht gekocht, d. h. die Angelegenheit ist noch nicht reif; ungelegte Eier, Dinge, die noch nicht vorhanden sind; wie auf Eiern gehen, nicht fest mit den Füßen austreten, wie es Gelähmte thun.
Fast allein üblich für das nur den Gebildeten bekannte Hode. Glimm sagt: zuweilen st. Hode, wie Schmeller anf., und ebenso im Littauschen. Im russ. aber auch Jaizó. — Davon: Eiersack — Hodensack. Ebenso gew. ist Klote.
Bildlich f. Wurfgeschoss. Hierauf warf die Stadt (Riga) aus ihrem Feuermörser, der Rabe genannt, manche harte Eier in das Schloss, woran sich Viele den Tod aßen. 195. rotes B.

Gutzeit 1886, 228f.
Ei, oft sammelwörtlich. Klümpchen aus Schmand, Mehl und Ei; Teig aus Butter, Ei u. Reibbrod, 155; man wälzt die Stücke des Fisches in zerklopftem Ei, 155. 2. 195. — Verlorene Eier. Man kocht Wasser mit etwas Salz und Weinessig auf, schlägt frische Eier behutsam hinein, läßt sie einige Minuten kochen, doch so, daß das Gelbe noch flüssig ist, hebt sie in kalt Wasser u. läßt sie stehen. Dies nennt man verlorne Eier, 155. 2. 22; Suppe mit verlorenen Eiern, ebda. Verlorene Eier verschiedener Art in 397.
Wir sprechen: drei Weiß von Ei, vier Gelb von Ei, von dreien Gelb von Ei nimmt man —; zu dem, zu den Gelb von Ei klopft man Mehl — stets in der Weise, als hätten wir ein einziges, abendungsloses Wort vor uns. Einige neuere inländische Kochbücher glauben das Abendungslose vermeiden zu müssen und schreiben: Zwei Gelbe vom Ei, drei Weiße vom Ei — wo das „vom“ ganz seltsam ist. Ein französischer Einfluss zur Bildung dieser Redeweise ist zwar angenommen, aber zurückzuweisen u. namentlich in dem neueren „vom Ei“ nicht zu begründen. Bemerkenswert ist, dass in der Grundlage unserer Kochbücher, dem schwed. Kochbuch der Christina Warg übersetzt zu Greifswalde 1778, unsere Ausdrucksweise nicht begegnet, wol aber eine noch seltsamere. Es heißt dort: acht Gelbes von Eyern, zwei Gelb von Eyern, sechs Gelb von Eyer, mit zwölf Gelben von Eyer, 24 Gelbe von Eyern, acht gut geschlagene Weis von Eyern, ein Weißes vom Ey, zwei Weißes von Eyer und von Eyern, Milchgericht von Weis von Eyer, das Weiße von Eyer, sechs Weisses oder Weisse von Eyer. Daneben indessen auch: Das Weisse von Eyern, von 10 Eyern das Gelbe. In der Warg Kochbuch ist eine Getrenntheit der 3 Wörter Weiß (Gelb), von und Ei zu erkennen, in unserer Redeweise verbinden sich alle drei wie zu einem festen, einigen Ganzen. Ebenso auch in Reval u. Estland.
Die livländ. Geschichtsschreiber, zuerst Dionysius Fabricius u. Hiärne, füren einen alten Reim an, der in Livland bekannt war:
Herr Bischof Hermann Bei / Gab sein Bistum um ein Ei, / Herr Jodokus von der Necke / Warf das seine gar im Drecke,
vgl. 347. I. 2. 310, d. h. um ein Geringes, um eine Kleinigkeit; im Drecke st. in den Dreck.

Gutzeit 1886, 229
Ei, Hode. Das rechte Ei ist ihm geschwollen. — Einem die Eier quetschen, ihm tüchtig zusetzen, ihn tüchtig mitnemen.

ei1 Interj

siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1864, 223
ei. Dieses Empfindungswort ist nur im Munde Weniger. Wir ersetzen es durch ai, i, oi u. ui.

-ei2 Suff

QUELLEN

Gutzeit 1886, 228
ei, beliebte Endung bei Nennung von Häusern unter dörpt. Studenten: die Hezelei, das Hezelsche Haus, die Vogtei, Vogts Haus, die Töpferei, Töpfers Haus.

-el Suff

QUELLEN

Gutzeit 1864, 253
el, als verbindende Sylbe in einigen halbplattd. Wörtern: Denkelbuch, Fastelabend, Kindelbier; selten Richteltag st. Richtetag. In plattd. Schriftst. kommen noch vor Schrivelber u. Gewelber, Schreibe- u.Gebebier.

-en Suff

QUELLEN

Gutzeit 1864, 255
en. 1) als Zwischensilbe in Quastenstiel, Bleckenzeug, Blechenschläger, Birnenbaum, Kirschenbaum, Schrankenschlüssel, Bankenbaum, Bankengeld st. Quaststiel, Blechzeug u.s. w.; in Bastensieb, Bastenstrick, Bastentuch, Strauchenquast vielleicht nur Endung des Beiworts: basten Sieb, strauchen Quast. Sehr allgemein in zusammengesetzten Namen: Holstenhof st. Holsts Hof, Schwarzenhof st. Schwarzhof, Fossenholm, Rammenhof. Enden die Namen nicht auf st, ß, ss od. z, sondern auf e, so wird nur n eingeschoben: Kojenholm, Kotenhof, nach den Besitzern Koje u. Koke. — 2) als Endung von Nebenwörtern früher gewönlich. Dieblichen beschlagen werden; erstlichen, ernstlichen, häusigen, fleißigen st. dieblich, erstlich, häufig. Ein halbes Überbleibsel des nd. redliken, eindrechtliken. — 3) als Endung bei weiblichen Namen, statt der in Deutschland üblichen, hier unbekannten Endung in, bei Namen, die auf a. au, o, n, s, t und z ausgehn. Z.B. die Ramlauen, Reimersen, Boltoen, Schwarzen st. Ramlau, Reimers, Bolto, Schwarz. Bei Namen, die auf e, i, r auslauten, ist nur apostrophirtes n zu hören. Die Poppe'n, Jakobi'n, Müller'n. Diese Endung ist gew. in vertraulicher Sprache, und hat „durchaus nichts Wegwerfendes od. Geringschätziges, was der ebenfalls gewönlichen Endung sche anklebt.

Gutzeit 1886, 245
en, 3) als Endung bei Familiennamen,z. B. die Blau-en u. s. w., seit 30 Jahrensehr abgekommen, hier u. da schon unbekannt(1868), oder ganz unedel. Bei Namen auf e und el und einigen anderen Endlauten wird en zu einfachem n: die Emme'n, die Löbel'n, die Löffler'n. Am Montag begleiteten mich meine Frau und die Ebeln zu Falck hin, 174. 1885. 185. J. 1788.

Seemann von Jesersky 1913, 115
als Nachsilbe eines Familiennamens bedeutet die Frau: die Schnetzen, Müllern, Kruskoppen.

er-1 Präf
'drückt eine zu Ende bzw. zu einem Ergebnis geführte Tätigkeit aus'
ich warte ihn längst, aber noch kann ich ihn nicht erwarten
deshalb muß auch eine künftige Wöchnerin sich so lange warten, bis sie sich in der Entbindung erwartet hat

QUELLEN

Krüger 1832, 133
a) Aus dem Plattdeutschen, das weiland hier herrschte: statt der Bach, die Bäche, im Singular (Behk); statt kriechen, kraufen (kruhpen); statt Schrank, Schaff (Schapp); jo mehr, jo besser; binahe; statt heil, ganz, heel; eben daher noch in Seeplätzen und alten guten Häusern, du hest (hattest), ich müßt', könnt', z.B. ich könnt nicht kommen, ich hätt kein Zeit nicht, denn mein Vater hätt mich nöthig, ich müßt für ihm ausgehn. Daher vermuthlich auch warten für erwarten. Ich warte ihn längst, aber noch kann ich ihn nicht erwarten: man meint also, daß im Erwarten der Erfolg des Wartens mit ausgedrückt sey, welches doch die Bildungssylbe er gar nicht immer in sich faßt; z.B. erzählen, ersuchen, erfordern. Deshalb muß auch eine künftige Wöchnerin sich so lange warten, bis sie sich in der Entbindung erwartet hat. Ein sinnreicher Irrthum, den das falsch gedeutete Plattdeutsch verschuldet.

-er2 Suff

QUELLEN

Gutzeit 1864, 259
er, als Endung 1) verschiedener Nebenwörter, in unedler Sprache gew. Dadurcher, wodurcher, hernachcr, hereiner, heraufer, heraußer. — 2) der Beiwörter,wenn mehrere zusammenstehn, oft weggelassen. Echt u. rechter Geburt sein, in d. rig. Schragen; ein gelb u. rotes Tuch; Stender hat: ein dick rund u. fetter Mensch. — 3) der Vielzal. Früher sprach u. schrieb man gew.: Gesindel, Schillinger u. s. w. st. der jetzt üblichen Gesinde, Schillinge.

Seemann von Jesersky 1913, 116
als Nachsilbe häufig gebräuchlich heraufer, heraußer, herreiner, heranner

-es Suff

QUELLEN

Gutzeit 1886, 251
als Beiwortsendung kann ausfallen. Ein weiß und schwarzes Hündchen, 361. 1879. 103; eine braun u. schwarzgefleckte Katze. Gew.

f

DAZU:
siehe auch Aussprache

QUELLEN

Gutzeit 1864, 268
f Lautet in der Mitte vieler Wörter in der gewönlichen Rede, wie das auch in Deutschland vorkommt, wie w : Briefe, Fünfer, fünferlei, Schelfer, schelfern, schelfrig, steife, steifer, steifest, Steifigkeit, schiefe, schiefer, schiefest. Lose und Hufe; seltner in Wolfe, Löfe und Höfe, selten od. nie in : Tiefe, tiefer, riefen, triefen, schliefen; nie in raufen, rufen. Früher war die w - Aussprache viel häufiger, und man findet z. B., in Gilbert (328) selbst geschrieben Howe u. Huwe st. Hofe u. Hufe, u. Hewen gew. st. Hefen.
f od. ff mit vorlautendem u. geschärftem e od. ä, seltner i , ö, u und ü, Laut, der entsteht, wenn der Atem durch die verengte Mundspalte mehr od. weniger schnell eingezogen wird. Oft 1) als Ausdruck des Schmerzes bei Verbrennung od. Verwundung. In Sanders Wörtern.: st. 2) als Ausruf, wenn man im Versehen etwas umstößt od. fallen lässt, wenn im Billardspiel der Ball weiter läuft, als man wünscht u. s. w.

Gutzeit 1864, 268
f mit nachlautendem ä od. e, Laut, der entsteht, wenn man durch die verengte Mundspalte bläst, um eine heiße Flüssigkeit abzukülen, oder um Schmerz u. Hitze bei einer Hautverbrennung zu lindern.

Gutzeit 1886, 253
Das deutsche F vertritt slawisches u. russisches w, b, p, ch u. chw (в, б, п, х, хв). Dies ist von den Sprachforschern oft übersehen worden u. daher z. B. bei Furche u. furchen nicht an russ. бора u. борозда, u. бороздить, пороть u. порвать, bei Fraß u. befehlen nicht an брашно u. повелѣть gedacht, bei fäch u. Feh (Veh), Pfad, fal, fallen, Falz u. falzen, faren, Fasel u. wachsen, Feier, Feile, fassen, feist u. Feiß, Ferse, Fesen, First, flach, Flamme, Fleck u. fleckig, Fleisch, Flinse, Flise, Flocke, Floss, Forst, frast, fratt u. fratten, freien, frisch, fromm, Frone u. fronen, Fuse nicht an векша, падъ, половый, валить, пазъ u. пазить, пазгать, варять, поять u. хватать, пила, пѣстать, пята, овесъ, вершина, пологiй u. плоскiй, пламя u. slaw. поломя, пега u. пѣгий, плоть, блинецъ, плита, волокно u. хлопьѳ (u. клопъ), плотъ, хворостъ (dieses auch = Horst, Strauchwerk), простый, прѣть, прiятъ, прѣсный, прямый, прония u. прониять, быза. Das F stimmt außerdem in Fitze — вица, feuchten — вихтевать, Schwefel — жупель. Ebenso altn. u. nd. fors — vorsch, bei Kaiser Constantin φόρος, russ. порогъ. Ein Wechsel von F u. P ist vermutlich auch in dem altnord. Namen der Erdgöttin, der Mutter des Donnergottes, Fiörgyn gegenüber dem slaw. Perun u. lit. Perkunas anzunemen, nicht oder Fiörgyn auf got. fairguni u. dieses auf ein älteres Perchun, Perhun zurückzuleiten, wie Grimms Wb. tut (II. 1052) und auszusprechen, dass die Litauer ihren Donnergott Perkunas, die Slawen Perun nennen, „weil man den Donner vom Berg niederfahren ließ.“ Die slaw. Sprachforscher können Perun viel ungezwungener zurückfüren auf прать — перу (griech. περάω u. πείρω); Perun ist danach Schlagender, Treffender. Doch vgl. 472c. 29. — Das den Slawen, bez. Russen unbequeme F wird auch bei Февронья im gemeinen Leben in Хавронья, bei Филька in Хвилька, bei Futter in хутра verwandelt. Eine Reihe andrer Wörter u. Namen in 472b. 11 u. 12 u. in 472c. 27 u. 85. Beispielsweise können auch die ganz deutsch klingenden Familiennamen Freisleben u. Bockslaff in slaw. Predi-, Pridi- oder Prißlaw u. Bogußlaw wiedergefunden werden. I m Estnischen wird deutsches F durch W vertreten, z. B. Fräulein — Wreilein; im Lettischen durch P u. Sp, z. B. Strafe — strape, Franz — Spranzis. —
F soll gesprochen werden, behauptet Grimms Wtb., „von uns Allen“ in Valentin und Venus u. ä., daher auch fagiren (vagiren). In Livland lautet Valentin u. Venus wie Wa-lentin u. Wenus, u. ebenso in allen Wörtern mit v, welche aus dem Lateinischen, Französischen oder Polnischen stammen: ventiliren, Valérie u. Valesca. Ins Deutsche übergegangene Wörter andrer Art zeigen dagegen V=F, z. B. Vogtei, Vogt, vexiren, wie Fogt, Fogtei, fexiren.
Das zwischenlaufende F wird, entsprechend dem früher bei uns üblich gewesenen Niederdeutsch, oft wie W gesprochen Briwe, Fümwer, Steiwigteit, Howe st. Briefe, Fünfer, Steifigkeit, Hofe. Doch verliert sich dieser Gebrauch. Selten daher noch: wir dürwen st. dürfen, Wölwe st. Wölfe; sehr gew. jedoch Schelwer u. schelwern st. Schelfer u. schelfern, aber kaum mehr Schwewel f. Schwefel. In Reval, Hannover u. Frevel hört man in Livland nur w, in Estland: Re-fall.
Grimms Wtb. sagt S. 1212 unter FF,dass zur Stunde Niemand weiß, ob man schreiben soll Popof, Popoff oder Popow. Die Antwort ist eine sehr einfache u. die richtige Wiedergabe nur mit w, das wie: ff gesprochen wird, wie „und“ u. „Hund„gesprochen werden unt u. Hunt, aber doch nur geschrieben und u. Hund.
Aus etwas kein f machen können: sich nichts herausgestalten, sich kein Bild von etwas machen können, kein vollständiges Ergebniss erzielen u. dgl.

Gutzeit 1898, 10
Zu dem über F in den Nachträgen von 1886 Gegebenen ist hinzuzufügen, daß für anlautendes deutsches F durch die ganze russische Sprache P läuft: fasten — постить, Feier — пиръ, Feile — пила, Feld — поле, Fichte — пихта, fal, falb — половый, flach - полоскiй und пологiй (abschüssig, abhängig), Fläche — пологъ, Flamme - пламя, slaw. поломя, flechten — плести, Fleisch - плотъ, Flise — плита, Floss — плотъ, flößen - плавить, fragen — просить (precari), Pflaster — пластырь, Pflug — плугъ, fratt und fretten — преть, Freund, altn. friandr — прiятель, Volk — полкъ, frisch — прѣсный, voll und füllen — полный und полнить, für, vor, von, vorder — передъ, пpo, goth. hlaifs, engl. loafe, altn. hleifr, altschwed. lef, dän. lev — хлебъ u. a. Seltener dafür russ. б: Före — бoръ, Furche — бoрa, Floh — блоха, Furt — бродъ, Fraß — брашно; noch sparsamer хв: fassen, nnl. vatten, schwed. fatta —хватать, kleinruss. фатати neben хватати, slaw. по-яти, Forst — хворостъ, kleinruss. auch форостъ. In änlicher Weise findet sich das griechische, dem skandinavischen F nachgeschriebene russische Ф mit russ. P, B und W (П, Б, В) wiedergegeben schon in den skandinavischen Namen des anfänglichen Russlands, welche in den russisch-griechischen Verträgen von 907, 911 und 945 uns aufbehalten sind. vgl. W. v. Gutzeit, die skandinavischen Namen im anfänglichen Russland, I, II und III, Riga, 1880.

Interj
‣ Varianten: foi
'namentlich als Ausdruck des Ekels od. Widerwillens' de pfui; et vuih

DAZU:
Fäh! das ist doch gar zu natürlich
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1864, 268
, oft st. pfui, namentlich als Ausdruck des Ekels od. Widerwillens. Fäh! das ist doch gar zu natürlich. Bertram balt. Skizzen; fäh! wie die Ritter — ebda.— das ä lautet meist kurz und abgestoßen, vgl. fai.

Sallmann 1880, 74
foi

ff

QUELLEN

Gutzeit 1892b, 17
ff, in kaufmännischer Sprache = feinstes, ff Heburn Kohlen.

G

ge- Präf

QUELLEN

Gutzeit 1877, 316
ge. Als Vorsylbe in älteren Schriften oft fehlend. So in: loben, raum, ring, heim st. geloben, geraum, gering, geheim; Redschaft, Wand, Walt f. Gerätschaft, Gewand, Gewalt; gangen f. gegangen. In anderen Fallen überflüssig und bedeutungslos. So in: gebillig, gefallen, gehelfen, generen, geriten, geschaffen, geschreiben, gesehen, gesein, gestillen, getun, gewandeln, gewerden, gewissen u. a. st. billig, fallen, helfen u. s. w. Auch schon im nd.: gegraven f. graven, gehachte f. hachte oder hechte, getuchniffe f. tuchnifse, gewerde st. werd, gemagelik st. magelik. vgl. 399. V. 1056.

H

QUELLEN

Gutzeit 1889b, 465
In Livland ist das Zwischen-h meist stumm, und wir sprechen E-e, Hö-e, ho-e, hö-er, se-en, blü-en, zie-en st. E-he,Hö-he u. s. w. Nur diejenigen, die sich einer gewälteren Aussprache befleißigen, lassen dies Zwischen-h hören. Ob die letztere Aussprache richtiger ist, könnte auf Grund des Grimmschen Wörterbuchs bestritten worden, welches behauptet, dass das h in sehen, blühen, ziehen, höher u. a. stumm sei. Doch kann diese Behauptung durchaus nicht auf allgemeine Gültigkeit Anspruch machen.
Für unedel wird die Sprechweise angesehen, welche das im Allgemeinen stumme h zu einem j übergehen lässt. Man hört dann zie-jen f. ziehen, Rei-jef. Reihe, Mü-je und mü-jen f. Mühe und mühen, sprü-jen f. sprühen, hö-jer und erhö-jen f. höher und erhöhen, blü-jen f. blühen, blü-jende Gewächse, brü-jend heiß, verzei-jen f. verzeihen, Hö-je und Högde f. Höhe, e-jer f. eher, E-je f. Ehe, nä-jen f. nähen. Hiezu gehört auch die Aussprache: es ziecht f. zieht.
Von deutschsprechenden Letten wird, wie oft auch von Franzosen, ein h angebracht, wo es fehlt (Hei st. Ei), und abgestoßen, wo es vorhanden ist (Ei st. Heu). Hieran kann zuweilen die Nationalität erkannt werden, die sich bei gebildeten Letten, welche der deutschen Sprache vollkommen mächtig sind, sonst durch nichts verrät.

Gutzeit 1889b, 465
H, als Zeichen auf Heringstonnen, bezeichnet holländische Heringe, wie N nordische oder Norder, S schwedische und A. Ahlburger. — Bei den Aschwrackern bezeichnet H Hausasche. — Bei Flachsen bezeichnet HD Hofsdreiband, HDW Hofsdreibandwrack. Daher auch HD Marken. Für HD Marken zeigte sich mehr Begehr, rig. Ztg. 1663.

ha Interj
‣ Varianten: ho
'Jagdrufe, wenn ein bestimmtes Tier gesehen wird'
ha Bar [Bär]
ho Bunt [Luchs]
ha Flick [Reh]
ha Fühl [Fuchs]
ha Gräber [Dachs]
ha Lang [Elentier od. Hirsch]
ha Lett [(grauer) Hase]
ha Lif [livländischer Hase]
ha Liep [livländischer Hase]
ho Schabar [Wolf]
ha Schap [Wolf]
ha Weiß [(weißer) Hase]
siehe auch berufen

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Buddeus 1847, 323f.
Man hört den Jagdruf „Haflik“ (ein Reh) oder „Haful“ (ein Fuchs), weit seltener schon „Schabah“ (ein Wolf) oder „Halong“ (ein Elentier), am seltensten „Hastink“ (ein Luchs), wie überall am häufigsten „Halatt“ (Lampe, der Hase)

Gutzeit 1859, 119
ha 2) einen Bär od. Wolf. Jagdausdruck, den schon Stender anf. Vom „Berufen des Wildes“ sollte in der Baumann-Kriese'schen Jagdlehre gehandelt werden. vgl. 176.1827.60.

Gutzeit 1882, 146, 171, 174
Lang. Im Jagdruf Ha Lang! Wenn ein Elenn sich zeigt.
Lif, mit ha verbunden: Ha Lif, als Jagdruf, einen livl. Hasen anzeigend, s. Ha und Lip.
Lip. Ha Liep! ein Jagdruf, in gleicher Bed. mit Ha Lif. Jede weidmännische Berufung macht ihm Ha Fühl! Ha Lett! Ha Liep! Ha Schaap! Ha Baar! Ha Lang! Ha Bergmann! 332. 6.

Gutzeit 1889b, 465
ha, in dem Jagdruf ha Lett, ha Ful u. s. w. Unser Ha Lang! — Ha Flick! — Ha Bar! — Ha Schap! — Ha Fühl! — Ha Lett! - erschallen lassen, 332. II. 11—12; Ha Fühl! Ha Lett! Ha Liep! Ha Schap! Ha Baar! Ha Lang! Ha Bergmann! ebda.; wessen Wacht ichm! wessen Ha Fühl war schallender als das Seinige? ebda. IV. 23. Wenn ein kräftiges Ha Lett oder Ha Fuhl ertönt, rig. Ztg. 1864. 95. Ha Bar wird gerufen, wenn ein Bär sich zeigt, ha Flick, wenn ein Reh, ha Fühl, wenn ein Fuchs, ha Lett, wenn ein grauer Hase, ha Lif, wenn ein livländischer Hase, ha Lang, wenn ein Elenn sich zeigt. Vgl. Flick und Ful. — In diesem ha könnte man versucht sein das französische hare im: hussa zu erkennen, besonders weil französische Jagdausdrücke große Verbreitung gefunden haben. Bei Franzosen ist hare lévrier ein Ermunterungsruf für die Windhunde bei Hetzjagden und hare loup bei Wolfsjagden ein Zuruf an die Hunde, wenn der Wolf sich sehen lässt.

Gutzeit 1892b, 23f.
Ha Lett! S. v. Rechenberg-Linten(Zustände Kurlands, Mitau 1858) sagt S. 42—43 folgendes: Zum „Berufen“ des Wildes wurden eigenthümliche, von der wirklichen Benennung abweichende Ausdrücke gebraucht, und zwar: für einen Hasen — „Halet“. Das Ha! ist nun offenbar Interjection und das Let kann mannigfaltig derivirt werden. Es giebt verschiedene Hasenarten, eine nämlich mit besonders breiten Ohren und dicken Köpfen, die im Gegensätze von den, in Flächen mit spitzen Köpfen undschmalen Ohren hausenden, mehrentheilssich im Walde aufhält und von den die Species provinziell Lettauer heißt. Diese Benennung kann nun von latae aures, breite Ohren, lat — Ohr, — ferner von Litthauer, weil diese Hasenart auch besonders einheimisch in dem benachbarten Litthauen ist, — oder auch von Lette - spottwbise über die von den deutschen Rittern besiegten, von ihnen furchtsam erachteten Letten, — oder auch von lepus (Hase) statt Halep, korrumpirt Halet, — hergeleitet werden. — Die Berufung eines Fuchses — „Haful“ hat kaum eine Ähnlichkeit des Klanges: Fuchs und Fühl, selbst nicht aus der Ferne. So auch haben Wolf und „Schabah“ weder Klang- noch Sylbenverwandtschaft; es sei denn daß Schabah, auf Russisch Schubah, einen guten Pelz bedeute. Ein Reh und „Ha Flick“ sind ebenso verschieden. — wenn nicht die letzte Sylbe etwa ein corrumpirtes „flink“, schnell, behend bedeuten soll. — Ein Elenthier — „Halang“ ist auch nicht wohl zu deriviren, da dieses Thier nicht von langem, sondern kurzem Körperbau, und nur sehr hochbeinig ist. Allenfalls könnte die Bezeichnung von dem französischen Elan , Elenthier, abgeleitet werden; so wie das Auffliegen des Flugwildes, das „Kiroh“ — von tire haut, schieß hoch, oder auch von dem altdeutschen küren sehen, in die Höhe sehen. — Im Wörterschatze habe ich bereits (I. 465) die Vermutung geäußert, dass das Ha nicht unser Empfindungswort, sondern das franz. hare ist — ein Hetzruf für die Jagdhunde. Auch an das franz. haler Hetzen, anhetzen(die Jagdhunde) könnte gedacht, und in Ha Lett das franz. alerte: aufgepaßt!habt acht! vermutet werden. Dem widerstreitet aber, dass Ha Lett für den grauen Hasen, Ha Lif für den livländischen Hasen zur Berufung dient. In Lett ist also ein litauischer Hase (Litauer) zu erkennen, in Lif ein livländischer. — In dem Jagdruf „Ha Schabah“, den E. v. Rechenberg-Linten anfürt, ist das den livländischen Jägern bekannte Ha Schap! zu erkennen, und an russ. шуба, wol nicht zu denken. —vgl. Flick und Fühl.

Gutzeit 1894, 6
Als Jagdausdruck. vgl. Wörterschatz I und Nachträge von 1886 und 1892. Damit die Schützen, sowie der die Jagd führende Jäger, der Piqueur, sich darnach richten können, muß jeder Schütze jedes Wild, auf das er einen Schuß abgegeben hat, oder dessen er auch nur ansichtig geworden ist, berufen, und zwar mit der für jede Wildart vorgeschriebenen Benennung. Die Benennungen für die verschiedenen Wildarten sind jagdgebräuchlich folgende: der Bär wird berufen mit „ho Bär“, der Wolf „ho Schabar“, das Elen „ho Lang“, der Luchs „ho Bunt“, das Reh ha flink“, der Fuchs „ha Fuhl“, der Hase „ha lett“, der Dachs „ha Gräber“. Baron F. Nolde, Jagd und Hege, II.82. S., der bei einer Elensjagd sein eigenes gesatteltes Pferd, so sich losgerissen hatte, statt eines Elens, erschoß, und es auch als geschossenes Elen berief!! Eine Augenverblendung! 332.III.

Gutzeit 1894, 16
Ha, im Jagdruf Ha Lett, Ha Lif, Ha Lang, Ha Ful, Ha Schap! — Dies Ha ist offenbar nicht das deutsche Ha! Dieses ist uns zwar bekannt, wird aber nicht gebraucht und ersetzt durch ah! Schon deshalb ist es unwahrscheinlich, daß Ha in Ha Lett! u. s. w. deutsches Ha ist. Das ha ist demnach wahrscheinlich das franz. hare, wie dasselbe auch in halali erscheint. Die Vermutung, dass in Ha franz. hare zu finden sein mögte, ist aufzugeben, da in Ha offenbar kein Hetzruf, sondern ein bloßer Ausruf enthalten ist; ebenso ist bei Ha Lett das vermutete franz. alerte abzuweisen. — Die von Baron F. Nolde in Jagd und Hege II . 82 angegebenen Benennungen für die Berufung des erblickten oder geschossenen Wildes weichen von den in Livland gebräuchlichen und von den Rechenberg-Lintenschen(vgl. Nachträge v. 1892 unter Ha Lett!) einigermaßen ab. Baron Nolde hat Schabar, Baron Rechenberg-Linten Schabah — für das livlandische Schap; Flink für Flick (bei Baron Rechenberg Linten und in Livland); Gräber (Dachs) für Stänker in Livland. Für den Luchs fürt er an: ha Bunt. vgl. Nachträge von 1892 und berufen ebenda. — Dem Französischen ist auch unser siwá, entnommen, vgl. Wörterschatz I. 530.

Taube 1944, 15
Mit der Erinnerung aus jenen Zeiten an meinen Vater verbindet sich auch die Erinnerung an eine ganze Jagd, die ich eines Weihnachtens bakam: Bäume, Wild, Hunde und einen Jäger, hergestellt aus einer Papiermachémasse; ich spielte mit diesen Sachen immer gern auch allein. Doch war ich selig, wenn mein Vater mitspielte und die ganze Jagd in aufgeregten raschen Schwung brachte, mich dabei auch in all die Jagdsignale und Rufe einweihend, die so mannigfach in unserer Schwesterprovinz Kurland üblich waren und die er von dortigen Studienfreunden gelernt hatte. Denn jedes Tier wird dort mit einem anderen Ausruf signalisiert; der Hase mit „Halett!“, der Fuchs mit „Haflick!“, soweit ich mich erinnere.“


QUELLEN (Informanten)
Schönfeldt, Alfred, Sen.: Riga, Petersburg, Estland
Meine Frage an einige jagdkundige Landsleute ergab, daß es wohl Halitt heißen müßte: so riefen in Kurland die Treiber, wenn ein 'Litauer' (Grauhase) 'hochgemacht' wurde. Beim Signalisieren des Schneehasen riefen die Treiber „Haweiß!“, beim Fuchs „Ha-Fuchs!“. (So Dr. Walter Lange in Duisburg.
Nach Dr. med. Harold Scheinpflug in Friedrichshafen galten die Rufe den Hunden, um sie anzufeuern. In Livland habe man, wenn ein Hase 'hochgemacht' wurde, „Halett!“ oder „Halitt!“ gerufen, beim Reh - „Haflick!“, beim Fuchs - „Haful!“, beim Elch - „Halan!“
Wenn Taube auch den Ruf „Hastink!“ für die Wildkatze anführt, so handelte es sich dabei wohl um einen Scherz des Vaters.

he Interj
selten.

QUELLEN

Gutzeit 1877, 503
he, Interjektion, ganz ungebräuchlich.

He

QUELLEN

Gutzeit 1877, 503
He, er, zur Bezeichnung eines männlichen Thieres. Obgleich in ganz Niederdeutschland gäng und gäbe, doch hier ganz unbekannt.

hm Interj
‣ Varianten: hem, hum

QUELLEN

Gutzeit 1889a, 12
hm, hem, hum, ebenso russ гмъ. Diese Wörter sind hier ganz unbekannt, wenn mit ihnen nicht die Kehllaute wiedergegeben sein sollten, welche Unzufriedenheit, Unwillen, Zweifel, Nachdenken ausdrucken sollen, und bei uns mit geschärftem ü zu Tage treten.

ho Interj
‣ Varianten: hoch

siehe auch Interjektionen

I

QUELLEN

Gutzeit 1889b, 554
I. Wird in nachlässiger Sprechweise oft geschärft. Gibt, liest lauten dann wie gippt, lisst; sieh, siehst, namentlich siehst Du! sieh mal an! wie si (ᴗ), sisst; Dinstag wie Dinnstag; diesjährig, diesseit, diesseitig wie dissjährig, disseit; sóviel und sóviele, sóvielst wie sóffill, sóffille, sóffillst; der wievielte wiewiffillte; Friedrich wie Fridd'rich. Früher soll auch der Familienname Vietinghof (nach Graf Mellin in Hupels Materialien zu einer Adelsgeschichte) gesprochen sein Vittinghof statt, wie jetzt, Vietinghof. Vielleicht wird sogar zu vleicht.
Auch bei Bestsprechenden hört man durchweg virrtel, virrzehn, virrzig statt viertel, vierzehn, vierzig (viertehalb aber mit gedehntem i!) und ebenso ausnahmslos krichst (ᴗ), kricht (ᴗ), krichte, gekricht von kriegen (bekommen).
Durch die Schärfung des i entstehen einige Wortgestalten, die üblicher sind als die im Hochdeutschen geltenden: Fiddel, Fidd'ler, fiddeln, Fiddelbogen st. Fidel, Fidler u. s. w.
i und ie vergröbern sich zuweilen zu ich. Wie der aussicht (ᴗ) st. aussieht. Vicher (-) st. Viehe. — Die fremde Endung in Comödie und Tragödie wird meist wie i und betont gesprochen, ebenso in Namen wie Leocadie u. ä.; in Julie, Antonie u. ä. aber zweisilbig. Die Monatsnamen Juni und Juli haben stets die erste betont (in Riga).
i vor einem Selbstlaute wird znweilen zu ij. Spioniren wird zu spi—joniren, speien zu spei—jen. — Ebenso am Ende einiger Empfindungswörter; pfui, ai, oi, ui, wai werden dann (einsilbig) ausgesprochen fui—j oder fui—ch, ei—ch, ui—ch, wai—ch.

-ig

QUELLEN

Westermann 1887, 387
Ferner ist als Eigenthümlichkeit der Umgangssprache namentlich in Kurland die Verwandlung von Adverbien in Adjektive anzugeben: Dahierig, anderswoig, daraufig (darauf folgend), daselbig oder daselbstig, einerleiig, malaufnalig (ausnahmslos),

Gutzeit 1889b, 555
ig wird ebenso wie lich, keit u. a. in älterer Sprech- oder Schreibweise oft weggelassen. Schäd- und nachtheilig sein, 275. 24. — In der Aussprache wird ig znweilen zu icht: deinicht, diesjähricht u. a.

in1 Präp

QUELLEN

Gutzeit 1889a, 20
in, im Russischen hier und da durch я vertreten. Winseln - вящить, Linse - лящь (lens). Zu вящить vgl. Вячеславъ - Wenzeslauch und ahd. wazen, und in Förstemann den Namen Waz. vgl. 472. II. 8. Anm.

Gutzeit 1889b, 557
in. Früher häufig mit Dativ statt des jetzt gebräuchlichen Accusativo, in derselben Weise wie an und auf. In Ansehung der in denen Schiffen einzuladenden Waaren, 141; den in den Stäbben einzulegenden Henpf, 141; nur durchgesehenes Gut in den Stabben hineinlegen, 141; den in den Stabben eingelegten Henpf, 141; der in der Stabbe gelegte Henpf, 141; kein untaugliches Gut in der Stubbe einlegen, 14l; in jedem Packen die entsprechende Stöcke hineinlegen, 141; in den Matten verpacktes Gut, 141; die Güte der in den Matten gestopften Flachsen, Wäger-Ord. von 1622. Diese Dativbenutzung wird jetzt gemieden von der besseren Sprechweise; in der gewönlichen ist sie aber noch gang und gäbe, wie namentlich auch bei den mit „ein“ zusammengesetzten Zeitwörtern, worüber „ein“ zu vergleichen. Alltäglich hört man auch: in einer Schule gehen, st. sie besuchen, Schüler sein; im Gymnasium, in der Kreisschule gehen, Gymnasiast, Kreisschüler sein. Daher auch: wo geht er? d. h. welche Schule besucht er; und dem entsprechend: bei Hüttel gehen, bei Mälzer's gehen, d. h. Schüler bei Büttel, Schülerin bei den Geschwistern Mälzer sein.
Noch wäre anzuführen: im Gedanken haben, im Sinne; im Talg ist kein Verkehr (mit oder in Talg ist kein Geschäft); in verschiedenen Sorten Flachs standen die Preise zwischen —. Wenn die Rinder von der Mast in die Weide kommen, st. auf; Wand von Zigeln in Cement gemauert, Ausdruck der Maurer; die Töpfer setzen Öfen entweder im Spigel oder jagends; in Schande bestellen, Schande davon haben. Ich muss in Schande bestehen, es muss mir zur Schande gereichen. Nicht: mit Schande. Wie alt ist der Knabe? Drei im vierten; er geht zehn ins elfte.
Statt des Dativs begegnet zuweilen ein falscher Accusativ, namentlich bei dem Zw. halten. Dann hält man das Kasseroll einen Augenblick in heißes Wasser.
in, als Endung weiblicher Familiennamen, wie Karschin, Neuberin u. s. w. In 175. 1856. 493 heißt es: „der Name Schulzen für die Bezeichnung einer Dame aus dieser Familie statt der noch im vorigen Jahrhundert üblichen Form auf in: also Schulzin oder Schulzerin, wenn nicht Schulzensche —". In der Thai ist in livl. Schriftstücken des vorigen Jahrh., doch selten, „in“ zu finden. So spricht eine Anzeige des rig. Rats in 172. 1770. 14 von einer Hebamme Charlotte Louise Püschnerin. Es ist aber fraglich, ob dieses „in“ wirklich dem gewönlichen Sprachgebrauch eignete oder blos dem ausländischen Schriftdeutsch entlehnt ward. Üblich und gewönlich, seit Jahrhunderten, war dagegen das plattd. sche und seit Ende vorigen Jahrh. „en“. Daher: die Namlauen, die Becken, die Löfferten. Zuweilen wurde dies „en“ zu 'n gekürzt: die Winter'n, die Göbel'n; zuweilen ließ man ein t vorauslauten: die Pfeifferten st. Pfeiffer; ausgehendes s ward zu st, z. B. Reimerßen st. Reimers. Dieses „en“ lebt gegenwärtig nur im Munde von älteren Leuten: sche erhält sich, doch nur zur Bezeichnung der Geringschätzung.
Als Endung weiblicher Hauptwörter hat in nicht selten den Hauptton. Sie ist eine Russin, eine Polin, wird häufig gesprochen Russinn, Polinn. Namentlich auch in der Vielzal: Polinnen sind liebenswürdig; Engländer zeichnen sich durch Männlichkeit aus, Engländerinnen durch Weiblichkeit; Königinnen, Fürstinnen haben Verpflichtungen.

-in2 Suff

QUELLEN

Gutzeit 1889a, 20
in, als Endung weibl. Namen begegnet schon im 17. Jahrh. So in einem Gedichte des Prof. Henning Witte auf die Frau Wandt verwittwete Prieskornin aus d. J. 1656, vgl. 361. 1878. 123, in einem Gedichte des Superintendenten Lib. Depkin v. J. 1707 auf die Frau Giese, geb. Hallerin, in einem Rathsschreiben ist, Riga 1740, eine Wittibe Gramsdorffsche genannt, an einer anderen Stelle ebenda die Gramsdorffin.

io Interj
‣ Varianten: ioo

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1889b, 559
ió, ióo, Ausruf einiger Arbeiter, z. B. auf Schiffen, beim Heben, Ziehen schwerer Lasten; auch der Frachtfuhrleute, um die Pferde anzutreiben.

je Interj

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Kobolt 1990, 132
je! Verkürzung von Jesus im Ausruf der Überraschung: Du mein Je! O je!
lbg. Je; altm. Je, Jes, Jemine, Herr Je; schl. Je Jesus, Herrje Ausruf der Überraschung; Herrjemine Herr Jesu domine.

jo

QUELLEN

Krüger 1832, 333
Bäche, f. a) Aus dem Plattdeutschen, das weiland hier herrschte: start der Bach, die Bäche, im Singular (Behk); start kriechen, kraufen (kruhpen); start Schrank, Schaff (Schapp); jo mehr, jo besser; binahe; start heil, ganz, heel; eben daher noch in Seeplätzen und alten guten Häusern, du hest (hattest), ich müßt’, könnt’, z.B. ich könnt’ nicht komme, ich hätt kein Zeit nicht, denn mein Vater hätt mir nöthig, ich müßt für ihm ausgehn. Daher vermuthlich auch warten für erwarten. Ich varte ihn längust, aber noch kann ich ihn nicht erwarten: man meint also, daß im Erwarten der Erfolg des Wartens mit ausgedrückt sey, welches doch die Bildungssylbe er gar nicht imme rin sich faßt; z.B. erzählen, ersuchen, erfordern. Deshalb muß auch eine künftige Wöchnerin sich so lange warten, bis sie sich in der Entbindung erwartet hat. Ein sinnreicher Irrthum, den das falsch gedeutete Plattdeutsch verschuldet.

Westermann 1887, 387
jo (nd. Form) 'je' jo mehr, jo besser.

Gutzeit 1889b, 564
jo, im Scherz zuweilen st. je: jo mehr jo besser, u. jo länger jo mehr. Auch aus Kurland (319) bezeugt und aus dem nd. erklärt. In 335. 181. J. 1570 steht: jo lenk jo mer, wie noch jetzt je länger je mehr. — Im Lettischen ist jo das deutsche je und desto.

K

QUELLEN

Gutzeit 1874, 2
Ebenso reich, wie die deutsche Sprache an Wörtern mit anlautendem k, ist die lettische, während die russische an ihnen, abgesehen von Fremdwörtern, überaus arm ist. In gleicher Zeit zeigt das Lettische in dreien K—Wörtern nicht allein eine auffallende Lautähnlichkeit, sondern auch eine solche Uebereinstimmung mit den entsprechenden deutschen Wörtern in der Bedeutung, dass es nicht selten zweifelhaft wird, ob das hiesige Deutsch seine Ausdrücke dem Deutschen Deutschlands oder dem Lettischen entnommen habe, oder ob selbst die deutsch klingenden Wörter auch wirtlich deutsche sind, als z. B. Kanker, Kalle, kärnen, Karpe, Karuse, Knagge, Kragge, Knep, Knupp, Knubbel, Käksche, Kauß, Kuckel, Krus, Kruukel, Kumme (Fischhalter), Küppchen, kusch u. a. Die Beurteilung dieser Fragen leitet darauf, dass 1) einige dieser Wörter, welche dem Lettischen entlehnt sein sollen, wie man bisher anzunehmen geneigt war, nicht allein hier, sondern auch in Deutschland, andrerseits selbst bis nach Estland und Petersburg hinauf bekannt und gebräuchlich sind; 2) das seinige zugleich mit dem Aufhören der niederdeutschen Sprache in Livland verschwanden und dadurch eben, wie Knep, Taille, ihre Entnahme aus dem nd., nicht aus dem Lettischen vermuten lassen, da in diesem das angeführte Wort fortbesteht und noch immer Einfluss üben könnte; dass 3) einige, z.B. Knupp, Kuckel, Kuppe im Lettischen ast- und wurzellos, aber gliederreich im Deutschen sind, auch viel früher aus deutschen Schriften zu belegen sind und selbst noch in Lange und Stender fehlen. Es ist indessen nicht zu leugnen, dass das hiesige Deutsch oft genng wie die Sprache eines Grenzgebiets erscheint, welches ebenso wie Sitte und Gebrauch beeinflusst, so auch Entwickelung von Wörtern und Bedeutungen veranlasst, die der Sprache des unbeeinflussten Sprachgebiets fremd sind, beispielsweise in Kanter und Katze (Werkzeug). Dieselben Schwierigkeiten und Fragen wie bei den K-Buchstaben treten übrigens auch bei vielen gleichzeitig lett. und deutschen Wörtern der Buchstaben P und S entgegen, namentlich auch bei Schaltwörtern, an denen die lettische Sprache einen ähnlichen Reichtum besitzt, wie die deutsche.
Die Aussprache des K ist hier stets die reine, wie sie bei Russen, Franzosen, Italienern, Engländern und in dem größten Theil Deutschlands vorkommt. Die Angabe des Grimmschen Wörterbuchs, dass die Aussprache des k in Deutschland meistentheils zwischen härterem k, g und kh schwanke und ein reines unvermischtes k, wie es die Franzosen, Italiener und Engländer in ea, oo sprechen, nicht häufig zu hören sei, ist ebenso auffallend als nicht zutreffend; eine solche Aussprache ist in Deutschland nur mundartlich, dem Hochdeutschen keineswegs eigen.
ck hat in der Mitte und am Ende eines Wortes stets den Wert zweier k, oder zeigt, wenn man will, die Schärfe des vorhergehenden Selbstlauts an. Daher werden Blick, blicken, blocken, zurück stets gesprochen Blikk, blökken u. s. w. Es gilt bei uns weder im Sprechen noch im Lesen dasjenige, was in Grimm's Wtb. (5.a) angeführt ist, „dass der einfache Auslaut,' das einfache k, für diese und ähnliche Wörter allem der Aussprache entspricht und daher im Schreiben zu empfehlen ist.“ — In dem vorliegenden Werke deuten alle mit einem ck geschriebenen Wörter auf die Schärfe des vorhergehenden Selbstlauts hin.
In unedler Sprechweise hat auslautendes k noch hier und da den Klang des ch; so in Kalk und Markt, gespr. Kalch und Marcht.
Im Handel bezeichnet der lateinische Buchstabe K. Krone oder Kron, d. h. Kronware, vorzüglichste Ware. So bei Flachs, Häringen, Leinsat, Hölzern u. a. Man liest daher: X bedang 48 Rb., W 47 und D 40 Rubel, d. h. Kronflachs, Wrackflachs, Dreibandflachs.

Gutzeit 1889a, 25
K. Große Fetthäringe werden mit KKK bezeichnet, Mittelfett mit KK, 391. 1878.

L

QUELLEN

Gutzeit 1882, 128
In einzelnen Fällen gern durch l ersetzt,z. B. im hiesigen Familiennamen Hafferberg, der gew. Haffelberg lautet und auch von Russen Гаффельбергъ gesprochen wird. Aus demselben ist vielleicht der hiesige Familienname Haffelberg hervorgegangen. Ferner für n in dem Namen des bei Riga belegenen Gütchen Hagensberg oder Hagenshof, meist Hagelsberg oder Hagelshof gelautet. vgl. Grimms Wtb. Sp. 1 und 2. Ahnliche Vorliebe für l auch im Russischen, z. B. вельблюдъ statt верблюдъ, слобода für свобода, лязыкъ für языкъ; im nd. Blokland für Brokland, Bruchland.

Gutzeit 1889a, 56
Ein Wechsel von r und l findet sich auch in dem lett algadsis Tageloner und dem slawischen argatin, bulg. und kleinruss. argat, rum. und alb. argat, türk. ergad und dem griech. έργάτης oder έργάστης, Tagelöner. Im Russischen nicht.

N

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 266f.
Vor f gewönlich wie m lautend: sanft, Sänfte, Senf, Senfes, fünf, fünfzig, fünfzehn, Fünfer (gew. Fimm-wer gesprochen), Hanf, Hänfling; fünfzig und fünfzehn dagegen meist mit n. — Vor g wie ng, ngk und m. Wie 113 in der Endsylbe ling, in bang, längs, längst, rings, in fing, rang, drang, sang, hing u. dadurch unterschieden von Fink, Rank, sank; in den Imperativen ring, sing, fang wie apostrophirtes ring', sing', fang'; in Rang (franz. rang); in Menge, mengen, in den Familiennamen Mengden, Unger und Ungern-Sternberg. Wie ngk in Ring und Ringchen (wie ng aber in Ringlein), Hang (wie ng meist in Abhang), Drang, eng (in Engweg und Engpass meist wie ng), in den Familiennamen Jung, Jungmann, Jungmeister, Langbein, Langhals, Langmann, in lang, langmütig u. ä., Sang u. Klang, Zwang, Gang; in hängte u. sengte wie ng und - ngk. Wie m oder mm in Jungfer, jungferlich, Jungfernspiel, Jungferschaft, Jungfernkranz — die wie Jummfer u. s. w. lauten. — Vor k wie ngk: anken, Bank, Dank, denken, pinkpink, pinkern, lenken, hinken, Hinkeping (spr. Hing-keping), Ranke (Pflanzenteil u. Name), in den Familiennamen Janke, Jenckel, Anke, Hanke, Henke, Hencke und Henko. Die Familiennamen Bönke, Bönken, Böncken, Benken werden gesprochen Bön-ke u. s. w. Daher auch Benkensholm (mit gedehntem e) bei Riga, nach einem Arrendator Beneken. Der Familienname Bulmerincq lautet meist mit ng, selten mit ngk.
Öfters hineingeschoben, ähnlich wie t, in leihen, bähen, die dann leinen u. bänen lauten. Zuweilen Ra-nen st. Raen, allens st. alles, ihrentwegen u. a. Hinübergezogen in hinab, hinauf, hinaus, hinein, hinunter, die wie hinn-nab, hinn-nauf u. s. w. lauten, ganz wie bei herab, herauf u. s. w. In Sonnabend, unartig, Unart, Transehe-Roseneck, spr. Sonn-nabend, un-nartig, Rose-neck. Ein ähnliches Hinüberbinden auch in Kurland. In Estland wird Sö-nabend gesprochen; Wiedemann ist geneigt, in diesem Fall an einen Einfluss der estnischen Betonung zu denken, wie sie in vielen landesüblichen Namen (Hanijöggi, Ebbafer, Essemäggi) hervortritt, vgl. 390c. 140. Guten Abend hört man oft sprechen Guten Nabend, im Scherz selbst n'Abend oder Nabend.
In slawischen Wörtern und russischen ist an, en und in vertreten durch A u. я. Dies hat man schon längst erkannt in φράγος-фрягъ βάπαγγος-варягъ, Schilling-шлягъ u. щьлягъ, Sterling-стерлягъ, Amtmann - ябедникъ, Anker - якорь. vgl. Ph. Krug. Forschungen II. 313. J. Perwolf sagt im Journal d. Min. d. B. A. 1877. Juli. S. 41/42 (Варяги-Русь): Die Wörter auf Агъ-Азь (russ. ягь-язь) traten aus der germanischen Sprache in die slawische, zuweilen mit Beibehaltung des Wurzel-i, zum Teil mit Übergang des г in з. So entstand aus dem deutschen Kuning slaw. кънягъ. oder кънязь, aus Vithing slaw. витазь, aus Penning-пѣнязь, aus Skilling щьлягъ, aus auhsarings, усерягъ, усерязь u. so aus germanisch varing od. vaering slaw. варагь, russ. варягъ. Vgl. übrigens 472. II. 8. Anm. Gegen diese allgemein vertretene Annahme tritt D. Jlowaisky in der Русская старина 1882. Decbr. auf, indem er behauptet, dass витязь auch bei den Serben u. Polen begegnet, (was doch bedeutungslos ist!) und dass das deutsche Ring (Markt) nicht in рягъ od. рязь übergegangen, sondern in рынокъ sich wiederfindet. In рынокъ aber ist der unrussische ng Laut durch Einschiebung von o zertrennt, wie z. B. im riga- ssmolensker Vertrag v. 1229 кинотъ für den Namen Kind.
Die eben besprochene Tatsache leitet auch auf die gegenseitige Verwandtschaft von Land-ляда, Lende-лядвея, Linse (lens)-лящь, manschen-мясить, Mensch-мужь u. poln. maš, Minze (mentha)-мята, Pranke (Klaue)- пряжка, прягать, schlendern шляться, Stange-стягъ. Das slaw. oder russ. я findet sich ebenso wieder in lit. zentas, das keineswegs, wie Grimms Wtb. angibt, mit Eidam, sondern mit russ. зять zusammenzustellen ist. Auch das russ. коляда muss auf lat. calendae zurückgefürt werden. Selten ist deutsches er durch russ. я vertreten: вябить (Nestor) werben, пята Ferse, nd. aber fasse.
In entlehnten russ. Wörtern wird n gern ausgestoßen. Der Litauer Kinstutte heißt daher russ. Кистуть; aus dem schwed. vinglare wird russ. фиглярь, und aus Künstler russ. кустарь od. кустарникъ, кустарная работа; aus Mangel (Wäschrolle) магиль, aus Mantel od. mantellum мятль, aus Winkelhaken витильякъ.
n ist häufig Kürzung für ein und den. Aussehen wie'n Schwein; stell's auf'n Herd. Zu Grimms Wtb. 3). Ganzwie bei m.

Gutzeit 1887b, 267
N auf Heringstonnen bedeutet nordische Heringe.

Gutzeit 1898, 23
Die Vielzal mancher Wörter auf er und el hat, dem Gebrauch in Deutschland zuwider, öfters ein auslautendes n: Fenstern, Löffeln, Messern, Schüsseln. Tellern, Zimmern st. Fenster u. s. w. In Estland scheint dieser Gebrauch noch verbreiteter, vgl. 390c. 141/142. Im Gegensatz dazu sprechen wir fast durchweg Vetter st. Vettern.

na Interj

QUELLEN

Kobolt 1990, 185
na Interj., Füllwort, Ausdruck des Staunens, des Willens, der Warnung oder der Aufmunterung, z.B.: Na was soll denn das? - Na komm schon! - Na, na, Vorsicht!
lbg. na Interj. bei plötzlich hervorbrechender Empfindung; Gött. na Interj. des Staunens oder der dringenden Aufforderung; nhd. na!

ne

QUELLEN

Bergmann 1785, 49
ne, für nein

Hupel 1795a, 160
ne st. nein, ist unrichtige Aussprache.

Kobolt 1990, 187
ne seltenere Nebenform von nein
mnd. ne; lbg. ne; Br.Wb. ne; pomm. ne, nee; pr. ne; nhd. ne, nee mundartl. für: nein.

no Interj

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 292
no, Ausruf der Verwunderung, des Erstaunens, in derselben Bed. wie nu. Das o gezogen, geschärft und im Geläute ganz gleich russ. но (aber). Oft wiederholt zu no! no! in welchem Fall das zweite no! den Ton erhält. Selten als Ausdruck des Unwillens wie nu.

Kobolt 1990, 188
no Füllwort, Adv.
mnd. ; westf. no; Brem. no nun, z. B.: No, wo will't werden! plattd. allgemein nu.

nu Adv, Interj

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 294f.
nu. Unser nu ist 1) unbetontes Flickwort, das in den Redesatz einen gewissen Unwillen, eine Unzufriedenheit hineinlegt, und in der Bed. weder nun noch nur entspricht. Ich werde nu arbeiten; ich soll nu bitten, d. h. das ist nicht zu verlangen oder zu erwarten; ich werde nu das tun; ich werde nu für ihn ins Feuer gehen! d. h. das fällt mir nicht ein, dazu habe ich kein Verlangen. Zuweilen dafür nun. Ich werd' nun nicht wissen, 330. 40. Sallmann (390c. 158) hat ausschließlich nun, und sagt, nun werde bei naiven Gegenvorstellungen, die eine Beachtung zutraulich voraussetzen, gewöhnlich mit Weglassung des Artikels gebraucht: Ich werde es sagen — Sag nun nicht! — Ich werde die Summe bestimmt ablehnen — Lehne nun nicht ab! So in allen möglichen abweisenden Anliegen: Mach (-thu) nun nicht! — 2) ein unbetontes Flickwort, etwa in d. Bed. von doch. Das ist ja nu nichts! d. h. das bedeutet doch nichts, aber auch: daran ist nicht zu denken. Das ist ja nu nichts — was soll er denn da tun?! d. h. das ist außer Auge zu lassen, damit hat er sich nicht zu befassen. — 3) ein Wort, das Pferden zugerufen wird, welche anziehen oder stärker ziehen sollen. Nu! oder Nu! nu! — Nu, mein Pferdchen zieh! Ganz entsprechend russ. 27, ebenso in den Fällen, in welchen es eine Interjection zur Bezeichnung des Unwillens ist. Nu! wird es mal? (oder wol) d.h. wirst du es endlich tun, wird es endlich beginnen. In diesem Fall gewönlich das u geschärft, im ersten gedent. Gilt das Wort für's Anspornen der Zugtiere, so wird das u mehr oder weniger langgezogen und klingt wie nu-u oder nu-h oder nu-o. Im Gelaute fallt nu häufig zusammen mit russ. ну; in Gelaut und Bedeutung häufig mit lett. nu, z. B. er mag nun kommen oder nicht; er will es nun einmal. 4) mit einem zweiten nu verbunden — nu nu — entspricht es dem deutschländischen na nu. Nu nu! wohin soll das füren? Nu nu, das ist auffallend. Nu nu! wie kannst du denken, dass —

Seemann von Jesersky 1913, 151
nu, w. nun

Kiparsky 1936, 204f.
nu (Partikel) [ausführlich!]

Maltz 1955, 12
Nu, mein Jungchen, nu lass schon die Katze aus dem Sack.

Kobolt 1990, 188
nu Adv. nun, z.B.: Nu is aber auch genug!
mnd. nu jetzt; westf. nu; Br.Wb. nu; plattd. nu; lbg. nu; pomm. nu; pr. nu; altm. nu.


QUELLEN (Informanten)
Lange, Harald: Riga, Südlivland
nu nun
Nu ja, wenn du willst, ...

Lemm, Robert von: Reval, Dorpat
, ... - hat ungefähr die Bedeutung von „na“, „nun“ (aus d. Russ.)
Nu, sag' schon was...
Nu sag', was willst du eigentlich
Nu geh' schon
nu ka, nu ka (aus dem Russ.) etwa: na los! mach schon!

Interj

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 294
n'ü, Empfindungswort, welches Verneinung oder Unzufriedenheit ausdrücken soll. Wie hm (hem, hum) ist es ein unarticulirter, dumpfer, in der Kele gebildeter Laut, welcher bald kürzer, abgestoßener, bald gezogener im Munde gebildet wird. Der hörbarste Teil des Wortes ist n, das geschärfte ü nur anklingend oder den Mitlauter zum Gehör bringend. Ist das so? Hab' ist recht so gehandelt? fragt jemand und erhält statt eines Wortes den Laut n'ü zu hören, als Ausdruck der Verneinung oder des Unwillens, der Unzufriedenheit, gewönlich begleitet von Kopfschütteln. — Ähnliche, in den Wörterbüchern nicht verzeichnete Empfindungswörter sind ü-hu oder u-hú (geschärftes ü u. u) bei Bejahungen, ü o.i (geschärftes ü oder i) bei Verwunderung.

Nu

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 295
Nu, Augenblick. Wir kennen und gebrauchen dies Wort nur in Verbindung mit in: im Nu und in einem Nu, im schnellsten Augenblick, niemals mit an, auf oder von. Es erinnert an lat. ad nutum. — Wenn Nu, für welches Einige auch Nun benutzt haben, ein verhauptwörtlichtes Nebenwort sein sollte, so könnte die Sprachlehre nur ein sächliches, kein männliches Nu oder Nun als richtig anerkennen. Wir bei uns empfinden es als männlich. —
Die Belege, die in Grimms Wtb. zu Nun und Nu geliefert sind, wollen ihnen nur den Begriff von kürzester Augenblick zu erkennen. Sie lassen aber als zutreffender zwei Bedeutungen finden, von 1) das Jetzt, die Gegenwart, und 2) von: schnellster, kürzester Augenblick. Die letztere insbesondere und fast ausschließlich in der Verbindung mit in, aber auch anderen Vorwörtern; die erste z. B. in den unter 1) angefürten Belegen: Man redt von Zeit und Ort, von Nun und Ewigkeit; wie daß wir in dem kurzen Nun nicht unserm Leibe gütlich thun. In Verb, mit Vorwörtern ist von den Schriftstellern Nu vorgezogen dem Nun. Wenn sie beide angezeigte Bedeutungen nicht unterscheiden, so kann das als Ausname angesehen werden oder aus der Ansicht hervorgegangen sein, dass das Nun und der (das) Nu ein und dasselbe, Nun aber das gemaltere, bessere Wort wäre.

Name Ny

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 275
Ny, früher Bezeichnung für den Fluss Newa, Niewa, nach Gadebusch (325). In Russow Bl. 46. 1 : Dath se in Rüßlandt beth in de Ny wol segeln möchten.

ö
‣ Varianten: öö

QUELLEN

Gutzeit 1887b
Die Neigung zum Umlauten des o in ö ist hier seltner als in Deutschland; in Estland begegnet sie in einigen Fällen, wo es uns höchst seltsam erscheint. Nach Sallmann (390c. 137) hört man dort bänger, fröher, völler, wünder, zärter, töller, zähmer, stümpfer, und löbblich st. löblich.

Kiparsky 1936, 132
ö, öö f. 'Insel' ‹ aschw. ö id. - Belege für Reval J. 1374 (Die ältesten Kämmereibücher der Stadt Reval S. 62). Dazu öölude 'Insulaner' (J. 1371; ibid. S. 28 u. a.).

O

QUELLEN

Krüger 1832, 325
3) Daß man Lorbeer mit kurzem o spricht, ist sehr löblich; allein auch in Ohrt, dohrt, Wohrt ist die Verlängerung zu tadeln. Nur Ortsthaler (Ort, Gulden) wird als lang empfohlen, weil es von Ohr abstammen soll. Die Münze mag ehemals ein Oehrlein gehabt haben, um zur Zierde getragen zu werden.

Gutzeit 1874, 63
Knoblauch. Das o gew. geschärft und ausgesprochen: Knobb'lauch.

Gutzeit 1887b, 316
Ost und Osten. In besserer Sprache stets mit gedehntem O. Ebenso in östlich.

Gutzeit 1887b, 299
Unser o und ö zeigt dieselbe Neigung zur Schärfung wie andre Selbstlaute. Wir sprechen daher blocken und nicht blöken, Bord, Brombere, Gehöft, grob, Grobbrod, Knoblauch, Lob, Morast, Strömling, Trog, Vorteil und vorteilen wie Bortt, Brommbere, Gehofft, gropp, Grobb'brod, Knobb'lauch, Lopp, Mórrast, Strömmling oder Stremmling, Troch, Forrteil und forrteilen. Ebenso in den vielen Familiennamen: Groß, Großberg, Großmann, Großwald und a. wie Gross, ind en Familiennamen auf son: Jakobson, Jürgenson, Michelson, sofern sie nicht Jakobsohn, Jürgensohn, Michelsohn geschrieben werden; in dem Familiennamen Samson (gespr. Ssamm-ßonn) und im Gutsnamen Kosch; die Familiennamen Koskull und Koschkull dagegen mit gedehntem o. In unedler Sprache hört man sóffil st. soviel und in sóffern st. insofern. Robert lautet stets Robbert, Hof in der Bed. von Hofraum oder Gutshof oft Hoff, in der Bed. des Kaiserlichen Hofes dagegen stets Hof. In dem Familiennamen Hofmann stets Hoffmann, in der Bed. von Mann am Kaiserlichen Hofe oder in seinen Eigenschaften stets Hofmann; in Hofmeister (Lehrer) meist gedehntes o. Bot (von bieten) zuweilen wie Bott; in Boßel und Lorber stets gedehntes o. In Ort und Örter, Ost u. Osten, Wort, Worte und Wörter, Pforte wechselnd, in bessrer Sprache jedoch gedehnt.
Die Schärfung des o bewirkt in manchen Wörtern eine Doppelung des nachfolgenden Mitlauters und wir sprechen daher Kodder, kodderig, koddern, loddern statt lodern u. s. w. In Estland hört man Loss und Moss st. Los und Mos.
Gleich dem Braunschweiger, Preußen und Obersachsen kennt das ungewälte Sprechen bei uns kein ö, ebensowenig ü. Man spricht daher löhnen, Öl, ölig, Schlösser wie lehnen, El, elig, Schlesser, Strömling sogar meist wie Stremmling. Der Name der kurländ. Adelsfamilie Olsen lautet meist Öll-ßen, derjenige der rigaschen Familie Ölsner durchweg Ölßner. Der Schlosser heißt bei uns Schlösser, ebenso wie der Glaser ein Gläser; stets aber heißt es Schlosser- und Glaseramt.
Die Neigung zum Umlauten des o in ö ist hier seltner als in Deutschland; in Estland begegnet sie in einigen Fällen, wo es uns höchst seltsam erscheint. Nach Sallmann (390c. 137) hört man dort bänger, fröher, völler, wünder, zärter, töller, zähmer, stümpfer, und löbblich st. löblich.
Die lettische Sprache verändert sehr häufig deutsches o in a: Prophet - praweets, Propst - prahwests, Post - asts, Posaune - basune. Noch öfter steht lett. a, in den entsprechenden russischen Wörtern, die o haben: bass-босый, barfuß, raddiht - родить erschaffen, pawars - поваръ, basniza - божница, Kirche, palkawneek -полковникъ, Maskawa - Москва.

Gutzeit 1887b, 299
o, verstärkend ja. Wird er genesen? Wird er kommen? — O ja! d. h. gewiss.

Seemann von Jesersky 1913, 186
Worscht, o. Wurst.

Kobolt 1990, 173
Lob, im Nom./Akk.Sing. mit kurzem Vokal, n Belobigung
mnd. lofte mit kurzem Vokal; lbg. Loff mit kurzem Vokal; pr. Lob mit kurzem Vokal.

ob

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 299
ob, in der älteren Sprache und noch heute im Kanzelleistyl st. oben. In der Übergangszeit: obgerord ubberürt, obgestund, obgenannt; in der nd. Zeit up: upgemelt, upgedacht, in noch älterer bauen, z. B. bauen melth, obgemeldet, vgl. Grimms Wtb. I.

oi Interj

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Kobolt 1990, 191
oi! Interj. Ausruf des Schreckens oder des Schmerzes.
schwed. oj! russ. oi o weh! estn. oi!

Öl der/das

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 310
der und das, ausgehölter Baumstamm in Österreich. Offenbar nicht mit Aul Topf zusammenhängend, sondern mit slaw. ulei Binenstock (ausgehölter Baumklotz für Binen), lit. aulis. In allen slaw. Sprachzweigen zeigt übrigens das Wort ein u.

Gutzeit 1887b, 310
Bier, im Altnordischen. vgl. Krug Forschungen II. 453.

Ör der/die

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 311
Ör, die auch der, falsch geschrieben Oer oder gar Oehr und Oehre; in älteren Zeiten Or und Ore. Bort so vorbud derad, dat neen scroder schal want ut sniden de elen bouen 4 ore, rig. Burspr.; also me tellet 32 ur vor de marc sulvers, 399. J. 1402; in einer rig. Rechg. des XV. Jahrh. (vgl. 166a. XV. 482): 1 ore, 6 ore; 1 stucke silvers macht in Lyfland IX soltinge; IV or machen in Lyfland 1 soltinge; in ortige 1 or, livl. Urk. 6, p. 336. Das Wort ein skandinawisches. Nach Skennäus bezeichent ora, aus german. ore, im Allgemeinen jedes Metall, dann eine Münze und einen Gewichtsteil des Münzpfundes. Ihre im glossar. suio. goth. sagt: Öre, Art kleiner Münze, 24 Penninge oder 3 Örtugos werth — nummus a metallo aereo ita dictus; im gothländ. Recht geschrieben er; die Isländer sprechen auri, eyri (von ayr - aes), bei Ulfilas aiz, lat. aes — Cleasby - Bigfusson im isl. engl. dict. hat als altnordisch eyrir, engl. ore, Erz, Metall und hält das Wort für vermutlich entstanden aus lat. aurum. „Denn die ersten in Skandinawien bekannten Münzen waren römische und griechische, dann sächsische und englische. „Bedenken gegen Ihre's und Cleasbu's Annamen könnten darin liegen, dass die Münze Ör keine goldene war; dass sich altn. eyrir nur auf Silber bezieht oder, wie franz. airain, auf Erz überhaupt; dass das schwed. Öre sich schwerlich aus eyrir bilden konnte, sondern in nächster Beziehung zu angels. ora, u. engl, ore steht, lautlich auch, doch nicht begrifflich zu franz. or. Nach Cleasby bezeichnete altn. eyrir ursprünglich eine gewisse Münze: eine Unze Silbers oder dessen Betrag = ⅛ Mark; ein eyrir ist = 6 Pfennige = 3 Ertog; später Münze überhaupt. — In latein. Schriftstücken ora; bei den Letten soll d. Dreischillingsstück — Ör — gehießen haben, nach Nyenstädts Zeugniss, — wovon jedoch keine Beweise aufgefunden sind.
Der Legat Wilhelm von Modena befal 1225 sich nach dem gothländischen Münzfuß zu richten, nach welchem die Mark 8 Ör = 24 Artig od. Schilling = 192 Pfennig hielt. Schiller-Lübben im mnd. Wtb. S. 249 sagen: Oer, deren auf die gothländische Mark 8, im Anfange des 15. Jahrh. aber 48 auf die rigische Mark gingen. Zehn Pfennige hießen ein Oertug, 30 Pfennige eine Oere, 240 Pfennige oder 24 Oertug oder 8 Oere machten eine Mark. Auch 10 Scheffel Roggen hießen ein Oertug, 30 eine Oere, 240 eine Mark Roggen; von Gerste war ein öre 36, von Hafer 66 Scheffel. Brotze (166a. IX/X. 572) sagt: Die zu schwedischen Zeiten in Ehstland geschlagenen Oere dürfen wir zur Erläuterung der Oere zu bischöflichen Zeiten nicht anführen; denn sie richteten sich in Ansehung ihres Steigens und Fallens nach dem in Schweden gewöhnlichen Münzfuß und nach dem Werthe der dasigen Marken. Nach Brotze (350. XV. Bl. 140) gingen, wie eine Kämmereirechnung Rigas von 1405—1473 dartut, drei Artiger auf ein Oer; eine Mark hatte 36 Schillinge od. 48 Oere, also 3 Schillinge gleich 4 Oere und ein Schilling gleich 1⅓ Oer oder gleich 1 Oer und ein Artig. In dieser Kämmereirechnung wird übrigens nach Oeren nur bis zum J. 1447 gerechnet, später nach Schillingen, vgl. ebenda Brotze auf Bl. 164. Nach Brotze (174. 1812. 54) machten in derselben Zeit zwölf Oer einen Ferding. — Nach Buddenbrock (193. II. 2) galt in den frühesten Zeiten Livlands ein Oer ¹/12 Thaler Alberts. Derselbe sagt in 166a. VI. S. XV: „Oere“, deren gingen 48 auf eine Mark rigisch. Eine Oere muß beinahe 7 heutige Ferding gewesen sein; auf S. XVI sagt er: 1 Oer- ¹/48 Mark rigisch = ¹/12 Rthlr. Alb.
Noch jetzt zält man in Schweden nach Ören, deren 100 auf einen schwed. Reichsthaler gehen, vgl. Kupferör u. Auß.

P

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 318
Unterscheidet sich die deutsche Sprache nun der griechischen und slawischen darin, dass sie anlautendes B dem anlautenden P vorzieht, in dem Maße, dass deutsche Wörter mit ersterem ebenso zahlreich sind, wie griechische und slawische selten und dass echt deutsche Wörter mit anlautendem P ebenso unhäufig sind, wie griechische und slawische mit B; so tritt doch bei uns die Tatsache in sichtbare Erscheinung, dass anlautendes P verschiedenen echtdeutschen Wörtern allein eigen ist und dass uns diese Wörter, welche für Deutschland in Grimms Wtb. allein oder teils mit B, teils mit P verzeichnet stehen, bei uns ausschließlich, oder doch in verschwindenden Nusnamen, mit P vorkommen. Wörter wie Bams, Bans, Bansen, Bampel, bamsen, Bappe (Brei), Barchent, bardauz, Bastele, batzig, Baute, bauten, Bausback, bausbackig, Belz, Belzer, Bobo und Boböchen, Buckel, bucklig, Budel (Hund), Burzelbaum, burzeln kennen wir daher nur mit P und eine Schreibung oder ein Sprechen mit B erscheint uns nicht allein seltsam, sondern verrat den P mit B Verwechselnden Sachsen. In einigen Fallen — vgl. Paudel — ist P jetzt allein vertreten, da doch Gadebusch vorzugsweise Budel anfürt; in einigen treten B und P gleichwertig auf. So in ba und pa, blärren u. plärren; wir hören auch Pusch und Busch, Pausch u. Bausch, Pallen und Ballen (der Hand) — doch in beschränktem und etwas abweichendem Sinn. Dieselbe Erscheinung tritt in einigen Fremdwörtern auf, deren eigentliche Lautung dem Sprechenden unbekannt ist, beispielsweise in Bulwan und Pullwan, Bresenning und Presenning. vgl. Britsche - Pritsche und britschen - Pritschen. In allen diesen Hinsichten stimmt unser Deutsch mit dem heutigen Hochdeutsch überein, selbst in aus der Fremde stammenden Wörtern, wie Pokal, franz. bocal, russ. бокалъ, und unterscheidet sich daher ganz von dem Gothischen, Althochdeutschen, Altnordischen, Altsächsischen u. s. w., in welchen germanischen Sprachzweigen anlautendes P fast stets oder ausnamslos den fremden Ursprung des Wortes bekundet. Zu behaupten aber, dass anlautendes P nur in nicht-deutschen Wörtern oder vielleicht nur in einigen uralten begegnet, wie Grimms Grammatik angibt, heißt zu weit gehen und widerlegt sich schon durch das P, welches statt B in oberdeutschen und sächsischen Gebieten vorkommt. — Berücksichtigt man die oben geschehene Andeutung, dass die deutsche Sprache anlautendes B, die slawische anlautendes P vorzieht, so erhält man einen Fingerzeig beispielsweise für das Wort Bole (dickes Breit). In Grimms Wtb. wird es auf bolen werfen zurückgeleitet. Man kann eher denken an russ. полѣнo Holzscheit und an russ. полъ Fußboden. Полъ ist der ganze Fußboden, Bole ein Teil desselben; Dile enthält beide Bedeutungen: ein Brett und ein Fußboden; dilen ist gleich bolen, einen Fußboden, einen полъ machen.
Inlautend ist pp einigen Wörtern fremd, in denen es in Deutschland gewönlich ist, z. B. in bappeln, wofür stets babbeln gesprochen wird. Auch Rabusche st. Rappuse ist zu erwänen.

Gutzeit 1887b, 318
P, ein Zeichen, im Masten- und Hanfhandel. Mit Voransetznng der Buchstaben P, 99; der Buchstabe P ist auf den Brettern der Passhanfbünde eingebrannt.

pa Adj

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 318
pa, ein Ausruf des Ablenens oder Staunens, wie ba. Grimms Wtb. meint, aus d. Italienischen oder Französischen (pah) herübergenommen. Ist auch das Wort erst seit Lessing in der Schriftsprache zu finden, so ist das kein Beweis für eine solche Anname. Denn die Schriftsprache hielt und halt noch heute für gut, einige volksübliche Ausdrücke zu meiden; daher auch keine Verzeichnung derselben in den Wörterbüchern. So felt denn selbst franz, ba, oder pah in den älteren franz. Wörterbüchern. Das g in deutschem pa(h) kann Verhochdeutschung das b in dem älteren ba sein.

pf

QUELLEN

Gutzeit 1859, 27
Äffel, statt Äpfel, führt Hupel als selten und pöbelhaft an.

Gutzeit 1887b, 340f.
Pf. Grimms Wtb. fasst sich über diesen Doppelbuchstaben gar zu kurz und verweist auf Teil I. 1050 u. III. 1212; mehr gibt Grimms Grammatik I. 131 und 396.
Die Sprachforscher werfen auf alle Pf-Wörter, wie auf die P-Wörter, den Verdacht fremden Ursprungs, obgleich hier u. da alle Versuche, dies darzutun,in Stich lassen, bei manchen geradezu Voreingenommenheit, selbst Willkür mitspielen. Verfüre man in derselben Weise mit anderen, als deutsch geltenden Ausdrücken, auch sie könnten für fremd erkannt werden.
Bei vielen Wörtern hat die von Alters her gebräuchliche Schreibung mit Pf statt F den Verdacht bestärkt. Man darf jedoch nicht vergessen, dass die frühere Verwendung des anlautenden Pf oder gar Ph (!) statt F auf nichts sich stützte als auf Willkürlichkeit; es war ein gelehrtes od. gelehrt sein sollendes Tun. Die Schreibenden benutzten vollkommen nach Gutdünken in demselben Worte Pf, Ph, F und selbst V, oder wenigstens die Einen vorzugsweise Pf od. Ph, andere F od. V; Haben aber dadurch die Meinung von einem aus P verschobenen Pf veranlasst unb selbst dazu gefürt, F für einen Doppelbuchstaben auszugeben u. zu behaupten (vgl. Grimms Gram. I. 396 u. f.), „dass ff = phph, pf eigentlich pph u. der Anlaut ph sich schon frühe in den noch härteren Triphthong pf verwandelt habe.“ Demgegenüber kann behauptet werden, dass f ein einfacher Buchstabe, ph ein ganz undeutscher, überhaupt nicht auszusprechender u. aus ihm nie das dreilautige (!) pf hervorgegangen ist; endlich dass Pf, ebenso wie Ph, häufig genug undeutsche Schreibung für F ist. So in Pfarre, Pfat, Pfand, Pfeit, Pfennig, pflegen, Pflicht, Pflock, pflücken, Pflug, Phluog, Pforte, pfragen und Pfragner. Ausfallen kann, dass fitzen (mit Nuten schlagen), nnl. vitsen, und die daher kommenden: Fitzer, Fitzfatz, Fitzrute, nicht mit Pf geschrieben werden. Grimms Wtb. gibt über die Entstehung dieser Wörter sehr unbefriedigende Vermutungen; man könnte sie sehr wol mit peitschen zusammenbringen, dessen Stammwort Peitsche zuerst als picze begegnet, das von böhmisch, polnisch bitsch hergeleitet wird. Dass Peitsche aus slaw. bitsch hervorgegangen, diese Anname lässt fragen 1) wie sofort bei Übername des slaw. Wortes dessen b in p verwandelt wurde, obgleich die Beibehaltung des b selbstverständlich gewesen wäre, und 2) wie das slaw. i sofort in ei übergegangen ist, welchem Übergange doch auch kein Grund vorlag. Es kann schließlich bemerkt werden 1) dass das französische, dem Keltischen entstammt sein sollende fouet u. fouetter in den Buchstaben mit Peitsche und peitschen recht sehr übereinstimmt: im Französischen anlautend F, im Deutschen P; die Endung et u. etter entsprechend deutschem ts u. tsen (tsch u. tschen). 2) dass engl, beat zusammenfällt mit slaw. bitj, und engl. switch Rute, switch mit Ruten schlagen, sich wie ein Mittelding zwischen Peitsche u. slaw. bitsch, aber auch unserem Fitsch und Fitschefatsche (in Grimms Wtb. Fitzfatz)ausnimmt.
Bei uns, und wol auch im größten Teil Deutschlands, lässt die gewönliche Sprechweise pf nur als In- und Auslaut hören; uns ist anlautendes pf ganz fremd und einzig und allein aus der Büchersprache in die Sprache der Gebildeten gelangt; wir eignen ihn uns an, wenn wir richtig (?) u. gut (?) sprechen wollen. Unsere F-Aussprache ist bei einigen Wörtern auf nd. Einfluss zurückgefürt worden, wie z. B. bei fu st. pfu; wird in anderen als Folge von Nachlässigkeit im Sprechen angesehen, z. B. in Fand statt Pfand, Fund statt Pfund, Ferd (Fehrt) statt Pferd u. a. Letzteres könnte jedoch nur für diejenigen Fälle Geltung beanspruchen, in welchen tatsächlich od. wahrscheinlich p zu pf verschoben wäre, und ein wirkliches pf anlauten sollte; in den meisten Fällen ist aber die pf-Schreibung, und somit auch die pf-Aussprache, nur als hergebrachter Missbrauch anzusehen; es hat keine Verschiebung von P in Pf stattgefunden, sondern es ist in Stelle von fremdem P deutsches F getreten, wie etwa lettisches P für deutsches F. In nicht wenigen Fällen ist Pf geradezu ein falscher Buchstabe. So in Pfletz, pfletschen, pflispern, Pflitsch, Pflitz, Pflocke statt Fletz, fletschen u. s. w. — Eigentümlich scheint anlautendes Pf nur einigen süddeutschen und schweiz. Mundarten zu sein; dem Griechischen, Lateinischen u. Romanischen ist es fremd, ebenso auch dem Slawischen. Der Russe nennt daher unser Pfund фунтъ, der Pole unser Pfand fant, unser Pfarre (Pfarrkirche) fara. Die Behauptung (Grimms Wtb. unter F Sp. 1212), dass Pf unsere Sprache „belebt,“ wird schwerlich überzeugen; es ist ein Laut, nicht angenehm zu hören und für das Sprechen sogar schwierig.

Ph

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 355f.
Ph. Soll ahd. u. mhd. — pf sein, erklärt Grimms Wtb., auch hier u. da nhd. statt pf gebraucht worden sein. Ferner soll es (Grimms Gramm. I. 131) sehr frühe sich in den noch härteren Triphthong pf verwandelt haben. Diese Behauptung gründet sich auf die Schreibung in alten Schriftzeugnissen. Dieselbe ist jedoch zu willkürlich, um irgendwie als Stütze zu dienen; es hat mehr Wahrscheinlichkeit, dass nhd. und mhd. ph entweder für pf oder für f geschrieben wurde. Denn unzweifelhaft ist ph ein ganz undeutscher, im Deutschen wie in jeder anderen Sprache unaussprechbarer Doppelbuchstabe, der durch Einfluss des Lateinischen ins Deutsche geraten, und offenbar nur deswegen in ahd. und mhd. Zeugnissen statt pf od. f benutzt worden ist. In sofern versteht sich die Angabe (Grimms Gramm. 132), dass in manchen Wörtern ph früher wie pf, in anderen wie f gesprochen worden, geradezu von selbst. Nicht aber ist anzunemen, dass ph jemals eine weichere Lautung als pf besessen, dass f eigentlich ph, pf eigentlich pph gewesen, dass der Anlaut ph (Grimms Gr. I. 184) zwischen goth. p und f schwanke und ff als phph anzusesehen sei. Nur in, dem Lateinischen und Französischen entnommenen Wörtern rechtfertigt sich der Gebrauch des ph, und zwar dadurch, weil es in diesen fremden Sprachen Geltung hat; in neuhochdeutschen sollte es ganz aufgegeben worden und ist es z. Th. schon. So in Adolf, Rudolf, Westfalen statt der früheren Adolph, Rudolph und Westphalen. Unrichtig wird dagegen noch Philibert st. Filibert geschrieben. Polen und Russen geben ph mit f wieder: Flegma, — Phlegma (Schleim), filar Pfeiler; фазъ Phase, фантазiя Phantasie, филологъ Philolog. Deutsche Ungestalten sind phau (pa), phu (pu od. fu) und Epheu.

pi Interj
‣ Varianten: pih

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 356
pi oder pih, Hetzruf, Zuruf an Hunds, wenn man sie hetzt auf ein anderes Thier. In Gerstäcker's Schriften kommt öfters in ders. Bed. pih vor. Auch lettisch pihj oder pij Zuruf an Hunde, wenn man sie hetzt, 411. Man kann an franz. pille! pack an! denken, worauf auch russ. пиль fass an! leiten könnte, vgl. pü und pien.

pr

QUELLEN

Gutzeit 1887b, 385
pr oder prr, Zuruf an Pferde, wenn sie still stehen sollen. Hier wie in ganz Russland. In einem gewissen Widerspruch mit dem im Wörterschatz d. d. Spr. Zivi. (Nachträge) unter br, brr Angefürten steht die Angabe Frischbiers(476), dass pr, prr in Preußen vorkommt.
Als er W. erblickte, rief er seinen drey Eseln ein Prr! zu, stieg schnell von seinem Karren und bot seine Hülfe an, Kotzebue in : Geschichte für meine Tochter von Bouilly, Leipzig 1811. I. 67.

Kobolt 1990, 210
pr! Interj., Zuruf an ein Pferd: stehen!
pr. burr zurückhaltender Zuruf an Zugtiere.

pu Interj

QUELLEN

Gutzeit 1890, 400
pu, Laut der Verwunderung oder des Erstaunens, hu od. huh). Pu, wie schrecklich! Pu, welche Zerstörung! In Grimms Wtb. von puh unterschieden und in abweichender Bedeutung.

Interj

DAZU:
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1890, 400
, Ausruf der Verwunderung, halbgesprochen, halbgeblasen und gedehnt; auch bei Verhönung. Pshaw, they are no great shakes (Püh, es ist nicht viel an ihnen), 382 c. 59. — Oft zerdehnt zu pü—ü.

Q

QUELLEN

Gutzeit 1890, 413
Der Versuch, diesen seltsamen Buchstaben durch k, und in seiner für das Deutsche seltsamen Verbindung mit u durch kw zu verdrängen, hat keinen Erfolg gehabt. Füglicher Weise sollte er nur in lateinischen oder romanischen Wörtern Verwendung finden. Selbst die Verwandtschaft einiger deutschen Wörter mit denen des slawischen Sprachstammes würde augenfälliger werden, z. B. Quast (Kwast) u. chwost, Quark (Kwark) und twarog. Unverständlich ist, dass selbst das russ. квасъ mit Quas oder Quaß statt mit Kwass wiedergegeben wird.

R

QUELLEN

Krüger 1832, 323
... daß ein schönes frisches r ... hier ganz zu Hause sind.

Gutzeit 1887a, 1
In der Aussprache zur folgenden Sylbe gezogen in: darin, darum, daran, darob, darob, herein, heraus, herum, herab, herunter, — gespr. da-rin, herr-runter, Herr-rum u. s. w. Ferner in: erinnern, spr. err-rinnern, interessant, spr. inter-ressant od. in-tressant, Interesse, gspr. Inter-resse u. In-tresse; in Bolderaa u. bolderaisch, spr. Bolde-ra, bolde-raisch; in Sauerampfer, gespr. Sauer-rampf.

ra Interj
de (zur Bezeichnung, dass etwas schnell geschieht); et trahh!, viuhh!
Ra, brannte er ihm eine Ohrfeige
siehe auch Interjektionen

QUELLEN

Gutzeit 1887a, 1
ra (ᴗ), zur Bezeichnung, dass etwas schnell geschieht. Ra, brannte er ihm eine Ohrfeige.

Ra
{estn. raha 'Geld'}
‣ Belege: Reval (16. Jh.)
de Geld; et raha; lv nauda
karietze ra 'Hirtengeld'
mara 'Landgeld'
owe ra 'Hofgeld'

QUELLEN

Kiparsky 1936, 64
ra 'Geld' ‹ estn. raha id. Meist nur in Zusammensetzungen: karietze ra 'Hirtengeld' (estn. karjas 'Hirt'), mara 'Landgeld' (estn. maa 'Land'), owe ra 'Hofgeld' (estn. hoov 'Hof'). Belege für Reval aus den Jahren 1505-1507 bei JOHANSEN Das älteste Wackenbuch des Revaler St. Johannis-Siechenhauses S. 61, 62, 64.



QUELLEN

Gutzeit 1887a, 63
, Ruf der Hüne, wenn sie einen Raubvogel erblicken und die Hüner darauf aufmerksam machen.

S

QUELLEN

Gutzeit 1887a, 77ff.
Eine scharfe (harte) Aussprache des S begegnet bei uns in Geisel, Meisel, Preiselbere, Haselhun und Haselnuss, die demzufolge lauten: Geißel, Meißel, Preißelbere, Hasselhun und Hasselnuss; in Sankt, z. B. Sankt-Petersburg, Sankt Peter; in den Familiennamen: Sacken, Sackenfels, Samson (spr. Ssamm-ßonn), Seck, Seeck, Simolin, Smolian; in fast allen Familiennamen auf sohn, son, sonn, sen und senn: Petersohn, Michelson, Jürgensonn, Petersen, Michaelsen, Jannson, Paulson, Robinson, Iversen, Ivensen, Chwolson; in Helmsing, Eysingk, Elsingk (spr. Helmßing, Ei-ßing, Ell-ßing); in den Ortsnamen Sigg und, Sunzel, Seßwegen u. v. a., die dem Lettischen entsprungen sind. — Scharf oder weich (stumpf) lautet S in den Familiennamen Jansen; durchaus weich in Hansen, Jensen, Tobiesen und Chomse. Im Munde Einiger scharf in Salat, Sammet und rasiren (rassiren).
In Estland kommt die Schärfung des S in auffallender Wette vor. Man hat sie dort für eine Estland eigentümliche ausgegeben und ihre Entstehung estnischem Einfluss zugeschrieben, wie das wie ä lautende kurländische e lettischem. Hoheisel (322) meinte, dass, wenn diese Schärfung nicht auf niederdeutschen Einfluss zurückzufüren wäre, sie leicht erklärlich sei aus einem Emfluss sowol des Estnischen wie des Schwedischen, in welchen beiden Sprachen das weiche S mangele. Von andrer Seite wird dagegen behauptet (vgl. 175. 1861. 4), dass die harte Aussprache des S nur in Reval und in den Städten, nicht aber auf dem Lande Estlands vorkomme und dieselbe dem vom Lande kommenden Estländer nicht minder auffalle als dem Fremden. Mit dieser Behauptung fiele die gängäbige Anname, das harte S sei dem Estnischen entstammet. Denn eine solche wäre für das flache, nur von Eingeborenen bevölkerte Land wahrscheinlicher als für die Städte mit gemischter Bevölkerung. Auch ist zu beachten, dass in Dorpat und Werro und in anderen Städten des estnischen Livlands S durchweg wie im lettländischen Livland, d. h. weich gesprochen wird. Der estnische Einfluss ist also sehr zu bezweifeln. Sallmann (390c. 139) scheint die scharfe Aussprache auf Reval-Stadt zu beschränken und meint, dass sie, ebenso wie die in Estland bestehende Unsitte, s vor Selbstlauten auffallend weich zu sprechen (Füse, auser), auch in Mundarten Deutschlands begegnet, auffallender Weise aber nicht in norddeutschen. Ein Einfluss des Estnischen und Schwedischen sei abzuweisen.
Eine weiche (stumpfe) Aussprache des S findet statt in den Familiennamen Sieber, Siebert, Sievert, Siewert und Si(e)vers, welch letzter Name im Französischen Sivers, im Russischen Сиверсъ lautet; in den Gutsnamen Salis, Segewolde, Serben, Sinólen, Seltinghof, Serbigal, Adsel u. a. Unrichtig in allen Wörtern, welche dem Lateinischen und Französischen entlehnt sind, wie Sensation, Consistorium, Recensent, Recension, Conversion, Pension und Pensionnär, Palisade (st. Palissade), grasiren (st. grassiren), glasiren, Glacis, Glace - Handschuh, — die wir Glasi, Glase u. s. w. aussprechen. Richtig allein in Person und persönlich, welche wir ausnamslos Perßon und perßönlich lauten lassen. Diese unrichtige weiche Aussprache ist uns, wie allen Deutschen, auch eigen in griechischen und lateinischen Wörtern, in welchen si und σιγμα lauten si und Sigma statt ßi und Ssigma. Wir sprechen auch, da die deutsche Schriftsprache es noch nicht zu einer eigenen Bezeichnung für das scharfe S und das weiche Sch gebracht hat, Saratow st. Ssaratow, Suwórow st. Ssuworow; und ungewiss bleibt es den Nichtkennern des Russischen, ob sie Schukowsky oder Joucowsky lesen sollen.
In der Mitte eines Wortes erinnert s zuweilen an russ. з, z. B. im Worte Besmer, wo Bes wie russ. безъ gesprochen wird.
Man nimmt an, dass doppelte weiche s dem Hochdeutschen fremd sind. Doch hört man in Deutschland Grus'sel,grus'selig und Pus'selchen. Bei uns ist gewönlich gris'seln und hes'sebes'sig. In Aachen gibt es Ähnliches. Dort hörte ich Besen wie Bessen aussprechen; in Frankfurt a/M hörte ich das Wort rißlich (grubbelich, uneben) wie ris-selig sprechen: Gegossenes Eisen ist immer ris'selig. Diese doppelten stumpfen s lauten wie in den englischen Wörtern business, hazard, drizzle u. a.
In der Verbindung mit ch als sch hört man nicht selten den Laut des franz. j oder russ. ж. So in Buschemann, Büschel, buschig, nuscheln, puscheln, ruscheln, Ruschebusch, Ruschemusche, ruschlig. Da der Selblaut in allen diesen Wörtern geschärft ist, so lauten letztere wie nus'ch-s'cheln u. s. w., also fast wie mit doppeltem s'ch, ähnlich wie engl. pleasure, measure u. s. w. In manchen Wörtern spielt hierbei lettischer Einfluss mit, z. B. in Pis'chai, Pis'che, mis'chen; in anderen aber nicht, z. B. in bus'chig, Bus'chemann, rus'chig, rus'chebus'chig, pus'cheln u. a. Jedenfalls benutzen wir zuweilen einen Laut, der im Hebräischen, Französischen und Russischen ein besonderes Buchstabenzeichen besitzt.
Die Verbindung von s mit p und t, also sp und st, sprechen wir wie im Hochdeutschen. Demnach schpeien, schtehen, schprechen, schtreiten, schpalten; dagegen: räuspern, durstig, Durst, weitest, Constantin, Constantinopel ohne sch. Auffallen kann, wie viele urverwandte Wörter den Buchstaben S im Russischen und Deutschen aufweisen. Dabei zeigen sich folgende Erscheinungen. Erstlich, so häufig Sch im Deutschen anlautet, so selten im Russischen; die vielleicht größere Hälfte der russischen Wörter mit anlautendem Sch ist fremden Ursprungs. Im Gegensatz dazu ist scharfes S (C) im Russischen häufiger als stumpfes (З) und vertritt gewissermaßen deutsches S; nicht selten hat auch die eine Sprache Sch, wo die andere S aufweist. So in Schlenge — сляга, suchen — шукать, Schwager — свекръ, Schwile — свилъ, schmiegen — смыкать. Bemerkenswert ist ferner das Vorkommen oder Felen des Sch einerseits im Russischen, Lateinischen, Lettischen, Französischen, anderseits im Deutschen. So: schluchzen — клюкать, sperren — переть, spinnen und spannen — пинать, пять, stecken — тькать, streiten — прериця; schlüpfrig — lubricus, schlendern — lentere; spröde — prude, Schlenge — lanci; Sprickel und Pricke, lit. prikelis und lett. sprigulis. — Häufig hat das deutsche Wort ein St und Sz, wo es im Russischen felt, und umgekehrt. Das fürt zugleich zum Erkennen der Verwandtschaft, vgl. Tapfe, Fußstapfe. Dile — стилать. — Ein deutsches S vertritt zuweilen franz. e und é. So: skaljiren — écailler, Spigelchen — espiègle. Von état — Stat nicht zu reden.
In gleicher Weise, wie im Nd. anlautendes s hochd. sch vertritt (Schlenge — slenge), so auch im Lettischen, wenn es deutsche Wörter aufnimmt; es bildet sie den niederdeutschen ähnlich an.
Bei Häufung von Zischlauten lässt die Aussprache gewönlich ein sch oder s unhörbar. Täuschest lautet dann wie täuscht, issest wie isst, lässest wie lässt. Man spricht (und schreibt sogar): die Windische Bude st. Windischsche Bude, Bude von Windisch; die Kausche Obligation st. Kauschische, oder Obligation der Frau Kausch.
Bei Zusammensetzungen tritt sehr oft, selbst wo es in der hochd. Schriftsprache nicht üblich ist, zu dem bestimmenden Worte ein bindendes s. Sallmann (390c. 149) fürt folgende Beispiele an: Brautsdame, Kochsjunge, Biedersmann, Nachbarshaus, Stadtsquartier, Hofsland, Krugsgerechtigkeit, Miethspreis, Rathshaus, Schafsstall, Stadtsgrund, Kronsgelder und in allen möglichen Zusammensetzungen mit Krons, mit alleiniger Ausnahme von Krondiamanten. Dies verbindende s ist jedoch viel auffallender in Zusammensetzungen wie Conuersationshaus (in Baden-Baden), Conversationsstunden, Conservirungsarbeit und vielen anderen, die in deutscher Schrift- und Umgangssprache überall begegnen, vgl. Grimms Wtb. Sp. 1577. c.
Zur Bezeichnung der Vielzal wird oft ein s verwandt. So in Kerls, Jungens, Ochsens, Luders, Mädchens, Zettelchens, Dings, Müllers, Meyers, Schmidts, Johannsons u. v. a. Grimms Wtb. behauptet, dass dies Vielzalszeichen s ursprünglich mittelniederländisch und aus einer Nachbildung der französischen Vielzal hervorgegangen sei; das Mittelniederländische hätte ins Mittelniederdeutsche gegriffen, und wäre — „nach einer ansprechenden Vermutung“ — durch Vermittelung der Landsknechte oberdeutscher Herkunft, die in den Niederlanden Kriegsdienste getan, ins Oberdeutsche hineingedrungen. — Diese Behauptung steht in Widerspruch mit dem, was von Hildebrand in demselben Wörterbuche (V. 572) gesagt wird: Kerls ist nichts als die rechte niederdeutsche Pluralform. — Wir dürfen zugleich nichtvergessen, dass die Vielzal auf s auchallen englischen Hauptwörtern, ohneRücksicht auf ihr Geschlecht, eignet, unddass das franz. stumme s der Vielzalweder im Niederländischen, noch Niederdeutschen und Englischen lautend werden konnte. Und ist es endlich glaublich, dass einige Landsknechte auf die ganze deutsche Sprache Einfluss gehabt, sie geradezu verändert habensollten?
Grimms Wtb. sagt: als Genitivzeichen trit s zu Eigennamen, um Familie oder Haus zu bezeichnen: er wohnt bei Müllers, geht zu Meyers, die beiden Grimms (Brüder der Familie Grimm); das sei der Nachklang eines in älterer Sprache weiter greifenden Brauches, Personennamen in den Genitiv zu setzen, wobei filia, uxor, vidua zu ergänzen wäre. — Diese Angabe ist doch sehr zu bezweifeln. Das s kann doch das Vielzalszeichen sein, das aus dem Französischen ins gesammte Deutsch gedrungen sein soll. Und wenn man spricht: die Müllers sind reiche Leute, so kann sich diese Vielzal ebenso gut auf eine Familie Müller beziehen als auf Namensverwandte. — Nicht selten hört man in Riga: über Müllers nach Hause gehen, d. h. einen Weg einschlagen, der bei ihnen oder ihrer Wonung vorüberfürt.
Das auslautende s in Familiennamen wurde bei weiblichen Trägern derselben bis in die 30. Jahre dieses Jahrhunderts gewönlich in ßen verwandelt: die Reimerßen st. Reimers oder Frau Reimers; die Corneliußen st. Frau Cornelius. In Namen mit anderen Auslauten wurde dagegen en oder n angehängt: die Roloffen, die Ramlauen, die Müllern, st. Roloff, Ramlau, Müller. Diese en und n vertreten das frühere in und plattd. sche.
Auf Heringstonnen bezeichnet S schwedische Heringe.



QUELLEN

???, 30
sä! Noch älter und gothischen Ursprungs sind Ausdrücke wie das säh, säh, das man häufig von Kinderwärterinnen und sonst auch vernimmt. Es ist diese Form wohl zu unterscheiden von dem nhd. sieh!...

Seemann von Jesersky 1913, 165
sä! sieh. Sä, wo wär Krauft auf Mast sein Topp.

so Adv

siehe auch man, man so

QUELLEN

Hupel 1795a, 218
so? hört man oft st. ist dies so?, oder ist es möglich?


QUELLEN (Informanten)
Weiss, Lis-Marie: Reval
(Hupel: bekannt)

son Adj

QUELLEN

Kobolt 1990, 253
so'n Adj. solch ein
lbg. su'n; pomm. so'n; pr. so'n.

S.T.
Salve titulorum

zu Adv
‣ Belege: Estland, Kurland, Livland, Riga (18. Jh.)
attr ugs. de geschlossen; et suletud
das zue Fenster
die zue Tür
zue Augen
die zue Muschel

QUELLEN

Seemann von Jesersky 1913, 188
zu wird adjektivisch gebraucht, geschlossen.
o. zue Augen, zue Thür, zues Fenster, die Rose ist (noch zu zu).

Nottbeck 1987, 103
zu - geschlossen / E.K.L.R.
Das Wort „zu“ wurde adjektivisch gebraucht, zue Augen.

Kobolt 1990, 293
zu Adj. geschlossen, z.B.: das zue Fenster, die zue Muschel.
alltagsspr. zu in adjektivischer Anwendung (18. Jh.); pr. zune geschlossen.

ti

QUELLEN

Gutzeit 1892a, 23
ti, Endung in buxti, tschuksti und wuppti. Ebenso holterdipolterdi.

um Adv

QUELLEN

Seemann von Jesersky 1913, 181
um abgelaufen, die Zeit ist um, der Paß ist um, Herum, weiter. Der Weg ist um, da ist es um.

un
‣ Varianten: und

ut

QUELLEN

Seemann von Jesersky 1913, 182
ut, o. w. aus

V

QUELLEN

Gutzeit 1889c, 1
An- und inlautend wie f in allen deutschen Wörtern; ebenso in einigen fremden, uns vollkommen deutsch erscheinenden, wie Vogt, Vogtei, vogteilich, Veilchen, Veit und Veitstanz. Dagegen wie w in allen Wörtern, mögen sie dem Griechischen, Lateinischen, Romanischen, Slavischen oder Hebräischen entstammen - mit Ausname etwa von feninisch: Eva, Jehovah, Venus, Slaven, Skandinaven, slavisch, skandinavisch, Valentin, Valesca, Elvire, Virchow, Varnhagen, Varzin, vagiren, Breve, Salve, Evangelium, Larve, oval, November, Violine, Vitriol, Visir, Vesper, (Vesperbrot auch mit f); ebenso in Vandalen, in welcher Benennung das V nach dem Lateinischen (Vandali und Vandalii) falsch statt W steht, wie auch griech. Βανδήλοι ein W aufweist. Es wäre daher zu empfelen, statt Vandalen zu schreiben Wandalen, und auch slawisch und skandinawisch statt slavisch und skandinavisch, Slawen und Skandinawen st. Slaven und Skandinaven. Wenn wir in Deutschland sprechen hören Valentin, Venus, Efangelist, Clafir (Clavier), - was Grimms Wtb. (unter fagieren), die allgemeine Angabe, dass das deutsche V wie f laute, bestätigend, „als uns Allen gewöhnlich“ anfürt, so fällt uns das sehr auf. Auslautend ebenfalls wie f. Daher werden brav, massiv u. naiv gesprochen brāf, massif, naïf; brave, massive, naive aber bra-ve, massi-ve, na-ive. Wir sprechen v wie w auch in Frevel, freveln, Hannover, Cleve, Havel. Fast durchweg hört man Pulwer und Dawid, selten Pulfer und Dáfidd; Rewal statt wie in Estland Re-fall (Stadt Reval). In den hiesigen Familiennamen Liven und Lieven, Sivers und Sievers, Brever und Brevern, Stöver und Stövern (spr. Stöwérn), Hevelke, Huickerloven (spr. Hükelhowen), Schievelbein, Stavenhagen, Grave, Struve, Gavel (spr. Ga-wéhl), Lovis (spr. Lówis), ist stets w zu hören, meist auch in Elverfeldt, obgleich Einige dieser Familie sich Elferfeldt nennen.
Bei der Gewohnheit, v wie w zu sprechen, ist auch erklärlich, dass das „van“ der Namen van Dyk, van Beethoven, van der Velde wie wann lautet, ausgenommen in einigen, wir z.B. van der Vliet; dass der Name des O.M.Volquin sebst von unseren Geschichtsfreunden Woll-Kwin gelesen wird statt Folk-win.

verjuchhe′en
‣ Varianten: verjucheien

wo

QUELLEN

Hupel 1795a, 267
wo. Die Ausdrücke von wo oder von wohrten st. woher oder von wannen; ingleichen nicht wor st. nirgends, sind pöb.

Seemann von Jesersky 1913, 186
wo, woher, wohin. Wo kommste, wo gehste; wie, Wo kannste sowas sagen.


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